Der Krieg der Mücken

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.01

Der Krieg der Mücken

Forschungslabors in aller Welt basteln an einer neuen Waffe gegen die tödliche Tropenkrankheit Malaria: gentechnisch veränderten Moskitos. Doch ihr Einsatz könnte unabsehbare Folgen für die Umwelt und die menschliche Gesundheit haben. Dabei gibt es Alternativen, die billiger, ungefährlicher und Erfolg versprechender sind.


Der Tod reiste im Jahre 1929 mit dem Schiff nach Brasilien. Wissenschaftler rekonstruierten später, dass er einen der französischen Zerstörer benutzte, die damals den transatlantischen Postdienst aufrecht hielten. Die Marine nahm Briefe und Pakete aus Europa im westafrikanischen Dakar an Bord und lieferte sie keine 100 Stunden später im 3300 Kilometer entfernten Natal auf dem südamerikanischen Kontinent aus. Bei einer Überfahrt hatte sie jedoch zusätzlich einige Stechmücken der Gattung Anopheles gambiae im Gepäck. Als sich die Ladeluken öffneten, schwirrten die Moskitos ab in die Sümpfe am Potengí-Fluss, wo sie sich fortan am Blut der Anwohner labten, Eier legten und mit zunehmender Populationsstärke die wohl fatalste Tropenkrankheit verbreiteten: Malaria.

Zwar gab’s das Wechselfieber in Brasilien schon immer, doch die Gefährlichkeit der Seuche hängt vom Blutdurst des Überträgers ab. Und da ist Anopheles gambiae ein anderes Kaliber als die brasilianische Brut, die auch auf Tiere fliegt. Denn gambiae dürstet es nach Menschenblut. Ausschließlich. Wann immer ein Weibchen Eier legen will, sticht es zu – und reicht so die Krankheit weiter (siehe Kasten S.53). Zehn Jahre nach ihrer Ankunft hatten sich die Invasoren über den gesamten Küstenstreifen Nordostbrasiliens verbreitet; eine Epidemie brach los. Hunderttausende erkrankten, Zehntausende starben. Nicht wenige verhungerten auch, weil ganze Familien zu schwach für Feldarbeit und Broterwerb waren.

Im Auftrag der Regierung und mit dem Geld der Rockefeller-Stiftung nahm der US-Wissenschaftler Fred Soper den Kampf auf. Sein Plan: die Mücken in ihrer verwundbarsten Phase packen – während sie als Larven in Tümpeln und Pfützen heranreifen. Generalstabsmäßig wurde die Lage abertausender möglicher Brutplätze erfasst und ein Heer von Helfern angeworben, die mit Sprüh-Tornistern auf dem Rücken ausrückten, um die Wasserflächen immer und immer wieder mit Gift und Dieselöl einzunebeln. 18 Monate dauerte Sopers schmutziger, mühsamer Kleinkrieg, dann, 1941, war Anopheles gambiae aus Brasilien verschwunden. "Ein epochaler Sieg gegen die Malaria", schwärmt der niederländische Insektenforscher Bart Knols noch heute – allerdings auch ein kaum beachteter: Die weltweite Auseinandersetzung mit Hitler-Deutschland und seinen Verbündeten, die damals ihrem Höhepunkt zustrebte, verdrängte Sopers Feldzug aus dem Gedächtnis selbst der meisten Fachleute.

Dabei ging der Kampf gegen die Malaria nach dem Zweiten Weltkrieg erst richtig los, jedoch mit völlig anderen Methoden: "Man glaubte nun, große Probleme verlangten nach ,großen‘ Lösungen", sagt Bart Knols. "Niemand wollte mehr im Fred-Soper-Stil die Spritze schultern und von Tümpel zu Tümpel ziehen." Stattdessen saßen die Malaria-Bekämpfer in Flugzeugen, die das Ultragift DDT großflächig über ganze Landstriche versprühten oder in pharmazeutischen Laboren, wo sie fieberhaft nach Medikamenten und Impfstoffen suchten. Doch DDT verursachte so gewaltigen ökologischen Flurschaden, dass es einen Spitzenplatz auf der Liste der gefährlichsten Chemikalien erhielt, die als "dreckiges Dutzend" bekannt wurden. Weniger aggressive Ersatzgifte wiederum verloren bald ebenso an Wirksamkeit wie die neuen Arzneien der Pharmakonzerne, weil Moskitos und Krankheitserreger Resistenzen ausbildeten. Bei Impfstoffen schließlich "heißt es nun schon seit mindestens zwei Jahrzehnten, dass ein Durchbruch kurz bevorsteht", klagt Anthony James von der Universität von Kalifornien.

