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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.13

Die Sammlerin der Mutanten

Text: Philipp Jarke

Cornelia Hesse-Honegger malt missgebildete Wanzen. Mit ihren Bildern warnt sie vor den Gefahren schwachradioaktiver Strahlung

Sie ist eine zurückhaltende Frau, aber wenn es darauf ankam, hatte sie schon immer den Mut, alles zu riskieren. Von einem Enkel Hermann Hesses ließ Cornelia Hesse-Honegger sich 1985 scheiden, weil er sie, die so gern naturwissenschaftliches Zeichnen und moderne Kunst vereinte, immerfort bremste. „Nach der Scheidung war ich wie befreit“, sagt Hesse-Honegger heute, auch wenn sie ohne festes Einkommen die zwei Söhne fast allein versorgen musste.

Um Geld zu verdienen, illustrierte sie Profanes wie Koch- und Pflanzenbücher, in ihrer Freizeit malte sie Aquarelle von mutierten Stubenfliegen, die an der Uni Zürich mit Röntgenstrahlen beschossen worden waren. Wissenschaft und Kunst, das gehört für Cornelia Hesse-Honegger zusammen. Mit dem Begriff „Wissenskünstlerin“ schuf sie sich die passende Berufsbezeichnung. Mit Atomkraft hatte sie damals kein Problem.

Dann explodierte der Reaktor in Tschernobyl.

Hesse-Honegger, die im Labor gesehen hatte, was Strahlung anrichten kann, reiste der radioaktiven Wolke hinterher, nach Schweden und ins Tessin. Wo der Fallout am stärksten war, untersuchte sie Wanzen. Seltsam war nur: Außer ihr interessierte sich niemand für mögliche Strahlenschäden an Insekten. „Dabei waren viele Tiere zum Schreien deformiert“, sagt Hesse-Honegger, sie hatten asymmetrische Körper, verkrüppelte Beine und Fühler, einigen wuchsen Stummel aus dem Bauch.

Die Lehrbuchmeinung war eindeutig: Missbildungen, wie Hesse-Honegger sie gefunden hatte, konnten auf keinen Fall durch die Reaktorkatastrophe entstanden sein. Die Strahlenbelastung, so betonten Wissenschaftler und Strahlenschützer immer wieder, sei viel zu gering gewesen.

Cornelia Hesse-Honegger empfand es als ihre Pflicht, zu widersprechen, auch auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen. Ihre Bilder deformierter Wanzen und Fliegen erschienen in einem großen schweizerischen Magazin, und im Begleittext schrieb sie, die Schäden seien durch radioaktive Strahlung verursacht.

Die Reaktion der Wissenschaft war aggressiv, die Ablehnung gipfelte in der Aussage eines Professors, für den Hesse-Honegger einst als Zeichnerin gearbeitet hatte: „Denken Sie bloß nicht, sie seien eine Wissenschaftlerin, bloß weil sie mal Bilder für mich gezeichnet haben.“ Anekdotisch seien ihre Erkenntnisse, die Insektensammlungen unsystematisch und nicht umfassend genug. Zudem fehle der Vergleich zu radioaktiv unbelasteten Biotopen. „Ich war naiv“, sagt Hesse-Honegger heute. Und dennoch konnte sie es nicht fassen, dass kein einziger Wissenschaftler ihre Arbeit aufgriff und der Sache umfassend auf den Grund ging. Also machte sie weiter, Jahr um Jahr. „Jemand musste es schließlich machen“, sagt sie.

Hesse-Honegger änderte allerdings ihre Arbeitsweise, sammelte systematischer, dokumentierte jeden Schritt. Und untersucht nun Wanzen rund um westeuropäische Atom-anlagen, wo sie ähnliche Schäden findet wie in den Falloutgebieten nach Tschernobyl. In atomkraftfreien Gebieten in Ghana und Costa Rica, wo sie ebenfalls einige Wanzen sammelt, sind die Tiere gesund. Mit den Jahren wird für sie klar: Auch niedrige, offiziell als unbedenklich geltende radioaktive Strahlung kann Tiere und Menschen schädigen.

Bis heute hat sie 17.000 Wanzen und Zikaden in der Nähe von Atommeilern und Wiederaufarbeitungsanlagen gesammelt, untersucht und einen Teil davon gemalt. Ihre Bilder werden in bedeutenden Museen in aller Welt gezeigt. Nur die Wissenschaft winkt weiter ab.

2007 bewies eine Studie des Deutschen Kinderkrebsregisters, dass das Leukämierisiko für Kinder in der Nähe deutscher Atomkraftwerke doppelt so hoch ist wie im Rest des Landes. Als es daraufhin immer noch hieß, an der Strahlung könne es nicht liegen, verlor Hesse-Honegger endgültig das Vertrauen in Politik und Wissenschaft. Die „Ignoranz der Professoren und Politiker“ bringt sie bis heute aus der Fassung: „Das sind Halunken, das grenzt an Mord!“

Es kann sie auch nicht beruhigen, dass japanische Wissenschaftler – im Grunde mit der gleichen Methode wie sie – in Fukushima missgebildete und mutierte Schmetterlinge fanden und die Schäden eindeutig auf radioaktive Strahlung zurückführten. Zu tief sind ihre Zweifel, dass sich die Menschheit besinnt und von der Atomkraft die Finger lässt.

Jetzt, mit 68 Jahren, hat Cornelia Hesse-Honegger ein Buch über kriminelle Machenschaften in der Atomwirtschaft geschrieben. „Das Buch ist extrem brutal“, sagt sie selbst. Vertuschung von Unfällen, Korruption, Strahlenversuche an Menschen, alles nimmt sie sich vor. Die ersten Verlage sagten ab. Sei’s drum, dachte sie sich, zur Not wollte sie ihr Buch sogar selbst verlegen. Jetzt hat sie einen Verbündeten in dem schweizerischen Zeitpunkt-Verlag gefunden, der es „für intelligente Optimistinnen und konstruktive Skeptiker“ veröffentlichen will.