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Die Rollen ihres Lebens

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Die Rollen ihres Lebens

Text: Svenja Beller Illustration: André Gottschalk

Wir Menschen sind Ignoranten. Wir sind von Insekten umgeben, jenen sechsbeinigen Wunderwesen, die emsig, raffiniert und auf ungeheuer vielfältige Weise die Kreisläufe der Natur am Laufen halten. Doch nehmen wir sie oft erst wahr, wenn sie uns beim Fahrradfahren ins Auge fliegen, nachts um die Ohren schwirren oder unsere Balkonpflanzen ansaugen. Mit fast einer Million Arten sind Insekten die artenreichste Tiergruppe auf der Welt. Mehr als 33.000 kommen allein in Deutschland vor. Wir stellen Ihnen hier fünfzehn von ihnen vor, geben Tipps, was man für ihren Bestand tun kann – und erzählen aus ihrem Alltag, der oft voller Drama und Kampf ist, aber die Welt am Leben hält

Eichelbohrer
Curculio glandium
Auf jeden Topf passt ein Deckel – und auf jedes Gewächs ein Rüsselkäfer. Denn irgendein Vertreter der markanten Käferfamilie mit der rüsselartig verlängerten Mundpartie hat sich auf beinahe jeden Gewebetyp jeder Planzenart spezialisiert. Und so tragen denn auch die meisten von ihnen den bevorzugten Pflanzenteil im Namen, etwa der Haselnussbohrer, der Apfelblütenstecher oder der Kirschkernbohrer. Hierzulande bleiben allein Orchideen und Kardengewächse wie Skabiosen von ihnen verschont. Rüsselkäfer sind mit weltweit rund 60.000 bekannten Spezies die wohl artenreichste Familie aller Lebewesen.

Einer von ihnen ist der Eichelbohrer, ein vier bis sieben Millimeter kleiner Käfer mit gelbgrünlichen bis rotbraunen Schuppen am ganzen Körper. Der Rüssel des Weibchens ist deutlich länger als der des Männchens, denn nach der Paarung sucht es sich eine unreife Eichel und frisst mit dem Rüssel ein Loch hinein, um nach sechs bis acht Stunden, wenn die Öffnung tief genug ist, meist exakt zwei Eier darin zu versenken. Was nun geschieht, ist eines der vielen Wunder der Natur, die im Verborgenen stattfinden: Nach zwei Wochen schlüpfen zwei weiße, beinlose Larven, die die Nuss von innen komplett verspeisen, bis sie im Herbst leer geputzt zu Boden fällt. Noch immer schlank genug, verlassen die Larven die Schale durch die von der Mutter gebohrte Öffnung und vergraben sich sogleich im Erdreich, um zu überwintern.

Wo findet man ihn?
In Europa, Nordafrika und der Türkei – überall dort, wo Eichen wachsen
Wie steht es um ihn?
Die Art ist in Deutschland nicht bedroht
Was kann man für ihn tun?
Der Eichelbohrer kommt ohne besonderen Schutz gut zurecht – und profitiert davon, dass der Laubbaumanteil wieder wächst

Schönbär
Callimorpha dominula
Wie ein Bär sieht dieser Schmetterling aus der Familie der Bärenspinner zugegebenermaßen nicht aus. Den Namen verdankt er seiner Gestalt als Raupe, die sich mit dichter Behaarung gegen Fressfeinde schützt. Auch der Falter hat eine Taktik entwickelt, um sich hungrige Vögel vom Leib zu halten. Nähern sie sich, zeigt er seine roten Hinterflügel, die er sonst unter den gelb gepunkteten Vorderflügeln verborgen hält und die Ungenießbarkeit vortäuschen sollen. Sein gebieterisches Verhalten brachte ihm den wissenschaftlichen Namen Callimorpha dominula ein, übersetzt: „Schöngestaltige kleine Herrin“. 2010 verdrehte sie den Lepidopterologen, so der griechische Fachbegriff für Schmetterlingsforscher, den Kopf: Sie wählten den Schönbär zum Schmetterling des Jahres.

So viel Ruhm und Schönheit verlangt nach Raum – der Falter ist ein überzeugter Einzelgänger. Als gelb gestreifte, pelzige Raupe aber duldet er noch andere neben sich. Die Larven leben in Gruppen zusammen und überwintern gemeinsam im Laub, bevor sie als Schmetterlinge dann ab Juni getrennte Wege gehen.

Wo findet man ihn?
In weiten Teilen Europas und Asiens. In Deutschland ist der Schönbär vor allem im bergigen Süden anzutreffen, im Norden ist er dagegen selten
Wie steht es um ihn?
Der Bestand ist stark rückläufig – durch Forstwirtschaft, die Trockenlegung von Gewässern und die Mahd von Wegrändern und Bachufern. Lokal aber noch häufig
Was kann man für ihn tun?

Im Garten Unkraut wie Brennnesseln und Disteln stehen lassen

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