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Der globale Nager

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Der globale Nager

Text: Nik Afanasjew Illustration: Ali Fitzgerald

Ratten sind flexibel, gut organisiert und stressresistent. Der postmoderne Mensch wäre gern wie sie – und ist doch immer noch voller Ekel, wenn er in seinen hochverdichteten Metropolen auf sie trifft. Dabei ist es höchste Zeit, diesem Mottotier der Gegenwart mit etwas mehr Respekt zu begegnen

Ratten haben schon fast alles überlebt. Von Giftködern bis zur Atombombe. Wenn der Mensch ausstirbt, könnte die Ratte über die Welt herrschen. Diese mögliche Machtübernahme lässt sich heute schon erahnen.

Vor Kälte steife Schlafsäcke liegen an einer Backsteinmauer unter einer Brücke in einer deutschen Großstadt. Sie sind geformt wie jene Körper, die sie in der vergangenen Nacht vor dem Winter beschützt haben. Neben diesen Schlafsäcken: Plastiktüten, Krümel, Kleiderfetzen, Bierflaschen, zerdepperte Bananenkisten, ein Campingkocher sowie ein auf die Seite geworfener Einkaufswagen mit seinen knastigen Gitterstäben. Am Horizont verabschiedet sich winterlich früh die Sonne ins Graue. Tauben trippeln um den anthropogenen Nachlass.

Plötzlich taucht eine graubraune Ratte auf. Sie läuft an der Mauer entlang – hält kurz inne – einige hastige Kopfbewegungen, weiter geht’s. Die Tauben fliegen davon. Schon macht sich die Ratte daran, zwischen den Schlafsäcken zu wühlen und...

Es reicht. Jetzt rede ich. Ja, die Ratte spricht. Oder fiepst, ganz wie Sie wollen. Ich muss doch verhindern, dass noch ein Schriftstück entsteht, in dem ich nur Objekt bin. Wenn ich schon diesen Textanfang lese! Essayistisch mit der Apokalypse reingegangen, dann etwas Szene und am Ende kommt noch die Moral, oder wie? Schön gedreht auf das Thema dieser Magazinausgabe: die Ratte als Metapher für Globalisierung; als die, die immer in Bewegung ist, wuselig und in ihrer Wuseligkeit ekelerregend für den sesshaften Menschen. Und damit Avantgarde: Denn zwar ist es so, dass mir, der Ratte, schon immer nachgesagt wurde, eine untergründige Bedrohung zu sein – die kommt, wenn es den Menschen eh schon schlecht geht, die einfällt, wie man es sonst feindlichen Heeren nachsagt, und die als Krankheitsüberträger bestehende Not noch vergrößert. Doch inzwischen stehe ich sinnbildlich für eine in Bewegung geratene Natur. In Zeiten des Klimawandels bin ich ja längst nicht mehr die Einzige, die sich über Grenzen hinwegsetzt und Öko- und Sozialsysteme aus dem Gleichgewicht bringt. Ob Indisches Springkraut im Auwald oder Waschbärenplage: Wir leben in Zeiten einer Ratten-Natur. Oder?

Nun, auch deshalb habe ich hier das Wort ergriffen: um mich gegen diese so erwartbaren wie bedenklichen Unterstellungen zu wehren. Was soll überhaupt diese ganze nazistische Sprache, mit Einfallen, Plage und dergleichen mehr? Was kommt als Nächstes – dass man uns, die smarten Profiteure der hypermobilen Wegwerfgesellschaft, alle „ausrotten“ soll, aus Gründen des „Heimatschutzes“? Merken die Menschen, die so etwas von sich geben, eigentlich, wie rechts sie klingen? Und wenn ich hier grad so flauschig das eine oder andere kleine „sie“ hinschreibe: Ich meine es durchaus auch groß, ich meine auch Sie, liebe Greenpeace-Magazin-Leserinnen und -Leser. Zumindest jene unter Ihnen, die sich genau in diesem Moment ein bisschen ertappt fühlen.

