Greenpeace Magazin Ausgabe 6.03

Deutschland - Erneuerbare Energien

Hürdenlauf für den Klimaschutz. Windkraft-Weltmeister sind wir schon, doch eine echte Energiewende ist in Deutschland noch längst nicht in Sicht. Nicht nur bei der Windkraft, auch bei anderen regenerativen Energien wie Sonne oder Biomasse, bauen Politiker wie Stromkonzerne systematisch neue Hindernisse auf.

Für Deutschland war es nur ein kleiner Schritt, für zwei nordfriesische Dörfer jedoch ein Riesensprung nach vorn: Gleich sechs Windturbinen der 2,5-Megawatt-Klasse nahmen Ahrenviöl und Ahrenviölfeld am 17. Mai diesen Jahres in Betrieb. Die alteingesessenen Bauern „ernten“ jetzt nicht nur, ganz klimafreundlich, weit mehr Strom als sie selbst verbrauchen: Jede Kilowattstunde Strom, die sie ins Netz speisen, weht ihnen fortan stetig Geld in die Kassen. Jetzt feiern wir jedes Jahr am 17. Mai den ‚Tag der Mühle‘“, freuen sich die frisch gebackenen „Energiewirte“.
Die sechs neuen Windpropeller im norddeutschen Flachland sind nur eines von hunderten Beispielen aus diesem Jahr für den Vormarsch der regenerativen Stromerzeugung – Schritt für Schritt erobert die umweltfreundliche Produktion von Strom und Wärme einen noch kleinen, aber beharrlich wachsenden Anteil an Deutschlands Energieversorgung. Steuerten die Alternativenergien zum Jahrtausendwechsel rund sechs Prozent zur Stromgewinnung bei (wobei mehr als zwei Drittel auf große Wasserkraftwerke entfielen), wird der Ökostromanteil Ende 2003 erstmals über die Neun-Prozent-Marke klettern; vorausgesetzt, der Wind bläst im Herbst kräftig und die Flüsse führen nach den Rekordtiefständen im Spätsommer wieder mehr Wasser.
Doch mit dem Erfolg der Regenerativen wächst auch der Widerstand von Energiekonzernen wie von Teilen der Politik. Kein Wunder: Jetzt werden in Berlin die Weichen gestellt, ob Deutschland seine Klimaschutz-Verpflichtungen wird erfüllen können oder nicht. Bis Anfang Juli 2004 will Bundeskanzler Gerhard Schröder den Energiemarkt neu sortiert haben. Schon Ende März nächsten Jahres wird im so genannten „Nationalen Allokationsplan“ für den Handel mit CO2-Zertifikaten festgelegt, wieviel Kohlendioxid Industrie und Energieversorger in den kommenden Jahren werden emittieren dürfen.
 Dann entscheidet sich, ob – wie von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement favorisiert – RWE, Vattenfall, Eon und Co. mit dem Bau von Braun- und Steinkohlekraftwerken die Klimazukunft für die nächsten 40 Jahre zementieren werden. Oder ob sich Umweltminister Jürgen Trittin durchsetzt, der verstärkt auf Energiesparen plus Wind, Wasser, Sonne, Biomasse und Erdwärme setzt. Nur mit Hilfe dieser erneuerbaren Energien ließe sich der CO2-Ausstoß so weit senken, dass das Klima nicht noch weiter aus der Balance gerät, als es in diesem Sommer des Wassermangels, der Missernten und Waldbrände in Europa schon den Anschein hatte.
Die Potenziale für den Aufbau einer umweltfreundlichen Energieversorgung sind da: Schon jetzt hat Deutschland nicht nur einen Ruf als Klimaschützer zu verlieren, sondern auch den Titel des „Windkraft-Weltmeisters“: Zwischen Kap Arkona auf Rügen und der Zugspitze drehten sich Mitte des Jahres mehr als 14.000 Dreiflügler mit einer Leistung von rund 13.000 Megawatt – und erzeugten ein Drittel des weltweiten Windstroms.
Ermöglicht hat den Boom das seit April 2000 gültige Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG; das auf das Stromeinspeisungsgesetz folgte): Mit fest kalkulierbaren, über die Laufzeit von 20 Jahren leicht sinkenden Einspeisetarifen hat das EEG eine wachsende Zahl von Anlegern motiviert, ihr Geld in Windturbinen zu investieren. „Insbesondere die Windkraft wird maßgeblich dazu beitragen, dass die Bundesregierung ihr Ziel erreichen wird, den Ökostromanteil bis zum Jahr 2010 auf rund zwölf Prozent auszubauen“, zieht Joachim Nitsch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik (DLR) eine Zwischenbilanz. Der Energieexperte hatte im Auftrag des Umweltbundesamtes in einem so genannten Nachhaltigkeits-Szenario die Potenziale der Erneuerbaren in Deutschland ermittelt (siehe Kästen zu „Windenergie“ & Co.).