James hat keine Lust, länger zu warten. Er gehört zu einer weltweiten Wissenschaftlerelite, die an einem noch ehrgeizigeren Plan arbeitet, am "heiligen Gral" der Malaria-Bekämpfung, wie sein Kollege Andrea Crisanti vom Imperial College in London andächtig formuliert: der Erschaffung und Freisetzung eines genetisch manipulierten Moskitos. Das Geschöpf der Forscherhirne soll ein Insekt sein, das fliegt, summt und sticht wie eine normale Mücke – nur mit dem Unterschied, dass genetische Manipulation die Übertragung des Malaria-Erregers unterbindet. Bei einer Tagung Mitte November in den USA wollen Fachwissenschaftler beraten, ob und wann die Frankenstein-Mücke freigelassen wird. Kritiker warnen schon jetzt. Ein Erfolg sei "extrem unwahrscheinlich", meint An-drew Spielman von der Universität Harvard. Und Bart Knols, der am Institut für die Physiologie und Ökologie der Insekten (ICIPE) in Kenia forscht, spricht von "völlig unabsehbaren Folgen für Umwelt und menschliche Gesundheit". Dabei gibt es laut Knols alternative Methoden, die billiger, ungefährlicher und aussichtsreicher wären: Fred Sopers gute alte Larvenbekämpfung, diesmal allerdings mit biologischen Mitteln, sowie das von ihm entwickelte Push-Pull-Konzept – ein Maßnahmenbündel, das dazu dient, Malaria-Mücken aus menschlichen Behausungen zu vertreiben ("Push") und dahin zu locken, wo sie keinen Schaden anrichten ("Pull").

Nach Mbita am Viktoriasee im Westen Kenias, wo das ICIPE eine Forschungsstation unterhält, verirren sich nur wenige Touristen. Denn an den azurblauen Gestaden des zweitgrößten Sees der Welt sind neben Flusspferd und Seeadler auch Tsetse-Fliege, Bilharziose-Schnecke und Anopheles-Mücke zu Hause – alle Überträger unangenehmer bis tödlicher Krankheiten. Wer in Mbita wohnt, wird jährlich im Schnitt 300-mal von Malaria-Moskitos gestochen; auf der nahen Insel Rusinga, Heimat von 200 Fischer- und Bauernfamilien, sind es sogar 3700 Stiche. Detaillierte Statistiken fehlen für die Gegend, doch laut WHO erkranken weltweit 500 Millionen, sterben zwei Millionen Menschen Jahr für Jahr an Malaria – 90 Prozent von ihnen in Afrika. Für sein Forschungsprogramm hätte das ICIPE kaum einen geeigneteren Ort finden können.

Allerdings braucht es, damit die Wissenschaftler keinem unakzeptablen Risiko ausgesetzt sind, ganz besondere Insekten, die in Mbita praktisch nicht zu finden sind: krankheitskeimfreie Anopheles gambiae. Deshalb entwickelte sich die ICIPE-Station inmitten des mückengeplagten Landstrichs zu einer Brutstätte für Moskitos. Abertausende mikrometerkleine Eier reifen in bunten Plastikschüsseln voll Wasser zu Larven heran, werden in Glashäusern bis zur Verpuppung gehätschelt, ernährt und optimal temperiert. Danach wird die Brut handverlesen und zu Kolonien à 2000 in Blue-Band-Margarinetöpfchen umgesiedelt. Laborhelfer stellen die Behälter in fernsehergroße Netzkäfige, damit sich der Anopheles-Nachwuchs nach dem Schlüpfen nicht in alle Winde verstreut.

"Hier, das ist meiner", sagt Peter Ongele und weist auf einen der Käfige im Mückenhaus, das Besuchern als Hort des Schreckens erscheint. Abends wird in dem fensterlosen Raum das Rotlicht eingeschaltet, um mit der Illusion von Dämmerung den Blutdurst der nachtaktiven Insekten zu wecken. Dann steckt Ongele den nackten Unterarm in den Käfig – sofort fallen 2000 Moskitos über ihn her. Doch der Laborhelfer beruhigt: "Sieht schlimmer aus, als es ist. Nur zwischen den Fingern tun Stiche wirklich weh. Deshalb trage ich einen Latex-Handschuh." Man muss ihm glauben, Außenstehende dürfen die Blutsauger auch nicht probehalber bewirten. Malaria-Mücken werden ohne den Erreger geboren, den sie erst aufnehmen, wenn sie sich an einem Kranken laben. Deshalb hat jede Käfigkolonie auch ihren persönlichen Paten: neben Laborhelfern auch Wissenschaftler sowie ein Kaninchen – letzteres um zu testen, unter welchen Bedingungen sich die auf Menschenblut abonnierten Insekten auch mit tierischem Ersatz abspeisen ließen.

