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Der Müll und die Mythen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.07

Der Müll und die Mythen

Text: Marlies Uken Foto: Enver Hirsch

Seit 16 Jahren sortieren die Deutschen ihren Abfall. Batterien bunter Tonnen zieren die Vorgärten. Doch immer noch verunsichern Halbwahrheiten die Verbraucher. Was bringt die Mülltrennung der Umwelt wirklich? Wir beantworten zwölf Fragen rund um den Hausmüll.

WIE FUNKTIONIERT DER GRÜNE PUNKT?
Die Verpackungsverordnung von 1991 brachte Deutschland die Mülltrennung und deren Markenzeichen, den Grünen Punkt. Um die wachsenden Müllberge in den Griff zu bekommen, verpflichtete der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer die Hersteller, ihre Verpackungen zu recyceln und dafür die Kosten zu tragen. Je nach Material gelten unterschiedliche Recyclingquoten, etwa 70 Prozent für Glasflaschen. Die Verpackungshersteller bezahlen für den Grünen Punkt eine Lizenzgebühr an das Duale System Deutschland (DSD) in Köln. Die Kosten trägt letztlich der Kunde, weil der Hersteller sie auf den Preis aufschlägt. Das DSD wiederum beauftragt private Abfallunternehmen, die lizensierten Verpackungen mit dem Grünen Punkt einzusammeln, zu sortieren und zu verwerten. Dies wird aus den Lizenzeinnahmen finanziert. Das DSD selbst besitzt also keine Müllwagen oder Recyclinganlagen, sondern organisiert als Dienstleister nur das System und die Finanzierung. Jeder Grundstücksbesitzer erhält auf Wunsch kostenlos eine „Gelbe Tonne“, mancherorts auch „Gelbe Säcke“, für Verpackungen mit dem Grünen Punkt. Er spart so Geld, weil weniger Abfälle in seiner gebührenpflichtigen Restmülltonne landen. Nachdem 2004 das DSD-Monopol abschafft wurde, bieten auch die Firmen Landbell, Interseroh und Remondis ähnliche Systeme an. In äußerst komplizierten Verfahren nutzen DSD und die Konkurrenz nun gemeinsam die Gelben Tonnen in Deutschlands Straßen.

NÜTZT MÜLLTRENNUNG WIRKLICH DER UMWELT?
Ja – zumindest bei Papier und Glas. Hier stellt kein Abfallexperte die Mülltrennung in Frage. Bei Papier liegt die Recyclingquote bei 83 Prozent; Altpapier lässt sich bis zu fünf Mal wiederverwerten. Kartons bestehen zu mehr als 90 Prozent aus Recyclingfasern. Ohne den Sammeleifer der Bundesbürger hätten die deutschen Papierfabriken ein Rohstoffproblem, denn die Hälfte des eingesetzten Altpapiers stammt aus Containern. Auch die Recyclingbilanz von Glas kann sich sehen lassen: 82 Prozent aller Flaschen und Gläser werden recycelt – jährlich mehr als drei Millionen Tonnen. Glas lässt sich ohne Qualitätsverluste beliebig oft einschmelzen; das spart Rohmineralien und Energie. Anders als oft behauptet kippen die Recyclingfirmen den Inhalt der verschiedenen Container übrigens nicht in ihren Lastwagen zusammen. Diese besitzen vielmehr getrennte Kammern für Weiß-, Braun- und Grünglas. Hingegen bereitet die „Gelbe Tonne“ den Abfallspezialisten Unbehagen. Sie enthält die so genannten Leichtverpackungen: Joghurtbecher, Tetrapaks, Konserven. Das Recycling der Dosen ist unproblematisch, weil sich Weißblech mit Magneten sowie Aluminium in einem Wirbelstromscheider leicht abtrennen lassen. Das Sortieren und Aufbereiten der Kunststoffe ist dagegen aufwendig und teuer. Deswegen wird nur etwas mehr als die Hälfte wiederverwertet. Der Begriff „Recycling“ ist allerdings bei Kunststoffen weit gefasst: Auch die „energetische Verwertung“, also das Verbrennen von Plastikmüll, fällt darunter.

SIND DIE MÜLLBERGE GESCHRUMPFT, SEITDEM WIR ABFÄLLE TRENNEN?
Das ist eine Frage des Standpunkts: In den vergangenen Jahren ist die Abfallmenge pro Person konstant geblieben. Im Durchschnitt produziert jeder Deutsche etwa 450 Kilogramm jährlich. Gleichzeitig ist aber die Wirtschaft seit 1992 um 15 Prozent gewachsen. Folglich sind Müllaufkommen und Wirtschaftswachstum nicht mehr gekoppelt – und das ist ein Erfolg. Außerdem gelangen immer mehr Wertstoffe aus dem Restmüll in die Weiterverarbeitung. Im Jahr 1990, also vor Einführung des Grünen Punkts, wurden gerade einmal 13 Prozent der Wertstoffe (Glas, Papier, Bioabfall) eingesammelt. Im Jahr 2004 waren es bereits 56 Prozent. Allein die Recyclingquote von Verpackungen hat sich seit Anfang der 90er-Jahre auf fast 80 Prozent verdoppelt.

