Die Rattenfänger

Greenpeace Magazin

Ausgabe 4.14

Die Rattenfänger

Text: Wolfgang Hassenstein

Knallbunte Verpackungen, Comicfiguren und Spielzeug verführen Kinder und Eltern zum Kauf von zu viel Süßigkeiten, Limonaden und salzigen Snacks. Ärzte und Ver braucherschützer fordern Marketingverbote und höhere Steuern. Doch die Lebensmittelindustrie verhindert strengere Regeln – mit den gleichen Tricks wie die Tabakbranche.

Eine Recherche von Wolfgang Hassenstein mithilfe seiner Kinder

Neulich kam ich mit meiner fünfjährigen Tochter an einem Lidl vorbei. Obwohl wir Discounter sonst eher meiden, wusste sie, dass es dort gerade diese kleinen Saugnapf-Weltraummonster gibt und dazu ein dreidimensionales Sammelalbum in Raketenform, das sie und ihre Schwester noch bräuchten. Und zwar dringend!

Ich wollte kein Spielverderber sein. Also sind wir rein in den Laden, haben die „Stikeez“-Station bei den Kassen auch gleich gefunden – doch die Raketen waren ausverkauft und würden, wie uns die Kassiererin erklärte, auch nicht mehr wieder reinkommen. Erst schien es, als würde meine Tochter die Sache mit Fassung tragen, doch dann entdeckte sie im Regal gegenüber die Überraschungseier. Als ich ihre Bitte ausschlug, ersatzweise ein Ei zu kaufen, kam es zum Eklat: Sitzstreik mit Geschrei, Rückstau im Kassengang, betretene Gesichter.

Ein echter Klassiker. Warum, fluchte ich, müssen diese Eier ausgerechnet hier rumstehen? Schon ohne vorsätzlich gestellte Fallen ist es eine Riesenherausforderung, den Konsumdrang von Kindern zu kontrollieren. Wie sich die Lage gerade bei den Süßigkeiten in den letzten Jahrzehnten zugespitzt hat, merke ich erst, seit ich selbst Vater bin. Es gibt neue Feste (Halloween), neue Bräuche (Abschiedstütchen bei Kindergeburtstagen) und neue Produkte (Monsterbacke). Eine Kugel Eis ist dreimal so teuer wie in meiner Kindheit, aber auch dreimal so lecker.

Dass man Kinder mit Naschzeug glücklich machen kann, ist ja erst mal etwas Schönes. Die Natur will es so, dass sie Süßes noch mehr lieben als wir  Erwachsene, dass sie auch auf Salziges stehen und auf Fettiges – ein biologisches Erbe unserer Vorfahren, für die Nahrung mit hohem Energiegehalt  überlebenswichtig war und die noch ohne Supermärkte auskommen mussten. Heute aber sind viel mehr Kinder und Jugendliche übergewichtig als noch in den Achtzigerjahren, und nicht Mangel, sondern ein Überfluss an Kalorien und Salz ist zum Risiko geworden. Geschmacksvorlieben und Essgewohnheiten werden früh geprägt, dicke Kinder bleiben mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im späteren Leben dick, und steigende Übergewichts- und Adipositasraten führen zur epidemieartigen Zunahme zahlreicher Volkskrankheiten von Bluthochdruck bis Diabetes. Wem die Gesundheit seiner Kinder am Herzen liegt, der muss also gut darauf achten, was sie essen.

Dass das extrem schwierig ist, werden wohl die meisten Eltern bestätigen, es fängt ja schon beim Frühstück an: Man wird nervös, wenn das Kind nur lustlos am Brot herumnagt, und freut sich umso mehr, wenn es ordentlich zulangt – auch das ist wohl biologisch bedingt. Am besten funktionieren morgens Frühstücksflocken. Klingt erst mal gesund: Getreide mit Milch. Aber man ahnt es schon: Die meisten Produkte, warnte Foodwatch 2012, seien in Wahrheit „Süßigkeiten mit Müsli-Anstrich“. Die Verbraucherschützer hatten 143 Frühstücksflocken unter die Lupe genommen, deren Aufmachung eindeutig an Kinder gerichtet ist, und siehe da: Sie waren im Schnitt doppelt so süß wie Produkte für Erwachsene. Jede zweite Packung enthielt mehr als 30 Prozent Zucker, einige fast die Hälfte. Die von  Kellogg’s und Nestlé entwickel ten Kalorienbomben werden von Discountern kopiert, viele Bio-Flocken sind auch nicht besser. Die Produkte seien „zuckriger als Kuchen oder Schokokekse“, erklärte Foodwatch, „und erfüllen nicht die Ansprüche an ein kindgerechtes Frühstück.“

