Greenpeace Magazin Ausgabe 4.00

Ein ungeklärter Fall

Brüssel, die belgische Metropole und Hauptstadt der EU, hat keine Kläranlage. Die Fäkalien von 1,5 Millionen Menschen landen ungereinigt im Flüsschen Senne.

Zwischen Eisenbahndamm, einer Sanitärgroßhandlung und dem zentralen Briefverteilerzentrum von Brüssel hat Manuel Alcazar sein Paradies gefunden. Es ist zehn mal fünfzehn Meter groß und liegt am Böschungshang der Straße zum Industriegebiet, vor den Blicken der Welt geschützt durch einen Zaun, der aussieht wie die Endmoräne der Wegwerfgesellschaft. Zerborstene Dachschindeln, ausrangierte Paletten, Blechteile verschrotteter Autos, durch Draht und Gottvertrauen in der Senkrechten gehalten. Und dahinter sitzt Manuel Alcazar auf einem kaputten Stuhl und sieht den Pflanzen seines Gartens beim Wachsen zu. „Hier bin ich glücklich“, sagt Alcazar, der aussieht wie Anthony Quinn vor 30 Jahren und, wenn er nicht gerade Beete umgräbt, als Bauarbeiter weltweit Rennstrecken asphaltiert, unter anderem den Hockenheim-Ring.

Das Glück wäre vollkommen, sagt Alcazar, wenn es zum einen die Ratten nicht gäbe: „Die fressen mir die Erbsen vom Strauch und verschwinden nicht einmal, wenn ich Steine nach ihnen schmeiße.“ Außer den Ratten stört ihn zweitens der Fluss, der sich unterhalb des Gartens durchs Tal windet. Allerdings nur morgens, wenn die Abfälle des Schlachthofs vorbeitreiben und so bestialisch stinken, dass es in der kleinen Schreberkolonie einfach nicht auszuhalten ist. Zu jeder anderen Tageszeit müffelt es laut Alcazar bloß etwas „nach schlecht geputztem Klo“. Der Vergleich weist in die richtige Richtung, stimmt aber nicht ganz in den Dimensionen. In dem Flüsschen namens Senne, hier fünf Meter breit und einen Meter tief, landen die Fäkalien von zwei Millionen Menschen und die Abwässer hunderter Fabriken des Großraums Brüssel. Ohne Filter, Reinigung, Kläranlage. Das Wasser der Senne ist biologisch tot und so tödlich, dass nicht einmal die Ratten, die an ihrem Ufer leben, darin schwimmen.

„Es ist peinlich“, sagt Pia Ahrenkilde-Hansen, Sprecherin der EU-Umweltkommissarin Margot Wallström. Selbstverständlich müssen die osteuropäischen Beitrittsländer zur EU die Brüsseler Richtlinien erfüllen. Auch Direktive 91/271/EWG von 1991, die vorschreibt, dass und wie die Abwässer großer Städte geklärt werden müssen. Ein „Schlüsselelement des europäischen Rechts“ nennt Ahrenkilde-Hansen die Vorschrift. Sollten sich Warschau oder Prag nicht daran halten, wird ein EU-Beamter eine „reasoned opinion“ absenden, wie das auf gut eurokratisch heißt: eine Rüge, die sich gewaschen hat. Und das Schmutzwasser, das der Beamte selbst verursacht, fließt ungeklärt in die Senne, wo er sich mit dem Dreck der EU-Kommission, der Nato, des belgischen Königshauses und aller anderen Würdenträger und einfachen Brüsseler vereinigt. Die in der Angelegenheit schon mehrfach abgemahnte belgische Metropole und Hauptstadt der EU ist neben Mailand die einzige Großstadt Westeuropas ohne eine Kläranlage. „Ein Skandal“, findet Ahrenkilde-Hansen.

Das ist es schon seit Jahrhunderten. Und Mitte des 19. Jahrhunderts fing es den braven Bürgern von Brüssel mächtig an zu stinken. Landflucht und Industrialisierung ließen die Schmutzflut anschwellen, Ruhr und Cholera breiteten sich aus. Das war damals in vielen Städten nicht anders. Doch während London oder Hamburg zu überlegen begannen, wie sie ihre Flüsse sauber halten konnten, ging Brüssel einen anderen Weg. Die Senne, auf der zuvor einmal Dreimaster von der Nordsee in die Stadt gesegelt waren, wurde zur Kloake erklärt und in ein schnurgerades, aus Ziegeln gemauertes, unterirdisches Bett verlegt. Der Fluss, an dem Brüssel gegründet worden war, verschwand von der Bildoberfläche und bald auch aus der Erinnerung der Brüsseler.

Heute ist das 100 Kilometer kurze Leben der Senne nichts als Schmutz und Gestank. Sie entspringt nördlich von Mons und führt schon nach dem ersten Dorf am Ufer mehr Abwasser als eigenes Nass. Fortan windet sie sich durch Wallonien und schluckt wehrlos die Notdurft der Städte und Weiler an ihren Gestaden. Einige haben inzwischen Kläranlagen, die Mehrzahl nicht.