SOLLTE MAN DIE GELBE TONNE ABSCHAFFEN? Viele Experten stellen die Gelbe Tonne in der bisherigen Form in Frage. Zum einen ist die Zahl der „Fehlwürfe“ enorm hoch, in manchen Großstädten macht Restmüll fast die Hälfte des Inhalts aus. Zudem trennen Maschinen die Abfälle inzwischen besser als der Mensch. Und nicht zuletzt ist das System wenig transparent und mit jährlich 1,5 Milliarden Euro sehr teuer. Allerdings sprechen zwei Argumente gegen eine gelb-graue „Zebratonne“: Zum einen können Recyclinganlagen am besten trockene Abfälle verarbeiten, Speisereste aber verkleben den Restmüll zu einer feuchten Masse. Wer auf die „Zebratonne“ setzt, kommt daher um die Biotonne nicht herum – und die ist bei den Deutschen wegen echter oder vermeintlicher Geruchsbelästigung nicht gerade beliebt. Ein wirkliches Ende der Mülltrennung ist also nicht in Sicht. Zum anderen müssten nach Schätzung der Berliner Firma Alba Recycling zusätzlich 16,5 Millionen Tonnen Abfälle sortiert werden, würde man die Gelbe Tonne abschaffen. „Das ist wirtschaftlich und von den Kapazitäten her nicht möglich“, sagt Geschäftsführer Jürgen Jaschke. In Leipzig testen die Einwohner zurzeit erfolgreich einen Kompromiss: die „Gelbe Tonne Plus“. In ihr landen nicht nur Verpackungen mit Grünem Punkt, sondern auch solche ohne dieses Symbol, dazu andere Plastikabfälle, Elektrokleingeräte und Metallgegenstände. Seit Testbeginn sammeln die Recyclingunternehmen in Leipzig 70 Prozent mehr Wertstoffe ein, die Zahl der Fehlwürfe sank. Zudem ist das System günstiger als die Restmüllentsorgung. Ob es bundesweit eingeführt wird, ist dennoch offen.

MUSS ICH DEN JOGHURTBECHER ABWASCHEN, BEVOR ER IN DER GELBEN TONNE LANDET?
Nein, es reicht, wenn der Becher „löffelrein“ ist, da die Recyclingfirmen das Material selbst noch einmal reinigen. Wer für den Abwasch eigens Wasser verbraucht oder gar erwärmt, wendet die Ökobilanz ins Negative – er verbraucht mehr Energie, als sich durch die Wiederverarbeitung einsparen lässt. Sinnvoll ist es hingegen, die Plastikbecher nicht ineinander gestapelt in die Tonne zu werfen und die Aludeckel abzutrennen, denn dies erleichtert das automatische Sortieren. Milchtüten drückt man vor dem Wegwerfen am besten flach zusammen. Plastikspielzeug oder Kunststoffschüsseln gehören streng genommen nicht in die Gelbe Tonne, da sie keinen Grünen Punkt tragen.

STIMMT ES, DASS DIE GELBEN SÄCKE UNGEÖFFNET NACH CHINA VERSCHIFFT WERDEN?
Anfang der 90er-Jahre passierte dies tatsächlich. Weil die Deutschen nach der Einführung des Grünen Punkts so eifrig Müll trennten, reichten die Recyclingkapazitäten nicht aus, sodass der illegale Export attraktiv war. Heute gibt es jedoch hierzulande ausreichend Recyclinganlagen, und China hat den Import von unsortiertem und verdrecktem Plastikabfall verboten. Dennoch landet Plastikmüll nach wie vor im Reich der Mitte – allerdings vorsortiertes Material wie gepresste oder geschredderte PET-Flaschen. Für diesen „Sekundärrohstoff“ zahlt China bis zu 400 Euro pro Tonne; er wird eingeschmolzen, zu neuen Polyesterfäden gesponnen und etwa zu Fleece-Pullis verarbeitet. Mindestens die Hälfte der in Supermärkten zurückgegebenen PET-Pfandflaschen landen in Asien. „Es fällt schwer, den Verbrauchern zu erklären, warum ihre Flaschen bis ans andere Ende der Welt verschifft werden, wenn man sie auch in Deutschland recyceln kann“, sagt der Chef des Branchenverbands Petcore, Frank Koelewijn.

