Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.17

Die Kassandra vom Südkreuz

Text: Dirk Gieselmann Foto: Heinrich Holtgreve

Sascha Hach und seine Mitstreiter von ICAN warnen die Weltgemeinschaft vor der Gefahr eines Atomkriegs. Lange hörte sie nicht hin, doch das ändert sich nun

An manchen Tagen kommt einem die Welt vor wie ein eskalierender Kindergeburtstag. Es herrscht erbitterter Streit um Bagatellen, ohne Aussicht auf Versöhnung, das Nasenblut tropft auf den Teppich, die Raufbolde triumphieren, und niemand weiß mehr genau, worum es überhaupt geht. Postfaktisch, so lautet das Attribut, das sich durchgesetzt hat für die Beschreibung einer Zeit, in der am Ende einer Auseinandersetzung oft nicht der Klügere gewinnt, sondern derjenige, der sich seiner Dummheit weniger schämt. Was geboten ist, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen oder wenigstens Schäden von ihr abzuwenden, das geht heillos unter im Geschrei.

Sascha Hach wird nicht lauter deswegen, er wird eindringlicher. Er artikuliert seine Botschaft sauber, von der immensen Geduld des Mahners erfüllt. Hach weiß, dass die größte Gefahr für unsere Zivilisation nicht vom Veggieday ausgeht, nicht von der Autobahnmaut, der Burka oder worüber sich die Leute sonst so in den Haaren liegen. Er weiß, dass der von vielen so lustvoll beschworene Untergang nicht nur metaphorisch zu verstehen ist, sondern tatsächlich droht: durch den Atomkrieg.

Sascha Hach, 33 Jahre alt, studierter Friedensforscher, ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Ausgründung von ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Nuklearwaffen. Er und seine Mitstreiter wollen die Gesellschaft wachrütteln. „Wenn man sich die Auswirkungen einer Atomwaffendetonation in ihrer Reichweite und ihren Facetten klarmacht, kann man nur erschrecken“, sagt er. „Diese grenzenlose Zerstörungskraft negiert jede Achtung vor dem Leben.“ Es ist ein für ihn typischer Satz: ein Menetekel, vorgetragen im nüchternen Ton eines Referenten.

Hach und die anderen ICAN-Aktivisten, im Kern etwa dreißig junge Leute, arbeiten größtenteils ehrenamtlich, bis zu 25 Stunden in der Woche. In ihrem Berliner Büro hängt eine selbstgebastelte Agenda für das Jahr 2017 an der Wand, mit blauem Filzstift hat jemand auf die Pappe ein Ziel geschrieben, einen guten Vorsatz für die ganze Menschheit: „Frieden“. Von hier aus, einem Hinterhofgebäude unweit des Kreuzberger Südsterns, organisiert ICAN Informationsveranstaltungen für Studierende und Wissenschaftler und hat Bündnisse mit 424 anderen Friedensinitiativen und humanitären Organisationen aus 95 Ländern geschmiedet. ICAN leistet Aufklärungsarbeit in den sozialen Medien und versucht, Journalisten für die – neben dem Klimawandel – wohl größte Gefahr zu sensibilisieren, der die Menschheit ausgesetzt ist. Klinken putzen, Papierkram bewältigen, gegen Wände reden: Die Arbeit ist nicht spektakulär, sie wird erst heroisch durch die Zähigkeit, die sie erfordert.

Es sei ein oftmals frustrierender Prozess, gegen eine in Schräglage geratene Aufmerksamkeitsökonomie anzukämpfen, sagt Hach. „In Europa finden die meisten, Donald Trump sei ein Idiot. Aber wenn der Idiot die Klappe aufmacht, hören ihm alle zu, sogar wenn es um Atomwaffen geht. Sowohl die Medien als auch ihr von Trump fasziniertes Publikum schließen jedoch die Ohren, wenn sich wieder andere Stimmen zu Atomwaffen äußern. Die Wachheit nützt nichts, wenn sie allein auf den Reiz des Ungeheuren gerichtet ist.“ Die ICAN-Aktivisten sind sich der Bedrohung sehr bewusst, trotzdem sind sie in der Lage, eine Utopie zu entwickeln: die von einer kernwaffenfreien Welt. „In Angststarre den Vorboten einer Katastrophe zu lauschen, wird sie nicht abwenden“, sagt Sascha Hach. „Wir müssen es schaffen, dieser Versuchung zu widerstehen.“

