Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen
Die Wonnen der Germanen

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Die Wonnen der Germanen

Text: Fabian Jonas

Schokolade ist eine Erscheinung der Neuzeit. Aber was naschten unsere Urahnen? Ein Rückblick auf Süßigkeiten der Frühgeschichte, mit Rezepten für die Gegenwart

Wir befinden uns im Jahre 50 v. Chr. Ganz Germanien ist von undurchdringlichen Wäldern und ausgedehnten Sümpfen durchsetzt, von Hochmooren, in denen man im Nebel nur allzu leicht versinken kann. Ganz Germanien? Ja, ganz Germanien, oder eben das Gebiet, das heute so bezeichnet wird, in dem in Wahrheit aber rund vierzig verschiedene Stämme beheimatet sind, darunter „die Westgoten, die Ostgoten und alle Goten überhaupt“, wie es bei Asterix heißt.

Das Label „Germanen“ stammt von den Römern, die im Westen und Süden die Grenzen ihres Reiches immer weiter verschieben. Germanien aber bleibt einstweilen von der Hochkultur verschont. Zu karg, zu kalt, zu wenig lohnenswert erscheint es den Römern, „ein ungestaltes Land unter rauem Himmel, wüst zu bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind“, schreibt Tacitus noch 150 Jahre später.

Zudem ist dieses Land von unberechenbaren Riesen bevölkert, die ein hartes Leben führen. Es beginnt, zur Abschreckung und vielleicht auch, um erst gar keine Illusionen aufkommen zu lassen, für Neugeborene mit einem Bad in eiskaltem Wasser und endet nicht selten jäh und gewaltsam. Die Böden sind nur wenig kultiviert und erscheinen unfruchtbar, an Obst gibt es nur, was wild wächst, an Gemüse kaum mehr als ein paar Hülsenfrüchte. Nur mühsam lässt sich der Natur das Nötigste abringen. Es alternativ dann lieber gleich beim Nachbarn zu rauben, ist da mitunter die komfortablere und ergiebigere Herangehensweise.

Entsprechend kümmerlich ist das Nahrungsangebot. Fleisch gibt es nur selten, öfter steht wahrscheinlich Fisch auf dem Speiseplan, die Flüsse und Seen sind noch voll davon. Milch gibt es meist in geronnener Form, weniger als Käse, eher als Dick- oder Sauermilch. Das Hauptnahrungsmittel aber ist ein Brei aus Wasser und Getreide, auf kleinen Äckern angebaut und in stundenlanger Arbeit gemahlen. Jahrein, jahraus dieselbe Grütze. Auf die Idee, die Pampe durch Backen in Brot zu verwandeln, kommt vorerst kaum jemand, und wenn doch, so geht dieses Wissen schnell wieder verloren, denn so wenig wie geeignete Öfen gibt es eine Kommunikationsschrift. Die ersten Runen sind meist religiöse Schnörkeleien und Symbole, zum Austausch von Kochrezepten ungeeignet. Tacitus, einer der wenigen römischen Chronisten, die sich mit dem Nachbarn befassen, schreibt über dessen Speisen: „Ohne künstliche Zubereitung, ohne Leckereien vertreiben sie den Hunger.“ Und auch das nicht immer. Gegen Ende der langen, harten Winter, wenn die Vorräte aufgebraucht sind, stehen regelmäßig Hungersnöte ins Langhaus, in dem die Sippen mit dem Vieh unter einem Dach leben.

Es ist ein Leben von der Hand in den Mund, für Handel in größerem Stil oder gar Tributzahlungen an eventuelle Besatzer bleibt nichts übrig, und das hat immerhin zur Folge – von einem Vorteil kann man nicht unbedingt sprechen –, dass die Römer auf eine Eroberung verzichten. Vielleicht auch, weil sie den Furor teutonicus fürchten, jene unbändige Raserei, in die unsere Urahnen auf dem Schlachtfeld verfielen und die laut Seneca alles zerschmetterte, was ihr entgegentrat, meist aber auch den Rasenden selbst ins Verderben führte.