Eigentlich will ich ja von so weit unten gar nicht die moralische Zeigezehe erheben, aber reden wir mal offen, liebe Menschen! Eure Globalisierung sorgt – gewürzt mit einer Prise Maßlosigkeit und abgeschmeckt mit feinster Ignoranz – für den Klimawandel, damit für mildere Winter weltweit und mehr Überlebenschancen für mich. Außerdem hinterlässt eure globale Lebensmittelindustrie so viel essbaren Müll, dass ich gar nicht anders kann, als mich zu vermehren. Wenn ihr dann wiederum eure Städte nachverdichtet, Baulücken schließt und sowieso die Erde wie ein nasses Hemd bis zum letzten Tropfen auswringt, komme ich notgedrungen hervor, in Gärten, Sandkästen und Parks. Dann kommen die Schlagzeilen: „Schockfoto einer Riesenratte“, „350 Millionen Ratten in Deutschland“, „Rattenalarm – Spielplatz gesperrt“. Schmarotzer, Krankheitsüberträger, Dreckschleuder: Mein Ruf könnte schlechter kaum sein. Das ist in den meisten Ländern der Welt so. Dabei ist das doch alles eine Frage der Perspektive. Ich selbst sehe mich lieber als the global rat, das Maskottchen der Globalisierung, ihr putziges Mottotier.

Einmal ausatmen. Wo bleiben nur meine Manieren? Bei all der Aufregung habe ich ganz vergessen, mich vorzustellen.

Ich bin Rattus norvegicus, auch als Wanderratte bekannt – eine von 65 Rattenarten weltweit. In Deutschland kommt außer mir undomestiziert nur noch mein etwas verweichlichter Cousin vor, die Hausratte, die es gerne warm und kuschelig hat, auf nicht ausgebauten Dachböden etwa, von denen es allerdings immer weniger gibt. Ich dagegen liebe den Untergrund, bin Königin der Kloake, und trotzdem auch die wilde Stammform der Farbratte, die als Haustier und in Versuchslaboren eine beachtliche Karriere hingelegt hat.

Was aber vor allem wichtig ist: Ich bin eine soziale Ratte. Das artet hin und wieder etwas aus, denn ich führe keine Paarbeziehungen. Ja, die Begattung eines Weibchens erfolgt durch verschiedene Männchen. Ich unterlasse bei diesem Thema einmal Vergleiche zu euch Menschen. Und da bei mir nach vollzogenem Akt nicht erst noch gute neun Monate Tragzeit in Babymärkten und bei Geburtsvorbereitungskursen überbrückt werden müssen, habe ich Reproduktionsraten, die selbst menschliche Samenspender mit Astralkörper und Harvard-Abschluss vor Neid erblassen lassen. Bei einer Tragzeit von nur 23 Tagen kann ein älteres Weibchen mit ihren Nachfolgegenerationen in einem Jahr bis zu 7236 Jungtiere hervorbringen. Aber nur kein übermäßiger Neid: In der Realität eurer Ballungsräume bin ich nicht ganz so produktiv. Sowieso brauche ich nicht Tausende meiner Artgenossen um mich, denn vor allem in Großstädten lebe ich in eher überschaubaren Clans. Einige Weibchen, einige Männchen, eine unachtsam hingeworfene Fast-Food-Tüte... mehr braucht es nicht fürs Rattenglück, das bei den meisten von uns hier draußen allerdings von der Geburt bis zum letzten Rattenatemzug nur etwa zwei Jahre währt.

Wobei: Ein wenig echte Liebe macht so ein kurzes Leben schon bedeutend schöner. Artgenossen kann ich einen Besuch in „Rattenhausen“ empfehlen, der Wohnung von Christine Brandt in einem Plattenbau am Rande Berlins. Brandt ist Vorsitzende des Vereins „Rattenliebhaber und -halter in Deutschland e.V.“, bei ihr treffen sich alle paar Wochen Menschen, die die Liebe zur Ratte eint. Die Vorsitzende trägt ein Ratten-Shirt, in ihrer Wohnung hängen Plüschratten und Ratten-Plakate, stehen Ratten-Kerzenständer, insgesamt müssen es Tausende Ratten-Augen sein, die von all den Gegenständen blicken.17echte Ratten hält sie auch.17-mal ich als Haustier. Welch seltene Bestätigung!