Doch ausgerechnet das EEG, das die Windkraft so erfolgreich beflügelte, ist unter heftigem Beschuss des „Super“-Ministers für Wirtschaft und Arbeit, Wolfgang Clement. Der Ex-Ministerpräsident des Kohlelandes Nordrhein-Westfalen beklagt eine „Subventionsmentalität“ in der Windbranche und wirft den Betreibern „Abzocke“ vor. Das hindert ihn zugleich nicht, sich vehement für milliardenschwere Zahlungen an Deutschlands „teuerste Trachtengruppe“ – die Kohle-Kumpel – in die Bresche zu werfen.
„Die traditionelle Energiewirtschaft merkt, dass der grüne Strom Marktanteile erobert. Speziell die Windkraft erreicht Dimensionen, die sie in ihren Bilanzen spürt“, stellt Reiner Priggen fest, der Grünen-Energieexperte im Düsseldorfer Landtag. Prompt behaupten die ozialdemokraten, gestützt auf ein einseitiges Gutachten, dass die Windkraft künftig mehr Subventionen erhalte als die Steinkohle. CDU-Oppositionsführer Rüttgers fordert gar, demnächst solle der Bergbau über das EEG gefördert werden. Verkehrte Welt.
Beim „Energie-Gipfel“ im November mit Kanzler Schröder, Clement, Trittin und Vertretern von Energiewirtschaft und Industrie könnte es deshalb einen Deal zu Lasten des Klimas geben, argwöhnt der Greenpeace-Energiecampaigner Sven Teske: „Wir fürchten, dass die Konzerne im Gegenzug für eine halbwegs konsequente Fortsetzung des EEG den Freibrief erhalten werden, in neuen Kohlekraftwerken eine festgelegte Menge der fossilen Energieträger Stein- und Braunkohle zu verfeuern. Damit wäre automatisch auch die CO2-Menge festgeschrieben. Der Kohlendioxid-Ausstoß würde dann bis 2050 nicht so sinken, wie es zum Schutz vor dem Klimawandel unbedingt nötig wäre.“
Der Greenpeace-Experte verweist darauf, dass von den heutigen 120.000 Megawatt Kraftwerkskapazität bis 2020 mindestens 40.000 MW neu gebaut werden müssen. „Kraftwerke, die 2010 ans Netz sollen und dann 40 Jahre laufen, werden circa ab 2005 gebaut. Das heißt: Nun beginnt die Planung“, erklärt Teske. „Damit entscheidet sich jetzt: Weiter mit Kohle? Oder ein konsequenter Ausbau der Regenerativen – für eine Zwischenzeit in Kombination mit Gaskraftwerken, die wesentlich weniger CO2 ausstoßen? Eins ist klar: Wenn wir auf Kohle setzen, scheitern wir im Klimaschutz.“
Das Klammern an die Fossilen wird nicht nur energie-, sondern auch arbeitsmarktpolitisch immer zweifelhafter: Während die Kohle nur noch rund 70.000 Arbeitsplätze bietet, haben die Ökoenergien nach Berechnungen des Hauses Trittin mittlerweile etwa 130.000
zukunftsfähige Jobs geschaffen (siehe Seite 35). Die deutschen Windanlagen-Hersteller sind nach der Autoindustrie längst der größte Abnehmer hochwertigen Stahls in Deutschland und sichern damit auch in Hüttenwerken tausende Jobs (siehe „Der Daniel Düsentrieb des Windes“, Seite 32). „Dabei sind die Potenziale bei den grünen Energien bei weitem noch nicht ausgeschöpft“, sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut.
Da ist zum einen die noch ungenutzte Windkraft auf See. Bis zum Jahr 2030 sollen Dutzende Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee bis zu 25.000 MW Strom oder 15 Prozent des deutschen Bedarfs liefern. Weitere zehn Prozent erbringen neue, leistungsstärkere Mühlen an Land; in 30 Jahren könnte jede vierte Kilowattstunde aus Windturbinen stammen.
Bislang kaum genutzt ist der zweite Hoffnungsträger, die Biomasse. Holz, Biogas und nachwachsende Rohstoffe könnten 2050 rund ein Zehntel des Strom- und ein Sechstel des Wärmebedarfs wirtschaftlich decken. Einen spürbaren Beitrag zur Energiewende könnte auch die Geothermie leisten, die trotz ihres Potenzials noch in den Kinderschuhen steckt. Zur Zeit liegt ihr Beitrag zur Stromerzeugung noch bei Null; zudem werden nur eine Handvoll Wohnsiedlungen und Thermalbäder mit der Energie aus der Tiefe beheizt. Im Gegensatz zur Stromsparte mit dem EEG ist für den Wärmesektor aber kein vergleichbares Förderinstrument in Sicht.
