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Der helle Kontinent

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.17

Der helle Kontinent

Text: Bill McKibben Foto: Mathieu Young

Südlich der Sahara boomt die Solarenergie, und aus einer Hoffnung wird Wirklichkeit: Günstige erneuerbare Energien verbessern das Leben der Menschen auf einem Kontinent, der das fossile Zeitalter einfach überspringt. Bill McKibben, US-Autor und Klimaaktivist, besuchte Start-ups in Ghana, Tansania und der Elfenbeinküste und traf Menschen, um die es heller wird

Die Gemeinde Daban in Ghana lebt vom Kakaoanbau. Sie liegt sieben Grad nördlich des Äquators, es ist immer heiß. Im Mai sprach ich dort mit einigen der Ältesten über die Elektrizität, die es in der Stadt seit einigen Monaten gab. Ein US-amerikanisches Start-up hatte ein solarbetriebenes Mikronetz in der Nähe installiert. Daban kann nun den Impfstoff gegen Gelbfieber sicher lagern, und die Einwohner können ihre Mobiltelefone zu Hause aufladen statt dafür zu Fuß in eine größere Stadt marschieren zu müssen. Während wir uns unterhielten, reichte mir einer der alten Männer einen kleinen Plastikbeutel mit Wasser, wie ihn Straßenverkäufer in ganz Westafrika anbieten – man beißt einfach eine Ecke ab und trinkt. Das Wasser war eiskalt und erfrischend. Ich brauchte einen peinlich langen Moment, um zu begreifen, warum er es mir mit so viel Vergnügen anbot: kaltes Wasser! Es gab genügend Strom für ein paar Kühlschränke – Kälte war an diesem heißen Ort zum ersten Mal möglich geworden.

Von Ghana aus reiste ich in die Elfenbeinküste und von dort nach Tansania, unterwegs lernte ich eine Vielzahl neuer Solarprojekte kennen, die meisten davon unter amerikanischer Führung. Einige – darunter auch Black Star Energy in Ghana, das Daban elektrifiziert hatte – installieren Mikronetze, Miniaturversionen des gigantischen Netzes, wie wir es kennen. Andere, wie Off Grid Electric in Tansania und der Elfenbeinküste, vermarkten Solarsysteme für zu Hause, die von einem Paneel auf dem Dach gespeist werden. Solche Anlagen liefern zwar nicht genügend Strom für einen Kühlschrank, wohl aber für ein paar Lichtquellen, ein Ladegerät für das Mobiltelefon und – falls der Haushalt sich das leisten kann – einen supereffizienten Flachbildfernseher.

Es gibt heute rund 1,2 Milliarden Menschen, die keinen Zugang zu Elektrizität haben, fast so viele wie die Erde bevölkerten, als Thomas Edisons erste Glühbirne brannte. Mehr als die Hälfte von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara, die absolute Zahl von Afrikanern ohne Strom bleibt konstant. Die Weltbank prognostiziert, dass bei gleichbleibender Entwicklung in Subsahara-Afrika im Jahr 2040 immer noch eine halbe Milliarde Menschen keinen Strom haben könnten. Und dort, wo es welchen gibt, kann man sich nicht darauf verlassen: Der Weltbank zufolge traten Stromausfälle in Tansania 2013 so häufig auf, dass die ortsansässigen Unternehmen durch sie 15 Prozent ihres Jahresumsatzes einbüßten. Die Ghanaer nennen ihre flackernde Energie „dum/sor“: „aus/an“.

Die Versorgung Afrikas mit Strom ist eine der größten Entwicklungsaufgaben der Welt. Bis vor Kurzem glaubte man, dass der Kontinent sich auf dieselbe Art elektrifizieren würde wie der Rest des Planeten. „Man dachte, hier werde schließlich das Netz der USA gebaut“, sagt Xavier Helgesen, der Mitgründer und Geschäftsführer von Off Grid. „Aber die USA sind das reichste Land der Erde, und das war erst in den Vierzigerjahren komplett elektrifiziert – in einer Ära, als Kupfer für die Drähte, Holz für die Masten, Kohle und Kapital billig waren. Nichts davon ist mehr so billig, jedenfalls nicht hier.“

Doch mittlerweile ist Solarenergie günstig geworden, unter anderem weil der Preis für Solarpaneele gefallen ist, während die Effizienz von Glühlampen und Geräten sich dramatisch verbessert hat. 2009 hätten ein Radio, ein Handyladegerät und ein Solarsystem für täglich vier Stunden Licht und Fernsehen einen Kenianer rund 850 Euro gekostet, heute sind es knapp 300.

