Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Ein Wels von der Stange

Mit genmanipuliertem Soja gefütterter Catfish aus Zuchtframen in den USA kommt jetzt auch bei uns auf den Markt.

Früher gründelte er in den schlammigen, grünbraunen Tiefen der Sümpfe Louisianas. Er konnte uralt werden, riesig und bis zu zwei Zentner schwer. Am Grunde des Mississippi fraß er Schnecken, Krebse und Aas und schmeckte entsprechend streng und tranig. Damals haben ihn nur die armen Leute gegessen. Die Schwarzen. Die Sklaven.

Dann zog man den dicken Katzenwels aus dem Schlamm, verpaßte ihm ein schickes Image und machte einen 750 Gramm leichten Industriefisch aus ihm. Das dauert heute, vom Laich bis zum Convenience-Produkt, genau 18 Monate. Einziges Problem: der Katzenwels ist ein bißchen häßlich, nicht so smart wie ein Hecht oder Lachs. Da er aber meist in der abstrakten Form eines Filets oder der kubistischen Form eines Nuggets auf dem Teller erscheint, spielt das keine Rolle.

Seit Mitte der achtziger Jahre wird Catfish in den Südstaaten der USA gezüchtet. 95 Prozent der amerikanischen Welse kommen aus Mississippi, Louisiana, Alabama und Arkansas. Eine Fläche von mehr als 70.000 Fußballfeldern ist hier von Catfish-Zuchtanlagen bedeckt. Der moderne Industriefisch wächst in Kunstteichen auf. Die riesigen, rechtwinkligen Becken sind mit feinstem Tiefenquellwasser gefüllt.

Die Superzuchtanlage von Catfish-Farmer Janous ist ein High-Tech-Betrieb. Janous hat 96 Becken. Ehefrau, Töchter, Söhne, Schwiegersöhne – alle arbeiten mit. Bis zu 16 Stunden täglich. Außerdem hat Janous noch zwölf Angestellte. Seine Zuchtbecken sind dort, wo früher Baumwollfelder lagen. Als der Anbau von Baumwolle sich nicht mehr lohnte, schwenkte der Farmer um. Bald stellte sich heraus: Zu Recht. Denn Catfish ist ein moderner Wunderfisch, wie geschaffen für die Industrie: Catfish schmeckt nach nichts. Catfish riecht nicht nach Fisch. Ob mild oder pikant – der Wels paßt in jede Soße, ist Ketchup-kompatibel. Dank seiner Strapazierfähigkeit wird er gern in Restaurants eingesetzt – ein stabiler Geschmacksträger, man kann einfach alles mit ihm machen. Ein weiterer Vorteil für die Industrie: der Universalfisch kennt keine Saison, keine Schonzeiten, keine Fangquoten. Er ist immer verfügbar in immer gleichbleibender Qualität.

Wie erreicht der Catfish-Farmer das Zuchtziel „neutraler Geschmack“? „Durch das klare Wasser“, sagt Farmer Janous, „und durch das Futter. Die Pellets schwimmen an der Oberfläche, damit der Wels dort frißt und nicht nach alter Gewohnheit im Schlamm wühlt. Außerdem ist der Zuchtfisch fast Vegetarier, im Futter sind nur zwei Prozent Fischmehl, ansonsten besteht es aus Soja, Mais, Weizen, Mineralien und Vitaminen.“ Nur zwei Prozent Fischmehl – das klingt gut: Catfish-Zucht ist nachhaltig, Fischbestände werden nicht gefährdet.

Allerdings hat Catfish einen bedenklichen Nachteil: Rund 15 Prozent des Sojas stammen aus genmanipulierten Soja-Pflanzen. Das ist in den USA nicht deklarationspflichtig. Auf diese Weise gelangt über den Catfish genmanipuliertes Soja-Eiweiß auf den Teller deutscher Verbraucher. Unbemerkt.

In Janous’ Fischverarbeitungsfabrik arbeiten fast nur Schwarze. Krankenhausatmosphäre. Dank allerschärfster Technik geht alles blitzschnell. Aus ganzen Fischen werden vorgewürzte Filets, marinierte Streifen, vorgekochte Steaks, panierte Nuggets. Die US-Amerikaner lieben Catfish. Er steht hier mittlerweile nach Thunfisch, Pollack, Lachs und Kabeljau an fünfter Stelle der Beliebtheitsskala. 1997 wurden 525 Millionen Pfund Catfish erzeugt. Nun sollen auch europäische Märkte erobert werden. In manchen Restaurants, Geschäften und Kantinen hierzulande gibt es ihn schon. Mit genmanipuliertem Soja-Eiweiß zwischen den Gräten.

Die Meere sind überfischt, die Fischgründe verwaist, die Artenvielfalt ist angeschlagen. Fisch wird mehr und mehr in hochtechnisierten Aquakulturen produziert. Der Mensch versucht heute, das zu erzeugen – eigenhändig und scheinbar kontrolliert –, was er ausgebeutet hat. Den Fischen, einst geheimnisvolle Wesen mit eigener Würde, wird das letzte Stückchen Wildnis aus dem Leib gezüchtet, sie werden zu profitablen Nutztieren gemacht, zu submarinen Stallbewohnern – Seafood.

Von NICOLA VON OPPEL