Ein Paradies wird verwüstet

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.00

Ein Paradies wird verwüstet

Auf Mallorca droht die Zerstörung der Grundwasservorkommen – damit die Touristen auch in diesem Sommer auf ihrer Ferieninsel nach Herzenslust duschen und planschen können.


Wegen der Wasserkrise auf Mallorca führen Mateo Garcias’ Schweine ein freieres Leben. Der Bauer hat die Ställe seines Hofes am Ortsrand von Campos im Südosten der Insel aufgesperrt, da auf den Feldern das Viehfutter verdorrte. Die 200 Mutterschweine tollen nun über ein Areal von den Ausmaßen eines Fußballfeldes, umgrenzt von Feldsteinmauern, einem Elektrozaun und allerlei Gerümpel, wie es sich nun mal ansammelt in einer Gegend ohne ordentliche Sperrmüllabfuhr. Garcias hat Schläuche ausgelegt und bewässert das eingefriedete Karree, damit wenigstens hier schütteres Grün sprießt. Das Wasser pumpt er aus dem hofeigenen Brunnen. Es ist, wie überall um Campos, von schlechter Qualität. Ins Sammelbecken des Brunnens wirft er fünfmal täglich handtellergroße Chlortabletten, um die Schweine vor Krankheitskeimen zu schützen. Ein Viertel des Futters wächst auf diese Weise, drei Viertel muss der Viehzüchter teuer zukaufen, ebenso die Nahrung für die Ferkel, die im Stall bleiben, damit sie schneller ihrem Metzger entgegenwachsen. "Wir machen ein schweres Jahr durch", sagt Mateo Garcias.

Das gilt für alle Landwirte Mallorcas. Auf der spanischen Mittelmeerinsel sind die Winterregen ausgeblieben; die Trockenheit gilt als schlimmste seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen vor 50 Jahren. Joan Mas, Chef der Bauerngewerkschaft Union Pagesos, schätzt, dass 90 Prozent des Viehfutters, 70 Prozent des Wintergetreides und ein Gutteil der Mandelernte verloren ist — eigentlich alles, was ohne künstliche Beregnung angebaut wird. Die Regierung der Balearen hat den Notstand ausgerufen, um für die Bauern in Madrid staatliche Finanzhilfen loszueisen. Zu den aktuellen Einnahmeverlusten kommen die Folgeschäden, weil kaum ein Landwirt genügend Rücklagen hat, um in Saatgut, neue Maschinen oder eine Ausweitung der Bewässerungssysteme zu investieren, sagt Joan Mas. Nicht dass Bewässerung alle Probleme lösen würde. Auf Mas’ Hof nahe Montuiri im Inselinnern halten Schlauchsysteme ein Drittel der 15 Hektar Ackerfläche feucht. Im Brunnen, der die Schläuche speist, war der Wasserstand im April bereits auf das Niveau vom August gefallen, und der Pegel sinkt weiter. "Wir müssen entscheiden, wer unser Wasser kriegt", sagt Joan Socias vom Landwirtschaftsverband FAGB, in dem vor allem Großgrundbesitzer organisiert sind: "Bauern oder Touristen — für beide reicht es nicht mehr."
Die Lage hat sogar die deutsche Bild-Zeitung, selbst ernanntes Zentralorgan aller Mallorca-Reisenden, aufgeschreckt. "Duschen nur nach Stundenplan?", fragte das Blatt kürzlich angstvoll auf Seite 1. Die Regierung der Balearen, deren Hauptinsel Mallorca ist, dementierte prompt. Sie hat einen Notfallplan beschlossen, der die Versorgung auch in den trockenen und besucherstarken Sommermonaten sicherstellen soll. "Leider", sagt Carlos Zayas von den "Freunden der Erde". Damit die Touristen ohne Einschränkung duschen und planschen können, werden womöglich die Grundwasser-Reservoirs für immer zerstört.
Antonio Rodriguez ist wirklich nicht zu beneiden. 20 Jahre lang lehrte der Geologieprofessor an der Universität von Palma den sparsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen; seit kurzem ist er in der Regierung fürs Wasser zuständig und muss nun einen Notfallplan exekutieren, den er selbst als "nicht unproblematisch" bezeichnet. Die Schwierigkeiten beginnen schon damit, dass niemand den tatsächlichen Verbrauch kennt. Es gibt Zehntausende Brunnen auf der Insel, legale und illegale, aus denen Bauern, Golfplatzbetreiber und Hotels Grundwasser hochpumpen. Ohne dass jemand die Fördermenge misst. Auch wer das Wasser verbraucht, ist unklar. Offiziell geht über die Hälfte in den Agrarsektor, nur sieben Prozent landen in Urlaubszentren. Doch ist nicht berücksichtigt, dass viele Bauernhöfe längst Ferien-Fincas sind und nicht wenige Landwirte ihr Salär durch den illegalen Wasserverkauf an illegale Apartment-Anlagen aufbessern. In Son Servera hat man das einmal nachgeprüft. Ergebnis: Zumindest in dem Ort an Mallorcas Ostküste schluckt der Tourismus in Wirklichkeit 40 Prozent des geförderten Wassers.