Doch so ein Fluss ist nicht leicht totzukriegen, und trotz der ganzen Giftfracht beherbergt er noch Pflanzen und niederes Getier – seit die Wirtschaftskrise der wallonischen Stahlindustrie den Garaus machte, an manchen Stellen gar Fische. So gelangt die Senne bis vor die Tore der Anderthalb-Millionen-Stadt Brüssel, die ihr Untergang ist. Kurz hinter Manuel Alcazars Garten im Süden der Metropole verschwindet sie im Orkus, rauscht ungesehen unter Bahnhöfen und Boulevards hindurch, bevor die Stadt sie im Norden, zwischen Autobahnzubringer und Recyclinghof wieder ausspuckt – nun eine Wasserleiche, ein Totenfluss. Auf dem Bio-Index bis zehn, der die Lebendigkeit eines Gewässers widerspiegelt, kriegt die Senne eine Null. Der Ort, wo sich der Fluss-Zombie schließlich in die Schelde ergießt, heißt im Volksmund „Arsch von Brüssel“.

Marc Witpas arbeitet, um im Bild zu bleiben, seit 22 Jahren im Gedärm der Stadt. „Anfangs bin ich vom Gestank schon mal ohnmächtig geworden“, sagt der Mann mit der Statur eines Profi-Catchers. Die Muskeln bekam er von einem Job, der so hart ist, dass er entweder nicht in dieses Jahrhundert oder nicht auf diesen Erdteil zu passen scheint. 400 Kilometer lange Kanäle verlaufen kreuz und quer durch Brüssels Untergrund, durch die der Schmutz der Stadt zur Senne schwappt. In ihnen lagert sich Sediment ab, das Witpas und 60 Kollegen zusammenkehren, damit die Abflüsse nicht verstopfen. Dazu schirren sich jeweils zwölf Kanalarbeiter wie Zugochsen vor einen fünfeinhalb Tonnen schweren Karren, der mit einem hölzernen Schieber den Modder aus den Kloaken pflügt. Motoren können nicht verwendet werden, weil sich in den Kanälen entzündliche Gase sammeln. Witpas war trotzdem mal bei einer Explosion dabei. In einigen hundert Metern Umkreis seien in den Straßen die Gullydeckel hochgeflogen, erzählt er kopfschüttelnd, als wundere er sich, wie er das überleben konnte.

Vor zwei Jahren wurde Witpas in das kleine Museum am Boulevard Barthélemy versetzt, in dem Besucher zur Senne hinabsteigen können. Es zeugt vom Ingenieursstolz der Fluss-Versenker und übergeht die Umweltprobleme. Doch die drängen sich von selbst auf, hauptsächlich der Nase. Eine Kakophonie der Düfte, in der erstaunlicherweise nicht die Exkremente die schrillste Note beisteuern, sondern Chemikalien: Lacke, Laugen, Benzin. Manchmal schillert und schäumt die Senne, als wolle sie denen, deren Geruchssinn durch die schiere Überlastung zusammenbricht, zeigen, wie viele Zumutungen sie schlucken muss. Meist gleitet sie still und schwarz dahin, wie ein Fluss aus geschmolzenem Teer. Styx, in der Hölle von Brüssel.

Diesen Sommer soll die erste Kläranlage fertig werden, im Süden Brüssels gelegen und groß genug für die Abwässer von 360.000 Einwohnern. „Idiotisch“, findet das André de Mooij: „Die Senne fließt anschließend unter der Stadt durch, kriegt den Dreck von 1,1 Millionen ab und ist so schmutzig wie zuvor, wenn sie bei uns vorbeikommt.“ De Mooij hat sich vor 25 Jahren in Eppegem nördlich Brüssels sein Traumhaus gebaut, mit Panoramafenster auf die Kloake. „Die Geruchsbelästigung haben wir damals ziemlich unterschätzt“, sagt de Mooij, der vorher in Brüssel einen Blumenladen besaß – auch nahe der Senne, allerdings darüber – und „wie alle den Müll durch eine Klappe in den Fluss warf“. Mindestens bis Ende 2005 muss der Ex-Florist warten, bis die Sünden der Brüsseler nicht mehr an seinem Bungalow vorbeischwimmen. Dann soll die große Kläranlage im Norden der Stadt fertig sein. Zugegebenermaßen ein paar schmutzige Jahre später als für EU-Großstädte vorgeschrieben, räumt Jean-Paul Rosière, Brüssels oberster Abwasser-Administrator ein, „aber dann werden wir europaweit Spitze sein“. Das würde dem Wasser nutzen, aber nicht dem Fluss. „Die Senne wieder durch Brüssel fließen zu lassen wie die Seine durch Paris, ist nicht zu finanzieren“, sagt Rosière. Und nicht populär, ergänzt Kanalarbeiter Witpas: „Über der Senne verlaufen heute schöne, breite Autostraßen. Warum sollten die Brüsseler auf die verzichten wegen eines Flusses, den sie längst vergessen haben?“

Von MARCEL KEIFFENHEIM