Für seine Push-Pull-Idee musste Bart Knols zunächst erforschen, was Moskitos mögen und wovor sie sich fürchten. Dazu dient in der ICIPE-Station ein Treibhaus, dessen Glasscheiben durch Netz ersetzt wurden. Am Eingang warnt ein Schild "Malaria-Sphäre!", obwohl das Innere wohl der sicherste Ort in ganz Afrika ist. Hierein dürfen nur saubere Zuchtmücken, die sich vorkommen müssen wie in einer "Centerpark"-Ferienanlage: Unterm Netzhimmel finden sich duftende Blumen und schattige Bäume, Mini-Pools zur bequemen Eiablage sowie eine stilechte Lehmhütte, in der sich die Wissenschaftler nachts selbst zur Blutmahlzeit anbieten.

Für den "Push"-Teil seines Konzeptes griff Knols traditionelles afrikanisches Wissen auf. Mitarbeiter befragten Einheimische, welche Mittel sie gegen Moskitos einsetzen und erfuhren so, dass die Blutsauger den Geruch von Basilikumpflanzen scheuen. In der Malaria-Sphäre testete Knols verschiedene Sorten und entdeckte, dass eine Kombination von Ocinium americanum und Lippia uckambensis das beste Ergebnis liefert. In Blumentöpfen außen am Hüttendach aufgehängt, verjagen die Pflanzen die Hälfte der Moskitos. Schmoren drinnen zusätzlich Eukalyptusblätter auf einer Metallplatte über der Feuerstelle, nehmen gar drei Viertel Reißaus.

Die botanische Moskitoabwehr, die demnächst auch in Fachpublikationen präsentiert wird, ist inzwischen aus dem Experimentierstadium heraus. Seit September erproben die Bewohner des Dorfes Lwanda nahe Mbita Basilikum und Eukalyptus im Alltag. "Damit haben wir einen wirksamen, simplen und vor allem billigen Schutz gegen Malaria-Überträger", findet Knols. "Das ist besonders wichtig, weil sich große Teile der verarmten afrikanischen Bevölkerung Medikamente oder Insektizide nicht leisten können."

Zu Push-Pull gehört neben dem Vertreiben auch das Weglocken. Bei vielen Arten wie etwa Anopheles arabiensis, den Haupt-Malaria-Überträgern in Äthiopien, genügt da schon ein Kuhstall direkt neben dem Haus. Von Basilikumdüften eingeschüchtert, halten sich die Moskitos an den Tieren schadlos, die gegen die Fieberkrankheit gefeit sind. Anders Anopheles gambiae: Selbst ein Kaninchen mit rasiertem Bauch, das direkt auf ihren Käfig gelegt wird, stechen sie äußerst widerwillig. "In der Natur verhungern sie eher, als sich mit etwas anderem als Menschenblut zufrieden zu geben", sagt Knols. Er verbrachte zahllose durchstochene Nächte in der Malaria-Sphäre, um herauszufinden, auf was gambiae-Mücken wirklich fliegen. Dann war klar: Es ist der menschliche Fußgeruch. Knols arbeitet nun an einer Geruchsfalle, die Insekten mit dem betörenden Duft verschwitzter Füße weglockt.

Für die Versuche erfand der kenianische Doktorand Aklilu Seyoum das optimierte Moskitonetz. Es besteht aus feiner Baumwolle, die gleich einem Kamin menschliche Ausdünstungen nur durch eine Netzöffnung im oberen Bereich austreten lässt. Mücken folgen dem Geruch und verfangen sich in einer Art Reuse. "Wenn ein normales Moskitonetz nicht täglich mit Insektiziden besprüht wird, suchen gambiae so lange, bis sie doch eine Lücke finden", erläutert Seyoum. "Meine Vorrichtung zieht sie beim ersten Anflug aus dem Verkehr." Das macht sein Netz zur perfekten Ergänzung von Push-Pull: Es packt selbst die letzten Mücken, die trotz Basilikum, Eukalyptus und Fußgeruch in ein Haus eindringen konnten.

Bart Knols will sich darauf allein nicht verlassen. Er plant, den Blutsaugern "im Fred-Soper-Stil" den Garaus zu machen, aber mit sanfteren Mitteln. Dass dies möglich ist, hat Ulrike Fillinger schon bewiesen, bevor die Wissenschaftlerin zum ICIPE nach Kenia kam – bei der Schnakenbekämpfung am deutschen Oberrhein. Dort werden seit Jahrzehnten höchst effektiv die Brutplätze der läs-tigen Insekten mit Bti besprüht, einem natürlichen Insektizid, das im Boden vorkommt und für andere Organismen harmlos ist. Der Erfolg soll jetzt gegen Malaria-Mücken wiederholt werden: ausgerechnet auf der Fieber-Insel Rusinga. Derzeit werden Brutplätze kartiert und Helfer an Rucksackspritzen ausgebildet, die dann ab Januar 2002 ausschwärmen und jeden Tümpel Rusingas systematisch mit Bti und anderen natürlichen Insektiziden behandeln. "Wir wollen zeigen, dass sich Malaria schnell und effizient bekämpfen lässt, wenn man nur entschlossen vorgeht", so Knols.

