Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Die Spur des Palmöls

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.16

Die Spur des Palmöls

Text: Matthias Lambrecht Fotomontage: Cédric Widmer

Wo Ölpalmen in Reih und Glied stehen, ist für bedrohten Arten wie Orang-Utan oder Bonobo kein Platz mehr. Palmöl steckt heute in jedem zweiten Supermarktartikel. Und die Nachfrage nach dem billigen Rohstoff steigt weiter. In den Hauptanbaugebieten in Südostasien mussten riesige Waldgebiete den Plantagen weichen. Weil die Expansion dort an ihre Grenzen stößt, roden die Plantagenbetreiber nun auch Regenwälder in Afrika.

Es ist oft unsichtbar und doch allgegenwärtig: Palmöl steckt in jedem zweiten Artikel aus Deutschlands Supermärkten. Ob in Lippenstift, Pizza oder Biodiesel – kein anderes pflanzliches Fett ist so vielseitig verwendbar. Zudem ist es billig, mit keiner anderen Ölpflanze sind auch nur annähernd vergleichbare Erträge zu erzielen. Die Nachfrage ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert und ein Ende des Booms nicht in Sicht. Bis 2050 wird sich der Verbrauch allein in den Industrieländern der Nordhalbkugel noch einmal verdoppeln, prognostizieren die Vereinten Nationen.

Der Einsatz des pflanzlichen Alleskönners hat einen hohen Preis. Für die Monokulturen der Plantagen werden wertvolle Regenwälder gerodet. Schon seit Jahren warnen Umweltschützer, dass damit Lebensräume für bedrohte Arten unwiederbringlich verloren gehen. Weltweit hat sich die Fläche für Ölpalmen seit 1990 verdoppelt, im wichtigsten Anbauland Indonesien sogar verzehnfacht. Dort setzen die Rodung und das Abbrennen von Wäldern auf Torfböden zudem riesige Mengen klimaschädlichen Kohlenstoff frei, der in diesen Böden gespeichert ist.

Weil die Expansion in Südostasien an ihre Grenzen stößt, suchen Plantagenbetreiber jetzt anderswo auf der Welt nach neuen Anbauflächen. Besonders in Zentral- und Westafrika, der ursprünglichen Heimat der Ölpalme, locken optimale Anbaubedingen und investorenfreundliche Regime. Inzwischen fressen sich die Plantagen auch in Kamerun, Sierra Leone oder im Kongo in den Regenwald. Nach Orang-Utans und Sumatra-Tigern sind nun Bonobos und Waldelefanten bedroht, weil ihre natürlichen Lebensräume verschwinden.

Im Kongobecken, dem – nach Amazonien – zweitgrößten Regenwaldgebiet der Erde, plant das US-amerikanische Unternehmen Herakles Farms seit 2012 die Rodung von 73.000 Hektar Regenwald, um die größte Palmölplantage Afrikas anzulegen. Auf einer Fläche mehr als doppelt so groß wie München soll der Urwald den Palmenreihen weichen.

Trotz heftiger Proteste örtlicher Aktivisten und internationaler Umweltschützer hatte die Regierung von Kamerun bereits vor drei Jahren eine Genehmigung erteilt, 20.000 Hektar zu erschließen. Die Kritiker beklagten, dass Herakles Farms Belange der ansässigen Bevölkerung und arbeitsrechtliche Vorschriften ebenso ignoriert habe wie die ökologischen Folgen des Anbaus und dabei gegen geltendes Recht verstoße. Finanzielle Probleme brachten das Vorhaben zunächst ins Stocken. Doch inzwischen sind neue Investoren eingestiegen, die sich nun um die Verlängerung der nach drei Jahren auslaufenden Konzessionen bemühen.

Bislang konnte der Plantagenbetreiber auf mächtige Unterstützer zählen: Wie das unabhängige Oakland Institute kürzlich aufdeckte, übten US-Diplomaten – allen anderslautenden Lippenbekenntnissen aus Washington zum Trotz – hinter den Kulissen massiven Druck auf Kameruns Präsident Paul Biya aus, die Konzession für den Plantagenbetreiber aus New York zu unterschreiben.

Dem Raubbau an der Natur sind so keine wirksamen Grenzen gesetzt. Unter dem anhaltenden Druck von Umweltorganisationen haben zwar viele Unternehmen ihre Absicht erklärt, kein Öl mehr aus Plantagen zu verwenden, für die Regenwald gerodet wurde. Bislang folgen den öffentlichkeitswirksamen Ankündigungen der Konsumartikelhersteller aber nur wenige Taten. Noch immer mangelt es an Transparenz in den Lieferketten, um die Herkunft des Öls zuverlässig kontrollieren zu können.

