Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 1.08

Der Preis der Zerstörung

Text: Toralf Staud

Sir Nicholas Stern, Ökonom, London
Kaum jemand hat die Klimadebatte so beeinflusst wie der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank mit seiner Studie über die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung.

Nicholas Stern sieht nicht aus, wie man sich einen britischen „Sir“ gemeinhin vorstellt: Unauffällig sitzt er in der zweiten Reihe des barocken Schlosstheaters von Sanssouci, als sich Anfang Oktober in Potsdam Nobelpreisträger und prominente Wissenschaftler zu einem Klimakongress versammeln. Als seinem älteren Sitznachbarn während der Ansprache von Umweltminister Sigmar Gabriel der Kopfhörer für die Simultanübersetzung kaputtgeht, reicht Stern ihm seinen eigenen. In der anschließenden Fragerunde hebt er so schüchtern die Hand, dass der Moderator ihn glatt übersieht. Hinterher versucht er Gabriel anzusprechen, aber andere drängeln ihn beiseite – bis der Minister Sir Nicholas erkennt und nach vorn bittet.

Das also ist der Mann, der vor einem Jahr mit dem Stern Review die klimapolitische Debatte auf ein neues Niveau katapultierte. Der „das Klima wandelte“, wie eine Londoner Zeitung schrieb. Den der britische Umweltminister einen „Rockstar des Klimawandels“ nannte. Seine Mitarbeiter nennen ihn schlicht Nick. Er ist nett, unprätentiös und ein leidenschaftlicher Fußballfan. Als einmal zwei Reporter ins Finanzministerium zum Interview kamen, fanden sie Stern in einer geselligen Gruppe. „Wir betrinken uns am Donnerstagabend immer“, rief er ihnen zu. „Have a drink!“

„Die wissenschaftliche Beweislage ist überwältigend“, beginnt der Stern Review, „der Klimawandel ist eine ernste globale Bedrohung, die dringend eine globale Reaktion erfordert … Der Nutzen von entschlossenem Handeln übersteigt die Kosten des Nichtstuns bei Weitem … Anhand wirtschaftswissenschaftlicher Modellrechnungen schätzt die Studie, dass – wenn wir nichts tun – die Kosten des Klimawandels einen Verlust von fünf Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) bedeuten. Jedes Jahr. Für immer ... Berücksichtigt man ein breiteres Spektrum von Auswirkungen, könnten die Schäden auf 20 Prozent des BIP oder mehr steigen. Dagegen lassen sich die Kosten für Gegenmaßnahmen auf etwa ein Prozent des weltweiten BIP begrenzen. Die Investitionen in den nächsten 10 bis 20 Jahren werden tiefgreifenden Einfluss auf das Klima in der zweiten Hälfte dieses und im nächsten Jahrhundert haben. Unsere Handlungen heute … riskieren weitreichende ökonomische und soziale Verwerfungen, deren Größenordnung denen der Weltkriege gleichen oder der Großen Depression in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ... Deshalb ist promptes und entschiedenes Handeln wahrlich erforderlich.“

Sterns Gutachten – der „Stern Review on the economics of climate change“ – brachte Klimawandel und Volkswirtschaftslehre zusammen: Das war der große Schritt. In einer Welt, in der Zahlen zählen, in der freie Märkte für nahezu heilig erklärt werden, in der Klimaforscher und Umweltschützer immer wieder zu hören bekommen, es sei doch viel zu teuer, etwas gegen die Erderwärmung zu tun, in dieser Welt also schoss der Ökonom Nicholas Stern mit gleicher Munition zurück: Nichtstun, so seine kurze Botschaft, komme am Ende schlicht teurer.