Doch wer immer das Nass verbraucht, fest steht: Die Tiefbrunnen der Wasserwerke sind bereits im Frühjahr nur noch zu 30 Prozent gefüllt, der Stausee Gorg Blau, der Palma versorgt, schrumpfte auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche. Damit es auch im Sommer noch aus allen Hähnen sprudelt, sieht der Notfallplan vor, die Meerwasser-Entsalzungsanlage auf voller Leistung ohne die übliche Reserve zu fahren und die Tiefbrunnen bis auf den letzten Tropfen leer zu pumpen. "Dann wird es gerade langen", sagt Rodriguez. Falls etwas schief geht, müssten aber auch längst versalzene Brunnen angezapft werden. "Die Qualität unseres Leitungswassers ist schon jetzt nicht besonders, und dann wird sie eben noch schlechter", so Rodriguez.
Ein Wahnsinn, findet Umweltschützer Zayas. "Wenn die Tiefbrunnen leer sind, entsteht ein Unterdruck, der Meerwasser in die Reservoirs geradezu hineinsaugt. Dann sind sie für immer zerstört." Schon jetzt flutet das Mittelmeer auf unterirdischen Wegen immer mehr Brunnen, die zu stark genutzt werden; in weiten Teilen der Insel ist das Grundwasser versalzen. Xavier Pastor, Chef von Greenpeace Spanien, fordert deswegen für dieses Jahr eine Senkung der Touristenzahl um 30 Prozent. Nicht dass Urlauber besonders große Verschwender wären. Doch vor allem wegen ihnen wagt die Regierung keine Rationierung des Wassers. Wenn sich die Gäste über leere Pools oder vergilbte Hotelrasen ärgern, wankt die Inselökonomie — der Tourismus erwirtschaftet 80 Prozent des Bruttosozialprodukts Mallorcas.

Rodriguez glaubt jedoch, dass die Insel den Sommer ohne radikale Maßnahmen übersteht. Der Geologieprofessor versichert, es würden nur solche Tiefbrunnen geleert, bei denen die Gesteinsformation das Einsickern des Salzes bremst. Wohl ist ihm nicht dabei. "Dieses Jahr erwarte ich keine Probleme. Aber was passiert, wenn der Winter wieder so trocken wird? Das macht mir wirklich Sorgen!" Zumal für 2001 noch mehr Touristen prognostiziert werden. Acht Millionen landeten 1999 in Palma; die Besucherzahl steigt regelmäßig um zwei Prozent im Jahr, der Wasserverbrauch jedoch um acht Prozent.
Genauso ist’s beim Müll. Der Touristenansturm lässt die Abfallmenge um jährlich acht Prozent wachsen, und keiner weiß, wohin damit. Bis Mitte der 90er wurde der Müll planlos irgendwo verbuddelt, dann entstand die Verbrennungsanlage San Reus nördlich von Palma. Die reduziert zwar die schieren Mengen, verursacht dabei aber gefährliche Abgase und giftige Asche, weshalb Anwohner und auch Greenpeace auf Mallorca gegen die Anlage heftig protestieren. Pikanterweise ist seit dem Regierungswechsel vor einem Jahr ein ehemaliger Greenpeacer für Abfall zuständig: Nicolau Barceló, zuvor Vizepräsident des Aufsichtsrates von Greenpeace Spanien. "Es ist nicht mein Müllkonzept", betont er, "aber es ist besser als alles, was in der Vergangenheit geplant wurde." Barceló will erreichen, dass die Verbrennung zumindest nicht ausgebaut und alles, was derzeit noch auf der Kippe landet, recycelt wird. Die Wiederverwertung von Glas und Papier klappt schon, ab Winter werden Verpackungen getrennt gesammelt, und 2002 soll ein Kompostwerk für Biomüll fertig sein. Barceló gibt zu, dass in anderen Bereichen noch Lösungen fehlen, "vor allem für Altautos und deren Reifen" — bei 400.000 Autos (inklusive 60.000 Mietwagen) auf 600.000 Einwohner nicht gerade eine Petitesse. Doch seine Recycling-Offensive hält der Ex-Greenpeacer für einen gewaltigen Fortschritt: "Mallorca wird ein Vorbild für ganz Spanien."
Auch Antonio Rodriguez hat Pläne, um die Krise in seinem Bereich zu meistern:

• Im maroden Leitungsnetz geht mehr als ein Drittel des eingespeisten Wassers verloren. Jahrelang wurden keine Lecks abgedichtet; oftmals wurden beim Bau neuer Häuser oder Straßen Wasserrohre gekappt, ihr Inhalt versickert seither im Boden. Kein unausweichliches Schicksal, zeigt das Beispiel Calviá. Die Stadt im Inselwesten hat ihr Netz kürzlich durchgecheckt und zumindestens einige Löcher gestopft, was die Verlustrate auf zwölf Prozent senkte.

