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Ein süßes Leben

Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Ein süßes Leben

Text: Johannes Laubmeier

Um seine Kinder gesund zu ernähren, begann Walter Lang in den Siebzigerjahren, naturbelassenene Lebensmittel zu importieren und zu entwickeln. Seine Ideen prägen die Bio-Branche bis heute

Am Hohentorshafen in Bremen drängeln sich auf einer Halbinsel in der Weser schmucklose Lagerhallen und Fabrikgebäude. In einem Hinterhof am Ende der Sackgasse stapeln sich braun lackierte Stahltonnen, groß wie Ölfässer. Dass man an diesem Ort einen Pionier der deutschen Biobewegung treffen soll, um mit ihm über gutes und gesundes Essen zu sprechen, scheint nicht recht zu passen. Man muss schon zweimal hinsehen, um zu verstehen, dass alles einen Sinn ergibt. Auf den Fässern steht in großen gelben Buchstaben: „Miel Integradora“ – Honig aus integriertem Anbau.

Der Pionier sitzt – schlank, grau und Mitte siebzig – in einem sonnendurchfluteten Büro im ersten Stock eines Klinkerbaus, an der Wand ein abstraktes Kunstwerk, schwarze Bienenwaben aus Kunststoff. Kaffee und Vollkornkekse stehen bereit. Er trägt, ganz Firmenpatriarch, einen dunklen Pullover über hellblauem Hemd und braunen Stoffhosen, trinkt grünen Tee und beginnt zu erzählen. Davon, wie aus seinem Wunsch, sich selbst zu versorgen, eine der größten deutschen Firmen für Bio-Süßigkeiten wurde – und dass alles einfach irgendwie passiert sei.

Es beginnt während eines Frankreichurlaubs. Ende der Sechzigerjahre fährt Lang mit einem Freund in die Provence, kurze Pause in der Natur, Erholung von einem Land im Fressrausch. Damals schreitet die Industrialisierung der Landwirtschaft rasant voran, moderne Kunstdünger bescheren Bauern Erträge wie nie zuvor, und wenn sich unerwünschte Insekten, Kräuter oder Pilzerkrankungen ausbreiten, löst man die Probleme mit Pestiziden. Dass dabei das Grundwasser und sogar Lebensmittel verunreinigt werden, stört damals kaum jemanden.

Walter Lang, der als Ingenieur für einen großen Chemiekonzern arbeitet, stört es sehr wohl. Er hat kleine Kinder zu Hause, und von seiner Arbeit weiß er, was Chemikalien anrichten können. Weil er sich um die Gesundheit seiner Familie sorgt, will er aussteigen. Er sucht nach Alternativen zur Lebensmittelindustrie, und weil er keine findet, beschließt er, sich und seine Familie selbst zu versorgen – ohne Chemie, naturbelassen.

In der Provence kommt Walter Lang mit einem der natürlichsten Lebensmittel überhaupt in Berührung. Bei einem Imker probiert er Lavendelhonig – und ist begeistert. Er lässt sich erklären, wie man Bienen hält, und beschließt, es selbst zu versuchen. Zurück in Deutschland, findet er einen alten Imker, der ihm seine Bienen überlässt. Erst ist es nur ein Hobby, doch Lang will raus aus seinem alten Job. „Da dachte ich mir, dass ich mir so vielleicht eine Existenz aufbauen könnte“, erzählt er.

So wird es also konkret: 1974 meldet Lang in Osnabrück ein Gewerbe an. Seine Firma nennt er „Allos“, nach einem abgelegenen Tal in der Provence. Unter diesem Namen verkauft er fortan Bienenprodukte, als „Biologische Erzeugnisse“, lange bevor es Bio-Normen gibt. Er importiert Blütenpollen aus Frankreich und vertreibt sie als „nahrhaftes Lebensmittel“. Den Honig seiner nun rund fünfzig Bienenvölker füllt er in seiner Garage ab und liefert ihn mit seinem grünen Bedford-Bus selbst aus. Er löst Propolis, das Kittharz der Bienen, das wegen seiner natürlichen antibakteriellen Wirkung bei den Anhängern des indischen Gurus Osho beliebt ist, in Alkohol und bietet es als Naturheilmittel an, auch seine Kinder versorgt er damit. „Bei Mittelohrentzündungen habe ich ihnen einen Wattebausch mit ein bisschen Propolis ins Ohr gesteckt. Am nächsten Tag war sie dann meistens geheilt.“

Über seine Kinder, erzählt Lang, sei er auch auf die Idee mit den Fruchtschnitten gekommen. Er war von den Lehren des Arztes Max Otto Bruker begeistert, der in den Sechzigerjahren für die „vitalstoffreiche Vollwerternährung“ auf Basis naturbelassener Lebensmittel warb, für Vollkornprodukte, Obst, Gemüse und Nüsse. Diese seien, sagte Bruker damals, und Lang sagt es bis heute, gesund und sogar heilsam, industriell verarbeitete Lebensmittel hingegen schädlich. Und weil ganz oben auf der schwarzen Liste der ungesunden Zutaten raffinierter Zucker stand, gab es für Langs Familie keine Schokoriegel. „Ich war sehr missionarisch damals“, sagt er und lächelt.