Nun gut, natürlich hält Christine Farbratten, aber die sind ja meine Nachkommen. Und sowieso bin ich gerade Vertreterin der Entität Ratte. Und höre als solche mit Interesse, was die Rattenfreunde über eine angebliche Rattenplage zu sagen haben, von der die Medien in der deutschen Hauptstadt zuletzt immer wieder berichtet haben: „Die Menschen schmeißen Müll einfach auf die Straße. Das ist alles selbstverschuldet.“ Mein Reden, mein Reden!

Bei Christine sitzt aber auch Klaus. Ein freundlicher Mensch, großer Rattenfan – und der, der mich heute von der Plattenbau-Skyline auf den Bordstein zurückwirft, bildlich gesprochen.

Klaus hat mal durch den Biss einer Farbratte, die zuvor von einer wilden Ratte gebissen wurde, Leptospirose bekommen. „Das war nicht ohne, ich wäre fast gestorben, war drei Monate im Krankenhaus.“ Leptospirose ist eine potenziell tödliche Infektionskrankheit, die von wilden Ratten übertragen wird. Sie sowie 120 weitere, zumeist sehr seltene Krankheiten werden stets argumentativ gegen mich ins zubetonierte städtische Feld geführt. Nicht von Klaus, aber von anderen.

Dabei wird vergessen, wie viel ihr Menschen mir verdankt. Ohne die Millionen Laborratten wären zahlreiche Medikamente und Impfstoffe, wenn überhaupt, dann mit sehr viel größeren Schwierigkeiten erforscht worden. Von meinen Verdiensten um sauber ausgeschleckte Abwasserleitungen gar nicht erst zu reden.

Aber vielleicht könnt ihr diese Leistungen der letzten 200 Jahre auch deshalb nicht anerkennen, weil euer negatives Bild von mir viel älter ist. Schon seit dem Mittelalter bin ich untrennbar mit der Pest verbunden. Dabei war es nicht ich, die den Schwarzen Tod über Europa brachte. Vielmehr war es der Rattenfloh, der im Fell der Hausratte lebt. Sie wissen schon, mein verweichlichter Cousin. Ja ja, die Hausratte: das schwarze Schaf der Rattenfamilie.

Ich, die Wanderratte, bin erst seit dem18.Jahrhundert in Europa bekannt. Ursprünglich stamme ich aus Ostasien, wo ich – hüstel – einen exzellenten Ruf genieße. Einfallsreich, intelligent und fleißig sind nur manche der Zuschreibungen zu meinem Tierkreiszeichen in der chinesischen Astrologie. Wenn ihr euch also über die Globalisierung beschwert, kann ich euch nur sagen: Sie geht mir noch lange nicht weit genug, solange ihr nicht auch diese wertschätzende Haltung aus China importiert!

Apropos Globalisierung: Als Schiffsratte habe ich mich dank Handelsflotten seinerzeit früh weltweit aufgestellt. Wenn der Mensch trotzdem bis heute mit mir fremdelt, liegt das neben dem unausrottbaren Pest-Ekel doch nur daran, dass ich auch für die Kehrseite seiner Kultur stehe, für den Abfall, das Abwasser – und damit auch für das Verdrängte und Unbewusste. Stellt euch mich vor, wie ich durch ein langes dunkles Rohr krieche, der Gestank beißt in der Nase, Ablagerungen und Modder versperren den Weg, feine Risse im Beton lassen Brackwasser austreten...