US-Präsident Trump belächelt erneuerbare Energien als „wirklich teuren Weg, damit die Ökos sich gut fühlen können“. Viele westliche Unternehmer aber hoffen mit Solarenergie in Afrika einen großen Markt zu erreichen und einen ordentlichen Profit zu machen. Es ist eine aufstrebende Industrie, die momentan noch einen kleinen Prozentsatz der Elektrifizierung ausmacht, vor allem in ländlichen Gebieten. Ihre Zukunft ist ziemlich unsicher, es gibt keine Garantie, dass sie sich so schnell verbreiten wird wie das Handy.

Doch in den letzten anderthalb Jahren haben die westlichen Solarfirmen Strom an Hunderttausende Verbraucher geliefert. Vor allem Privatinvestoren aus dem Silicon Valley und aus Europa unterstützen die Start-ups mit sogenanntem Wagniskapital – mehr als 170 Millionen Euro waren es letztes Jahr, 2013 waren es ganze 16 Millionen. Mit dem frischen Geld weiten die Unternehmen ihre Tätigkeit rasch aus: M-Kopa, ein amerikanisches Start-up, das 2011 in Kenia anfing, hat jetzt eine halbe Million Solarkunden, die per Handy im Prepaid-Verfahren bezahlen; d.light, ein Wettbewerber mit Büros in Kalifornien, Kenia, China und Indien, gewinnt nach eigenen Angaben pro Tag 800 neue Haushalte hinzu. Laut Nicole Poindexter, Gründerin und Geschäftsführerin von Black Star, liefert jede Million Dollar investiertes Wagniskapital Energie für 7000 Menschen. Sie erwartet, dass Black Star innerhalb der nächsten drei Jahre die Gewinnzone erreichen wird.

Xavier Helgesen, 38 Jahre alt, schlaksig und ständig dabei, sich das Haar aus der Stirn zu streichen, ist in Silver Bay, Minnesota aufgewachsen, einer Kleinstadt am Ufer des Oberen Sees. Mit 14 kam er auf die Idee, die städtische Minigolfbahn für einen Sommer zu leasen, und verdreifachte die Einnahmen, indem er Saisontickets und spezielle Werbeaktionen für auswärtige Hockeyteams anbot. Seine 2002 gegründete Firma Better World Books vertreibt gespendete Bücher online. Sie zählt heute zu den führenden Anbietern gebrauchter Bücher bei Amazon und generierte mehr als 17,5 Millionen Euro für Bildungsprojekte, darunter „Books for Africa“.

Helgesen reiste erstmals 2006 nach Tansania, um Menschen zu besuchen, die von Better World unterstützt wurden – und um auf Safari zu gehen. „Ich wohnte in einer schicken Lodge in der Nähe des Kilimandscharo und weiß noch, wie ich dachte: Wie funktionieren die Dinge hier wirklich?“, erzählt er. Also heuerte er einen Einheimischen an, der ihn ins nächste Dorf brachte. „Ich bombardierte ihn mit Fragen: Gehen junge Leute in die Stadt? Wie viel bringt der Verkauf von Kaffee ein?“ Diese Erfahrung änderte Helgesens Denkweise. „Statt ‚Menschen in Afrika sind arm und brauchen unsere Hilfe und unsere Bücherspenden‘ dachte ich: So sieht ein Schwellenland aus. Hier gibt es junge Leute, hier gibt es Unternehmergeist, hier wird es Wachstum geben.“