Die Studie, in Buchform fast 700 Seiten dick, fasst auf den ersten Blick nur Erkenntnisse der Klimaforschung zusammen. „Wir unternahmen keine eigene Forschung“, betonen die Autoren, „wir sind Wirtschaftswissenschaftler.“ Ein Jahr lang trug Sterns Team Ergebnisse von Klimatologen, Geologen, Biologen und Soziologen zusammen und versah sie mit Preisschildern. Welchen Wert hat ein Menschenleben? In Europa denselben wie in Afrika, heute denselben wie in hundert Jahren? Wie drückt man Hungersnöte in Euro und Cent aus? Welche Schäden werden Wirbelstürme in ferner Zukunft anrichten? Welches ist der korrekte Preis für eine Tonne Kohlendioxid? Den Schaden, den sie in der Umwelt anrichten wird oder die Kosten ihrer Vermeidung, etwa in einem Kohlekraftwerk?

In betont nüchterner Sprache breitet der Stern Review eine oft ermüdende Fülle von Details aus. Er ist gespickt mit Grafiken und komplizierten mathematischen Formeln, mit langen Literaturlisten und technischen Anhängen. Aber genau das, was für Durchschnittsleser schwer verdaulich ist, machte ihn in Politik und Wissenschaft so durchschlagend. Vielleicht hat auch Sterns Name etwas beigetragen – im Englischen hat er einen beängstigenden Klang, „stern“ heißt so viel wie „ernst“, „streng“, „strikt“. Tony Blair jedenfalls nannte die Arbeit das wichtigste Dokument, das je auf seinem Schreibtisch gelandet sei.

„Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel sind unverzichtbar. Eine Veränderung des Klimas in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten lässt sich nicht mehr aufhalten – aber noch ist es möglich, unsere Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme zu einem gewissen Grade vor den Folgen zu schützen, etwa durch bessere Aufklärung, eine besser angepasste Infrastuktur oder den Wechsel zu widerstandsfähigen Nutzpflanzen in der Landwirtschaft. Allein in den Entwicklungsländern mit ihren knappen Mitteln werden die Anpassungsmaßnahmen pro Jahr zig Milliarden Dollar kosten. Dort wird der Klimawandel – wenn man nichts dagegen tut – ein großes Hindernis werden zur weiteren Reduzierung der Armut.“

Sterns Großmutter wurde von den Nazis umgebracht. Sein Vater, Jude und Sozialist, floh 1938 aus Deutschland nach Großbritannien. Der Sohn begann ein Mathematikstudium in Cambridge, in den Ferien reiste er um die Welt, nach Mexiko, Iran, Äthiopien. „Nie zuvor“, erinnert sich Nicholas Stern, „hatte ich solche Armut gesehen.“ Das sei der Grund gewesen, schließlich auf Wirtschaftswissenschaft umzusatteln.

Als junger Agrarökonom aus Oxford erforschte er 1969 den Teeanbau in Kenia. 1974 verbrachte er ein Dreivierteljahr in dem indischen Dorf Palanpur. Da bangte er mit Bauern um die Ernte, stand selbst auf ausgedörrten Äckern; bis heute besucht er regelmäßig den Ort. Später wurde er Professor, erst in Oxford, dann an der renommierten London School of Economics. Er wechselte in die Praxis, wurde Chefvolkswirt erst der Londoner Osteuropabank, dann der Weltbank in Washington, und in einem Interview sagte er einmal, er habe dort jede Entscheidung daraufhin geprüft, was sie für einen Ort wie Palanpur bedeuten würde. In dieser Zeit legte er sich auch mit der EU wegen ihrer Agrarsubventionen an, weil sie in der Dritten Welt der Entwicklung der Landwirtschaft schadeten. 2003 ernannte ihn Tony Blair zum ökonomischen Chefberater. Damals unterstützte er die Afrika-Kampagnen von Bob Geldof, einem echten Rockstar.

