Doping aus dem Supermarkt

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.01

Doping aus dem Supermarkt

Die Lebensmittel von morgen sollen nicht mehr bloß satt machen, sondern heilen. Doch der Nutzen von „Functional Food“ ist unbewiesen, der Genuss nicht ohne Risiko.


Kellogg's Cornflakes vor dem Kadi
Zum Schutz der Verbraucher hat Norwegen mit Eisen angereicherte Frühstücksflocken verboten. Denn unter Experten ist umstritten, ob das „Essen mit dem Gesundheitsplus“ nützt oder schadet.

Keine Kalorien, kein Karies, kein Hirntumor – ich habe die Zukunft gekostet, und bis auf die Erdbeer-Mais-Chips hat sie ganz gut geschmeckt“, lautete das Fazit von Brad Lemley, Reporter des amerikanischen Magazins „Discover“, der sich im Dezember zwei Tage lang durch eine Lebensmittel-Messe in Dallas futterte. Schwer zu kämpfen hatte Lemleys Verdauung mit all den Megavitamin-Doughnuts, den mit Omega-3-Fettsäuren angereicherten Tunfischburgern und Äpfeln, eingemacht in Mineralstoffdip. Fast jeder der 793 Aussteller ließ den Reporter solche angeblich supergesunde Designerkost probieren.

Was kurios anmuten mag, ist ein profitabler Trend: „Functional Food“ nennt sich das Essen mit Gesundheitsbonus, dem die Lebensmitteltechnologen alles schwer Verdauliche und dick Machende ausgetrieben und allerlei vermeintlich Gesundes in hohen Dosen zugesetzt haben. Schon heute drängeln sich in den Regalen der Supermärkte probiotische Joghurts, die das Immunsystem stärken sollen, neben vitaminreichen ACE- oder BCE-Säften, die Schutz vor aggressiven Substanzen („Radikalen“) verheißen, und Schokoladendrinks gegen Knochenschwund. Neu auf dem Markt sind Lebensmittel mit Wirkstoffen aus Grün- oder Schwarztee, Rotwein oder Tomaten, die angeblich sogar Krebserkrankungen vorbeugen sollen. Und das Trend-Getränk „Kombucha“, das mit einem Tee-Pilz angereichert ist, verspricht nichts weniger als ein langes Leben.

Dafür ist den Verbrauchern kein Preis zu hoch. Weltweit werden jährlich bereits 68 Milliarden Mark mit Functional Food umgesetzt. Und Konzerne wie Unilever, Nestlé und Novartis arbeiten eifrig daran, weitere Produkte mit dem lukrativen Gesundheitsplus auszustatten, denn die aufgepeppte Kost bringt bis zu 30 Prozent mehr ein als normale Lebensmittel. In den USA und Japan sind essbare Medikamente ohnehin längst in aller Munde, darunter Gingko-Cola für das Gedächtnis, Bier mit Wasabi, einer Meerrettichart, zur Krebsvorbeugung und johanniskrauthaltige Erbsensuppe gegen Depressionen.

„Wir erwarten, dass der Anteil an Functional Food am weltweiten Lebensmittelmarkt bis 2010 auf etwa 25 Prozent wachsen wird“, schätzt Unilever-Sprecher Rüdiger Ziegler. In anderen Worten: Künftig will uns jedes vierte Lebensmittel glauben machen, mit seinem Verzehr könne man sich gesund schlemmen. Statt in die Apotheke also in den Supermarkt? Statt Tinktur und Tablette lieber Keks, Kakao und Ketchup?

Wohl kaum. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass das „Essen auf Rezept“ nicht hält, was es verspricht. So wiesen Forscher der Uni Bonn im Laborversuch nach, dass mit Vitaminen angereicherte ACE-Säfte zellschädigende Sauerstoff-Radikale weniger gut abfingen als schlichter roter Traubensaft. Noch besser wirkte Nektar aus schwarzen Johannisbeeren.

Ein weiteres Beispiel: Probiotische Milchprodukte müssen nach Vorgaben des Bundesinstituts für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BGVV) pro Gramm mindestens eine Million Milchsäurebakterien enthalten, um im Darm zu wirken. Doch die Zeitschrift „Ökotest“ stellte 1999 viel niedrigere Konzentrationen in den geprüften Joghurts fest. Zudem überleben nur zehn bis 40 Prozent der Keime das Bad in Magensäure und Galle, der größte Teil kommt also gar nicht im Darm an.

