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Die Vertreibung aus dem Paradies

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

Die Vertreibung aus dem Paradies

Text: Matthias Glaubrecht Illustration: Ben Giles

Ich weiß, dass ich nichts weiß. Wenn es um die Natur geht, ist die Erkenntnis der alten Griechen heute noch gültig. So bunt, so schön, so rätselhaft. Hier lesen Sie eine kleine Geschichte der Artenvielfalt. Wie der Mensch sie entdeckte – und jetzt alles aufs Spiel setzt

Am Anfang steht einer der großen Denker des Abendlandes. Es war Aristoteles, der in einer Lagune auf der Insel Lesbos als Erster begann, die Welt des Lebendigen zu ergründen, dabei zugleich die Vielfalt und Fülle des Lebens zu vermessen und zu kartieren. Politische Umstände hatten den griechischen Philosophen im Jahr 345 vor Beginn unserer Zeitrechnung von Athen auf das Eiland in der östlichen Ägäis verschlagen. Dort bildet eine tief ins Land einschneidende Bucht eine Art Binnenmeer und Welt für sich. Kaum irgendwo anders im Mittelmeer war die Meeresfauna damals vielfältiger und formenreicher als in dieser Lagune von Lesbos. Seeigel, Seescheiden, Seegurken, Seesterne, Schnecken und Schwimmkrabben, Brassen und Barsche, Austern und Anemonen, Tunikaten und Tintenfische inspirierten den Philosophen, ließen die Insel gleichsam zu Aristoteles’ Galapagos werden, zu seiner Modellwerkstatt der natürlichen Vielfalt. Im Exil auf Lesbos entstanden seine wichtigsten biologischen Studien und Schriften, hier begründete der Philosoph Aristoteles die Zoologie. Als Erster interessierte er sich für den Körperbau von Kopffüßern, die Morphologie von Meereswürmern, die Lebensweise von Wirbellosen, aber auch für das Funktionieren und Verhalten vieler anderer Tiere. Tatsächlich ist die Hälfte der von Aristoteles überlieferten Texte naturkundlichen Themen gewidmet (seine Historia animalium ist mehr als doppelt so umfangreich wie seine zweitgrößte Schrift Politik). In seinen Werken begründete er zudem die Systematik der Organismen.

Und doch blieb Aristoteles der wahre Reichtum der Biologie verborgen. Der ägäische Tierbestand seiner durchaus einflussreichen Schriften zählt bescheidene 580 Arten – wobei ihm die Fischer von Lesbos, neben der reichen Küstenfauna, sogar auch zahlreiche Vertreter der Hoch- und der Tiefsee verschafften. Knapp zweitausend Jahre später, im Jahr 1735, ist die Biosystematik kaum weiter. In der ersten Auflage seines Werkes Systema naturae führt der schwedische Naturforscher Carl von Linné gerade einmal 549 Tierarten auf. Zwar korrigierte der Gründervater der modernen biologischen Systematik in seiner 1758 erschienenen zehnten Auflage diese Zahl nach oben und verzeichnete nun immerhin 4326 Tierarten. Aber noch lange nach Linné haben auch andere Naturforscher die überbordende Fülle des Lebens auf unserem Planeten hoffnungslos unterschätzt – wenn sie der biologischen Vielfalt überhaupt Beachtung schenkten. Eine löbliche Ausnahme bildete da der ohnehin an einer Vermessung der Natur interessierte Alexander von Humboldt. In seiner 1833 erschienenen Beschreibung neuer Fischarten aus den Flüssen Südamerikas wies er einleitend darauf hin, dass allein dank der Bestände in der damals größten naturkundlichen Sammlung des Jardin du Roi in Paris weltweit insgesamt 7700 Tierarten bekannt seien, darunter 500 Säugetiere, 4000 Vögel, 700 Reptilien und Amphibien und 2500 Fische, so Humboldt.

Und selbst damit wurden die Artenzahlen noch immer um Größenordnungen unterschätzt. (...)

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