Aber gehen wir lieber schnell dorthin, wo man meine grenzverletzende Existenz für eure zartbesaitete Spezies einigermaßen sauber eingehegt hat: Im Museum Hameln haben sie mir in der Ausstellung „Ratten!“ einen dreigeschossigen Riesenkäfig gebaut, mit einem strohbedeckten Erdgeschoss, darüber eine Mini-Stadt und ganz oben eine mit Kletterutensilien bestückte Chefetage. „Wir wollen die Ambivalenz dieser Tiere deutlich machen“, sagt Museumsleiter Stefan Daberkow. Er führt durch das kleine schmucke Museum, in dem sich von lebenden Tieren bis hin zur Ratte in Funk und Fernsehen ein ganzes Rattiversum öffnet. Die Ratten von Hauptmann, Nosferatu, die Rättin von Grass, Ratatouille, mindestens zwei Dutzend schlechter Ratten-Horrorfilme... da bin ich von meiner eigenen Vielseitigkeit selbst überrascht.

Allerdings fällt der Blick hier auch auf dunkelste Absurditäten. So haben mich die Menschen im Mittelalter vor Gericht gestellt. Das ist Anthropomorphismus der ganz alten Schule. Und der Jurist Barthélemy de Chasseneuz setzte mal eine Vertagung eines solchen Prozesses durch, weil ich nicht erscheinen konnte, da ich auf dem Weg zum Gerichtssaal hungrigen Katzen ausweichen musste.

Museumschef Daberkow erzählt, dass die Ratten-Ausstellung so erfolgreich laufe wie kaum eine andere. Sie soll verlängert werden. „Dabei kam Hameln über Jahrhunderte mit der Sage um den Rattenfänger ja nicht unbedingt gut weg. Aber diese Geschichte fasziniert die Menschen.“

Ja, der Rattenfänger. Jener Fremde, der die Ratten aus Hameln vertrieben haben soll, dafür aber nicht entlohnt wurde und deshalb 130 Kinder aus der Stadt entführte. Heute hängen laut Städtischem Tourismusamt 2500 Arbeitsplätze am Rattenfänger, er ist Besuchermagnet, Unesco-Weltkulturerbe, er definiert Hameln. Aber ich gelte immer noch als Plage.

Vielleicht kann ja Roland Bongards das erklären, ein Literaturwissenschaftler und Experte für Mensch-Tier-Beziehungen. „Die Ratte ist stark mit Angst konnotiert. Und die Sprache über Ratten ist mit dem Totalitarismus verbunden“, bestätigt Bongards meine Kritik daran, wie Menschen über mich reden. „Totalitäre Regime sprechen häufig über Parasiten, weil sie ihre eigenen Vorstellungen naturalisieren wollen.“ Zu diesem Sprachgebrauch gehört auch schon das Wort Wanderratte selbst, „aus der Fremde gekommen“, so Bongards, „das ist Xenophobie, die ins Tier projiziert wurde“. Zum Schluss sagt Bongards noch: „Das größte Wandertier des Planeten ist immer noch der Mensch.“

Das Bild, das ihr Menschen von mir Ratte habt, sagt also nach wie vor mehr über euch aus als über mich. Ihr wollt eure Produkte in alle Welt verkaufen und ertragt es dann nicht, wenn diese Welt zu euch kommt. Dabei habe ich Ratte mich schon wendig und flexibel überall zurechtgefunden, bevor ihr Worte wie Patchwork-Familie und Work-Life-Balance überhaupt erfunden hattet. Seht es ein: Ich Ratte bin ein role model – im Übrigen auch, was die ganzen Anglizismen in diesem Text angeht. Ich unterstreiche gern meine Weltgewandtheit. That’s fiepsy, oder?

Und als eine, die schon seit Jahrhunderten von euch beäugt und diffamiert wird, möchte ich euch noch etwas sagen: Der Mensch, der über Rattenplagen klagt, überfordert gerade selbst den Planeten massiv. Und wenn ihr das nicht einseht, sondern eure Angst vor dem Fremden auf Ratten projiziert, dann seid ihr nicht so zivilisiert, wie ihr gerne glaubt. Wie bitte, ihr findet das zum Fiepsen? Nun, wir sprechen uns noch. Ich werde da sein.