2010 erhielt Helgesen ein Oxford-Stipendium für Managementstudenten mit Masterabschluss, die „unternehmerische Lösungen für drängende soziale und ökologische Herausforderungen“ suchen, und verbrachte das Jahr mit der Untersuchung des Marktes für erneuerbare Energien. Er fand zwei gleichgesinnte Geschäftspartner, und 2012 schlugen sie mit Off Grid ihre Zelte im tansanischen Arusha auf. Sie besuchten potenzielle Kunden zu Hause, um herauszufinden, was sie sich wünschten. „Das war das Klügste, was wir je gemacht haben“, sagt er. „Ich erinnere mich an eine Kundin mit einem Baby, die ihre Kerosinlampe die ganze Nacht auf niedriger Stufe brennen ließ, als Nachtlicht. Das Kerosin kostete sie 25 Euro im Monat. Und ich dachte mir: Wow, für 25 Euro könnte ich aber sehr viel mehr bieten.“

Helgesen beschloss, „mit den Kunden anzufangen und dem Preis, den sie sich leisten konnten, und das Geschäft darum herum aufzubauen“. Natürlich gab es in Afrika südlich der Sahara Solarpaneele, bevor Firmen wie Off Grid kamen, aber die Kunden mussten für gewöhnlich im Voraus bezahlen, was viele abschreckte. „Die Kosten sind für den Endkunden wichtig, aber das Risiko ist noch wichtiger“, meint Helgesen. „Wenn du so arm bist, kann eine falsche Entscheidung bedeuten, dass deine Kinder nichts zu essen haben oder nicht zur Schule gehen können, deswegen neigen die Menschen dazu, vorsichtig zu sein. Und darum gewann das Kerosin. Es gab kein Risiko. Man konnte einfach immer nur wenig auf einmal kaufen.“

Wie viele Konkurrenten finanziert Off Grid die Paneele, sodass die Menschen monatlich genauso niedrige Beträge bezahlen wie zuvor für Kerosin. Kunden in Tansania müssen etwa elf Euro vorstrecken, um Off Grids billigstes Einsteigerpaket zu kaufen: ein Paneel, eine Batterie, ein paar LED-Lampen, ein Ladegerät fürs Telefon und ein Radio. Danach zahlen sie drei Jahre lang etwa 6,80 Euro pro Monat, und dann gehört ihnen die Ausstattung. Das beliebteste System enthält für einen höheren Einstiegspreis und eine ungefähr doppelt so hohe Monatsrate mehr Lampen und einen Flachbildfernseher.

Die Kunden bezahlen ihre Rechnung per Telefon; wenn sie nicht zahlen, hört das System auf, Strom zu liefern, und nach einer Weile holt die Firma es wieder zurück. Das passiert selten: Weniger als zwei Prozent der Darlehen in Tansania werden nicht bedient.

Als die Solarenergie nach Afrika kam, war sie zunächst teuer und unzuverlässig. Arne Jacobson, Professor für Umweltressourcentechnik an der Humboldt State University im kalifornischen Arcata, ist ein paar Jahrzehnte älter als die meisten der Unternehmer, die ich in Afrika traf. Er erwarb seinen Doktorgrad in den späten Neunzigerjahren mit einer Untersuchung der ersten Generation privater Solaranlagen in Kenia. „Ich versuchte, mir ein Bild von der Qualität der Paneele zu machen, die den Markt überfluteten“, sagt Jacobson. Ein Großteil der Technologie hatte „enorme Probleme. Chinesische und britische Paneele, all dieser minderwertige Schrott, der da reinkam. Die ersten Erfahrungen der Leute waren oft wirklich schlecht.“

Jacobson hat sein Berufsleben mit erneuerbaren Energien verbracht. 1998 war er am Bau des weltweit ersten für den Straßenverkehr zugelassenen wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen-Fahrzeugs beteiligt. Jetzt leitet er das Energieforschungszentrum der Humboldt University. („Wollen Sie wissen, warum ein großer Teil der anfänglichen Solarforschung an der Humboldt stattfand?“, fragte er mich. „Weil hier viele Zurück-aufs-Land-Typen waren, und die hatten Kohle, weil sie Gras anbauten.“) Nachdem er gesehen hatte, wie unberechenbar die Solartechnik sein konnte, gründete er 2007 das „De-facto-Verbraucherschutzamt für diese aufstrebende Industrie“, wie er es nennt. Das Unternehmen namens Lighting Global testet und zertifiziert unter der Schirmherrschaft der Weltbank Paneele, Lampen und Geräte, um zu gewährleisten, dass sie funktionieren. Das ist verdienstvoll, weil Investoren dadurch eher bereit sind, ihr Geld in Firmen wie Off Grid zu stecken, die mittlerweile knapp 47 Millionen Euro eingeworben hat. Das Haupttestlabor steht im chinesischen Shenzhen, in der Nähe der meisten Hersteller von Solarpaneelen. Es gibt weitere in Nairobi, Neu-Delhi und Addis Abeba.