Kann es denn wirklich sein, dass die Hersteller die genetisch programmierten, potenziell krankmachenden Vorlieben der Halbwüchsigen gezielt ausnutzen? Für Foodwatch ist der Fall klar: „Das Geschäftsmodell der Lebensmittelindustrie, insbesondere der großen Konzerne, basiert darauf, die immer gleichen, relativ billigen Rohstoffe (Stärke, pflanzliche und tierische Fette, Zucker) unter Zuhilfenahme von Zusatzstoffen und Aromen zu energiedichten, kalorien reichen, aber meist minderwertigen und ungesunden ‚Markenprodukten‘ zu verarbeiten“, heißt es im Report „Kinder kaufen“. Die Industrie stelle die Pyramide einer ausgewogenen Ernährung geradewegs auf den Kopf: Überzuckerte Flocken, Joghurts und Softdrinks bildeten den Löwenanteil der Kinder-Produkte, Obst und Gemüse dagegen spielten in der Werbung kaum eine Rolle.

Ich beschließe, mit meinen Töchtern, fünf und sieben, einen Feldversuch zu machen: Beim nächsten Einkauf dürfen sie – Riesenausnahme! – alles selbst aussuchen, zehn Artikel pro Kind. Sie sind erwartungsgemäß begeistert. Auf dem Weg zum Edeka klärt die Ältere noch die Regeln ab: „Wenn ich Fruchtzwerge nehme“, möchte sie wissen, „gilt das dann als eine oder als sechs Sachen?“

Ich muss dazu sagen, dass wir uns zu Hause wenig aus Markenprodukten machen, Wert auf gutes Essen legen und meist Bio-Lebensmittel kaufen. Dennoch erweisen sich die beiden im Supermarkt mit ihren mit Fähnchen ausgestatteten Kindereinkaufswagen als wenig ökologisch eingestellt. Im Frühstücksflockengang ist die Wahl schnell getroffen: Die Kleine entscheidet sich für Nesquick Duo, zweifarbige Weizenkugeln, die Große greift mit einem freudigen „ah“ zu Kellogg’s Choco Krispies. Weiter zum Kühlregal: Hier wirken die bunten Fruchtzwerge-Becher zwar als Blickfänger, doch die Mädchen schwenken um auf einen Joghurt mit Smarties-Knickecke und einen rosa Disney-Märchen-Joghurt von Danone im Viererpack. In der Getränkeabteilung fällt die Wahl auf einen Zehnerkarton Capri-Sonne „Monster Alarm“ (siehe „Keine Anzeige“) und eine Flasche Multivitaminsaft. Außerdem gibt es Mini-Marshmallows, Mini-Schokoküsse und Mini-Bockwürstchen, verschiedene Waffeln, Erdnussflips sowie je ein Ed von Schleck mit Gummibärchen im Stiel.

Das Testergebnis ist eindeutiger als erwartet. Es zeigt,
■ dass der ganze Supermarkt eine potenzielle Quengelzone ist,
■ dass mich von jeder zweiten Verpackung im Einkaufswagen irgendwas angrinst: Hasen, Affen und Bären; Prinzessinnen, Monster und Vampire – selbst Schokoküsse, Erdnussflips und saure Glühwürmchen haben Gesichter und aufdringlich gute Laune,
■ dass es oft Spiele gratis dazu gibt, etwa einen „magischen Löffel“, der sich in kalter Milch verfärbt, oder einen Dracula-Bleistiftaufsatz,
■ dass das Markenbewusstsein der Kinder bereits groß ist: Die Bärchen-Salami „hat ein Kind zum Osterfrühstück in der Kita mitgebracht“, die Choco Krispies „gab es neulich auf dem Ponyhof“.

