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Drei gute Gründe...

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Drei gute Gründe...

Text: Julia Lauter Illustration: Ariane Spanier

... warum die Globalisierung unumkehrbar ist. Und wir sie deshalb bewusst gestalten müssen

1 Kommunikation
Vom Telegrafen bis zum World Wide Web: Die Welt ist durch immer neue Möglichkeiten des Austausches zusammengewachsen. Doch jetzt muss die Freiheit des Internets gegen autoritäre Regime und Konzerninteressen verteidigt werden.

1.1 Die Geschichte
Ohne den Guttaperchabaum wäre unser Leben heute ein anderes. Dessen eingetrockneter Milchsaft vermochte, wofür Kautschuk zu porös war: Tiefseekabel langanhaltend zu isolieren. Nach einigen missglückten Versuchen wurde 1866 die erste Telegrafenverbindung zwischen Neufundland und Irland eingerichtet. Wo ein Brief zuvor noch zwei Wochen brauchte, gab es nun direkten Kontakt. 1956 folgte das erste transatlantische Unterwasserkabel für Telefonie, ab 1988 löste das Glasfaserkabel Kupfer als Standard ab.

Ein dreiminütiges Telefongespräch von New York nach London kostete 1930 knapp 245 US-Dollar, im Jahr 2000 nur noch 86 Cent – eine Kostenreduzierung um mehr als 99 Prozent. Da hatte der Siegeszug des Internets bereits begonnen, im Jahr 2015 nutzte es knapp die Hälfte der Weltbevölkerung, Tendenz stark steigend. Und selbst wenn dort neben wichtigen Informationen auch Hass und Propaganda verbreitet werden: Eine Welt ohne das World Wide Web ist heute nicht mehr denkbar.

1.2 Die Krise
Die Vorzüge der Vernetzung liegen auf der Hand: Menschen können sich leichter informieren, austauschen, Handel treiben oder auch Rechte einfordern. Dank Handys und Smartphones können auch immer mehr Menschen abseits der Metropolen Anteil an diesem weltweiten Demokratisierungsprozess haben.

Doch die digitale Vernetzung birgt auch Risiken, namentlich die der massenhaften Überwachung. 2013 veröffentlichte Edward Snowden, Ex-Mitarbeiter eines Dienstleisters der National Security Agency in den USA, Geheimdokumente, die ein weltweites Netz von Spionagesystemen offenbarten. Neben Staaten sammeln und analysieren auch Dienste wie Facebook, Google und Amazon Daten ihrer Nutzer. Denn Daten sind Macht. Und was an der Machtkonzentration problematisch ist, zeigt ein Blick nach China: Dort testet die Regierung ein „Social Credit System“, bei dem Bürger für systemkonformes Verhalten im Netz Vorteile erhalten.

1.3 Die Zukunft
Das Problem der Überwachung könnte durch ein anderes strittiges Thema noch zugespitzt werden. Das Stichwort lautet: Netzneutralität. Netzanbieter wollen Überholspuren einbauen, durch die manche Angebote schneller als andere abgerufen werden können. So werden Nutzer in die Arme großer zahlungskräftiger Dienste wie etwa WhatsApp oder Facebook getrieben, die selbst besonders intransparente und eifrige Datensammler sind.

Die relative Freiheit des Internets ist nicht selbstverständlich. Der Kampf um Gesetze, die Nutzern dienen und nicht Staaten oder Konzernen, hat erst begonnen. Deutschland, Zufluchtsstätte von US-Journalisten und -Aktivisten nach den Snowden-Enthüllungen, liegt aktuell auf Platz vier des Freedom-House-Reports über Internetfreiheit. Von hier aus kann er geführt werden.

2 Transport
Vor mehr als fünfzig Jahren entfesselte die Erfindung des Überseecontainers den internationalen Handel. Das brachte Wohlstand für viele, aber auch Umweltprobleme mit sich. Doch Alternativen für einen nachhaltigeren Warentransport sind nach wie vor rar.

2.1 Die Geschichte
Die Häfen der Fünfzigerjahre: voller Arbeiter, die Schiffe Kiste für Kiste und Sack für Sack be- und entluden. Der Spediteur Malcolm McLean wollte das vereinfachen: Am 26. April 1956 verließ sein Frachter „Ideal X“ New Jersey mit Ziel Houston, 58 eigens angefertigte Stahlcontainer an Bord. Die Beladung hatte nur wenige Stunden gedauert und statt 15.000 nur 1600 US-Dollar gekostet.

So wurde McLeans 20-Fuß-Container zur Maßeinheit des globalen Handels. Mit ihm wird mittlerweile der weitaus größte Teil des weltweiten Frachtvolumens abgewickelt, das meiste davon über Schiffe. Auch dank weltweit normierter und optimierter Ladeverfahren, die durch den Container möglich wurden, kommen die Häfen der Gegenwart dabei mit sehr wenigen Arbeitern aus.

2.2 Die Krise
Mit dem globalen Handel wuchsen auch die Schiffe. Vor zwei Jahrzehnten schien es, als sei bei 8000 Standardcontainern die Kapazitätsgrenze der Frachter erreicht. Heute kann das größte Frachtschiff 21.413 Container befördern. Die Schiffe wachsen sogar schneller als die Warenströme. Derzeit zahlen Reedereien oft drauf, um zu überleben, und die Schiffe liegen vor Anker.