Ein Problem ist für die Solarunternehmen die Komplexität der mobilen Zahlungssysteme. In Ghana, wo die meisten Menschen solche Systeme nicht nutzen, verkauft das Start-up Black Star stattdessen Rubbelkarten in Kiosken, auf denen die Kunden einen Code finden, den sie in ihren Stromzähler eingeben müssen, um ihr Guthaben aufzufüllen. Off Grid liefert diese Codes telefonisch, aber die Firma braucht immer noch ein Call Center mit 15 Angestellten, um Kunden beim Zahlungsvorgang zu helfen. Nena Sanderson, Leiterin von Off Grid in Tansania, zeigt mir die notwendigen Schritte, um eine Rechnung über das allgegenwärtige mobile Zahlungssystem M-Pesa zu begleichen. Es gibt zehn Eingabemasken, und der Vorgang endet mit der Eingabe eines sechzehnstelligen Codes. „Und ich habe ein Smartphone“, sagt sie. „Jetzt stellen Sie sich mal ein normales Handy vor. Sie können vielleicht nicht lesen, der Bildschirm ist viel kleiner und wahrscheinlich zerkratzt. Mobiles Bezahlen macht vieles möglich, aber es geht nicht reibungslos.“ Einer von Off Grids Konkurrenten, PEGAfrica, hat die ganze Sequenz auf Armbänder gedruckt, die er an seine Kunden verteilt.

Weil eines der größten Hindernisse beim Wachstum der Solarenergie in der Region der Mangel an verfügbarem Geld ist, sind viele dieser Firmen im Grunde gleichzeitig Stromversorger und Banken, die Darlehen an Kunden vergeben, die vielleicht keine Erfahrung mit so etwas haben. Das erschwert unter Umständen die Ermittlung des Betrages, den man den Leuten in Rechnung stellt.

Diese Unsicherheit über das praktikabelste Zahlungsmodell spiegelt die Tatsache wider, dass die Vermögensverhältnisse in Afrika südlich der Sahara sehr unterschiedlich sind, sowohl zwischen als auch innerhalb von Ländern.

Eines Morgens spazierte ich in Morombo, einer Vorstadt von Arusha im nördlichen Tansania, eine Straße entlang. Das erste Haus war ein Betonklotz mit zwei Räumen, an einer Wand eine Spiegelscherbe. Ich unterhielt mich mit der Bewohnerin, wir saßen auf dem Boden. Das Haus, sagte sie, sei für sie ein großer Schritt nach vorn – sie und ihr Mann hatten jahrelang zur Miete gewohnt, bevor sie dieses Stück Land kaufen und das Haus bauen konnten. Sie besaß eine Solarlampe von der Größe eines Hockey-Pucks, die im Hof die Sonnenstrahlen einfing. (Hilfsorganisationen haben über eine Million dieser Lampen auf dem ganzen Kontinent verteilt.) Die Frau versicherte, sie plane, demnächst ein größeres Solarsystem zu kaufen, aber für viele der Ärmsten in Afrika ist der Kauf einer kleinen Leuchte der einzig mögliche Schritt in Richtung Elektrifizierung.

Nebenan bewohnte ein 26-jähriger Student namens Nehemiah Klimba ein solideres Haus zusammen mit seiner Mutter. Es hatte ein Wellblechdach auf Trägern, sodass heiße Luft entweichen konnte, und wir saßen auf einem Sofa. Klimba sagte, sobald er die Fenster abbezahlt habe, sei die Elektrifizierung dran. Er und seine Mutter bezahlten bereits knapp 13 Euro pro Monat für Kerosin und weitere 3,40 Euro für das Aufladen ihrer Mobiltelefone in einem Laden, sodass sie sich die 17 Euro monatlich für ein Solarsystem inklusive Fernseher würden leisten können.