Zu Hause schaue ich mir die Nährwerttabellen auf den lustigen Produkten an, die meine Töchter ausgewählt haben. Die Nesquick-Bällchen bestehen zu einem Viertel aus Zucker, die Choco Krispies zu einem Drittel. Eine Capri-Sonne enthält 18 Gramm davon, fast ebenso viel steckt in einem Becherchen Disney-Joghurt, den das Bild der gertenschlanken Meerjungfrau Arielle ziert. Mit einer Küchenwaage messe ich mal nach: Das sind fast vier Teelöffel. Ich stelle mir vor, dass sich meine Tochter vier Teelöffel Zucker in ein Schüsselchen Naturjoghurt schaufelt. Ich würde intervenieren.

Auf der Danone-Website finde ich eine Tabelle, die besagt, dass der Zucker in einem Disney-Joghurt 19 Prozent des Tagesrichtwerts entspricht. Ich wundere mich. Ein Kind soll täglich zwanzig Teelöffel Zucker zu sich nehmen? Im Kleingedruckten entdecke ich den Hinweis, dass sich die Angabe auf Erwachsene bezieht – und im Internet eine scharfe Kritik der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an den Richtwerten (Guideline Daily Amount), auf die sich alle Nährwertangaben der Hersteller beziehen. Die Herleitung der vom Verband der Europäischen Lebensmittelindustrie entwickelten GDA-Werte sei „wissenschaftlich nicht logisch“, die Angaben führten Verbraucher in die Irre. So empfiehlt denn auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht 100 Gramm Zucker pro Tag, sondern 50 – und will diesen Richtwert, um Diabetes, Adipositas und Karies einzudämmen, jetzt nochmal halbieren: auf 25 Gramm, für Erwachsene wohlgemerkt.

Ich rechne nach: Mit einer Portion Choco Krispies, einer Capri-Sonne und einem Becher Märchen-Joghurt landet ein Kind schon beim Doppelten – ganz ohne Marmeladenbrot, einen Becher Kakao oder auch nur eine einzige echte Süßigkeit, die als solche erkennbar wäre. Langsam wächst meine Empörung – aber die Hersteller schieben mir den Schwarzen Peter zu. Letztlich seien die Eltern für die ausgewogene Ernährung ihrer Kinder verantwortlich, sagen sie, man müsse ihre Produkte ja nicht kaufen. Zugleich werfen sie Nebelkerzen. „Für Erwachsene zählt mehr als nur der Geschmack“, steht auf der Nesquick-Duo-Packung in einer grünen Banderole: Nestlé Cerealien seien deshalb „nicht nur unwiderstehlich lecker, sondern enthalten immer auch mindestens 30 Prozent Vollkorngetreide“. Symbolisiert wird das durch eine Ähre mit Häkchen dran. Sieht supergesund aus.

Auf der Website der Firma stoße ich auf noch einen seltsamen Satz: „Das Nestlé Cerealien Versprechen ist die freiwillige Selbstverpflichtung, die Nestlé Cerealien-Produkte kontinuierlich zu verbessern.“ Tatsächlich hat der Hersteller den Zuckeranteil einiger Produkte leicht gesenkt, die Formulierung irritiert mich trotzdem. Wieso „kontinuierlich“? Wieso nicht gleich richtig?

„Es geht den Konzernen nur darum, Zeit zu schinden“, erklärt mir Anne Markwardt von Foodwatch am Telefon. „Die wissen, dass sie nicht mehr lange so weiter machen können. Sie schrauben etwas an den Rezepturen herum, sponsern Sportprojekte oder Angebote zur Ernährungsbildung, alles mit dem Ziel, strengere Regeln so lange wie möglich hinauszuzögern.“ Foodwatch hält einen Zuckergehalt von bis zu zehn Prozent in Kinder-Frühstücksflocken für angemessen.

Im sogenannten „EU Pledge“ verspricht die Lebensmittelindustrie, ungeeignete Produkte nicht mehr für Kinder unter zwölf Jahren zu bewerben. Die Grenzwerte legt sie selber fest, Ende 2014 werden sie gar verschärft. Doch die Firmen sind etwa beim Zucker weiterhin großzügig mit sich selbst: Der süße Märchen-Joghurt und die Nesquick-Kugeln sind auch künftig nicht betroffen. Ein weiteres Standardargument der Branche ist, auch mangelnde körperliche Aktivität fördere bei der Jugend von heute das Übergewicht. Deshalb gibt es zum Beispiel die „Plattform Ernährung und Bewegung“, die gerade den „Aufruf! Zu weniger Sitzen und mehr Bewegung“ initiiert hat. Zu den Unterstützern zählen – neben dem Agrarministerium – Danone, Nestlé und Unilever, Coca-Cola und Capri Sonne, Mars und Ferrero, KFC und McDonald’s. Ihr Motto: „Gemeinsam für einen gesunden Lebensstil von Kindern“. Komisch, dass ihr Engagement weder mich noch die Experten beruhigen kann.

