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Die Rollen ihres Lebens

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Die Rollen ihres Lebens

Text: Svenja Beller Illustration: André Gottschalk

Wir Menschen sind Ignoranten. Wir sind von Insekten umgeben, jenen sechsbeinigen Wunderwesen, die emsig, raffiniert und auf ungeheuer vielfältige Weise die Kreisläufe der Natur am Laufen halten. Doch nehmen wir sie oft erst wahr, wenn sie uns beim Fahrradfahren ins Auge fliegen, nachts um die Ohren schwirren oder unsere Balkonpflanzen ansaugen. Mit fast einer Million Arten sind Insekten die artenreichste Tiergruppe auf der Welt. Mehr als 33.000 kommen allein in Deutschland vor. Wir stellen Ihnen hier fünfzehn von ihnen vor, geben Tipps, was man für ihren Bestand tun kann – und erzählen aus ihrem Alltag, der oft voller Drama und Kampf ist, aber die Welt am Leben hält

Eichelbohrer
Curculio glandium
Auf jeden Topf passt ein Deckel – und auf jedes Gewächs ein Rüsselkäfer. Denn irgendein Vertreter der markanten Käferfamilie mit der rüsselartig verlängerten Mundpartie hat sich auf beinahe jeden Gewebetyp jeder Planzenart spezialisiert. Und so tragen denn auch die meisten von ihnen den bevorzugten Pflanzenteil im Namen, etwa der Haselnussbohrer, der Apfelblütenstecher oder der Kirschkernbohrer. Hierzulande bleiben allein Orchideen und Kardengewächse wie Skabiosen von ihnen verschont. Rüsselkäfer sind mit weltweit rund 60.000 bekannten Spezies die wohl artenreichste Familie aller Lebewesen.

Einer von ihnen ist der Eichelbohrer, ein vier bis sieben Millimeter kleiner Käfer mit gelbgrünlichen bis rotbraunen Schuppen am ganzen Körper. Der Rüssel des Weibchens ist deutlich länger als der des Männchens, denn nach der Paarung sucht es sich eine unreife Eichel und frisst mit dem Rüssel ein Loch hinein, um nach sechs bis acht Stunden, wenn die Öffnung tief genug ist, meist exakt zwei Eier darin zu versenken. Was nun geschieht, ist eines der vielen Wunder der Natur, die im Verborgenen stattfinden: Nach zwei Wochen schlüpfen zwei weiße, beinlose Larven, die die Nuss von innen komplett verspeisen, bis sie im Herbst leer geputzt zu Boden fällt. Noch immer schlank genug, verlassen die Larven die Schale durch die von der Mutter gebohrte Öffnung und vergraben sich sogleich im Erdreich, um zu überwintern.

Wo findet man ihn?
In Europa, Nordafrika und der Türkei – überall dort, wo Eichen wachsen
Wie steht es um ihn?
Die Art ist in Deutschland nicht bedroht
Was kann man für ihn tun?
Der Eichelbohrer kommt ohne besonderen Schutz gut zurecht – und profitiert davon, dass der Laubbaumanteil wieder wächst

Schönbär
Callimorpha dominula
Wie ein Bär sieht dieser Schmetterling aus der Familie der Bärenspinner zugegebenermaßen nicht aus. Den Namen verdankt er seiner Gestalt als Raupe, die sich mit dichter Behaarung gegen Fressfeinde schützt. Auch der Falter hat eine Taktik entwickelt, um sich hungrige Vögel vom Leib zu halten. Nähern sie sich, zeigt er seine roten Hinterflügel, die er sonst unter den gelb gepunkteten Vorderflügeln verborgen hält und die Ungenießbarkeit vortäuschen sollen. Sein gebieterisches Verhalten brachte ihm den wissenschaftlichen Namen Callimorpha dominula ein, übersetzt: „Schöngestaltige kleine Herrin“. 2010 verdrehte sie den Lepidopterologen, so der griechische Fachbegriff für Schmetterlingsforscher, den Kopf: Sie wählten den Schönbär zum Schmetterling des Jahres.