Eine Tür weiter stand das schickste Haus, das ich seit Wochen gesehen hatte. Es gehörte einem UN-Blauhelmsoldaten: Die Böden waren aus poliertem Stein, das Solarsystem auf dem Dach von Off Grid lieferte nur Ersatzstrom. Der Besitzer hatte eine happige Gebühr bezahlt, um an das örtliche Stromnetz angeschlossen zu werden, deshalb sah er sich nicht den Begrenzungen einer von der Sonne gespeisten Batterie ausgesetzt. Im Wohnzimmer hatte er einen riesigen Fernseher und Lautsprecher, ein Edelstahl-Kühlschrank von Samsung glänzte in der Küche.

„So geht solare Revolution – ein heißes Verkaufsgespräch nach dem anderen“, flüsterte Kim Schreiber, Off Grids Marketingchefin für Afrika, während wir Seko Serge Lewis, einem der Verkäufer der Firma, bei der Arbeit zusahen. Wir besuchten das ivorische Dorf Grand Zattry in Begleitung des Vertriebschefs der Firma für die Elfenbeinküste, Max-Marc Fossouo. Ein paar Hunde balgten sich in der Nähe, ein Moped mit sechs Leuten darauf fuhr vorbei. In einem Hof wusch eine Frau die Wäsche mit einem Waschbrett in einem Eimer. Ihr Mann hörte sich die Verkaufspräsentation von Lewis an, der ihm auf seinem Mobiltelefon Bilder von anderen Kunden im Dorf zeigte.

„Damit wollen wir Vertrauen gewinnen“, sagte Fossouo – er lieferte so etwas wie den Spielkommentar zum einstündigen Verkaufsbesuch. „Dieser Kunde ist hin- und hergerissen. Beim Vertrauen hakt es. Und ich bin mir sowieso ziemlich sicher, dass die Person entscheiden wird, die da drüben die Wäsche wäscht.“ Fossouo ist in Kamerun geboren und in Paris zur Schule gegangen. In seinen Zwanzigern hat er sieben Sommer in den USA verbracht und Bücher für Southwestern Publishing verkauft, einen Titan der Haustürgeschäfte aus Nashville. „Ich war jahrelang in L.A. unterwegs“, erzählte er. „,Hi, ich heiße Max. Ich bin ein verrückter College-Student aus Frankreich, und ich helfe Familien bei der Bildung ihrer Kinder. Ich habe mit Ihren Nachbarn A, B und C gesprochen, und nun würde ich gern mit Ihnen sprechen. Können wir uns vielleicht drinnen irgendwo hinsetzen?‘“ Verkaufen, sagte er, sei immer gleich: „Es beginnt mit einer Person, die begreift, dass sie ein Problem hat. Jemand kann im Finsteren leben, ohne das als Problem zu verstehen. Also muss man es ihm klarmachen und dann eine gewisse Dringlichkeit erzeugen, jetzt das Geld für die Lösung des Problems auszugeben.“

Der Mann lehnte Lewis’ Angebot ab. Er sorgte sich, dass er die Monatsraten während der Darlehensphase vor der nächsten Kakaoernte nicht aufbringen könne. „Das ist Quatsch“, flüsterte Fossouo und zeigte wieder auf die waschende Ehefrau. „Er liebt diese Frau, für sie kann er die Welt aus den Angeln heben.“