Möglicherweise haben die Krieger diesen Zustand übrigens ganz gezielt durch den Verzehr von Fliegenpilzen herbeigeführt, mit oft fatalen Neben- und Nachwirkungen. Von halluzinogenen Giftpilzen abgesehen gibt es nicht viel, was dem Germanen am Ende eines langen Arbeits- oder Plünderungstages den Feierabend versüßen könnte. Ein wenig Obst, im besten Fall zu Apfel- oder Birnenkraut eingekocht, einer Art Sirup, ein paar Nüsse, ein paar Beeren – und der Sage nach gelegentlich das Blut seiner Feinde. Ansonsten aber, und vor allem in den dunklen Wintermonaten, ist der Speiseplan so trist wie das Wetter. Kakao und Zucker sind noch gänzlich unbekannt, ergo auch Schokolade und Karamell. Genau genommen gibt es überhaupt nur eine Süßigkeit, die den Namen auch wirklich verdient: Honig. Nur ist dessen Erwerb entweder gefährlich oder teuer.

Allerdings: Nichts Genaues weiß man nicht. Die Germanen hatten, wie gesagt, noch keine Schrift, sie konnten also nichts aufschreiben. Manches wissen wir von den zahlreichen Moorleichen, die im Laufe der Jahrhunderte aufgefunden wurden, in ihren Mägen etwa ließen sich die schon erwähnten Nahrungsbestandteile nachweisen. Das meiste Wissen über unsere Urahnen wurde uns aber von den Römern überliefert, allen voran Julius Cäsar und Tacitus, nicht eben unvoreingenommenen Disziplinfanatikern, denen diese Barbaren gewissermaßen selbst wie ein Bienenvolk vorgekommen sein müssen: ganz gut strukturiert, aber brummig – und jederzeit bereit, unter Drangabe des eigenen Lebens zuzustechen.

Man muss nun nicht noch einmal alle zivilisatorischen Vorzüge des Römischen Reiches zu seiner Blütezeit aufzählen, um zu verdeutlichen, wie groß die Fallhöhe für die beiden Chronisten gewesen sein muss, als sie den seltsamen Nachbarn unter die Lupe nehmen. Es reicht ein Blick auf die Dessertkarte. Denn wie viel prächtiger fällt diese südlich des Limes aus! Neben vielen verschiedenen Obstsorten, darunter Früchten wie Datteln, Feigen oder Trauben, finden sich dort liebliche Weine und Liköre, süße Omeletts, Frischkäse mit Honig, verschiedenste Puddings und sogar Speiseeis. Für dessen Herstellung und Lagerung werden selbst im Hochsommer immense Mühen in Kauf genommen und riesige Eisblöcke aus den Gebirgen in die Städte transportiert, wo sie tiefe Keller in Gefrierkammern verwandeln. Natürlich können sich nur die reichsten Bürger solche Dekadenz leisten, für arme Leute ist selbst bloßer Honig oft zu teuer, was zu einem Phänomen führt, das später auch auf germanischem Boden zu beobachten ist: Die Oberschicht ist leicht an ihren kariösen Zähnen zu erkennen.

Auch das beliebteste Naschwerk haben die Römer ihrem Know-how zu verdanken: Kuchen. Den gibt es in den verschiedensten Varianten und Geschmacksrichtungen. Auch die Römer wissen nicht im biochemischen Detail, was Hefezellen sind oder wie sie wirken, sie verstehen aber, was sie bewirken und schaffen es schon vor der Zeitenwende, Hefekulturen anzulegen, mit deren Hilfe süßes und anderes Gebäck relativ zuverlässig gelingt.