Einen „großen Teil seines Lebens“ habe er der Armutsbekämpfung gewidmet, auch deshalb betont er beim Klimawandel die Folgen für die Ärmsten. Oft erzählt er von einem Besuch in Kibera, einem Slum von Nairobi. Die dort lebenden Landflüchtlinge bezeichnet er als „die ersten Opfer des Klimawandels“. Stern: „Die Generation meines Vaters kämpfte gegen den Faschismus, unsere Aufgabe ist der Kampf gegen den Klimawandel. Das ist viel schwieriger, weil man ihn nicht sehen kann.“

„Selbst bei moderater Erwärmung lassen alle Erkenntnisse darauf schließen, dass der Klimawandel ernste Folgen für die Weltkonjunktur, das Leben der Menschen und die Umwelt haben wird. Dies wird alle Länder betreffen. Doch am frühesten und stärksten werden die ärmsten Länder und Bevölkerungsgruppen darunter leiden – obwohl sie am wenigsten zu den Ursachen des Klimawandels beigetragen haben. In wenigen entwickelten Ländern wird die anfangs moderate Erwärmung einige positive Effekte haben, aber mit zunehmenden Temperaturen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts gibt es auch dort schwere Schäden.“

Als der Stern Review vor einem Jahr veröffentlicht wurde, stürzten sich konservative Kommentatoren auf ihn. Ein rechter Internet-Blogger in den USA schrieb, die britische Regierung feuere „eine neue Salve von Erderwärmungs-Alarmismus ab“. Als „angstmacherisch“ qualifizierte ein Vertreter der britischen Tories das Papier ab. Es sei „eine höchst spekulative Ableitung von gleichfalls spekulativen Computersimulationen“, stimmte hierzulande die FAZ in den Chor ein.

Auch unter Wirtschaftswissenschaftlern entbrannte eine heftige Debatte. Der Hamburger Umweltökonom Richard Tol etwa kritisierte, Stern habe „nur extrem pessimistische Szenarien herangezogen“. Der Autor weist das zurück, gibt aber zu, bei der Berechnung der Schadensobergrenze auch weniger wahrscheinliche Folgen der Erderwärmung berücksichtigt zu haben – aber das gebiete die Vorsicht. Viele Ökonomen, sagt Stern knapp, teilten seine Position. Und niedrigere Schadenskalkulationen basierten meist auf alten, längst überholten Berichten des UN-Klimarates IPCC.

Der zweite Hauptkritikpunkt am Stern Review klingt wie ein technisches Detail, aber er führt in grundsätzliche moralphilosophische Gefilde. William Nordhaus von der Universität Yale meint, bei Stern seien die möglichen Schäden stark übertrieben, weil er mit einer viel zu niedrigen discount rate gerechnet habe. Dieser Wert dient in ökonomischen Kosten-Nutzen- Kalkulationen dazu, den künftigen Wert heutiger Investitionen zu ermitteln. Üblicherweise wird dieser Abzinsfaktor mit 3,5 Prozent angesetzt, aber derartige Berechnungen beziehen sich in der Regel auf 20 bis 50 Jahre. Beim Klimawandel hingegen geht es um Jahrhunderte, denn so lange werden die heute ausgestoßenen Treibhausgase in der Atmosphäre bleiben. Doch über so große Zeiträume führen die Standardkalkulationen mit den üblichen discount rates dazu, dass selbst ein großer Nutzen in 150 Jahren in der Gegenwart nur mit minimalem Wert zu Buche schlägt. Oder, andersherum ausgedrückt, kleine Vorteile für die heute Lebenden zählen dann mehr als riesige Schäden für künftige Generationen. „Wie bewertet man seine Enkel?“, brachte das britische Magazin The Economist die Frage auf den Punkt.

Nicholas Stern nennt die herkömmlichen ökonomischen Modelle „irreführend“. Natürlich sei es möglich, dass die Menschheit in ferner Zukunft nicht mehr existiere, natürlich sei es wahrscheinlich, dass der weltweite Wohlstand bis dahin weiter gewachsen sei. Deshalb wertet er künftige Vermögen um 0,1 Prozent pro Jahr ab – aber eben nicht um 3,5 Prozent. „Dies wäre, als würde ein Großvater zu seinem Enkel sagen, nur weil du dein Leben 50 Jahre nach meinem führst, ist mir dein Wohlergehen weniger wert als meines und das meiner heutigen Nachbarn – und darum erlaube ich mir Entscheidungen, die harte und irreversible Folgen für dich haben.“ Eine solche Position, so Stern kühl, „werden viele Menschen ethisch unattraktiv finden“.

