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Greenpeace Magazin Ausgabe 1.09

Der gestohlene Fahrstuhl

Text: Tobias Münchmeyer

In Weißrussland kämpft Olga Karatsch mit ihrer Bürgerinitiative gegen Behördenwillkür.

„Meine Angst ist wie ein Nachbar, dem ich jeden Morgen Hallo sage. Sie ist immer präsent, aber sie beeinflusst mein Handeln nicht mehr“, erklärt Olga Karatsch ganz ruhig, mit festem Blick, und streicht sich ihre blondgebleichten Haare aus dem Gesicht. 1999 wurde sie das erste Mal festgenommen, weil sie Flugblätter verteilte. „Das war damals ein schwerer Schlag für mich. Seither ist es von Festnahme zu Festnahme immer leichter geworden.“

Karatsch, 30 Jahre alt, ist Koordinatorin der Bürgerinitiative „Unser Haus“ in Witebsk, Weißrussland. Das Regime Alexander Lukaschenkos gilt als die letzte Diktatur Europas. Die Mitglieder der oppositionellen Gruppe sind permanent dem klassischen Repertoire der Repressionen ausgesetzt: öffentlichen Diffamierungen, Geldstrafen, Beschlagnahmung von Flugblättern und Zeitungen, Hausdurchsuchungen, Zwangs-Exmatrikulationen von Studenten, Festnahmen und Inhaftierungen bis hin zur Androhung und Ausübung physischer Gewalt.

Karatschs tiefe, volle Stimme steht in einem merkwürdigen Kontrast zu ihrer eher zerbrechlichen Gestalt. „In der weißrussischen Gesellschaft herrscht eine panische Angst vor staatlicher Willkür. Die Erinnerung an die totalitäre Herrschaft der Stalin-Zeit sitzt tief.“

Dem setzt „Unser Haus“ eine Strategie der „kleinen Siege“ entgegen. Die Organisation, deren Mitglieder sich in Privatwohnungen treffen müssen, weil es kein öffentliches Büro geben darf, hat auf den ersten Blick mehr Ähnlichkeiten mit einem Mieterverein als mit einem Widerstandsbündnis. Die Aktivisten bieten Beratung in Alltagsfragen an, auf 5000 Einladungen per Flugblatt kommen etwa 150 Interessierte zur Bürgersprechstunde. Darin geht es um überhöhte Mieten oder Fragen zur umweltgerechten Müllentsorgung, um Energieverschwendung oder Trinkwasserqualität. Es sind Probleme, die harmlos scheinen, in einem autoritären System aber regelmäßig in Auseinandersetzungen mit Behörden münden.

Zunehmend mischen sich Olga Karatsch und ihre Mitstreiter auch in hochbrisante Themen ein. Lukaschenko hat angekündigt, das erste Atomkraftwerk des Landes zu bauen – womit für viele Weißrussen eine Grenze überschritten würde. „Kein anderes Land hat so unter der Katastrophe von Tschernobyl gelitten“, erklärt Karatsch. „Wir haben einfach Angst.“ Der Widerstand gegen das AKW könnte viele Menschen mobilisieren, hofft sie – und schließlich auch die Demokratiebewegung und den Widerstand gegen das Lukaschenko-Regime stärken.

Bei den „Unser Haus“-Protesten hat es sich als Strategie bewährt, die Absurdität der autoritären Macht zu entlarven – mit phantasievollen und strikt gewaltfreien Aktionen. Mit Straßentheateraufführungen und in Artikeln ziehen Karatschs Leute das Fehlverhalten von Beamten ins Lächerliche. „Menschen verlieren die Angst, wenn sie sehen, dass ihr Feind eigentlich ein Clown ist, ein Idiot“, sagt Karatsch und lächelt verschmitzt.

So wandten sich einmal die Bewohner eines Mietshauses an Karatsch, die laut Nebenkostenabrechnung der staatlichen Hausverwaltung einen hohen Betrag für die Fahrstuhlbenutzung zahlen sollten – obwohl es in ihrem Haus gar keinen Fahrstuhl gab. „Unser Haus“ veröffentlichte daraufhin einen Artikel mit der Überschrift „Fahrstuhl geklaut“ in der selbst produzierten Zeitung. Da jeder wisse, dass die Beamten der Staatsbürokratie unfehlbar seien, könne es für das Fehlen des Fahrstuhls keine andere Erklärung als einen Diebstahl geben. Die Anwohner waren amüsiert. Die Geschichte wurde erst im Internet und dann sogar von einer staatlichen Zeitung aufgenommen. Ganz Witebsk lachte über den gestohlenen Fahrstuhl – bis sich die Behörden genötigt sahen, sich zu entschuldigen und die Kostenerhöhung zurückzunehmen. Ein kleiner Sieg gegen die Angst.

Mit ihrer ironischen Bürgerhilfe, mit der Rechtsberatung und auch mit Beschwerdebriefen an die Behörden stärken die „Unser Haus“-Mitarbeiter auch das Solidaritätsgefühl. Und zugleich signalisieren sie: Wir lassen uns nicht alles gefallen. Festnahmen von Oppositionellen sind in Weißrussland immer noch an der Tagesordnung. Doch „Unser Haus“ setzte immerhin durch, dass die Inhaftierten einmal am Tag mit ihren Angehörigen telefonieren dürfen – einer der kleinen Siege, die für den Widerstand so wichtig sind.

Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, will Karatsch die vielen Streitfälle mit den Behörden von Witebsk und den anderen zehn Städten, in denen „Unser Haus“ inzwischen aktiv ist, in einer Datenbank dokumentieren. Auch Informationen über Beamte und Mitglieder der offiziellen Wahlkommissionen, die für die Wahlfälschungen verantwortlich sind, will sie darin festhalten. Mit deren Tricks kennt Karatsch sich aus – sie hat selbst einige Jahre im Stadtparlament gesessen, als einzige Abgeordnete der Opposition.

„Auf direktem Weg können wir den Machtwechsel nicht erreichen“, sagt die Aktivistin. „Aber wir können die Menschen informieren, ihnen Mut machen – und so ihre Mentalität verändern. Dann werden sie bei der nächsten Wahl nicht mehr für Lukaschenko stimmen.“ Karatsch ist überzeugt, dass die Tage der Diktatur gezählt sind. Und wer sieht, wie mutig und selbstsicher sie trotz aller Einschüchterungsversuche auftritt, der zweifelt nicht daran, dass sie schließlich gewinnen wird. 

Informationen im Internet
Die Initiative „Unser Haus“ (Nasch Dom) hat auch eine Internetseite: www.nash-dom.info (nur russisch). Deutschsprachige Informationen über Weißrussland finden Sie unter www.belarusnews.de und unter www.ai-2349.de/belarus.htm