Kenias Regierung scheint indessen auf Gentech-Moskitos zu setzen; der Gesundheitsminister bot sein Land schon als Versuchsgelände an. Die Genforscher selber sind vorsichtiger. Andrea Crisanti vom Imperial College, dem im Sommer 2000 die erste Manipulation einer Anopheles-Mücke gelang, ist keineswegs sicher, ob die November-Konferenz eine baldige Freisetzung empfehlen wird. Die Forscher müssen gleich drei gewaltige Probleme lösen:

Schon bei der ersten Herausforderung streiten die Forscher über den Königsweg. Während Anthony James Moskitos mit Antikörpern gegen Malaria-Erreger hochrüsten will und Frank Collins von der Universität Notre Dame den Erreger zu immobilisieren versucht, experimentieren mexikanische Forscher mit Skorpiongift. Das Sekret soll sich im Magen der Insekten bilden und da die Krankheitskeime abtöten. Doch was auch immer: Zweitens muss es gelingen, Fremdgene in Anopheles gambiae zu verpflanzen, was freilich nur noch eine Frage weniger Monate zu sein scheint. Sorgen bereitet dem Harvard-Wissenschaftler Andrew Spielman vor allem die dritte Stufe: Freisetzung und Verbreitung. Er geht sicher davon aus, dass die Gentech-Moskitos in der Natur mutieren werden. Unklar bleibe bloß, in welcher Weise.

Wie wenig über das ökologische Umfeld der Anopheles-Mücken bekannt ist, in das der künstliche Doppelgänger hineinplatzen würde, belegt die jüngste Entdeckung am ICIPE: eine zwei Millimeter kleine Spinne, die Moskitos frisst. Die Erforschung des noch namenlosen Jägers begann erst dieses Jahr. Bart Knols sieht jedoch im bislang unbeobachteten Wirken des Winzlings einen möglichen Grund dafür, dass sich in manchen Hütten nur eine Handvoll Mücken finden und in der Nachbarschaft Hunderte.

Selbst wenn es gelänge, eine gesamte natürliche Anopheles-Spezies durch eine künstliche zu ersetzen – und zwar ohne unerwünschte Nebenwirkungen auszulösen –, wäre für die menschliche Gesundheit nicht viel gewonnen, warnt Spielman. Schließlich gebe es über 2000 Moskito-Arten, von denen rund 100 Malaria übertragen und etliche noch weitere Krankheiten obendrein. Sich da gentechnisch gegen jede Eventualität zu wappnen, sei "völlig ausgeschlossen". Doch trotz der Ungewissheiten und Risiken wird künftig das meiste Geld in den neuen Forschungstrend fließen, fürchtet Knols: "Gentech gilt eben derzeit als sexy." Was auch deshalb ärgerlich sei, weil Fred Soper schon vor 60 Jahren nicht nur eine wirksame Methode der Malariabekämpfung aufzeigte, sondern eine preiswerte dazu. Von den drei Millionen Dollar, die ihm die Rockefeller-Stiftung zur Verfügung gestellt hatte, konnte er nach Abschluss seiner Kampagne eine Million zurückgeben.

Von MARCEL KEIFFENHEIM
Fotos: MATTHIAS ZIEGLER



Tödliche Stiche

Wenn es Nacht wird, erwacht in Moskito-Weibchen der Blutdurst. Sie benötigen die proteinreiche Flüssigkeit für die Entwicklung ihrer Eier, während sich Männchen nur an harmlosen Pflanzensäften laben. Die Mücken fallen meist über Schlafende her, zapfen bis vier Mikroliter Blut ab. Mit ihrem Doppelrüssel träufeln sie gleichzeitig Speichel in die Ader, was ihre Mahlzeit flüssig hält. So wird auch der Malaria-Erreger verbreitet, den die Mücke in sich trägt, sobald sie einmal einen Kranken stach. Der Plasmodium genannte Erreger schadet den Insekten selber nicht, bei Menschen löst er jedoch heftiges Fieber aus, an dem jährlich 500 Millionen erkranken und zwei Millionen sterben — vor allem Schwangere und Kleinkinder.