Beim nächsten potenziellen Kunden, einem Bauern und Lehrer, übernahm Fossouo. Das Gespräch fand im Klassenzimmer statt. Fossouo ließ den Mann auflisten, was er für Energie bezahlte: Geld für Kerosin, Taschenlampenbatterien, sogar das Benzin für den Motorroller, den er sich ausborgt, wenn er sein Telefon zum Aufladen bringen muss. Dann zeigte ihm Fossouo, was er zu bieten hatte: ein Radio und vier Lampen, alle mit Dimmer. „Wo würden Sie die Lampen aufhängen?“, fragte er. „Vor der Tür? Natürlich! Und das große Licht mitten im Raum, damit es jeder mitkriegt, wenn Sie eine Party geben. Nun sagen Sie mir mal, wenn Sie auf den Markt gehen würden, um all das hier zu kaufen, was würde es kosten?“ Er versuchte einen Dreh nach dem anderen. „Sie müssen hier groß denken“, sagte er. „Als ich mit Ihrem Gemeindevorsteher gesprochen habe, hat er gesagt: ‚Denken Sie nicht klein.‘ Wenn Ihr Sohn die Nachrichten im Fernsehen sehen könnte, würde er vielleicht sagen: ‚Ich könnte auch Präsident werden.‘“

„Das ist großartig“, sagte der Mann. „Ich weiß, dass Sie uns helfen wollen. Ich habe bloß das Geld nicht. Das Leben ist schwer, alles ist teuer. Manchmal sind wir hungrig.“ Fossouo nickte.

Die Stunde verging ohne Verkauf, aber er machte sich keine Sorgen. „Man braucht durchschnittlich zwei oder drei Anläufe“, sagte er. „Man muss die Person immer an einem Ort treffen, wo sie sich wohlfühlt. Dieser Typ ist gerade dabei, sein Haus fertigzustellen, das lastet schwer auf ihm, aber das wird nicht mehr lange dauern.“

Der Mann von vorhin kam vorbei und fragte nach einem Faltblatt und einer Telefonnummer. Seine Frau, sagte er, sei sehr interessiert.

Licht bedeutet veränderte Schlaf- und Essgewohnheiten und ein erhöhtes Sicherheitsgefühl. Ich sprach mit einem Tansanier aus der Umgebung von Arusha, der eine Kerosinlampe für fünf Off-Grid-Glühlampen eingetauscht hat, darunter eine Sicherheitsleuchte draußen an der Eingangstür, die sich automatisch einschaltet, wenn es dunkel wird. „Es gibt hier Kriminalität“, sagte er, „aber auch gefährliche Tiere. Vor allem Schlangen. Deshalb ist es gut, Licht zu haben.“

Wo immer ich hinkam, berichteten Eltern, dass ihre Kinder abends lernen können. „Man kann das schon an ihren Schulnoten sehen“, sagte ein ivorischer Vater. Mehrere Stadtoberhäupter berichteten von ihrer Hoffnung, Computer in die Klassenzimmer stellen zu können, und einer plante, den Brunnen zu mechanisieren, sodass die Einwohner das Wasser nicht mehr per Hand hochpumpen müssen.

„Unser bestes Verkaufsargument ist definitiv der Fernseher“, sagt Schreiber von Off Grid. „Wenn der mit der Sechzig-Zentimeter-Diagonale mal nicht auf Lager ist, kaufen viele Leute nicht.“ Beim Herumschlendern in frisch elektrifizierten Städten sehe ich Teenager, die Actionfilme schauen. Poindexter von Black Star erzählt: „Da war ein Junge in der Stadt, den ich mochte, Samuel, und als ich wiederkam, nachdem der Strom eingeschaltet war, hatte er einen Gipsarm. Er hatte im Fernsehen eine Karateshow gesehen und die mit seinen Freunden nachgespielt. Dabei hat er sich den Arm gebrochen. Ich war entsetzt und dachte: Diese Gesellschaft ist auf sowas einfach nicht vorbereitet. Und dann fiel mir ein, dass ich genau dasselbe getan hatte, nachdem ich als Kind ‚Popeye‘ geschaut hatte. Ich rannte schnurstracks in die Hecke und musste mit zwanzig Stichen genäht werden. Kinder und Fernsehen – so läuft das eben.“ Die unabsehbaren Veränderungen durch die Elektrifizierung werden sich über viele Jahre hinziehen.