LASSEN SICH AUS PLASTIKABFÄLLEN NUR PARKBÄNKE HERSTELLEN?
Nur noch etwa zehn Prozent der Kunststoffabfälle aus dem Gelben Sack erleben eine Renaissance als Parkbank oder Lärmschutzwall. Inzwischen sind gut sortierte Kunststoffe viel zu wertvoll für das „Downcycling“. 63 Prozent der Kunststoffverpackungen durchliefen 2005 ein „werkstoffliches Recycling“: Sie wurden aufbereitet und zu neuen Produkten verarbeitet. Heute rechnet sich oft sogar das Aussortieren hochwertiger Einzelkunststoffe; sortenreine PE-Flocken erlösen bis zu 1000 Euro pro Tonne. Was genau aus diesen Materialien allerdings wird, lässt sich kaum nachverfolgen. Allein Remondis bietet vier verschiedene Sekundärrohstoffe aus DSD-Abfällen an, etwa ein Granulat für Bohrmaschinen-Gehäuse. Bei einer besonders sauberen PET-Fraktion schließt sich sogar der Kreislauf: Immerhin 15 Prozent der gebrauchten Flaschen werden zu neuen Flaschen. Weitere 17 Prozent der Kunststoffabfälle gelangten 2005 in das „rohstoffliche Recycling“, wurden also in ihre Ausgangsbestandteile Öl und Gas zerlegt. Die restlichen 20 Prozent, die sich nicht sauber trennen lassen, werden verbrannt. Dies spart Öl und andere fossile Rohstoffe ein. „Ökologisch ist es aber meistens besser, die Kunststoffe weiterzuverarbeiten“, sagt Jürgen Giegrich vom IFEU-Institut, „denn bei der Verbrennung verpufft der Teil der Energie, den man bei der Produktion des Plastiks investiert hat.“

WARUM SOLL BIOABFALL NICHT IN DIE GRAUE TONNE?
Bislang besitzt nur etwa die Hälfte aller deutschen Haushalte eine Biotonne. Dabei bergen die Abfälle aus Küche und Garten ein enormes Potenzial als Energiequelle und Dünger. Werden sie vergoren, entsteht Methangas, aus dem sich in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme gewinnen lassen. Allein die Biogasanlage der Hamburger Stadtreinigung erzeugt jährlich sieben Millionen Kilowattstunden Fernwärme – genug, um 2500 Haushalte ein Jahr lang zu versorgen. Die Hälfte der eingesammelten Bioabfälle lassen die Entsorger zurzeit zu Kompost verrotten. Der nährstoffreiche Dünger für Gärten und Landwirtschaft kann Torf ersetzen, dessen Abbau schützenswerte Moorgebiete zerstört. Wer im eigenen Garten kompostiert, sollte den Komposthaufen gut durchlüften, damit keine Fäulnis einsetzt und folglich kein klimaschädliches Methan entsteht.

WAS PASSIERT MIT DEM RESTMÜLL?
Jedes Jahr fallen in Deutschland 16 Millionen Tonnen Rest- und Sperrmüll an – das entspricht einer Müllwagenschlange von Berlin nach Peking und zurück. Bis vor kurzem landeten sie einfach unsortiert auf der Mülldeponie. Weil Deponien aber Faulgase abgeben und aus ihnen Giftstoffe ins Grundwasser sickern können, darf unbehandelter Restmüll seit fast zwei Jahren nicht mehr auf die Deponie. Die Kommunen, die in Deutschland den Restmüll entsorgen, haben jetzt die Wahl, ihre Abfälle entweder in Müllverbrennungsanlagen zu schaffen oder sie in Mechanisch-Biologischen-Anlagen (MBA) vorzubehandeln. Bei diesem technisch aufwendigen „Endrotte-Verfahren“ schreddern riesige Anlagen den Müll, entwässern ihn und sortieren ihn dann nach Kunststoffen, Metallen und Bioabfällen. Aus den organischen Rückständen lassen sich in einer Biogasanlage Strom und Wärme gewinnen. Während das Metall verkauft wird, machen die Kunststoffe noch Probleme, weil sie stark verschmutzt sind und sich unsortiert nur schlecht verkaufen lassen. Nun hat die Industrie sie als „Ersatzbrennstoffe“ entdeckt und will sie in mehr als 40 speziellen Kraftwerken verbrennen. Die MBA erlebten in den letzten Jahren einen Boom, inzwischen gibt es mehr als 50 Anlagen. Dennoch gilt die Technik noch als unausgereift. Zudem ist sie weder günstiger noch umweltverträglicher als die Müllverbrennung.

