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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.06

Ein Meer auf der Kippe

Text: Gunnar Köhne

Giftige Industrieabwässer, Überdüngung und Plünderung der einst reichen Fischbestände — das Schwarze Meer ist ökologisch noch stärker bedroht als das Mittelmeer.

Levent Göktaş steuert seine „Kısmet“ hinaus auf die offene See. Das „Schicksal“ ist ein sieben Meter langer Holzkutter. Es ist neun Uhr morgens, das Thermometer zeigt bereits 27 Grad. Das Meer liegt spiegelglatt vor der Hafenstadt Ordu, die Möwen auf dem Wasser wirken wie Enten auf einem Teich. Hier und da werfen die kleinen Fische ihre glänzenden Leiber aus dem Wasser. „Palamut“, sagt Göktaş, eine schmackhafte Makrelenart und für ihn eine beliebte Beute. Der früh ergraute, untersetzte Mann zieht sein Hemd aus, schiebt die Mütze in den Nacken, wirft eine Schnur mit 60 Haken aus und weist seinen Helfer an, immer im Kreis zu fahren.

„Ich fische, seit ich mich erinnern kann“, sagt der 38-Jährige und reibt sich das Stoppelkinn. „Schon als Kind bin ich mit meinem Vater aufs Meer rausgefahren statt in die Schule zu gehen. Früher wimmelte das Meer von Fischen. Das ist lange her. Sie glauben nicht, was ich heute alles aus dem Wasser hole! Kinderwindeln, Krankenhausmüll, Plastiktüten sowieso!“ Göktaş holt die Perlonschnur ein. Er hat ein Rucken gespürt. Drei schmächtige Palamut bleiben zappelnd auf dem Holzdeck liegen. Gleich neben dem aufgerollten Gartenschlauch, über den der Fischer Luft holt, wenn er nach Meeresschnecken taucht. Die lassen sich ins Ausland verkaufen, nach Frankreich. Aber auch die Mollusken findet er kaum noch.

Pontus Axenos, das ungastliche Meer, nannten einst die antiken Seefahrer das Schwarze Meer wegen seiner gefürchteten Stürme. Ein Fast-Binnenmeer, allein über den schmalen Bosporus – seit rund 7000 Jahren – mit dem Mittelmeer verbunden, 420.000 Quadratkilometer groß, ein Drittel der Größe Kontinentaleuropas. Von den flachen Ufern Bulgariens über die steilen Klippen der Krim zu den von dichtem Wald bedeckten Berghängen der Osttürkei: ein Meer mit faszinierend schönen Küsten und reicher Geschichte. Römer siedelten hier und die Byzantiner gründeten mit „Trapezunt“ gar ein Kaiserreich am Schwarzen Meer. In den Bergen am türkischen Ufer herrscht oft Nebel, von der See her wehen feuchte Winde – ein Klima, in dem Haselnüsse, Tabak und vor allem Tee prächtig gedeihen.

Doch die Gegenwart ist trist. Zwischen Istanbul und Rize im Osten der türkischen Küste werden Strände als Mülldeponien und Kohleabraumhalden missbraucht, rauschen stinkende Industrieabwässer durch dicke Rohre ins Meer, gähnen verlassene Braunkohlegruben, fräst sich die in Beton gegossene neue „Schwarzmeerautobahn“ durch die Landschaft.

Die Türkei und die übrigen fünf Anrainerstaaten Bulgarien, Rumänien, Ukraine, Russland und Georgien haben das Schwarze Meer durch ungeklärte Abwässer, Überdüngung, Ölverschmutzung und Überfischung an den Rand des biologischen Todes gebracht. Anfang der 90er Jahre schlugen Umweltschützer das erste Mal Alarm. Eine Schutzkonvention, einen „Action Plan“ und Dutzende Konferenzen später hat sich kaum etwas gebessert. Die mehr als 16 Millionen Küstenbewohner am Schwarzen Meer leiten weiterhin rund 500 Millionen Kubikmeter ungeklärte Abwässer hinein.

Aus insgesamt 17 Ländern gelangen Müll und Gifte über die Flüsse ins Schwarze Meer – 100.000 Tonnen Erdöl jährlich allein über die Donau. Auch in den 26 Flüssen, die in der Türkei ins Schwarze Meer münden, treibt ein hochgiftiger Cocktail aus Abwässern, Düngemitteln und Schwermetallen. Der Anteil an Pestiziden ist im Schwarzen Meer so hoch wie in keinem anderen Meer. Dazu kommen die Einleitungen der ukrainischen Schwerindustrie in den Dnjepr und das gute Dutzend Atomkraftwerke, meist noch aus sowjetischer Produktion, in der Ukraine, Russland, Bulgarien und Rumänien, die ihre strahlenden Abwässer ins Schwarze Meer entsorgen. Die radioaktive Belastung ist doppelt so hoch wie im Mittelmeer – nicht zuletzt eine Folge der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl.