So viel Ruhm und Schönheit verlangt nach Raum – der Falter ist ein überzeugter Einzelgänger. Als gelb gestreifte, pelzige Raupe aber duldet er noch andere neben sich. Die Larven leben in Gruppen zusammen und überwintern gemeinsam im Laub, bevor sie als Schmetterlinge dann ab Juni getrennte Wege gehen.

Wo findet man ihn?
In weiten Teilen Europas und Asiens. In Deutschland ist der Schönbär vor allem im bergigen Süden anzutreffen, im Norden ist er dagegen selten
Wie steht es um ihn?
Der Bestand ist stark rückläufig – durch Forstwirtschaft, die Trockenlegung von Gewässern und die Mahd von Wegrändern und Bachufern. Lokal aber noch häufig
Was kann man für ihn tun?
Im Garten Unkraut wie Brennnesseln und Disteln stehen lassen

Grüne Florfliege
Chrysoperla carnea
Das grazile Tier frisst meist während der Dämmerung Pollen, Nektar und Honigtau und versteckt sich tagsüber unterhalb von Blättern. Wegen ihrer metallisch glänzenden Augen wird die Florfliege auch Goldauge genannt, was ein bisschen nach James Bond klingt – und so erinnert auch der Trick, mit dem sie ihrem größten Feind oft noch entkommt, an eine 007-Verfolgungsjagd: Sobald sie die Ultraschallsignale einer Fledermaus wahrnimmt, die sie ins Visier genommen hat, legt sie die Flügel an und lässt sich einfach zu Boden fallen.

Bei der Eiablage bastelt die Grüne Florfliege aus einem Drüsensekret filigrane, lange Stiele, die mit den Eiern daran an winzige Wattestäbchen erinnern. Die geschlüpften Larven leben, anders als ihre Eltern, nicht vegetarisch, im Gegenteil: Sie fressen binnen zwei Wochen bis zu 500 Blattläuse oder 10.000 Eier und Larven von Milben und Käfern, die sie packen und aussaugen. Die leblosen Hüllen befestigen sie an ihrem Hinterleib, um sich damit zu tarnen. Die Larven werden gern zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt.

Wo kommt sie vor?
Weltweit mit Ausnahme von Australien
Wie steht es um sie?
Florfliegen sind nicht bedroht
Was kann man für sie tun?
Die Grüne Florfliege braucht Weißdorn und Hecken als Rückzugsort, außerdem mag sie Buchweizen, Hundsrose, Klatschmohn, Doldenblütler und Korbblütler

Hainschwebfliege
Episyrphus balteatus
Die Hainschwebfliege ist eine Extremsportlerin. Sie ist nur wenige Millimeter groß, legt aber jährlich Hunderte Kilometer zurück – sonst überwinden unter den Insekten nur einige Schmetterlinge und Libellen solche Distanzen. Doch wie Zugvögel verbringen Hainschwebfliegen den Winter gern im Süden und überqueren deshalb Mittelgebirgs-, Alpen- und Pyrenäenpässe. Um Rückenwinde auszunutzen, steigen sie dabei in beträchtliche Höhen auf: Über der Schwäbischen Alb fanden Forscher große Schwebfliegenschwärme in bis zu 1400 Metern Höhe, wo regelmäßig Vögel den nahrhaften Reisegruppen nachstellen.

Schwebfliegen sind bekannt für ihren Schwirrflug: Wie Hubschrauber können die Pollenfresser bei der Blütensuche in der Luft „stehen“ und sogar Windbewegungen ausgleichen. Weltweit gibt es rund 6000 Arten, von denen viele wie die Hainschwebfliege über eine besondere „Waffe“ zum Schutz vor Fressfeinden verfügen: die Täuschung. Mit ihren gelb-schwarzen Streifen imitiert sie eine Wespe. Bates’sche Mimikry nennt sich das, nach Henry Walter Bates, der Mitte des 19. Jahrhunderts am Amazonas erstmals beobachtete, dass harmlose Arten giftige Tiere imitieren. Er hätte dafür nicht so weit reisen müssen.