Er selbst ist gerade alt genug, um die leibhaftige Angst vor der Apokalypse noch zu kennen. Er wurde 1983 geboren und wuchs im pfälzischen Katzweiler auf, sein Elternhaus stand wenige Kilometer vom US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein entfernt. Dort waren mutmaßlich 130 Fliegerbomben vom Typ B-61 gelagert, jede mit der zwanzigfachen Sprengkraft des „Little Boy“, der am 6. August 1945 in Hiroshima detonierte – ein Arsenal des Schreckens. „Die Schüler in den höheren Jahrgängen“, sagt Hach, „haben von Schutzübungen erzählt, die sie absolvieren mussten, für den Fall eines sowjetischen Erstschlags.“ Duck and Cover in Katzweiler – eine Kindheit im Angesicht des nuklearen Winters.

Doch das Leben musste ja irgendwie weitergehen, auch in der Pfalz. Die Banalität des Alltags überdeckte alsbald die Angst vor dem Weltuntergang. Die Menschen rund um Ramstein saßen, wie überall in Europa, auf einem Pulverfass und taten geflissentlich, als wäre es ein Sessel. „Man kann nicht jeden Abend mit weit aufgerissenen Augen im Bett liegen und an die Bombe denken“, sagt auch Sascha Hach. „Das hält niemand lange aus.“

Und doch regte sich zuweilen Widerstand. Noch am 20. März 2004, dem ersten Jahrestag des Irakkriegs, für den die US-Luftwaffe von Ramstein aus Einsätze flog, zogen 3000 Menschen unter dem Motto „Stillhalten ist tödlich!“ zur Airbase. Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter rief ihnen zu: „Die Bomben gehören den USA, die im Ernstfall genauso wenig fragen würden, ob sie diese einsetzen dürfen, wie sie es im Falle der von Deutschland aus gestarteten Kampfflugzeuge getan haben. Ein künftiger Gegner müsste also bestrebt sein, die hiesigen Atombomben vorsorglich auszuschalten. Das heißt, dass die Menschen, die in dieser Gegend wohnen, in einer andauernden nuklearen Geiselhaft leben.“ Ein Jahr später, so wird vermutet, wurde das damals größte Atomwaffendepot auf dem Kontinent geräumt, offiziell wurde das allerdings nie bestätigt.

In den Jahren seit 1989, als der Kalte Krieg vorüber schien und sich die Illusion Bahn brach, dass die Menschheit in eine Epoche globalen Friedens übertreten würde, hatte überall in Deutschland und Europa das Bewusstsein für die Gefahr abgenommen, die von Kernwaffen ausgeht. Sie wurde nun nicht mehr nur verdrängt, sie wurde für überwunden gehalten. Heute taucht sie kaum noch in den Zeitungen oder den Parteiprogrammen auf. Die Kubakrise im Jahr 1962 oder das Nato-Manöver Able Archer 83, das die Sowjetunion als echten Angriff missinterpretierte und sie beinahe zum atomaren Gegenschlag ausholen ließ, verschwinden allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis, genau wie die Aufkleber mit der weißen Taube von den Heckklappen. Die Generation der Millennials, die Zwanzig- bis Dreißigjährigen, sind in Friedenszeiten groß geworden und halten den drohenden Atomkrieg für ein dunkles Kapitel der Geschichte. Als wäre ein Komet, der einmal Kurs auf die Erde nahm, wieder in den Weiten des Alls verschwunden.

Doch das neue Sicherheitsgefühl beruht auf einem Irrtum. Noch immer existieren nach Schätzungen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI weltweit rund 15.850 Atomwaffen – und erleben ihre Renaissance als geopolitisches Machtwerkzeug. Der russische Präsident Wladimir Putin prahlt mit der Modernisierung seines Arsenals, Donald Trump assoziiert noch vor seinem Amtsantritt frei über die Möglichkeit, dass man die Bombe ja auch zünden könne. Und es sind, anders als zu Zeiten des Kalten Krieges, Konfliktparteien auf den Plan getreten, denen das Schlimmste zuzutrauen ist – von islamistischen Terrororganisationen bis zum nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un. Und auch wenn die Atomwaffen aus Ramstein verschwunden sein mögen, in Büchel in der Eifel lagern noch immer zwanzig Exemplare des Typs B61. Sie gehören den US-Streitkräften und könnten im Rahmen der von der Nato vereinbarten nuklearen Teilhabe von deutschen Jagdbombern zum Einsatz gebracht werden.

Drei Wochen nach der Wahl Donald Trumps, der laut darüber nachdenkt, Europa den atomaren Schild zu entziehen, schlug Berthold Kohler, einer der Herausgeber der FAZ, der Bundesregierung eine neue Marschroute vor: „Das für deutsche Hirne ganz und gar Undenkbare, die Frage einer eigenen nuklearen Abschreckungsfähigkeit, welche die Zweifel an Amerikas Garantien ausgleichen könnte.“ Angesichts solcher Wortmeldungen legt Sascha Hach die Stirn in tiefe Falten. „Die Verbreitung des Irrglaubens, dass Muskelspiele, wie wir sie aus pubertären Schaukämpfen auf Schulhöfen kennen, Stärke und Unverletzbarkeit demonstrieren, ist zeitlos“, sagt er. „So wird es nie zu Abrüstung kommen.“

Immer wieder suchen die ICAN-Aktivisten den Dialog mit Politikern und Diplomaten. „Fachwissen, Ernsthaftigkeit und ehrliche Gesprächsbereitschaft sind Pfeiler unserer politischen Arbeit“, sagt Hach. Gerade arbeitet er mit seinen Kollegen an einem Brief an den deutschen Außenminister, der ihn dazu bewegen soll, doch noch an den Verhandlungen über ein völkerrechtliches Verbot von Atomwaffen teilzunehmen. Deutschland hatte bei der UN-Generalversammlung kurz vor Heiligabend gegen die Aufnahme der Verhandlungen gestimmt, die Resolution wurde dennoch mit großer Mehrheit verabschiedet, die vor allem durch das Votum von atomwaffenfreien Staaten aus der südlichen Hemisphäre zustande kam. ICAN sieht darin „einen Wendepunkt in der Geschichte der Abrüstung, eine geopolitische Neujustierung“ – und ein Zeichen der Hoffnung in finsteren Zeiten. „Die bestehende, auf Atomwaffen fußende Weltordnungspolitik und ihre alten Machtzentren haben das Vertrauen vollends verspielt“, sagt Hach. „Es ist, als ob die Generalversammlung mit dieser Resolution eine neue Ära einläuten will.“ Die Verhandlungen werden Ende März in New York beginnen und sollen eine Lücke im Völkerrecht schließen: Atomwaffen sind die einzigen Massenvernichtungswaffen, die noch nicht verboten sind. ICAN will den Prozess mit einem zivilgesellschaftlichen Bündnis von Organisationen aus den Bereichen Umwelt-, Entwicklungs-, Gesundheits- und Friedenspolitik begleiten.

Dass die Aktivisten auch Lobbyarbeit betreiben, unterscheidet sie von der Friedensbewegung früherer Jahrzehnte, die auf Konfrontation und Abgrenzung setzte. Die Veteranen würden den Jungen deshalb oftmals Gefälligkeit und Angepasstheit vorwerfen, sagt Sascha Hach, er erkenne bei den Alten eine gewisse „Verbissenheit und einen akuten Mangel an Humor“. Viel gemeinsam haben die Generationen nicht, nur ihr Ziel. Und ein paar Insignien, wie den bunten Papierkranz an der Eingangstür des Büros. Er besteht aus unzähligen gefalteten Kranichen, ein Symbol des Widerstands gegen den Atomkrieg, das auf Sadako Sasaki zurückgeht. Sie war zweieinhalb Jahre alt, als Little Boy auf ihre Heimatstadt Hiroshima fiel, zehn Jahre später erkrankte sie an Leukämie, eine Spätfolge der nuklearen Verstrahlung. Um zu genesen, fertigte sie jene Origami-Kraniche, denn es hieß, dass, wer tausend davon falte, einen Wunsch freihabe. Er blieb ihr versagt: Sadako Sasaki starb am 25. Oktober 1955.

Das mag manchem Millennial wie eine Sage aus ferner Vergangenheit erscheinen, ganz wie die Tragödie von der trojanischen Königstochter Kassandra, die dazu verdammt war, das Unheil vorauszusehen, aber niemals Gehör zu finden. Auch Sascha Hach kennt die Bedrohung und die Ignoranz. „Mit unserem Thema gewinnt man keinen Blumentopf“, sagt er. „Die Leute meiden es wie die Pest.“ Aufgeben kann und will er trotzdem nicht. Und dann hebt er schließlich doch die Stimme, es klingt wie ein Schlachtruf: „Unsere stärkste Waffe ist das Wort.“