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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.13

Die tun was

Text: Andrea Hösch

Tony Rinaudo begrünt die Wüste, indem er Wurzelwerk wiederbelebt. Mit den Bäumen wächst für Menschen in Dürregebieten neue Hoffnung

Alles, was Tony Rinaudo braucht, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen, ist ein kleines Zwei-Dollar-Messer. Behutsam öffnet er das Lederetui, sein rechter Daumen streicht über die geschwungene Klinge. „Wenn man Sprösslinge richtig zurückschneidet“, sagt er, „werden sie sogar in Trockengebieten zu Bäumen. Und wo Bäume wachsen, gedeihen auch wieder Hirse und Mais.“

17 Jahre lang lebte der Australier mit seiner Familie im westafrikanischen Niger, wo er tausende Bäume pflanzte. Doch ein Großteil ging ein. Hilflos musste der Agrarökonom zusehen, wie die Menschen unter Hunger-, Flut- und Dürrekatastrophen litten. Doch eines Tages im Jahr 1983 nahm Rinaudo im sandigen Boden kleine Gewächse wahr. Als er entdeckte, dass das Grün auf einem Baumstumpf gedieh, war er elektrisiert: Unter der Erde musste also ein unterirdischer Wald mit intaktem Wurzelwerk existieren. Wenn die neuen Triebe ein halbes Jahr lang vor grasenden Tieren geschützt und richtig gestutzt würden, dachte er sich, könnten sie sich dank ihrer tiefen Wurzeln zu Bäumen entwickeln.

Von da an setzte Tony Rinaudo nicht mehr auf neue, sondern auf alte Bäume. Seine Methode nennt er „Farmer Managed Natural Regeneration“, kurz FMNR. Anfangs erklärten sich nur eine Handvoll Kleinbauern bereit, die in Europa übliche Beschneidungstechnik auszuprobieren. „Die ersten, die auf ihren Feldern eine ‚Tony-Ecke‘ einrichteten, wurden verlacht“, erzählt Rinaudo bei einem Seminar in Süddeutschland. Die Bauern im Niger glaubten, je sauberer der Boden vor der Aussaat, umso größer die Ernte. Deshalb brannten sie ihre Felder ab und entfernten alle Triebe. Um gegen solch tiefsitzende Traditionen anzukämpfen, braucht es viel Beharrlichkeit, Gelassenheit und Überzeugungsarbeit. Rinaudo hat – trotz etlicher Rückschläge – von alledem reichlich.

Während der Powerpoint-Präsentation gießt der 56-Jährige schwungvoll Wasser auf eine Plastikschale. Das wegspritzende Nass fängt er in einem Eimer auf. Danach legt er einen Schwamm in die Schale, der sofort alles aufsaugt. Auf diese Weise demonstriert er gerne, wie viel Wasser ein gesunder Boden aufnehmen und speichern kann. Bäume mildern so nicht nur Überschwemmungen. Erst mit ihnen kehrt Leben in unwirtliche Gebiete zurück: Bakterien besiedeln den Boden, Baumwurzeln verhindern Erosion, Insekten und Vögel bevölkern das Grün. Im Schutz der Bäume gedeihen Hirse und Mais doppelt so gut wie ohne sie. Sie spenden Schatten und liefern Feuerholz sowie Futter für die Tiere. Weil die Bäume CO2 binden, honoriert die Weltbank die Aufforstungsarbeit der FMNR-Bauern überdies als Klimaschutzmaßnahme: Im äthiopischen Humbo-Tal erhalten sieben Genossenschaften seit 2010 pro Jahr rund 62.000 Euro.

In elf afrikanischen und fünf asiatischen Ländern wenden Bauern Rinaudos Wiederbewaldungsmethode an, im Niger hat sich FMNR schon auf der Hälfte der Agrarfläche ausgebreitet. Als nächstes will Rinaudo Aufforstungsprojekte in Südafrika und Haiti ins Leben rufen. Und in der Sahelzone wagt er es noch einmal, Jungbäume zu pflanzen: FMNR-Bauern sollen zwischen ihre wiederbelebten Bäume australische Akazien setzen. Sie sind bei den Aborigines heimisch, an Trockenheit gewöhnt, wachsen schnell und liefern obendrein proteinreiche, wohlschmeckende Früchte. Diese Veredelung nennt Rinaudo FMNR Plus.

ZUR PERSON Tony Rinaudo, 56, sah schon als Kind nicht ein, weshalb in seiner Heimat Tabakpflanzen angebaut werden, obwohl Millionen Menschen auf der Welt hungern. Der Australier studierte Landwirtschaft und ging für die christliche Organisation „Serving in Mission“ in den Niger, wo er seine Aufforstungsmethode entwickelte. Seit 1999 arbeitet der Agrarökonom für die Kinderhilfsorganisation World Vision, die sich vorgenommen hat, Rinaudos erfolgreiche Methode in Dürregebieten rund um den Globus bekanntzumachen und neue Projekte anzustoßen.