Wo findet man sie?
In Europa, Asien und Nordamerika
Wie steht es um sie?
Der Bestand ist in den letzten Jahren vielerorts deutlich zurückgegangen – vermutlich aufgrund der starken Pestizideinsätze in der Landwirtschaft. Die Art gilt aber noch nicht als gefährdet
Was kann man für sie tun?
Je vielseitiger die Vegetation im Garten, desto wohler fühlt sich die Hainschwebfliege, die ihrerseits von Gärtnern geschätzt wird. Die Larven haben nämlich einen Riesenappetit auf Blattläuse – und saugen, falls daran Mangel herrscht, auch gerne mal Blattwespenlarven aus

Blauschillernder Feuerfalter
Lycaena helle
Am Verbreitungsgebiet dieses hübschen orange-blauen Bläulings lässt sich der Wandel des Weltklimas ablesen. Denn er ist ein Glazialrelikt: Einst lebte der Blauschillernde Feuerfalter als kälte- und lichtliebende Art nur in arktischen Regionen, dann aber zog er während einer Eiszeit vor Hundertausenden von Jahren gen Süden – und als die Temperaturen wieder stiegen, blieben ihm vielerorts nur die Höhenlagen. Dort ist er auf feuchte Wiesen, Sumpfgebiete und Moore angewiesen, die selten geworden sind. Zum Überleben braucht das anspruchsvolle Tier aber noch zwei weitere Voraussetzungen: windgeschützte Stellen, die in bergigen Regionen nur schwer zu finden sind. Und den Schlangen-Knöterich, im Volksmund auch Zahnbürste genannt aufgrund seiner Blütenform – an keiner anderen Pflanze legen die Feuerfalter-weibchen ihre Eier ab. Da verwundert es nicht, dass der recht kleine Feuerfalter ein aggressives Territorialverhalten zeigt: Die Männchen beziehen Beobachtungsposten und verjagen von dort aus eindringende Artgenossen.

Wo kommt er vor?
Hauptsächlich in kaltgemäßigtem Klima. In Deutschland nur isolierte Vorkommen in der Eifel, im Westerwald und in Alpennähe
Wie steht es um ihn?
In Deutschland ist die Art „stark gefährdet“ und gilt in mehreren Bundesländern als ausgestorben. Da die Grünlandwirtschaft zurückgeht, hat der Blauschillernde Feuerfalter mit Verwaldung zu kämpfen

Gemeine Plumpschrecke
Isophya kraussii
Sie hat nicht nur einen unvorteilhaften Namen, sondern tatsächlich eine eher plumpe Gestalt. Doch „gemein“ im Sinne von fies ist dieses grasgrüne Tier aus der Familie der Sichelschrecken nicht, im Gegenteil: Es verhält sich sehr zurückhaltend. Der „Gesang“, der durch das Aneinanderreiben der Flügel erzeugt wird, liegt fast ausschließlich im Ultraschallbereich und gehört zu den leisesten Lautäußerungen im Tierreich. Für Menschen ist er kaum hörbar, aber für die ist er ohnehin nicht bestimmt: Die Männchen werben damit um Weibchen. Die Liebe geht bei den Plumpschrecken – wie bei allen Heuschrecken – durch den Magen. Das Männchen produziert ein Spermienpaket, an dessen Gallerthülle das Weibchen stundenlang knabbert, bevor es den Samen aufnimmt.
Der Name „Heuschrecke“ geht übrigens auf das althochdeutsche Wort „schrecken“ für springen zurück.

Wo findet man sie?
In Zentraleuropa, in Deutschland hauptsächlich nördlich der Donau
Wie steht es um sie?
Deutschland ist für diese Art in besonders hohem Maße verantwortlich, weil sie hier ihren Verbreitungsschwerpunkt hat. Noch gilt sie nicht als gefährdet, steht aber auf der „Vorwarnliste“, weil intensive Landwirtschaft
ihren Bestand bedroht
Was kann man für sie tun?
Wer in seinem Garten ein oder mehrere Biotope anlegt, macht vieles richtig

