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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Eine Frage - drei Antworten / 4.17

WÜRDE DIE EINFÜHRUNG DES SCHULFACHS „ERNÄHRUNGSBILDUNG“ DAZU FÜHREN, DASS KINDER GESÜNDER ESSEN?

Zu viel Zucker und Fett, zu viel Salz, zu viele hochverarbeitete Lebensmittel – bei Kindern kommt heutzutage oft Ungesundes auf den Tisch. Um dem entgegenzuwirken, plädiert Ernährungsminister Christian Schmidt (CSU) dafür, den Lehrplan an Schulen zu erweitern.

1_ Christoph Minhoff, 57, Hauptgeschäftsführer beim BLL, dem Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft
Ja, das wäre ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem gesunden Lebensstil. Wer Lebensmittel in „gesund“ und „ungesund“ unterteilt, macht deutlich, wie wichtig Bildung und Aufklärung sind. Denn die Unterscheidung in „gut“ und „böse“ ist ein Bärendienst an der Förderung eines gesunden Lebensstils. Weil es letztendlich nicht nur auf die Ernährungsgewohnheiten ankommt, sondern auch auf ausreichend Bewegung und eine ausgeglichene Lebensweise. Wenn wir das in einem Schulfach „Ernährungsbildung“ deutlich machen können, dann wäre das ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem gesunden Lebensstil. Es gilt jedoch: Vorfahrt für Fakten. Ein solches Schulfach kann nur erfolgreich sein, wenn es frei von Ideologie ist. Wie viel Fleisch, Zucker und Nahrungsergänzungsmittel jeder Einzelne in seine Ernährung einbaut, liegt in der eigenen Verantwortung. Leitplanke ist der persönliche Lebensstil. Diktate gehören in den Deutschunterricht, nicht auf den Teller!

2_ Tobias Effertz, 41, Uni Hamburg, Institut für Wirtschaftsrecht, Schwerpunkt Kindermarketing
Nein, das Problem von Übergewicht und Adipositas kann nicht im Unterricht gelöst werden. Dem Informationsansatz steht ein Milliardenbudget für Marketingmaßnahmen der Lebensmittelindustrie gegenüber. Die schafft es sehr effektiv, Kinder mit stark emotionaler, an den kindlichen Motivationen und Bedürfnissen ausgerichteter Ansprache für sich zu gewinnen. Wissenschaftliche Befunde über Schulmaßnahmen zeigen dagegen in der Regel keine oder nur geringe Effekte auf das Ernährungsverhalten. Daher wäre es sinnvoller, Kinderwerbung für Lebensmittel zu verbieten und über steuerliche Anreize dafür zu sorgen, dass gesündere Produkte günstiger und ungesunde teurer werden. Nur mit einer solchen, am Portemonnaie ansetzenden Maßnahme können die konsumierte Menge an ungesunden Lebensmitteln nachhaltig reduziert und die gesellschaftlichen Kosten von Übergewicht fairer verteilt werden. Ein klug entwickelter Steueransatz ermutigt effektiver zu gesunder Ernährung als ein Lehrer.

3_ Valentin Thurn, 54, Dokumentarfilmer, Autor und Gründer des Ernährungsrates Köln
Ein Schulfach Ernährung ist wünschenswert, reicht aber nicht. Wir kaufen immer mehr Fertigessen, mit zu viel Fett, zu viel Zucker und zu viel Salz. Ich bezweifle, dass allein die theoretische Beschäftigung mit Ernährung dieses Problem löst. Wichtiger wäre es, Kindern die Kulturtechnik des Kochens und einen lustvollen Umgang mit Essen beizubringen. Wenn ich sehe, mit welcher Begeisterung die Schüler kochen, frage ich mich, warum immer weniger Schulen eine Lehrküche haben. Noch besser wäre es, wenn der Unterricht bereits beim Anbau von Gemüse beginnt, im Schulgarten oder auf einem Schulacker. Um ein umweltfreundlicheres und gesünderes Ernährungssystem in den Städten zu fördern, haben wir in Köln einen Ernährungsrat gegründet. Wir arbeiten eng mit der Stadtverwaltung zusammen, vernetzen lokale Akteure und kümmern uns beispielsweise um Schulbildung, Gemeinschaftsküchen, urbane Gärten und Märkte. Inzwischen gibt es Nachahmer in dreißig Städten.