Bei meinen Recherchen stoße ich auf ein kämpferisches Zitat: Es sei eine der größten Herausforderungen, Krankheiten wie Diabetes „gegen die Geschäftsinteressen mächtiger Wirtschaftsakteure“ einzudämmen, sagte kürzlich Margaret Chan. Um strengere Auflagen zu verhindern, setzten Lebensmittel- und Softdrinkkonzerne auf die „gleichen Taktiken wie Big Tobacco“, nämlich auf „Lobbying, Versprechen der Selbstregulation, Klagen und industriefinanzierte Forschung, die Verwirrung und Zweifel an der Beweislage verbreitet.“ Chan ist die Vorsitzende der WHO.

Mit ähnlichen Worten beschrieb ein Forscherteam um den Australier Rob Moodie die Lage. „Transnationale Firmen sind die Haupttreiber für Epidemien nicht übertragbarer Krankheiten“, lautete 2013 das Resümee eines Übersichtsartikels im Auftrag des führenden medizinischen Fachblatts „The Lancet“. Sie profitierten vom steigenden Konsum von Tabak, Alkohol und ungesunden Lebensmitteln, untergrüben mit den gleichen Strategien eine effektive Gesundheitspolitik und sollten deshalb nicht an der Entwicklung von Gegenmaßnahmen beteiligt werden. Die Experten gaben auch Empfehlungen, wie sich nicht übertragbare Krankheiten eindämmen ließen: mit höheren Steuern auf ungesunde Produkte, mit Werbe- und Sponsoring-Verboten. „Regulierung oder die Androhung von Regulierung ist der einzige Weg, transnationale Unternehmen zu ändern.“

Kurz gesagt: Die obersten Gesundheitshüter der Welt nennen jene Konzerne, deren Produkte mich und meine Kinder überall breit angrinsen, in einem Atemzug mit der Tabak- und Alkoholindus trie. Sie fordern die Politiker dazu auf, sich aus der Umarmung der Lobbyisten zu befreien und entschieden gegenzusteuern. Nun denn, ich frage also beim zuständigen Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung (BMEL) nach, ob Entsprechendes geplant ist.

Per Mail bekomme ich eine schnelle und deutliche Antwort. „Eine politische Steuerung des Konsums und Bevormundung der Verbraucher durch Werbeverbote oder Strafsteuern lehnt das BMEL ab.“ Man setze auf Aufklärung, Transparenz und Bildungsangebote. Die Lebensmittel- und Werbeindustrie sei in der Pflicht, sich an die „Verhaltensregeln des Deutschen Werberates über kommerzielle Kommunikation für Lebensmittel“ zu halten und die „direkte Werbeansprache von Kindern“ zu unterlassen. Wie jetzt?

Ich lade mir diese „Verhaltensregeln“ mal runter. Tatsächlich steht da, an Kinder gerichtete Werbung solle „keine direkten Aufforderungen zum Kauf oder Konsum“ enthalten, „dem Erlernen einer gesunden Ernährung“ nicht entgegenwirken sowie Zugaben, Gewinnspiele und Preisausschreiben „nicht in einer Weise einsetzen, die die geschäftliche Unerfahrenheit von Kindern ausnutzt.“ Hm. „Gib den Capri-Sonne Monstern Namen!“ Haben ich und meine Töchter da irgendetwas falsch verstanden? „Teilnahmekarten mit tollen Stickern in jeder Aktionsbox. Mitmachen und mit etwas Glück einen iPod Touch gewinnen.“ Ist das keine direkte Werbeansprache? Das CSU-geführte Ernährungsministerium will alles schön einvernehmlich, freiwillig, „selbstdisziplinär“ regeln. Nur leider funktioniert das nicht.