Dass die Frachtschifffahrt verändert werden muss, daran lassen auch die negativen Umweltauswirkungen keinen Zweifel: 800 Millionen Tonnen CO2 blasen die Seeschiffe jedes Jahr in den Himmel. Das sind zehn Prozent der Emissionen aller Verkehrsmittel auf dieser Welt, hinzu kommen Schwefel und Ruß. Trotzdem wurde der Bereich beim Pariser Klimaabkommen von den beteiligten Staaten außen vor gelassen.

2.3 Die Zukunft
Was auch künftig für die klassische Containerschifffahrt spricht: der Mangel an Alternativen, ökologischeren zumal. 800 Millionen Tonnen CO2 sind nämlich nichts gegen das, was Frachtflugzeuge für vergleichbare Transportvolumina in die Atmosphäre brächten. 2020 treten strengere EU-Umweltregeln für Schiffe in Kraft – dann steht eine Verschrottungswelle bevor, was aber wohl erst einmal nur die Überkapazitäten reduziert. Die Entwicklung von Schiffen mit Solar- oder Erdgasantrieb geht derweil – gemessen am Klimawandel – nur langsam voran.

Gegen Transportemissionen hilft, weniger und regionaler zu konsumieren. Und der technische Fortschritt: Logistikkonzerne wie DHL fassen die 3D-Drucker-Technik ins Auge. Der Markt für Produktteile, die am gewünschten Ort einfach massenhaft gedruckt werden, könnte laut DHL Trend Report in den kommenden acht Jahren weltweit um bis zu 490 Milliarden US-Dollar wachsen. Das ist angesichts eines weltweiten Exportvolumens von 16 Billionen US-Dollar im Jahr 2016 noch nicht viel. Aber auch die Geschichte des Containers begann ja mit einer Überfahrt.

3 Währung
Einst war Geld aus massivem Edelmetall, dann wurde aus Quittungen für dessen Erwerb die moderne Banknote. Im virtuellen Raum werden Zahlungsmittel noch dynamischer – und zu einer ökologischen Gefahr

3.1 Die Geschichte
Einst prägte in Europa jeder Fürst seine eigenen Münzen und grenzte sich und seine Untertanen damit ab. Doch je intensiver Außenhandel betrieben wurde, desto mehr wurden Währungen standardisiert: Ein festgelegter Anteil Edelmetall machte Münzen über Grenzen hinweg zum Zahlungsmittel. Das „Papiergeld“ startete dann als eine Art Quittung für den Erwerb von Edelmetall. Noch im 19.Jahrhundert sicherten reale Goldreserven den Gegenwert des Geldes in den Industriestaaten.

Doch durch Kriege und Krisen floss Gold aus gebeutelten Staaten ab. Wohlhabendere Länder liehen ihnen Geld, was deren Währungen stärkte, aber das Gold als verbindlichen Wertmaßstab schwächte. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts wurden Weltbank und Internationaler Währungsfonds gegründet, um die wichtigen Währungen der Welt in eine stabile Beziehung zu bringen – ab dem Zweiten Weltkrieg durch eine feste Bindung an den US-Dollar.

3.2 Die Krise
Bis 1973 hielt dieses Bretton-Woods-System, dann waren die Dollarbestände außerhalb des Landes so stark angewachsen, dass eine Einlösung in Gold – darum ging es beim Dollar als Referenzwährung immer noch – durch die US-Notenbank unmöglich geworden war. Seither stehen die Wechselkurse wichtiger Währungen nicht mehr fest. Sie „floaten“.

Währungsbehörden wie Zentralbanken können heute nur, wie jeder andere Marktteilnehmer auch, durch An- und Verkauf von ausländischen Devisen Einfluss auf die Wechselkurse nehmen. Das System ist durchlässig geworden, aber auch anfälliger: Die Krise eines Akteurs kann sich schnell zur globalen Krise ausweiten.

3.3 Die Zukunft
Virtuelle Währungen wie Bitcoins werden derzeit heiß diskutiert. Das Herzstück dieser dezentral organisierten Gemeinschaftsprojekte ist eine Art Logbuch, in dem jede einzelne Transaktion einsehbar vermerkt ist. Diese sogenannte Blockchain gilt als manipulationssicher und wird stetig fortgeschrieben.

Ein Geheimnis der Bitcoins ist, dass ihre Zahl strikt begrenzt ist: Die maximale Menge liegt bei 21 Millionen. Damit sind sie inflationssicher. Das bewahrt sie freilich nicht davor, durch boomende Nachfrage überbewertet zu werden – und dann abzustürzen. Das sogenannte „mining“, bei dem vorangegangene Buchungen überprüft und so „neue“ Bitcoin-Stücke „geschürft“ werden, hat zudem Folgen fürs Klima: Viele der riesigen Rechenzentren liegen in China und werden mit Kohlekraft betrieben. Der Stromverbrauch soll sich 2017 weltweit auf 24,5 Terawattstunden belaufen haben, das entspricht dem jährlichen Verbrauch von Nigeria.

Dennoch bleiben Bitcoins Symbol eines Aufbruchs. Die Idee hinter Währungen wie ihnen: ein Zahlungsverkehr, unabhängig von Staaten und Banken. Sie könnte noch die Welt verändern.