Dunkelbrauner Kugelspringer
Allacma fusca
Der Dunkelbraune Kugelspringer wurde 2016 zum Insekt des Jahres gewählt – stellvertretend für all die winzigen Tiere des Bodens, die zur Aufrechterhaltung von dessen Fruchtbarkeit unentbehrlich sind. Das bis zu vier Millimeter lange Tier frisst dort pflanzliche und tierische Zerfallsstoffe und trägt so zur Humusbildung bei. Obwohl man es ihm nicht ansieht, ist der Kugelspringer ein echter Bodenturner. Denn er zählt zu den Springschwänzen, einer seit jeher flügellosen Insektenklasse, und trägt am Hinterende ein gabelförmiges Sprungorgan. Fühlt er sich bedroht, katapultiert er sich damit per Salto aus der Gefahrenzone. Tanzen kann er auch: Das Männchen sondert seine Spermien auf seinen Haaren ab. Das Weibchen streicht bei der Paarung in Drehbewegungen mit seinem Körper über den Rücken des Männchens, um die Spermien aufzunehmen – „Dirty Dancing“ im Insektenreich.

Wo findet man ihn?
In weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre, darunter beinahe ganz Europa
Wie steht es um ihn?
In Deutschland ist er laut Roter Liste „stark gefährdet“ – durch Flurbereinigung, übermäßige Mahd, Überdüngung von Magerwiesen, Bebauung, aber auch durch Verbuschung und Aufforstung
Was kann man für ihn tun?
Zum Beispiel kann man sich gegen die fortschreitende Bodenversiegelung durch Siedlungs- und Verkehrsflächen engagieren. Der Schutz fängt aber auch im Kleinen an. Wer den Boden des eigenen Gartens schützt, die Artenvielfalt unterstützt und dort so wenig Flächen wie möglich zubaut, schützt auch den Dunkelbraunen Kugelspringer – und zahllose andere nützliche Bodenbewohner

Europäische Gottesanbeterin
Mantis religiosa
Wenn sie still dasitzt, den Kopf geneigt und die kräftigen Arme vor dem Oberkörper gefaltet, dann sieht es fast so aus, als spräche sie tatsächlich gerade zu ihrem Insektengott. Die Dornen und Widerhaken an ebenjenen Fangarmen lassen aber erahnen, dass die Gottesanbeterin ganz und gar nicht fromm ist: Sie betet nicht – sie lauert. Kommt ihr ein potenzielles Beutetier zu nahe, schlägt sie binnen fünfzig bis sechzig Millisekunden zu, das ist rund sechsmal schneller als ein menschlicher Lidschlag. Meist wartet sie ab, bis die Beute zu ihr kommt, zuweilen nähert sie sich ihr aber auch mit schaukelnden Bewegungen, ein harmloses Blatt im Wind imitierend. So überlistet sie auch größere Tiere, die ihr körperlich eigentlich überlegen sind. Hat sich die maximal sieben Zentimeter große Fangschrecke erst einmal in Fröschen, Eidechsen, Mäusen und sogar kleinen Vögeln wie Spatzen und Kolibris verbissen, haben diese kaum mehr eine Chance, sich zu befreien. Als Kannibalin macht sie auch vor Artgenossen nicht halt. Berühmt und berüchtigt sind die Weibchen dafür, ab und zu die kleineren Männchen während oder nach der Paarung aufzufressen. Einige Tage später legen sie ihre hundert bis zweihundert Eier in einem schaumgefüllten Kokon ab, der sogenannten Oothek. Danach legen sich auch die Weibchen zur ewigen Ruh’.

Wo findet man sie?
Im Mittelmeerraum und, trotz ihres Namens, auch in Afrika und Asien – sowie immer öfter in Deutschland. Denn die wärmeliebende Art profitiert vom Klimawandel. Stabile Populationen gibt es inzwischen nicht mehr nur im Breisgau, sondern auch in Berlin und Brandenburg
Wie steht es um sie?
Die Gottesanbeterin ist nicht gefährdet
Was kann man für sie tun?
Fangschrecken können einen schon mal erschrecken, wenn sie plötzlich im hohen Gras auftauchen. Bitte nicht reflexhaft zutreten, sie sind für Menschen ungefährlich. In Deutschland genießen sie durch die Bundesartenschutzverordnung besonderen Schutz