Zwar haben sich Unternehmen, die mehr als die Hälfte des weltweiten Palmöls produzieren und verarbeiten, der Zertifizierungsorganisation „Round Table on Sustainable Palmoil“ (RSPO) angeschlossen. Doch das Nachhaltigkeitssiegel des RSPO ist nach Auffassung vieler Umweltschützer nur ein Feigenblatt der Industrie. So seien die Kriterien zum Schutz der Regenwälder nicht streng genug, sie ließen weiterhin zu, dass Plantagenbetreiber Wälder roden und Torfmoore trockenlegen. „Palmöl soll damit wieder hoffähig gemacht werden“, lautet der Vorwurf des deutschen Vereins „Rettet den Regenwald“. Auch die meisten sozialen Kriterien, die laut RSPO auf den Plantagen eingehalten werden müssen, reichten nicht über die allgemeinen Grund- und Menschenrechte hinaus.

Aber selbst die vergleichsweise laschen RSPO-Auflagen sind schnell vergessen, wenn es den Konzernen darum geht, sich neues Terrain zu sichern. So lässt sich Socfin, der führende Betreiber von Kautschuk- und Palmölplantagen in Afrika, bei der Erschließung neuer Anbauflächen nicht von den am Runden Tisch vereinbarten Bedingungen bremsen. Keine einzige Plantage des Unternehmens in Westafrika erfüllt bislang die Anforderungen für eine Zertifizierung. Die Aktivitäten von Socfin seien „ein großes Risiko für tropische Wälder“, urteilt Greenpeace Frankreich. Das Unternehmen halte internationale Umweltstandards nicht ein, fördere die Korruption und missachte die Rechte der indigenen Bevölkerung.

Die Socfin Group ist ein international verschachteltes Unternehmen mit Töchtern und Beteiligungen in Belgien, Luxemburg, der Schweiz und einer Reihe afrikanischer Staaten. Großaktionär ist Vincent Bolloré, einer der reichsten Männer Frankreichs. Zu Hause gibt er sich als umweltbewusster Unternehmer und bietet Carsharing mit Elektroautos an. Doch in Afrika schert sich das von ihm kontrollierte Unternehmen wenig um die sozialen und ökologischen Folgen seines Geschäfts. „Es gehört nicht zur Firmenpolitik, die Abholzung zu bekämpfen und die Konflikte mit Landbesitzern zu beenden“, fasste Cécile Leuba von Greenpeace Frankreich die im Februar veröffentlichten Ergebnisse einer Untersuchung von Socfins Aktivitäten in Westafrika zusammen. Das Unternehmen habe im Zuge seiner Expansion primäre und sekundäre Regenwälder abgeholzt.

Der Plantagenbetreiber wies die Kritik zunächst zurück. Socfin habe „generell nur in alte, bereits bestehende Plantagen investiert“, erklärte er nach der Veröffentlichung des Greenpeace-Reports. Im Juli kündigte das Unternehmen dann aber eine Zero-Deforestation-Strategie an, versprach also, auf das Roden von Regenwäldern zu verzichten. Schließlich muss Socfin zumindest den Minimalanforderungen des umstrittenen RSPO-Siegels genügen, wenn Palmöl aus den afrikanischen Plantagen exportiert werden soll. Denn die meisten großen Nahrungsmittelkonzerne haben sich verpflichtet, zertifiziertes Palmöl zu beziehen.

Aber auch in Afrika muss der Plantagenbetreiber nun Konsequenzen fürchten. Dass Socfin dort zu den Lieferanten von Nestlé gehört und der schweizerische Konzern mit Palmöl aus den nicht zertifizierten Plantagen Maggi-Produkte für den regionalen Markt produziert, passt nicht zu den öffentlichen Bekenntnissen des Lebensmittelherstellers.

In Deutschland wirbt Nestlé damit, nur Palmöl zu verwenden, „das strenge Nachhaltigkeitskriterien erfüllt“. Nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Socfin seien diese „mit dem Lieferanten angesprochen“ worden, erklärt ein Sprecher von Nestlé auf Anfrage. Das Unternehmen habe sich dazu verpflichtet, „die kritisierten Praktiken einzustellen“. Würden die Anforderungen, die Nestlé weltweit an Zulieferer stelle, bis Oktober nicht erfüllt, werde die Lieferbeziehung „auf den Prüfstand“ gestellt.

Immerhin zeigt der anhaltende Druck von Umweltschützern bei einem Konzern wie Nestlé Wirkung. Allerdings steht der schweizerische Multi mit seiner Bereitschaft zu Transparenz und Kontrolle noch ziemlich allein da. Greenpeace prüfte im Frühjahr 14 große Konsumartikelhersteller und kam zu ernüchternden Ergebnissen: Lediglich Nestlé und Ferrero konnten gute Fortschritte auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit beim Einsatz von Palmöl attestiert werden.