Vor zehn Jahren hätten die meisten Experten prognostiziert, dass eher Hilfe aus dem Ausland eine zentrale Rolle dabei spielen würde, Energie nach Afrika südlich der Sahara zu bringen, als Wagniskapital. Off Grid etwa wurde von Tesla und dem Vulcan-Investmentfonds von Microsoft-Mitgründer Paul Allen unterstützt. Allen, einer der reichsten Männer der Welt, ist zwanzig Milliarden Dollar schwer, das ist ungefähr die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts von Tansania, einem Land mit fast 54 Millionen Einwohnern. Sollte er noch mehr Geld mit der Elektrifizierung afrikanischer Hütten machen können? Über dem Andrang von Westlern mit Geld in Afrika weht ein Hauch von Kolonialismus.

Die meisten, mit denen ich sprach, gelobten zwar, mehr einheimische Führungskräfte einzustellen, glaubten aber nicht, dass der Impuls zum Helfen unvereinbar sei mit dem Ziel, Geld zu verdienen. Wie Poindexter es formuliert: „Ich spüre ein gewisses Maß an Verantwortung, das meiner Meinung nach jeder anständige Investor haben sollte. Ich möchte kein Kapitalist sein, der nur Geld herauszieht, aber ich glaube, dass der Kapitalismus in diesen Gemeinden eine extrem wichtige Rolle zu spielen hat.“

Bei der Energiewende spielen die jedoch nach wie vor auch Hilfsorganisationen und Entwicklungsbanken, denn es wird noch Jahre dauern, bevor es sich für Solarfirmen finanziell lohnt, in die entlegensten und schwierigsten Regionen des Kontinents vorzudringen.

Einige Hilfsorganisationen haben private Projekte unterstützt, um ihnen beim Start zu helfen oder neue Gebiete zu erschließen. USAID hat Off Grid über vier Millionen Euro Startkapital gegeben, und in den letzten paar Jahren hat die Firma von einer niederländischen Entwicklungsorganisation mehrere Hunderttausend Euro bekommen, um in das verarmte Gebiet um die Seen in Tansania zu expandieren, wo es sonst nicht profitabel gewesen wäre. Wie überall auf der Welt können nationale Regierungen die Dinge erleichtern, wenn sie klare Strategien vorgeben. Die ruandische Führung beispielsweise hat Regionen ausgewiesen, in denen das sich rasch entwickelnde Land den Netzausbau plante, und damit präzise angegeben, wo Solarenergie am dringendsten benötigt wurde.

„Die afrikanischen Staatschefs dachten immer, Solarenergie würde ihnen aufgedrängt“, sagt Clare Sierawski, die bei der US-amerikanischen Handels- und Entwicklungsbehörde in Ghanas Hauptstadt Accra für erneuerbare Energien zuständig ist. „Aber jetzt wollen sie sie alle. Die Dinge fließen zusammen. Vor allem wird es billiger. Und die Regierungen sind durch das Pariser Klimaabkommen darauf eingestimmt worden.“ Ananth Chikkatur, der ein USAID-Projekt in der Stadt leitet, ist gerade von einer Reise zurückgekehrt, bei der er 13 hochrangigen Ghanaern Solarenergie in Kalifornien zeigte. „Erneuerbare Energien sollten nicht als Alternativtechnologie betrachtet werden“, meint er. „Sie werden jetzt zu konventionellen Energiequellen.“ Ruanda ist nicht das einzige Land, das sein Netz ausbaut, und viele Länder setzen auf große Solarfarmen zur Stromerzeugung. So hat Burkina Faso Pläne für Solarfelder in seinen Wüstengebieten.

Dezentralisierte Stromerzeugung ist besonders in ländlichen Regionen wichtig, und sie wächst rasch – einigen Beobachtern zufolge zu rasch. Der Investor Peter Bladin meint, dass der Druck, schnell Rendite auf das Investment zu erzielen, einige Firmen zu dem Versuch verleiten könnte, „mehr aus armen Haushalten herauszuquetschen“, und warnt vor einem „Abweichen vom Ziel der Mission, indem man versucht, auf Kosten der Armen auf dubiose Art Geld zu machen“. Xavier Helgesen von Off Grid widerspricht dieser Analyse vom Überschwang der Investoren, was nicht überrascht.