Rotpelzige Sandbiene
Andrena fulva
Manchen Bienenexperten gilt sie als die Schönste unter den Wildbienen. Weil ihr fuchsroter Pelz in der Sonne leuchtet, wird sie auch Goldbiene genannt. Diesen Namen gab auch eine norddeutsche Imkerei ihrem Honig, doch das führt in die Irre. Denn die meisten Wildbienen produzieren nicht einen Tropfen Honig – Ausnahmen sind die staatenbildenden Hummeln. Weil Wildbienen keine Imker haben, die sich um sie kümmern, und keine große Lobby, die vor ihrem Verschwinden warnt, gilt mehr als die Hälfte der über 600 Wildbienenarten in Deutschland als bedroht.

Die Rotpelzige Sandbiene zählt (noch) nicht zu ihnen. Als Solitärbiene muss sie ihr eigenes Nest bauen. Dafür bohrt sie in lichten Wäldern, auf Brachen, in Gärten oder Parks eine zwanzig bis fünfzig Zentimeter tiefe Röhre, von der mehrere Brutzellen abzweigen. Die füllt sie mit gesammeltem Pollen und Nektar, darauf kommt ein Ei. Sind die Bedingungen gut, nistet sie auch in Ansammlungen mit mehr als tausend Tieren. Ihr Leben ist wie das der meisten Insekten kurz: Wenn die jungen Bienen nach der Winterruhe aus ihren Puppen schlüpfen, ist ihre Mutter bereits tot.

Deswegen müssen bei den Wildbienen, anders als bei den Drohnen in Honigbienenstaaten, auch Männchen Pollen und Nektar sammeln – es ist nämlich schlichtweg niemand da, der sie sonst versorgen würde. Immerhin lässt sich bei den Ausflügen auf die Wiesen- und Blumenfelder hervorragend Brautschau betreiben.

Wo findet man sie?
In ganz Mitteleuropa
Wie steht es um sie?
In Deutschland kommt sie noch häufig vor
Was kann man für sie tun?
Die Rotpelzige Sandbiene braucht eine etwas nachlässige Gartenpflege zum Überleben. Zu starkes Umgraben, Wässern und Fugenauskratzen zerstört ihre Nester

Gebänderte Prachtlibelle
Calopteryx splendens
Prächtig sind vor allem die Männchen der größten Kleinlibelle Mitteleuropas: Ihr Körper schillert blaugrün, ihre Flügel tragen die namensgebende blauschwarze Binde. Doch auch die grünlich-bronzefarbenen Weibchen sind hübsch anzusehen. Nur die wenigsten Tiere erreichen allerdings das schöne Erwachsenenalter: Die Larven der Gebänderten Prachtlibelle leben in träge fließenden Bächen und Flüssen, und da sind sie nicht allein. Hungrige Fische, Käfer, Spinnen und Vögel wissen, wo die Larven – übrigens selbst gefräßige Räuber – aufwachsen, und auch, wo die erwachsenen Libellen sich paaren.

An einem vom Männchen ausgewählten Platz am Wasser schließen sich beide zu einem „Paarungsrad“ zusammen. Sie verbiegen dabei ihre Körper zu einer Herzform, denn die Geschlechtsorgane liegen bei Libellen an vollkommen unterschiedlichen Stellen. Das Weibchen sticht dann die Eier unter der Wasseroberfläche in Wasserpflanzen ein, wo die daraus schlüpfenden Larven meist schon von den Feinden erwartet werden. Diejenigen, die nicht gefressen werden, bleiben ein bis zwei Jahre lang Larven. Als prächtige Libellen leben sie dann nur rund zwei Wochen.