Auch bei der Photovoltaik, in der die deutsche Forschung Weltspitze ist, lässt Berlin klare Perspektiven vermissen. Zwar werden Solarzellen immer effizienter, vielseitiger und billiger in der Herstellung. Doch das Budget des 100.000-Dächer-Programms ist ausgeschöpft, über die Anschlussregelung aber noch nicht entschieden, weil sich die Novellierung des EEG verzögert. Der zukunftsträchtige Solarmarkt liegt deshalb derzeit am Boden. Ähnlich unklar ist die Lage bei Treibstoff aus nachwachsenden Rohstoffen.
Doch selbst der Ausbau scheinbar etablierter Ökoenergien ist „kein Selbstläufer“, wie Peter Ahmels, der Präsident des Bundesverbandes WindEnergie (BWE), fast täglich erfährt. An Nord- und Ostsee, wo sich die meisten Windräder drehen, wie im Binnenland beklagen Bürgerinitiativen die „Verschandelung“ der Landschaft, während Naturschützer Gefahren für die Vogelwelt beschwören. So warnt der Biologe Helmut Kruckenberg vom Naturschutzbund Deutschland vor der Abschreckung von Zugvogelschwärmen aus Sibirien und Skandinavien aus ihren angestammten Rastgebieten an norddeutschen Küsten durch kreisende Rotoren. Auch Offshore-Windparks, wo wegen stärkerer und stetigerer Winde Strom in großen Mengen erzeugt werden kann, treffen auf Widerstand: Der Bürgerwindpark Butendiek etwa, in der Nordsee rund 34 Kilometer vor Sylt geplant, könnte mit seinen 80 Windrädern zur tödlichen Falle für Zugvögel werden, fürchten Naturschützer.
Noch sind die Gefahren für Fische, Meeressäuger, Zug- und Wasservögel mangels Daten weitgehend ungeklärt. „Die bisher einzigen Untersuchungen an Eiderenten in einem Offshore-Windpark in Dänemark ergaben, dass keine Kollision und auch keine negativen Auswirkungen auf die räumliche Verteilung Nahrung suchender Schwimmvögel festgestellt werden konnten“, gibt Christiane Ketzenberg vom Institut für Vogelforschung in Wilhemshaven zumindest leichte Entwarnung.
„Wir müssen aufpassen“, sagt BWE-Chef Ahmels, „dass im Streit zwischen eher auf die Tiere fokussierten Naturschützern und auf die Klimakatastrophe konzentrierten Umweltschützern vom Klimaschutz noch etwas übrig bleibt. Von einem konsequenten Ausbau umweltfreundlicher Energien oder mehr Energieeffizienz ist aus Kreisen der Politik jedenfalls kaum noch was zu hören.“
Das beklagt auch Sven Teske von Greenpeace Deutschland: „Wir reden nur über einen Ökostromanteil von zehn, zwölf Prozent bis zum Jahr 2010. Wie die verbleibenden rund 90 Prozent geschafft werden sollen, dafür fehlt jegliches politisches Konzept.“ Teske fordert deshalb spätestens für das nächste Bundeskabinett ein eigenständiges Energieressort: „Die jetzige Aufspaltung zwischen den konventionellen Energien beim Wirtschaftsministerium und den Erneuerbaren Energien im Umweltministerium blockiert eine Energiepolitik aus einem Guss. Was wir zur Zeit zwischen Clement und Trittin erleben, ist mehr Gegen- als Miteinander.“
Für den DLR-Experten Nitsch müsste auch die Forschungspolitik neu justiert werden. Nach wie vor gebe es ein eindeutiges Übergewicht für fossil-nukleare Projekte: „Auf Europa-Ebene werden noch immer dreistellige Millionenbeträge für die Fusionstechnologie locker gemacht.“
Ein neues Ministerium mit dem Schwerpunkt Ökoenergien bleibt unter Kanzler Schröder jedoch höchst fraglich. Der hatte Anfang des Jahres vor Betriebsräten der Deutschen Steinkohle AG gezeigt, wofür sein Herz schlägt: „Neben der Braunkohle ist die deutsche Steinkohle der einzige heimische Energieträger von wirklicher Bedeutung. Genau das ist der Grund meines Engagements für die Kohle.“ Deshalb werde er den Bergbau auch nicht fallen lassen.
Da könnte der Auftritt des Kanzlers bei der Konferenz für Erneuerbare Energien im Juli 2004 in Bonn, zu der er beim Umweltgipfel in Johannesburg eingeladen hatte, ein hübscher Spagat werden. Auf der „Renewables 2004“ wird sich Schröder für das EEG, den Windkraft-Ausbau und einige Förderprogramme kräftig selber loben. Eine Energiewende aber, wie Deutschland sie dringend nötig hat, dürfte er kaum ankündigen. Es sei denn, neue, drastische Zeichen des Klimawandels zwingen ihn zum Umdenken.

Von RALF KÖPKE