Guten Abend,

manche Jahrestage bieten leider keinen Grund zum Feiern, dieser schon gar nicht. Trotzdem muss man an sie erinnern. Vor 25 Jahren, in der Nacht vom 6. auf den 7. April 1994, begann der minutiös geplante und straff organisierte Völkermord in Ruanda, nachdem Extremisten der Hutu-Volksgruppe das Flugzeug des als gemäßigt geltenden Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen hatten. In nur hundert Tagen metzelten Soldaten, Sicherheitskräfte und Milizionäre, unterstützt von Zivilbevölkerung und Presse, wohl über eine Million Menschen nieder, überwiegend Angehörige der Tutsi-Minderheit.

Für die Vereinten Nationen in New York war das keine Überraschung. Schon seit geraumer Zeit schwelten die Spannungen zwischen Hutu und Tutsi mit Übergriffen gegen Letztere, deswegen fanden Friedensverhandlungen im tansanischen Arusha statt. Überdies gab es sehr konkrete Warnungen. Das Blutvergießen hätte gestoppt werden können.

Der kanadische Generalmajor Roméo Dallaire, zu jener Zeit Kommandeur der Blauhelm-Mission UNAMIR in dem Land, wusste Bescheid über die Ausbildung von Todesschwadronen, den vor allem aus Jugendlichen bestehenden Interahamwe, und die Registrierung aller Tutsi. Im Januar hatte ihm ein Informant einen Tipp über geheime illegale Waffenlager gegeben. Das faxte er nach New York und kündigte an, diese auszuheben. Die Antwort: Er solle „neutral bleiben“ und alle Informationen an die ruandische Regierung weiterleiten. Die Existenz des Faxes von Dallaire wurde später zunächst geleugnet, doch ließ sich belegen, dass die Anweisung zur Neutralität direkt aus Kofi Annans Büro stammte, der als Chef des Department of Peacekeeping für die Blauhelmeinsätze verantwortlich war.

Es kam dann zwar doch international Bewegung in die Sache, aber anders, als Dallaire sich das vorgestellt hatte: Nachdem am 7. April die Premierministerin und die zehn zu ihrem Schutz abkommandierten belgischen Blauhelme ermordet worden waren, holten US-amerikanische und französische Streitkräfte die ausländischen Zivilisten aus dem Land heraus. Ruander, die verzweifelt um ihr Leben flehten, ließen sie zurück. Nach und nach wurden alle Blauhelme bis auf 270 abgezogen, zuerst die belgischen, später auch die anderen.

Ab 24. April, als das Morden in vollem Gange war, sprach Dallaire in seinen Berichten an das UN-Hauptquartier erstmals von Genozid und drang auf eine Änderung des Mandats – vergebens. Stattdessen gab sich die Staatengemeinschaft alle Mühe, das böse G-Wort zu vermeiden, und sei es mit sprachlichen Verrenkungen wie „völkermordähnliche Akte“. Später schrieb Dallaire in einem Bericht, dass er mit 5.000 gut ausgerüsteten Soldaten und einem robusten Mandat den Völkermord vermutlich hätte verhindern können.

Dennoch schaffte er es, mit seiner dezimierten, hauptsächlich aus Afrikanern bestehenden Truppe viele Tausend Menschenleben zu retten. Auch andere, Militärs wie Zivilisten, versuchten sich ihre Menschlichkeit zu bewahren: der senegalesische Hauptmann Diagne Mbaye etwa, der wegen seines Mutes und seiner Erfindungsgabe als Lebensretter in Ruanda zu einer Legende wurde und später selbst bei einem Granatenangriff ums Leben kam. Der belgische Leutnant DeCuyper, der auch Ruandern die Flucht ermöglichte. Gemäßigte Hutu, die sich nicht an dem Morden beteiligten und ihre Tutsi-Nachbarn trotz Gefahr für ihr eigenes Leben versteckten.

Der tschechische UN-Botschafter Karel Kovanda schließlich, dessen Land nichtständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat war, brachte diesen mit Unterstützung vor allem Neuseelands, Spaniens und Argentiniens dazu, sich erstens mit Ruanda überhaupt zu befassen und zweitens Maßnahmen zu ergreifen. Doch als sich der Sicherheitsrat Mitte Mai endlich dazu durchrang, die Blauhelm-Mission in Ruanda wieder aufzustocken, gab es kein Land, das zur Entsendung von Truppen bereit war.

Dallaire wurde wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung im Jahr 2000 aus der kanadischen Armee entlassen. Er verlor jeden Halt, unternahm zwei Selbstmordversuche. Aber er fing sich wieder und schrieb ein Buch mit dem Titel „Handschlag mit dem Teufel“. Für ihn war das Oberst Théoneste Bagosora, der führende militärische Planer des Völkermordes, der 2011 vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde.

Heute setzt sich die Roméo Dallaire Child Soldiers Initiative weltweit gegen Rekrutierung und Einsatz von Kindersoldaten ein, ihr Gründer ist immer noch aktiv. Er hat viele Preise und Orden bekommen und wäre für mich ein mindestens so würdiger Friedensnobelpreisträger gewesen wie Kofi Annan und die UNO, die sich im Fall Ruanda dem Druck der USA, Frankreichs und anderer Staaten gebeugt haben. Die Ruander haben Annan das nie verziehen, auch nach dessen Tod nicht.

Was lernen wir daraus? Erstens: Es ist besser, einzugreifen, bevor Blut fließt. Zweitens: Wenn es aber doch dazu kommt, ist Wegschauen auch keine Option. Drittens: Nicht immer sind Zivilisten die Guten und Soldaten die Bösen. Viertens: Es ist nie zu spät und selten zu früh für Staaten und Institutionen, die eigene Rolle bei solchen Ereignissen kritisch zu beleuchten. Diese Erkenntnis hat offenbar auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gewonnen. Er hat eine Historikerkommission eingesetzt, die sich mit der (ziemlich unrühmlichen) Rolle Frankreichs in Ruanda zwischen 1990 und 1994 befassen und einen Bericht vorlegen soll.

Ein trauriger Jahrestag // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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