Wo findet man sie?
Von Westeuropa bis zum Baikalsee und im Nordwesten Chinas
Wie steht es um sie?
Ihr Bestand ist durch Begradigungen von Bächen, Kanalisierung, das Zurückschneiden von Ufervegetation, Gewässerverschmutzung, Düngemittel und Pestizide zurückgegangen. In einigen Bundesländern gilt sie bereits als gefährdet, deutschlandweit steht sie auf der Vorwarnliste der potenziell bedrohten Arten
Was kann man für sie tun?
Naturnahe Tümpel und Weiher schaffen und erhalten. Alle Libellen genießen in Deutschland durch das Bundesnaturschutzgesetz und die Bundesartenschutzverordnung besonderen Schutz

Skabiosenschwärmer
Hemaris tityus
Schwärmer gehören zu den schnellsten Insekten überhaupt. Manche Vertreter dieser spektakulären Schmetterlingsfamilie erreichen Geschwindigkeiten von bis zu hundert Stundenkilometern, können wie ein Helikopter in der Luft auf der Stelle stehen und rückwärts fliegen – viele kann man deswegen leicht für Kolibris halten. Den unscheinbaren Skabiosenschwärmer mit den glasigen Flügeln allerdings wird man eher mit einer Hummel verwechseln. Die versucht er nämlich zu imitieren, weil sie viel stärker und wehrhafter ist. Er selbst ist einer der kleinsten heimischen Schwärmer und fliegt entgegen den Gewohnheiten seiner Verwandten bei Tageslicht. Er schwirrt über Wiesen, an Straßenrändern und durch lichte Wälder – immer auf Nektarsuche.

Noch schneller wird er, wenn es um die Paarung geht. Liebestoll verfolgt dann das Männchen das Weibchen, Jäger und Gejagte schrauben sich oft spiralförmig in die Luft, bevor sie sich – an den Hinterleibern verbunden – zum rund zweistündigen Liebesakt vereinen. Die winzigen Eier legen die Weibchen an der Unterseite von Blättern ab, oft an Skabiosen – krautigen Pflanzen mit meist violetten köpfchenförmigen Blüten. Die daraus schlüpfenden Raupen bleiben fast ausschließlich an den Blattunterseiten, bis sie sich im Herbst verpuppen und sich in dieser Hülle vollständig in eine Art lebenden Schleim auflösen – Ridley Scott müsste seine Freude an ihnen haben. In der gallertigen Masse entwickelt sich der Falter, verpuppt sich und hält Winterschlaf, bis er im Frühjahr seine Flügel ausbreitet.

Wo findet man ihn?
In fast ganz Europa und im Westen Asiens. In einigen Bundesländern und den Niederlanden ist er bereits ausgestorben
Wie steht es um ihn?
In Deutschland ist er durch Flurbereinigung, radikale Mahd, Überdüngung von Magerwiesen, Bebauung, aber auch Verbuschung und Aufforstung stark gefährdet
Was kann man für ihn tun?
Das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sucht Freiwillige, die Vorkommen von Schmetterlingen in ihrer Umgebung dokumentieren: tagfalter-monitoring.de

Smaragdgrüner Uferläufer
Elaphrus ullrichii
Mit seiner grün-metallischen Färbung und den „Augenflecken“ auf dem Panzer wirkt der Smaragdgrüne Uferläufer wie ein psychedelisches Kunstwerk. Ob die falschen Augen allerdings Fressfeinde abschrecken sollen, so wie bei vielen Schmetterlingen, Fischen und andere Tieren, dafür fehlen die Belege. Der Großteil der weltweit rund 40.000 Laufkäferarten kann, anders als der Name vermuten lässt, fliegen, so auch der Smaragdgrüne Uferläufer. Er lebt gemeinsam mit dem Kleinen und dem Erzgrauen Uferläufer in Flussauen und jagt etwa Spinnen, Springschwänze und Regenwürmer. Unappetitlich kann man finden, dass er seine Beute zum Teil außerhalb seines Körpers verdaut: Er dreht sie durch seine Mundwerkzeuge – und erbricht dabei Verdauungssäfte. Doch bei Naturschützern ist die Familie der Laufkäfer mit ihren attraktiven und spezialisierten Arten beliebt: Viele von ihnen sind stark bedroht und liefern als „Bioindikatoren“ wertvolle Hinweise auf Charakter und Zustand eines Gebietes.