Zwar liefern die Hersteller von Functional Food zahllose Studien und Statistiken, um die Wirksamkeit ihrer Kreationen zu belegen. Sie seien allerdings wenig beweiskräftig, moniert Rolf Großklaus, der die Abteilung Ernährungsmedizin beim Berliner BGVV leitet. Oft fehlten klinische Studien an Menschen, denn Tests in Reagenzgläsern und Tierversuche reichten nicht aus. Amerikanische Verbraucherschützer sprechen deshalb bereits von der „Quacksalberei des 21. Jahrhunderts“, während deutsche Verbraucherzentralen vorsichtiger die „Aura von Gesundheit und Wohlbefinden“ kritisieren, die die Designerkost vorgaukele. Und die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stellt nüchtern fest: „Eine vollwertige Ernährung ist auch ohne Functional Food zu realisieren.“ Die Frankfurter Essenswächter empfehlen stattdessen fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag.

Bleibt die Frage, ob Functional Food nur dem Geldbeutel schadet. Oder fragt bei Essen mit erwünschter Nebenwirkung bloß niemand nach den Risiken? „Ich esse so was nicht. Der permanente Verzehr solcher Produkte ist wahrscheinlich schädlicher, als hin und wieder einen Hamburger zu vertilgen“, sagt der streitbare Lebensmittelchemiker Udo Pollmer, Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft (EU.L.E.) in Hochheim (siehe Kommentar Seite 32).

Zwar sind Vitamine und Mineralstoffe lebensnotwendig, in überhöhten Dosen können sie jedoch schaden. Zu viel Vitamin A etwa kann zu Schwindel und Erbrechen führen, zu viel Kalzium zu Blutdruckabfall und Nierensteinen. Bei Rauchern beobachteten Wissenschaftler nach täglicher Gabe von hohen Dosen Beta-Carotin (der Vorstufe von Vitamin A) sogar ein erhöhtes Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Ernährungsmediziner wie Hans K. Biesalski von der Uni Hohenheim raten deshalb von der routinemäßigen Anreicherung von Suppen und Saucen, Brot und Bonbons mit bioaktiven Substanzen ab, da nicht zu kontrollieren sei, wie viele Vitamine und Mineralstoffe der Konsument letztlich zu sich nehme. Zwar beginnt die EU inzwischen, Obergrenzen für die tägliche Einnahme einiger Vitamine und Mineralstoffe festzulegen. Schon mit einem Menü aus angereicherten Produkten aber lassen sich diese Mengen erreichen. Für Pflanzeninhaltsstoffe fehlen solche Grenzwerte ohnehin. Wer aber warnt gutgläubige Functional- Food-Esser vor Flavonoiden, Lycopin & Co, die sonst nur durch wochenlange Apfel- und Tomatendiät zusammen kämen?

Besonders gut meint es die Firma Kellogg‘s. In jedes ihrer Frühstückspakete hat sie horrende Mengen Vitamine und zusätzlich Eisen gepackt. In Deutschland werden Kellogg‘s-Produkte seit 1970 angereichert – beschwert hat sich bislang niemand. Nun wagte die norwegische Regierung den Widerstand und verbot Anfang 2000 die Einfuhr von Kellogg‘s Cornflakes. In Norwegen, so die Begründung, herrsche kein Eisenmangel. Warum also sollten gerade Kinder ein unnötiges Risiko eingehen? Kellogg‘s legte Beschwerde ein, und Norwegen muss sich demnächst wegen Behinderung des freien Handels in Luxemburg verantworten, dem Sitz des Gerichtshofes der europäischen Freihandelszone EFTA. Inzwischen kündigten auch Dänemark, Frankreich und Holland an, die aufgepeppten Cornflakes zu prüfen.