Natürlich kann man Junkfood und Softdrinks nicht mit Alkohol und Zigaretten gleichsetzen. Das Monsteralarm-Zehnerpack wird meine Kinder nicht süchtig machen. Im Alltag trinken sie Wasser, Milch und morgens ein Glas Saft, die Capri-Sonne rationiere ich. Man könnte also einwenden, ich solle mich mal nicht so haben, die beiden gehörten doch nicht zur Haupt-Risikogruppe. Tatsächlich gibt es an der Schule in unserem Viertel nicht viele übergewichtige Kinder. Das liegt wohl daran, dass wir in Hamburg-Eimsbüttel wohnen, einer Gegend mit hohem Bildungsniveau.

Meine Nachbarin ist Lehrerin in einem Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt gilt, und bestätigt mir, dass es dort ganz anders aussieht. Diese Unterschiede sind auch dem Werberat bekannt, in seinen „Verhaltensregeln“ weist er explizit darauf hin. Werbung sei „keine entscheidende Erklärung“ für Übergewicht, steht da, vielmehr spielten bei seiner Entstehung „insbesondere sozioökonomische Faktoren (Bildungsstand, soziale Schicht, Herkunft) eine Rolle“.

Mir kommt das wie eine zynische Ausflucht vor. Umso wichtiger wäre es doch, leicht verständliche Hinweise auf Verpackungen zu drucken – wie die „Ampel“-Kennzeichnung, die besonders Süßes und Fettiges rot markieren würde, aber von der Industrie verhindert wurde. Umso wichtiger wäre es auch, Werbebotschaften zu unterlassen, die unbedarfte Eltern glauben lassen, überzuckerte Produkte seien gesund und sportlich. Und umso wichtiger wäre es, Lebensmittelreklame aus Super-RTL und Co. zu verbannen, denn die Kinder, die zu viel vor der Glotze sitzen, sind ja gerade besonders gefährdet. Viele von ihnen sehen heute tausende Spots im Jahr, Super-RTL gibt Werbekunden sogar Tipps, wie sich Kinder zu „positivem Quengeln“ animieren lassen, indem sie zum Beispiel vor dem Supermarktregal Werbesongs anstimmen. Das soll mit der Entstehung von Übergewicht nichts zu tun haben?

„Darüber kann man als Wissenschaftler nur müde lächeln“, sagt Tobias Effertz vom Institut für Recht der Wirtschaft der Universität Hamburg, der sich seit Jahren mit Kindermarketing beschäftigt. „Sogar schlechte Werbung funktioniert“, sagt er. „Es entsteht eine direkte Verbindung von Emotion und Produkt. So kommt es zum Haben-Wollen und Quengeln.“ Derzeit, so beobachtet er, nähmen vor allem mit Filmen verbundenes Marketing sowie digitale Werbung mit Online-Spielen und Facebookseiten zu.

Effertz arbeitet gerade an einem Gesetzesvorschlag, einer Variante der von WHO und Lancet-Arbeitsgruppe geforderten regulativen Schritte: Er will den Umsatzsteuersatz für ungesunde Lebensmittel drastisch von sieben auf 29 Prozent erhöhen, den allgemeinen Satz im Gegenzug von 19 auf 18 Prozent senken. Der Kritik, eine solche Regelung würde vor allem Arme treffen, hält er entgegen, der geringere Konsum ungesunder Produkte besonders in ärmeren Bevölkerungsschichten sei ja gerade „erwünscht und bezweckt“.

Sein Vorschlag sieht zudem vor, Marketing für Kinderlebensmittel komplett zu verbieten, also Werbung mit Comicfiguren, Prominenten und Szenen aus der kindlichen Erlebniswelt. Ausgenommen wäre die Verpackungswerbung – die Foodwatch ebenfalls für kritisch hält. „Das Kindermarketingverbot würde es Eltern wieder erlauben, eine gesunde Ernährungserziehung ohne den Werbedruck der Industrie zu verfolgen“, sagt Effertz. Ich würde das begrüßen.

Werbung für Obst wäre übrigens nicht betroffen, aber die ist wohl eh nicht nötig. Meine Töchter haben sich im Supermarkt zum Glück auch Gesundes ausgesucht: ein Körbchen Erdbeeren, Erdnüsse mit Schale und – sehr aufregend – ein Stück Gouda an der Käsetheke. Und sie haben sich je eine Flasche O-Saft gezapft, an der tollen Maschine, die auf Knopfdruck Apfelsinen auspresst.