Die Germanen hingegen haben von derlei Zusammenhängen keine Ahnung, was sich übrigens auch negativ auf die Produktion eines Getränkes auswirkt, das sie den Römern voraushaben und schon damals in rauen Mengen genießen: Bier. Bei dessen Herstellung, oder wenn sie es doch einmal mit Brotbacken versuchen, können sie nur darauf hoffen und vielleicht ein wenig beten, dass im richtigen Moment das richtige Bakterium, die richtige Pilzspore vorbeifliegen und für die gewünschte Reaktion sorgen möge, also die Maische gären und den Teig aufgehen lässt. Es ist eine Lotterie. Umso erstaunlicher, mit welcher Ausdauer sie diesem Glücksspiel frönen und somit den Grundstein für die deutsche Braukunst ebenso legen wie für das Backhandwerk, das angesichts solcher Hartnäckigkeit schließlich doch noch in die Gänge kommt und ausgewählten Festen des Mondkalenders eine Süßspeise beschert, die wir noch heute kennen: Honig- beziehungsweise Lebkuchen. Die Ähnlichkeit der chemischen Prozesse beim Backen und Brauen führt übrigens dazu, dass beides oft in einem Aufwasch erledigt wird. Noch heute nachzulesen in „Rumpelstilzchen“: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen…“

Auch bei der Herstellung eines zweiten süßen Genussmittels, das sich großer Beliebtheit erfreut, spielt Honig eine zentrale Rolle. Vermischt mit Wasser, beginnt er recht zuverlässig zu gären und verwandelt sich innerhalb weniger Wochen wie von Zauberhand in Met, der nur folgerichtig als Getränk der Götter begriffen wird. Deren Chef Odin soll sich der Sage nach sogar ausnahmslos von ihm ernährt und den Nachschub gesichert haben, indem er die Met gebende Ziege Heidrun auf dem Dach von Walhall platzierte. Doch auch jenseits des Götterhimmels stehen Bier und Honigwein hoch im Kurs, was sich wiederum negativ auf den Ruf der Germanen bei den kultivierten Römern auswirkt. Entsetzt berichtet Tacitus von oft mehrtägigen Gelagen, in deren Verlauf es permanent zu Streitereien und Schlägereien, mitunter sogar zu Mord und Totschlag käme. Noch heute rächen sich die Römer alljährlich am sogenannten „Italienerwochenende“ des Münchner Oktoberfestes für diesen vor 2000 Jahren erlittenen Schock. In das Bild des dauersaufenden Barbaren mag jedoch auch ein weiterer zivilisatorischer Nachteil mit hineinspielen. Weil sie auch die Töpferscheibe nicht kennen, trinken die Germanen vorzugsweise aus Hörnern – die sich allerdings gefüllt nicht abstellen lassen und deswegen in einem Zug geleert werden.

All dies, wie gesagt, ist nur dürftig belegt, deckt sich aber mit dem aktuellen Stand der Forschung. In krassem Gegensatz dazu steht der Mythos vom edlen Germanen, wie er im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und bis in die NS-Zeit Bestand hatte. Mit teils skurrilen Blüten. Der Philologe Friedrich Kauffmann etwa verstieg sich 1913 zu der These, die germanischen Stämme seien ja erst durch den Kontakt mit den Römern in den Genuss von Alkohol und Süßigkeiten gekommen und daraufhin „in der kurzen Frist von zehn Sommern“ derart verweichlicht, dass sie all ihre ursprüngliche Kraft verloren hätten. Was natürlich eine Warnung sein sollte, möglicherweise aber bis in unsere Zeit nachwirkt. Denn hat man hierzulande nicht grundsätzlich ein gespaltenes Verhältnis zum Genuss? Eine britische Studie, die das Suchtverhalten der Europäer untersuchte, kam einmal zu einem vernichtenden Urteil: „Wenn die Deutschen genießen, dann nur leidend und mit schlechtem Gewissen.“ Doch gleichzeitig liegt der Schokoladenverbrauch mit beinahe zehn Kilogramm pro Kopf und Jahr höher als in jedem anderen europäischen Land. Ein Paradoxon, und dennoch erklärbar: Die deutsche Genussgeschichte war eben schon immer auch eine Leidensgeschichte.