Einst waren die Gewässer äußerst fischreich, 26 Arten wurden kommerziell befischt; heute lohnt sich nur noch bei sechs von ihnen ein Auswerfen der Netze. Doch die Not der Fischer ist durch rücksichtslosen Raubbau selbst verschuldet. Der bis zu zweieinhalb Meter lange Waxdick-Stör und der noch größere Beluga, die beide im Schwarzen Meer vorkommen und vielen Fischern einmal ein gutes Einkommen garantierten – kaum noch zu finden. Das komplexe Ökosystem ist längst aus dem Gleichgewicht geraten. Dem Schwinden der Fischschwärme, dem Zerreißen der Nahrungsketten fallen auch die Delfine zum Opfer. Wenn überhaupt, bekommen die Menschen am Schwarzen Meer sie nur noch als Kadaver am Strand zu sehen.

Schon von Natur aus ist das Schwarze Meer ein sauerstoffarmes Gewässer, stellenweise gibt es schon ab 200 Metern Tiefe kein Leben mehr. Doch die Düngerfracht löst enorme Algenblüten aus und lässt das Gewässer langsam aber sicher ersticken. Die Algen entziehen den oberen Meeresschichten den Sauerstoff und nehmen Tieren und anderen Pflanzen das Licht. Plattfische, Krustentiere und die gesamte Seegrasweide vor Bulgarien und Rumänien wurden bereits vernichtet.

Bot das Schwarze Meer den Menschen einmal durch Fischerei und Tourismus ein verträgliches Auskommen, grassiert heute die Arbeitslosigkeit entlang der Küsten. Allein in der Türkei mussten wegen der schlechten Fänge 15.000 Fischer aufgeben. Mit der Wasserqualität geht auch die Zahl der Touristen zurück. Niemand möchte sich bei seinem Strandurlaub Öl und Teer von den Fußsohlen kratzen. Auf der Suche nach Arbeit verlassen mehr und mehr Menschen die türkische Schwarzmeerküste und ziehen in die Großstädte. In Istanbul sind ganze Stadtteile in der Hand der „Karadenizliler“, der „Schwarzmeerler“.

Das einst mythische Meer hat in der Türkei keine Lobby. Während ein illegaler Hotelbau am Mittelmeer Bürgerinitiativen und Medien auf den Plan ruft, ist die tägliche Müllverklappung in Samsun oder Trabzon kaum eine Meldung wert. Vor fünf Jahren stoppten landesweite Proteste den Bau eines Atomkraftwerkes im Mittelmeerort Akkuyu. Nun ist ein Reaktor in Sinop geplant – doch auf einer Anti-AKW-Demo Mitte April blieben die Sinoper weitgehend unter sich.

Dafür wächst die Solidarität über die Landesgrenzen hinweg. Vor sechs Jahren schlossen sich Umweltgruppen aus den Schwarzmeerländern zu einem „Black Sea NGO Network“ zusammen. Inzwischen gehören dem Netzwerk 60 Organisationen an, von der rumänischen Ornithologen-Gesellschaft bis zu den Istanbuler „Friends of the Earth“. Die Umweltschützer klären in Schulen, Redaktionen und Parlamenten auf und machen Druck. Nein, sagt der britische Meeresbiologe Lawrence Mee, dass das Schwarze Meer nicht mehr zu retten sei, wie manche behaupten, sei eine Übertreibung. Mee gilt als „Mr. Black Sea“, weil er sich seit über 20 Jahren für das Meer einsetzt und Initiator des „Black Sea Action Plan“ ist. „Es ist nicht zu spät, aber es muss schnell gehandelt werden. Man könnte sogar sagen, dass das Schwarze Meer derzeit eine kleine Atempause hat.“

Die Wissenschaftler melden einen leichten Rückgang bei Phosphaten und den toxischen Schwermetallen – weniger eine Folge erfolgreicher Umweltpolitik als des Zusammenbruchs der Industrien in den ehemaligen Ostblockstaaten. Inzwischen melden diese Länder aber wieder Wachstum, neue Industrien werden aufgebaut und Uferland erschlossen. Die EU-Beitrittsländer Rumänien und Bulgarien dürfen auf Finanzspritzen für Landwirtschaft und Industrie hoffen. Umweltschützer drängen auf mehr Engagement von der EU. „Eines sollten alle begreifen“, sagt Lawrence Mee: „Das Schwarze Meer ist ein europäisches Meer, nicht nur das Meer der sechs Länder an seinen Küsten.“

Levent Göktaş hat die „Kısmet“ wieder auf den Strand vor seiner Hütte am Rande von Ordu gezogen. Drei kleine Fische sind die ganze Beute. Die, murrt er, decken nicht mal die Kosten für den Diesel. Ein paar Meter weiter toben Kinder im Wasser, Badetücher werden ausgelegt. Mit ihrem milden Klima, ihrer spektakulären Bergwelt könnte die türkische Schwarzmeerküste ein ideales Reiseziel sein. Doch außer ein paar georgischen Kofferhändlern verirre sich kaum jemand hierher, klagt Göktaş: „Die Stadt ist anders geworden, aber nicht besser. Dort drüben an der Küste war bis vor wenigen Jahren noch kein Haus. Dann hat man zwei Hotels gebaut. Aber die stehen leer.“

Keine Spur von Aufschwung, keine Chance auf eine andere Arbeit für den Fischer, der nichts mehr fängt. Soll er auch fortgehen, wie so viele? Oder weiter hinausfahren, wie schon immer? Ratlos zuckt Göktaş mit den Schultern. Er weiß es nicht. Kısmet. Schicksal.