Wo findet man ihn?
Vor allem in Südeuropa, in Mitteleuropa kommt er nur noch selten vor
Wie steht es um ihn?
Der Smaragdgrüne Uferläufer ist vom Aussterben bedroht – Wehre, Staubecken, Schleusen, Wasserkraftwerke und Ufereinfassungen zerstören die für ihn überlebenswichtigen natürlichen Flussauen
Was kann man für ihn tun?
Auf flussaktionen.de finden Sie viele Initiativen, die sich mit dem Fließgewässerschutz befassen. Mitstreiter werden dringend gesucht

Braune Raubknotenameise
Harpagoxenus sublaevis
Überfälle, Massenmord, Manipulation, Versklavung – unsere Wälder sind Orte des Verbrechens. Warum Sie davon nichts wissen? Sie müssen eben genau hinschauen, denn die Täterinnen sind nur drei bis vier Millimeter groß. Braune Raubknotenameisen, die goldgelbe Borsten tragen, sind natürlich nicht wirklich „böse“, denn ihre raffinierte Strategie dient allein dem Arterhalt. Sie geht so: Nach der Begattung dringt eine weibliche Raubknotenameise allein in ein Nest von Schmalbrustameisen ein. Dort gibt sie Hormone ab, die ihre Opfer dazu bringen, sich gegenseitig anzugreifen – im Chaos schneidet die Räuberin möglichst vielen von ihnen mit ihren Mandibeln Beine und Fühler ab. Das zu erobernde Nest darf nicht zu groß sein, schon bei dreißig Ameisen ist nur die Hälfte der Angreiferinnen erfolgreich. Larven und Puppen frisst die Räuberin – oder versklavt die schlüpfenden Ameisen, die ihr fortan Nahrung beschaffen und ihre Brut versorgen müssen. So wachsen bis zu hundert Raubknotenameisen heran. Dann unternimmt die Parasitenkolonie Raubzüge, um noch mehr Ameisen zu versklaven. Eine Späherin macht dafür ein nahes Nest aus und holt Verstärkung. Dann werden Larven und Puppen aus dem fremden Nest gestohlen, um sie im eigenen schlüpfen zu lassen.

Wo findet man sie?
In den Wäldern Mitteleuropas
Wie steht es um sie?
Die Art ist gefährdet
Was kann man für sie tun?
Die Deutsche Ameisenschutzwarte setzt sich für den Schutz ein und siedelt bedrohte Völker um: ameisenschutzwarte.de

Holzwespen-Schlupfwespe
Rhyssa persuasoria
Mit ihren staksigen Beinen, dem bis zu fünf Zentimeter langen schwarz glänzenden Körper und dem nochmal so langen Stachel sieht sie recht bedrohlich aus. Tatsächlich aber ist die Holzwespen-Schlupfwespe ungefährlich – nun ja, außer für die Brut der Holzwespen. Alle Vertreter der großen Schlupfwespenfamilie haben nämlich einen Lebenszyklus, der so gruselig wie faszinierend ist und die komplizierten Zusammenhänge in der Natur veranschaulicht.

Holzwespenlarven nagen sich nämlich, eigentlich gut versteckt, durch Baumstämme. Die Schlupfwespe vermag sie aber über den Geruch des Pilzes zu orten, mit dessen Hilfe sie das Holz verdauen. Einmal aufgespürt, bringt die Schlupfwespe den „Pinn“ an ihrem Hinterleib in Position, der kein Stachel, sondern eine Art Bohrer ist. Nach etwa einer halben Stunde hat sie ihr Ziel erreicht, injiziert der Larve ein lähmendes Gift und legt ihr Ei daneben ab. Sobald die Larve der Schlupfwespe geschlüpft ist, saugt sie die Wirtslarve langsam aus. Weil Holzwespen beträchtliche Forstschäden anrichten können, wurden Schlupfwespen schon als Gegenspielerinnen in Südamerika, Neuseeland und Australien angesiedelt.