Rezept: Apfel- oder Birnenkraut

Zutaten
5kg Äpfel oder Birnen. Sorte nach Belieben – je süßer, desto süßer auch das Ergebnis.

Zubereitung
1. Früchte entkernen und grob zerkleinern. In einem großen Topf mit Wasser bedecken und kochen, bis das Obst zerfällt (circa 30 Minuten).
2. Ein großes Sieb mit einem Küchentuch auslegen und die Früchte abgießen. Die Flüssigkeit in einem zweiten großen Topf auffangen. Gut abtropfen lassen, am besten mehrere Stunden oder gleich über Nacht.
3. Den aufgefangenen Saft zum Kochen bringen und stark reduzieren. Gelegentlich umrühren. Sobald die Flüssigkeit eindickt, unter ständigem Rühren vorsichtig weiter reduzieren, circa 45 Minuten lang, bis ein zäher Sirup entstanden ist. Diesen in ein sterilisiertes Einmachglas umfüllen.
Natürlich kann nach Belieben auch Zucker hinzugefügt oder eine Stange Zimt mitgekocht werden, den Germanen standen diese Möglichkeiten allerdings nicht zur Verfügung. Die gekochten Früchte können zu Mus weiterverarbeitet werden.

Rezept: Selbstgemachter Met (enthält Alkohol)

Die Herstellung von Met ist recht einfach, bedarf allerdings eines speziellen Gärgefäßes, aus dem Gase entweichen können, ohne dass Sauerstoff eindringt. Natürlich kann auch einfach nur Honig in Wasser aufgelöst und beiseite gestellt werden, allerdings sollte dann noch zu Odin gebetet werden, dass es auch gelingt. Zuverlässiger wird die Zubereitung durch die Zugabe von Hefe. Alle benutzten Gefäße müssen sehr sauber sein.

Zutaten für einen 5-Liter-Gärballon
1,5kg Honig nach Wahl
3,5l Wasser
Reinzuchthefe (z.B. Burgunderhefe)

Zubereitung
Den Honig im Wasser auflösen, dabei nur sanft erhitzen (nicht über 40°C). In den Gärballon umfüllen, dabei einen kleinen Teil zurückbehalten. Damit nach Herstellerangaben die Reinzuchthefe anrühren (Mengenangaben beachten), zu der noch warmen Honiglösung in den Gärballon geben. Mit Gärverschluss verschließen (Gebrauchsanleitung beachten) und an einem ruhigen, warmen Ort drei bis vier Monate stehen lassen, bis der Gärvorgang abgeschlossen ist und sich die Hefe am Boden abgesetzt hat. Dann von oben mit einem Schlauch in saubere Flaschen abziehen, darauf achten, keine Hefe mit abzufüllen. An einem dunklen und kühlen Ort nach Belieben nachreifen lassen. Oder gleich trinken.

Rezept: Keltenkringel

Der heute als Keltenkringel beliebte Honigkuchen war auch bei den Germanen bekannt. Wer es weniger ursprünglich (und zuverlässiger) haben möchte oder Zeit sparen will, kann die Dickmilch durch Hefe ersetzen.

Zutaten
500g Dinkelmehl | etwas Dickmilch (Sauermilch)
500g flüssiger Honig
50g Butter
1 Ei

Zubereitung
Mehl, Dickmilch und gegebenenfalls etwas Wasser zu einem geschmeidigen Teig verkneten und zwei Tage abgedeckt an einem warmen Ort gehen lassen. Dann Honig, Butter und Ei in den Teig einarbeiten, eine weitere Stunde gehen lassen. (Bei Verwendung von Hefe statt Dickmilch sofort alle Zutaten verarbeiten und eine Stunde gehen lassen.) Aus dem Teig kleine Kugeln formen und flachdrücken, in die Mitte mit dem Stil eines Holzlöffels ein Loch bohren. Auf ein gefettetes oder mit Backpapier ausgelegtes Blech legen und bei 200° C etwa 10-15 Minuten lang backen.