„Wer Treibhausgase produziert und dadurch der Umwelt und künftigen
Generationen Kosten aufbürdet, muss nicht die vollen Kosten dieser Aktivitäten tragen. Deshalb haben die Verursacher keinerlei ökonomische Anreize, ihre Emissionen zu reduzieren. ...Der Klimawandel ist der größte Fall von Marktversagen, den die Welt je gesehen hat. Eine wirksame globale Reaktion muss sich aus drei Bestandteilen zusammensetzen. Erstens: Kohlenstoff muss einen Preis erhalten, entweder über die Einführung einer Steuer, durch Emissionshandel oder durch gesetzliche Grenzwerte. Das zweite Element ist eine Politik zur Förderung von Innovationen. Drittens ist es wichtig, Hindernisse zu beseitigen, die einer effizienten Energienutzung im Wege stehen – sowie alle Menschen zu informieren und darüber aufzuklären, was sie zur Bewältigung des Klimawandels tun können.“

Can we green and grow? – Können wir ergrünen und trotzdem wachsen? Sir Nicholas ist überzeugt, dass beides zusammengeht. Er versteht sich als Linker, ist wie sein Vater Mitglied der Labour Party – aber das Dogma vom immerfort nötigen Wirtschaftswachstum traut er sich nicht in Frage zu stellen. Stattdessen will Stern erreichen, dass ein Mehr an Gütern und Wohlstand mit einem Weniger an verbrauchten Ressourcen erreicht wird – und folglich mit weniger CO2-Ausstoß.

Der Stern Review fordert, die Politik müsse eine langfristig und weltweit geltende Obergrenze für den Ausstoß von Treibhausgasen festlegen. Und in einem zweiten Schritt Instrumente finden, welche die Wirtschaft zur Einhaltung dieser Grenzen bringen. „Der Staat muss die Grundlagen schaffen, damit der Markt seine Magie entfalten kann“, sagte Stern schon vor Jahren, als er noch bei der Weltbank arbeitete.

Monatelang jettete Stern mit seinem Review um die Welt, von den USA über Indien und China bis Australien. Inzwischen mag er keine Interviews zum Klimawandel mehr geben. Er kehrte an die London School of Economics zurück, widmet sich wieder Forschungen zu Indien, will auch sein Dorf Palanpur wieder besuchen.

Wie groß die Wirkung des Stern Reviews war, sagt er, habe ihn dann doch überrascht. Klar geworden sei ihm die Tragweite, erzählte Stern einmal, als er sich sogar in der Sun wiederfand, Englands größtem Boulevardblatt. „Ich war auf Seite 2 – gut angezogen und mit einem Bericht in der Hand. Keeley, ein Fotomodell, war auf Seite 3 – nicht sehr gut angezogen und mit keinem Bericht in der Hand.“ Darunter habe die übliche Boulevard-Prosa gestanden, etwas wie: „Keeleys Öko-Tipp: Spare Wasser, steig mit einem Freund in die Badewanne.“ Aber seinen drei längst erwachsenen Kindern habe das gefallen. „Es war der einzige Artikel, den sie ausgeschnitten und aufgehoben haben.“

Fragt man Stern selbst, wie er die Bedeutung seiner Arbeit einschätzt, ist er wieder ganz der bescheidene Nick: „Unser Review war stets gedacht als ein Beitrag zur Diskussion. Es gab viele andere davor – und es wird und soll noch viele weitere danach geben.“

Die Auszüge aus dem Stern Review basieren auf der Buchausgabe (Cambridge University Press 2007), Übersetzung: GPM. Weitere Informationen: www.hm-treasury.gov.uk unter „Independent Reviews“

NICHOLAS STERN, 61,
wurde im Jahr 2004 von Königin Elisabeth zum „Knight Bachelor“ geschlagen. Er erhielt diesen Rittertitel, der aus dem 13. Jahrhundert stammt, „für besondere Verdienste“ im Bereich Wirtschaft.