Für viele Menschen in Afrika bringt Solarenergie eine weitere neue Hoffnung: die auf elektrische Ventilatoren. Als ich in Tansania war, expandierte Off Grid vom relativ kühlen Hochland um den Kilimandscharo in die glühend heißen, feuchten Ebenen Westafrikas, und in jedem Dorf, das wir besuchten, war die Botschaft dieselbe: Der Fernseher ist großartig, die Glühlampe ist großartig, aber kann ich bitte einen Ventilator haben? Viele Häuser sind schlecht belüftet, Fenster sind teuer und können Einbrecher anlocken. Ventilatoren jedoch ziehen vergleichsweise viel Strom und drohen die Batterie schnell leerzusaugen, für deren Aufladung ein Solarpaneel den ganzen Tag gebraucht hat. Und anders als Lampen oder Fernseher haben Ventilatoren bewegliche Teile, die leicht kaputtgehen. „Unsere Kunden machen ausgiebig Gebrauch von ihren Geräten“, sagt Schreiber von Off Grid. Dennoch hat sie einem Dorf nach dem anderen versprochen, dass Ventilatoren bald zu haben sein würden.

Shea Hughes, Produktmanager bei Off Grid, zählt zu denjenigen, die dieses Versprechen in die Tat umsetzen müssen. Er hoffe, sagt er, die Produkte von Off Grid eines Tages so leistungsstark zu machen, dass sie industrielle Aufgaben ausführen können: Bewässerungspumpen antreiben, Kakao mahlen und so weiter. „Ich bin zuversichtlich, dass Solarenergie das schafft“, sagt er.

Im Moment allerdings wäre ein funktionierender Ventilator schon ganz nett. „Wir dachten immer, ein Ventilator würde die Stromstärke der Systeme überfordern, die wir verkaufen“, so Hughes. „Aber die Menschen in der Elfenbeinküste waren so hartnäckig, dass wir uns das noch mal angeschaut haben.“ Wegen des Zukunftsmarktes für supereffiziente Geräte in den USA und anderswo hatten einige Hersteller ein Produkt im Angebot, das, wenn es auf mittlerer Stufe eingestellt ist, nur achteinhalb Watt verbraucht. (Die früher übliche Standard-Glühlampe verbrauchte sechzig Watt.) „Wir haben den Hersteller gebeten, die höchste Geschwindigkeitsstufe zu eliminieren“, sagt Hughes. „Mittel ist jetzt hoch. Und bei unseren Tests waren die Leute zufrieden mit der Geschwindigkeit. Aber sie sagen, dass die Batterie um drei oder vier Uhr morgens leer ist, und sie schlafen typischerweise bis sechs. Es ist also noch nicht perfekt. Aber das wird schon.“

Übersetzung: Kerstin Eitner

1.5°
Erneuerbare: Ausbauen
Das beim Klimagipfel von Paris beschlossene Ziel, den Anstieg der Erdtemperatur auf deutlich unter zwei, möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, ist nur mit einem rasanten Wachstum der erneuerbaren Energien erreichbar. Sie müssen die Kohlekraftwerke verdrängen und ihren Bau in Entwicklungsländern überflüssig machen. Hoffnung macht, dass die Schlüsseltechnologien Wind und Solar oft bereits günstiger sind.

Die Vorreiter
Dänemark: Nirgends drehen sich mehr Windräder pro Kopf – am 11. März versorgten sie erstmals einen ganzen Tag lang das Land. China: 343 Milliarden Euro bis 2020: Kein Land investiert mehr in Solar, Wind und Wasser.
Marokko: Windfarmen an der Küste, solarthermische Großkraftwerke in der Wüste, Zusagen für weiteren Klimaschutz – das ist vorbildlich.

Die Lage in Deutschland
Von Atomangst getrieben verhalf Deutschland den alternativen Energien mit mutigen Gesetzen auch international zum Durchbruch. Im ersten Halbjahr 2017 deckten sie 38 Prozent des Strombedarfs. Doch unter dem Druck der Industrie hat die schwarz-rote Bundesregierung den Ausbau von Solar und Wind radikal gedrosselt und die deutsche Vorreiterrolle aufgegeben. Um das Ziel von Paris zu erreichen, wäre national eine Vervierfachung des Ausbautempos nötig – Hausaufgabe für die neue Regierung.