Applaus für die Norweger kommt auch von Ernährungsexperten. „Die blasse Tante mit der leichten Anämie wird 100 Jahre alt“, lobt Medizinprofessor Hans K. Biesalski die starke Konstitution von Menschen mit zu wenig Eisen im Blut. Leichter Eisenmangel schütze vor Infektionen, da fast alle Krankheitserreger den Stoff für ihr Wachstum benötigten. So zeigten Studien bei den Massai in Kenia, dass die Nomaden trotz verschmutzten Trinkwassers selten an Durchfall litten. Als sie jedoch mit Eisen aufgepäppelt wurden, erkrankten einige an Malaria, andere an einer nicht selten tödlich verlaufenden Amöben-Ruhr. Zu diesen Befunden passt, dass Menschen, die an einem erblich bedingten Eisenüberschuss (Hämochromatose) leiden, ein höheres Risiko haben, an Herzinfarkt, Diabetes und verschiedenen Tumoren zu erkranken.

„Offenbar ist Eisen ein janusköpfiges Element, auf das der Körper nur in engen Grenzen angewiesen ist und das mit steigender Konzentration auch Schaden anrichten kann“, kommentiert Brigitte Neumann vom EU.L.E.-Institut.

Weit weniger erforscht als die Schattenseiten von Vitaminen und Mineralstoffen sind die Wirkungen hormonähnlicher Substanzen wie der Phytosterine, die in der neuen Margarine „Becel pro-activ“ von Unilever stecken. Diese Bestandteile aus Pflanzenölen sollen den Cholesterinspiegel senken. Doch sogar das Etikett des Streichfetts rät zur Vorsicht: Für Schwangere, Stillende, Kinder bis fünf Jahren sowie Verwender cholesterinsenkender Medikamente sei der Brotaufstrich „unter Umständen nicht zweckmäßig“. Nimmt ein Patient die Pharma-Margarine nämlich zusätzlich zu seinen – echten – Medikamenten, sinkt sein Cholesterinspiegel möglicherweise zu stark ab. Die Substanz ist jedoch ein wichtiger Bestandteil aller Körperzellen. Solche Wechselwirkungen von Arzneien und ihren gekochten, gebackenen und gebratenen Pendants bereitet den Herstellern von Functional Food noch Kopfzerbrechen. Hier brauche es wohl für Ärzte, Patienten und Behörden eine gewisse „Lernphase“, sagt Rüdiger Ziegler von Unilever.

Allen Bedenken zum Trotz kündigen auch andere Lebensmittel-, Agro- und Pharmakonzerne an, sich künftig auf dem Markt der funktionellen Lebensmittel zu engagieren. Nicht selten ist ihr Hintergedanke, mit dem angeblichen Gesundheitsbonus dem Verbraucher die Gentechnik endlich schmackhaft zu machen. „Dank Gentechnologie wird Nahrung dereinst für Millionen Menschen zum Medikament“, schwärmt Pierre Landolt, Verwaltungsrat beim Basler Konzern Syngenta, der erst kürzlich durch die Fusion der Agrarsparten von Novartis und Astra Zeneca entstanden ist. So lassen Genforscher Kartoffeln, Tomaten, Bananen und Salat wachsen, die Antikörper gegen Karies und Herpes produzieren, Diabetes heilen und gegen Cholera und Hepatitis immun machen sollen. Da auf der Schale von Obst und Gemüse wenig Platz für den Aufdruck von Risiken und Nebenwirkungen ist, können sich die Kunden schon jetzt auf Bananen mit Beipackzettel freuen.

Von KIRSTEN BRODDE
Fotos: JAN KORNSTAEDT



Literatur

José Lutzenberger/Franz Theo Gottwald: Ernährung in der Wissensgesellschaft Campus Verlag 1999, 258 Seiten, 36 Mark

Marcus Brian: Essen auf Rezept S. Hirzel Verlag 1999, 174 Seiten, 38 Mark

Hans K. Biesalski: Vitamine. Beck Verlag 1997, 112 Seiten, 14,80 Mark

Bio-Kost oder Hightech-Food? Broschüre der Verbraucherzentralen, Düsseldorf 2000, 14 Mark

Gesundheitskost – gesunde Kost? Broschüre der Verbraucherzentralen, Düsseldorf 1999, 18 Mark

Im Internet:

bioweb.ch Dossier zu Functional Food

www.zusatzstoffe-online.de Spezial-Website der Verbraucher Initiative

www.eule.com Infodienst des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften