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Die Krefeld-Story

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Die Krefeld-Story

Text: Wolfgang Hassenstein Foto: Christian Grund

Eine Gruppe leidenschaftlicher Insektenforscher landete vor bald einem Jahr einen Coup, der die Welt bewegte. Mit detektivischem Spürsinn und penibler Methodik wies sie erstmals nach, was zuvor nur eine böse Ahnung war: Die Zahl der Fluginsekten in Deutschland nimmt dramatisch ab. Wer sind die Wissenschaftler, die so viel ins Rollen gebracht haben?

Der Egelsberg ist eine schöne Ecke Rheinland, bewachsen mit Heidekraut, Magerrasen und alten Huteeichen, im Tiefflug zieht ein Trupp krächzender Graureiher vorbei. Etwas hügelig ist es hier schon, doch ein Berg im engeren Sinn ist nicht auszumachen, die drei Männer vom norwegischen Fernsehen, die sich neugierig nach Motiven umsehen, sind da anderes gewohnt. „Das hier“, erklärt ihnen Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld, „ist noch eines der besseren Gebiete. Aber auch hier nimmt die Insektenzahl schleichend ab.“ Er lässt seinen Blick über die Landschaft schweifen und fügt mit der ihm eigenen Ironie hinzu: „Wenn jemand einen Ort kennt, an dem der Trend in eine ganz andere Richtung geht, dann wären wir sehr daran interessiert.“

Der Biologe und zwei seiner Vereinsfreunde sind an diesem schönen Junitag mit einem kleinen internationalen Medientross in das stadtnah gelegene Naturschutzgebiet gekommen, um eine Malaise-Falle vorzuführen. Die zeltartige Konstruktion steht auf einer Wiese, wie immer exakt Richtung Süden ausgerichtet. „Sie fängt rein passiv“, erklärt Thomas Hörren, ein Student mit Undercut und dem Tattoo eines großen Käfers am Hals. „Die Insekten kommen vorbeigeflogen und stoßen gegen die schwarze Gaze der Mittelwand. Dann fliegen sie nach oben, weil sie zum Licht wollen.“ Der obere Teil der Falle, nach eigenem Schnittmuster aus dem Jahr 1982 auf immer gleiche Weise in Krefeld genäht, besteht aus weißer Gaze und endet in einem Bereich, an dem eine alkoholgefüllte Flasche angebracht ist – schon leicht benebelt taumeln ein paar Tiere nahe ihrer Öffnung umher. Hörren schraubt den vollen Behälter aus einem Gewinde. Ein Blick hinein offenbart ein heilloses Durcheinander aus Fliegen und Mücken, Faltern und Käfern, Hummeln und Wespen. Der Kameramann aus Norwegen hält drauf.

Es ist nun bald ein Jahr vergangen, seit in der Online-Fachzeitschrift Plos One ein englischsprachiger Artikel mit einer sperrigen Überschrift erschienen ist: „Mehr als 75 Prozent Abnahme über 27 Jahre der Gesamtbiomasse fliegender Insekten in Schutzgebieten“. Die Krefelder Entomologen berichteten darin zusammen mit Ökologen aus den Niederlanden und Großbritannien über schrumpfende Insektenfänge im deutschen Flachland. Die Nachricht ging um die Welt. Sie machte Schlagzeilen in Peking und Honululu, sie veranlasste den britischen Guardian zur Wortschöpfung „Insectageddon“ und die New York Times zu einem Porträt der wunderlichen Vereinsforscher im fernen Germany. „Wir haben erwartet, dass das Interesse nach ein paar Wochen abflaut“, sagt Martin Sorg neun Monate später. „Aber es scheint, als würden die Anfragen sogar wieder zunehmen.“

Gut möglich also, dass später einmal, wenn die Leute ans große Insektensterben zurückdenken, von der Zeit „vor Krefeld“ die Rede sein wird und dem, was danach geschah. Der 18. Oktober 2017 könnte als jener Tag in Erinnerung bleiben, an dem die Menschen die Dimension des Niedergangs ihrer Mitgeschöpfe realisierten, den sie nicht mehr aufzuhalten vermochten und der schließlich im Kollaps von Nahrungsnetzen und Ökosystemen mündete. Oder aber er wird einen Wendepunkt markieren, den Tag, als Politik und Gesellschaft endlich wachgerüttelt wurden und begannen, sich dem Verlust der Vielfalt entgegenzustemmen, auf dass es nicht einsam werde um die Menschen und am Ende ihre eigene Existenz auf dem Spiel stehe. Sicher ist jedenfalls, dass seit dem 18. Oktober 2017 niemand mehr behaupten kann, das Ausmaß der biologischen Krise nicht gekannt zu haben. (...)

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