WIE SAUBER SIND MÜLLVERBRENNUNGSANLAGEN?
Sie waren das Hassobjekt der 80er-Jahre, in fast jeder Großstadt protestierten Bürgerinitiativen gegen den Bau einer Müllverbrennungsanlage (MVA). Man fürchtete Dioxinbelastung und Lärm durch Lieferverkehr. Die meisten Horrorszenarien sind – auch dank der Bürgerproteste – nicht eingetreten. Zwar hat sich die Zahl der Müllverbrennungsanlagen in den vergangenen 20 Jahren fast verdoppelt; 2007 gab es 72 MVA. Gleichzeitig ist aber die Dioxinbelastung wegen der strengen Immissionsschutzverordnung auf ein Tausendstel im Vergleich zu 1990 gesunken. „Kamine und Kachelöfen sind weitaus größere Dioxinschleudern als alle Müllverbrennungsanlagen“, sagt IFEU-Experte Giegrich. Eine IFEU-Studie kommt sogar zu dem Schluss, dass die Anlagen der Luft Giftstoffe „entziehen“: Würde man die entsprechende Menge Strom und Wärme in herkömmlichen Kohlekraftwerken erzeugen, belasteten zusätzliche drei Tonnen Arsen, Cadmium und andere Schwermetalle die Atmosphäre. Auch bei der Kohlendioxidbilanz sind MVA besser ab als ihr Ruf: Beim Verbrennen einer Tonne Restmüll fällt zwar rund eine Tonne Kohlendioxid an. Davon ist aber etwa die Hälfte als klimaneutral zu verbuchen, weil das Treibhausgas aus organischen Rückständen in der Restmülltonne stammt. Wie bei jeder Verbrennung bleiben aber in den Müllöfen Rückstände übrig – pro Tonne Restmüll rund 250 Kilogramm Schlacke und 30 Kilogramm Filterstaub aus der Rauchgasreinigung. Die Stäube müssen auf die Sondermülldeponie, während die Schlacken, wenn sie bestimmte Schadstoffgrenzwerte einhalten, im Straßenbau Verwendung finden.

WAS BRINGT RECYCLING FÜR DEN KLIMASCHUTZ?
Die größte Erleichterung für das Klima bedeutet nicht die Mülltrennung und damit die Einsparung von Ressourcen, sondern das Deponieverbot für unbehandelte Abfälle. Seit 1990 gingen die schädlichen Methanemissionen um mehr als 80 Prozent zurück. Auf die Klimawirkung umgerechnet entspricht das dem jährlichen CO2-Ausstoß von 2,5 Millionen Deutschen. Recycling und Müllverbrennung sparen zudem so viel Öl und Gas ein, wie die Einwohner einer Stadt der Größe Frankfurts am Main jährlich verbrauchen. Müllverbrennungsanlagen helfen dem Klima jedoch nur dann, wenn sie die produzierte Energie optimal nutzen und in Strom- und Fernwärmenetze einspeisen. Bei dieser Kraft-Wärme-Kopplung besteht noch viel Nachholbedarf. Einige MVA erreichen nur Wirkungsgrade von 20 Prozent – möglich sind 80 Prozent.

WAS HAT DAS DOSENPFAND GEBRACHT?
Seit Mai vergangenen Jahres gilt deutschlandweit das Dosenpfand in Höhe von 25 Cent auf Einwegverpackungen wie Coladosen oder Evian-Flaschen. Ziel war, die umweltverträglichen Mehrwegsysteme zu stärken. Zwar liegen noch keine belastbaren Daten vor, doch geht die Gesellschaft für Konsumforschung davon aus, dass die Mehrwegquote bei nicht-alkoholischen Getränken 2006 auf historische 34,6 Prozent gesunken ist. Damit wäre genau das Gegenteil davon eingetreten, was das Dosenpfand bewirken sollte. Nur bei Bier liegt der Anteil stabil bei 90 Prozent, weil die Deutschen die Bierflaschen aus PET verschmähen. Trotz dieser blamablen Bilanz erwarten Abfallexperten, dass uns das Dosenpfand erst einmal erhalten bleibt: Der Handel profitiere von ihm, weil viele Verbraucher ihre Flaschen nicht zurückbringen und das Pfand verfallen lassen. Vor allem die Discounter setzen auf Einwegflaschen und liefern sich inzwischen bei Mineralwasser wahre Preisschlachten. Der Verbraucher kauft das billigste Produkt – und unterscheidet überhaupt nicht mehr zwischen Einweg- und Mehrwegflasche. Schließlich zahlt er bei beiden Systemen Pfand.


LINKS
Das Duale System Deutschland informiert über seinen Grünen Punkt:www.gruener-punkt.de Die Deutsche Umwelthilfe erklärt, wohin Elektroschrott gehört: www.green-electronics.info Hier stellen Designer ungewöhnliche Produkte aus recyceltem Material vor (engl.): www.superuse.org