Da man Kindern aber schwerlich erklären kann, warum sie nichts Süßes bekommen, während die Freunde Mars und Raider in der Pausenbox haben, braucht Lang eine Alternative. In der Garage dreht er Nüsse und Trockenfrüchte durch einen Fleischwolf, mischt sie zu einer Paste, süßt sie mit Datteln oder Honig und presst sie mit einem Gebäckfüller zu kleinen Barren. Die Fruchtschnitten – anfangs noch von Freunden verpackt, „in Zellglas, nicht Kunststoff“, weil die auch Zellophan genannte Folie biologisch abbaubar ist – werden schnell zum Erfolg. Die Garage wird zu klein, Lang findet einen alten Fachwerkbauernhof und zieht 1977 mit seiner Familie aufs Land; einem weiteren Wachstum der Firma steht nichts mehr im Weg. Bald imkert er nicht mehr selbst und importiert stattdessen aus der ganzen Welt, Waldhonig aus Frankreich, Hochlandhonig aus Mexiko.

Und dort, bei einem Besuch in Mexico City Anfang der Achtzigerjahre, wird er erneut zum Pionier. Wieder ein Zufall, sagt er. Auf einem Markt probiert er Alegria, eine mit Honig gesüßte Spezialität aus gepopptem Amaranth. Spontan beschließt er, sich eine Ladung nach Deutschland liefern zu lassen. Bei der in den frühen Achtzigerjahren erstmals im nordrhein-westfälischen Velbert stattfindenden „Müsli-Messe“ stellt er ein neues Müsli vor – mit dem „Wunderkorn der Inka“, einer glutenfreien, nahrhaften Getreidealternative. „Wir hatten eine super Story“, sagt Lang. Das Amaranth-Müsli schlägt ein.

1993 kauft Lang dann für eine Mark die Fabrik der DDR-Keksmarke Hansa im sächsischen Brand-Erbisdorf. Er habe es, versichert er, nicht aus einer Goldgräberstimmung heraus getan, sondern den Aufbau der Gegend unterstützen wollen. Die 35 verbliebenen Arbeiter, das ist Voraussetzung für den Kauf, behalten ihre Jobs. In seiner neuen, ziemlich veralteten Fabrik beginnt er, im großen Stil zu backen: Honiggebäck, Dinkel-Lebkuchen, Dinkel-Honig-Nuss-Kekse. Auch den Hansa-Keks, einen DDR-Klassiker, legt er als Bio-Variante wieder auf – und hat damit fast internationalen Erfolg. Eine Naturkostkette in den USA kauft die Öko-Butterkekse aus Deutschland, doch dann kommt die Sache mit der Butter dazwischen: Weil es noch kaum Biobutter gibt, frieren Molkereien sie oft ein, bis sie größere Mengen zusammenhaben. Dass einige Kekslieferungen ranzig schmecken, merkt Lang erst, als die Reklamationen eintreffen. „Das war’s dann mit dem USA-Geschäft“, sagt er und grinst, es ist ja schon lange her.

Besser läuft es mit der Strategie, Nahrungsmittel aus Amerika zu importieren. Und so holt er ein weiteres Produkt nach Europa, das heute aus den Bioläden kaum wegzudenken ist. Als Lang wieder einmal Mexiko besucht, berichtet ihm ein Partner vom Sirup der Agavenherzen, von den Einheimischen „Miel de Agave“, Agavenhonig, genannt. Lang importiert das in Deutschland noch unbekannte Süßungsmittel, um es in Fruchtaufstriche zu mischen, und da er es wegen der Normen nicht Honig nennen darf und es – noch immer Vollwert-Missionar – nicht Sirup nennen will, weil das zu sehr nach weißem Zucker klingt, nennt er es so, wie es noch heute fast überall heißt: Agavendicksaft. „Heute würde man da einen Plan machen“, sagt Lang am Ende seiner Geschichte, würde alles durchrechnen und die Märkte analysieren. „Aber damals war einfach die Zeit reif.“

Fruchtschnitten, Amaranth-Müsli, Agavensüße – mit seiner Suche nach Alternativen zum Industrie-Food, die lecker und gesund zugleich sind, hat Walter Lang eine ganze Branche geprägt. Doch dann, 1999, verkauft er Allos, inzwischen eine Firma mit mehr als hundert Mitarbeitern und rund dreißig Millionen Euro Umsatz im Jahr, an ein multinationales Bio-Unternehmen. Nach den Gründen gefragt, überlegt Lang eine Weile, und sagt dann leise: „Wenn man etwas 25 Jahre lang macht, ist es Zeit für einen neuen Abschnitt.“

Walter Lang geht in einem weißen Kittel durch die Sackgasse am Hohentorshafen auf den Hof, in dem die Honigfässer lagern. Er unterstützt seinen älteren Sohn und dessen Frau, mit denen er nach dem Verkauf von Allos wieder eine Bio-Imkerei gegründet hat. „Walter Lang schwärmt für Honig“, heißt die Hausmarke. Zusätzlich ist Lang Geschäftsführer einer Honigimportfirma, die seinen Namen trägt und die irgendwann sein jüngerer Sohn übernehmen soll. Er geht durch Aufbereitungshallen, in denen große Edelstahlkanister stehen, deren Inhalt am Fließband abgefüllt wird. „Where’d all the good people go“, klingt die Stimme von Jack Johnson aus dem Radio.

Nächste Woche, sagt Lang, will er in die Provence fahren. Er hat einen Hof dort, auf dem er bald wieder imkern will. Diesmal nur für sich selbst.