Wo findet man sie?
In weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre
Wie steht es um sie?
Kommt noch sehr häufig vor
Was kann man für sie tun?
Derzeit sind keine besonderen Maßnahmen notwendig

Gemeine Skorpionsfliege
Panorpa communis
Es sieht wirklich gefährlich aus, wie sich der dicke Hinterleib des Männchens nach oben biegt – wie der Stachel eines Skorpions. Damit tut es aber niemandem weh, ganz im Gegenteil. Bei dem vermeintlichen Stachel handelt es sich um sein Genitalsegment, mit dem es sich und seiner Auserwählten ein paar lauschige Stunden bescheren möchte. Die Dame seines Herzens will aber erst einmal umworben werden. Dafür lässt der Gemeine Skorpionsfliegenmann seinen Hinterleib vibrieren und winkt aufreizend mit den Flügeln. Das Weibchen reagiert mit einer kurzen Flucht, nähert sich wieder an, flüchtet erneut – bis ihr das Männchen bei diesem verliebten „Krieg-mich-doch“-Spielchen einen Sekrettropfen aus seiner Speicheldrüse schenkt. Während sie davon isst, kommt er ganz behutsam schon mal zur Sache. Die Paarung kann sich dann bis zu zwei Stunden hinziehen, je nachdem, wie viele Sekrettropfen das Männchen seiner beglückten Partnerin währenddessen zum Naschen gibt.

Das klingt nach Fleiß, aber die Schnabelfliegenart hat auch einen ausgeprägten Hang zum Müßiggang. Ihre Flugkünste sind eher mäßig, und auch bei der Nahrungsbeschaffung beschränkt sie sich auf alles, was nicht zu viel Arbeit kostet: Obst, Nektar, Pollen, Kot, tote oder verendende Wirbeltiere und Insekten. Letztere klaut sie sich der Einfachheit halber oft aus den Netzen von Webspinnen. Das bemerken diese zwar, lassen die Skorpionsfliegen aber aus noch unbekanntem Grund in Ruhe.

Wo findet man sie?
Das „Insekt des Jahres 2018“ ist in Mitteleuropa bis nach Südskandinavien, Westrussland, zu den nördlichen Balkanhalbinseln und Großbritannien sesshaft
Wie steht es um sie?
Sie kommt noch häufig vor
Was kann man für sie tun?
Zum Schluss noch ein allgemeiner Tipp: Der Nabu zählt diesen Sommer mit Bürgerhilfe heimische Insekten, um einen deutschlandweiten Überblick zu erstellen: nabu.de/insektensommer

Holzwespen-Schlupfwespe
Rhyssa persuasoria
Mit ihren staksigen Beinen, dem bis zu fünf Zentimeter langen schwarz glänzenden Körper und dem nochmal so langen Stachel sieht sie recht bedrohlich aus. Tatsächlich aber ist die Holzwespen-Schlupfwespe ungefährlich – nun ja, außer für die Brut der Holzwespen. Alle Vertreter der großen Schlupfwespenfamilie haben nämlich einen Lebenszyklus, der so gruselig wie faszinierend ist und die komplizierten Zusammenhänge in der Natur veranschaulicht.

Holzwespenlarven nagen sich nämlich, eigentlich gut versteckt, durch Baumstämme. Die Schlupfwespe vermag sie aber über den Geruch des Pilzes zu orten, mit dessen Hilfe sie das Holz verdauen. Einmal aufgespürt, bringt die Schlupfwespe den „Pinn“ an ihrem Hinterleib in Position, der kein Stachel, sondern eine Art Bohrer ist. Nach etwa einer halben Stunde hat sie ihr Ziel erreicht, injiziert der Larve ein lähmendes Gift und legt ihr Ei daneben ab. Sobald die Larve der Schlupfwespe geschlüpft ist, saugt sie die Wirtslarve langsam aus. Weil Holzwespen beträchtliche Forstschäden anrichten können, wurden Schlupfwespen schon als Gegenspielerinnen in Südamerika, Neuseeland und Australien angesiedelt.

Wo findet man sie?
In weiten Teilen der nördlichen Hemisphäre
Wie steht es um sie?
Kommt noch sehr häufig vor
Was kann man für sie tun?
Derzeit sind keine besonderen Maßnahmen notwendig