• Bislang stellen die Wasserwerke ihre Rechnungen meist auf der Basis durchschnittlicher Verbrauchszahlen. Ab Herbst sollen in allen Haushalten Zähler installiert werden. Wer für seinen tatsächlichen Wasserkonsum zahlen muss, beginnt zu sparen. In Hamburg etwa bewirkte die flächendeckende Einführung von Wasserzählern einen um 20 Prozent geringeren Verbrauch.

• Auf Mallorca gibt es 50 Kläranlagen, doch ist der Wirkungsgrad so bescheiden, dass ihr Abwasser nicht mal zur künstlichen Beregnung von Rasen taugt. Nun sollen sie auf modernen Standard gebracht werden. Bis dahin nützt auch das fortschrittliche Gesetz nichts, das die Bewässerung von Golfplätzen nur über die Kläranlagen erlaubt.

• Auch wenn die Landwirtschaft nicht so viel verbraucht, wie die offiziellen Statistik angibt, lässt sich einiges optimieren. Viele Bauern beregnen ihre Felder mit Sprinkleranlagen, die Wasser in hohem Bogen auf die Pflanzen spritzen. Bei der Methode verdunstet zu viel des kostbaren Nasses; eine Umstellung auf Tröpfchenbewässerung aus Schläuchen direkt am Boden, wie sie auch auf Mallorca schon einige Landwirte praktizieren, bringt 25 Prozent Ersparnis.

Doch wer immer das Nass verbraucht, fest steht: Die Tiefbrunnen der Wasserwerke sind bereits im Frühjahr nur noch zu 30 Prozent gefüllt, der Stausee Gorg Blau, der Palma versorgt, schrumpfte auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Fläche. Damit es auch im Sommer noch aus allen Hähnen sprudelt, sieht der Notfallplan vor, die Meerwasser-Entsalzungsanlage auf voller Leistung ohne die übliche Reserve zu fahren und die Tiefbrunnen bis auf den letzten Tropfen leer zu pumpen. "Dann wird es gerade langen", sagt Rodriguez. Falls etwas schief geht, müssten aber auch längst versalzene Brunnen angezapft werden. "Die Qualität unseres Leitungswassers ist schon jetzt nicht besonders, und dann wird sie eben noch schlechter", so Rodriguez.

Von MARCEL KEIFFENHEIM
Fotos: ROBERT HUBER



TRINKWASSER verbraucht Mallorca, als ob es kein Morgen gäbe.
Nach offiziellen Angaben konsumiert jeder Besucher und jeder Einheimische im Schnitt 300 Liter täglich — mehr als doppelt so viel wie in Deutschland. Trotzdem wird noch kaum gespart. Vor allem nicht im Tourismus: aus Angst, Einschränkungen könnten Urlauber vergraulen und so den wichtigsten Wirtschaftsfaktor der Insel schwächen.

Der BAUBOOM grassiert ungebremst auf der Insel.
Gesetze, das Zubetonieren ganzer Landstriche zu stoppen, gibt es durchaus. Doch die Branche findet immer neue Lücken. So dürfen neue Hotels nur entstehen, wenn dafür alte mit gleicher
Bettenzahl abgerissen werden. Stattdessen werden jetzt überall Apartment-Anlagen hochgezogen.

Der MÜLL wächst den Mallorquinern über den Kopf.
Zwei Prozent mehr Touristen jedes Jahr, aber acht Prozent mehr Abfall. Die giftigen Schlacken der Müllverbrennungsanlage türmen sich in offenen Säcken. Recycling soll helfen, die Mengen zu verringern. Doch eine dauerhafte Lösung gibt es nur, wenn die Touristenzahlen abnehmen.

Die LANDWIRTSCHAFT ist in Mallorcas Wasserkrise Opfer und Täter zugleich.
Durch die Jahrhundertdürre sind auf den Feldern Viehfutter und Getreideernte verkümmert. Nur wo bewässert wird, sprießt noch Grün. Doch vieie Bauern nutzen veraltete Beregnungstechnik und tragen so zur Überbeanspruchung der Grundwasser-Reservoirs bei.

Der VERKEHR verpestet die Insel.
Er nagt an den Nerven der Mallorquiner und vermindert die Erholung der Urlauber.
Die meisten Touristen, die auf dem lauten und geschäftigen Flughafen Mallorcas landen, steigen gleich in einen der 60.000 Mietwagen um und quälen sich fortan durch die Dauerstaus
im dichten Straßennetz. Palma de Mallorca hat das höchste Fahrzeugaufkommen Spaniens.