Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Der zähe Kampf gegen "Agent Orange"

Natur und Menschen in Vietnam leiden immer noch unter dem Chemie-Krieg der USA

Graubraun ist die Haut des dreijährigen Tran, rauh, eine harte schuppige Fläche, die an die lederne Hülle einer Echse erinnert. Duy ist vor kurzem 15 geworden und mißt 80 Zentimeter. Ein Baby mit Wasserkopf liegt im Gitterbettchen, daneben Kinder mit unförmigen Löchern im Gesicht – statt eines Mundes. Im Reha-Zentrum CROM in Ho-Tschi-Minh-Stadt leben die späten Opfer des Vietnamkrieges, der vor 23 Jahren zu Ende ging. Seine verheerenden Auswirkungen zeigen sich nach wie vor in Mißbildungen und Krankheiten, Folgen der brutalen chemischen Kriegsführung der USA. Vor allem der Süden ist stark mit Dioxinen belastet.

Nicht weniger als 4,9 Millionen Hektar Dschungel – eine Fläche größer als Niedersachsen – wurden durch 13 Millionen Tonnen Brand- und Napalmbomben, vor allem aber durch 72 Millionen Liter hochtoxische Entlaubungsmittel in Wüsten verwandelt. Allein die 40 Millionen Liter „Agent Orange“ enthielten etwa 170 Kilogramm Dioxin, die giftigste Substanz der Welt, von der bereits ein Millionstel eines Gramms für den Menschen tödlich sind. Noch heute weisen Fleisch, Milch und Gemüse an vielen Orten oftmals hohe Dioxinwerte auf. Nicht nur die Zahl der Geburtsschäden ist in Südvietnam um ein Vielfaches höher als im Weltdurchschnitt, sondern auch die von Krebserkrankungen.

Rund 16 Prozent der gesamten Landfläche Vietnams sind kontaminiert. Riesige Gebiete sind mit zähem Unkraut übersät, das allen anderen Pflanzen das Licht zum Leben nimmt. Fische, die von bösartigen Tumoren betroffen sind, Wildtiere, deren dezimierter Bestand sich bis heute nicht erholt hat, Reisfelder, deren Ernte ungenießbar ist, aber oft trotzdem vertilgt wird, sind nur Beispiele für die Kriegsfolgen. Zu Ihnen zählen auch die zahllosen Bombenkrater, die sich mit Regenwasser gefüllt haben und zu Brutstätten für Malaria-Mücken geworden sind.

Und was nicht durch die Giftkeule der Amerikaner zerstört worden ist, fiel nach dem mehr als drei Jahrzehnte langen Krieg zu großen Teilen einem rabiaten Kahlschlag für den Wiederaufbau zum Opfer. Auch die Bevölkerung sieht im verbliebenen Baumbestand oft nur den Treibstoff für museumsreife Maschinen und Öfen.

Die Wiederherstellung der natürlichen Struktur, von nationalen und internationalen Organisationen betrieben, ist äußerst schwierig. Denn nicht nur die vergiftete Pflanzenwelt macht zu schaffen, sondern insbesondere auch der zerstörte Ökokreislauf. Beispiel Mangrovensümpfe: Krabben, die sich eigentlich von kompostierenden Blättern ernährten, verspeisen heute wegen des fehlenden natürlichen Abfalls die zarten Sämlinge und gefährden so das Nachwachsen der Bäume. Gleichzeitig entwickelt sich die Zunahme der Krabbenpopulation zu einem Umweltproblem.

Zwar brachten einige Wiederaufforstungsprojekte der Regierung positive Resultate. So wurden 160.000 Hektar erfolgreich mit Kasuarinen bepflanzt, Bäume, die sowohl den Boden befestigen, als auch ein hartes Holz haben. Doch die Wiederbelebung der Biotop-Ruinen in Zentralvietnam scheint fast hoffnungslos. Dort, wo die US-Luftwaffe den Nachschub auf dem sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad mit massiven Bombardements stoppen wollten, sieht man heute kahle Hügel und wüstenähnliche Felder. Kanadische Experten bemühen sich mit Satellitentechnik und Bodenproben um eine Bestandsaufnahme.

Daß das Land hier in absehbarer Zeit wieder fruchtbar gemacht werden kann, wie ursprünglich geplant, glaubt mittlerweile kaum jemand mehr. Neu angepflanzte Eukalyptusbäume etwa sind auch nach zehn Jahren, sofern sie überhaupt überlebt haben, nie über die Höhe von Jungpflanzen hinausgewachsen. Ihr Wurzelwerk erschöpft sich in einem dürren Geflecht, das keine ordentliche Nährstoffaufnahme ermöglicht. Versuche, mit speziellen Düngmethoden und durch den Anbau von Mischkulturen mit Akazien und Pinusbäumchen das Gedeihen der Pflanzen zu fördern, blieben an diesen verseuchten Flecken erfolglos.

„Daten sind wegen der Bürokratie nur schwer zu bekommen“, beklagt einer der Chef-Ökologen des Landes, Dr. Vo Quy. „Aber wir rechnen damit, daß in den von Agent Orange ruinierten Flächen nur 30 Prozent der neuen Pflanzen überleben werden.“

Von LASSE DUDDE