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„In einer Welt ohne Regeln siegt der Starke immer über den Schwachen“

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

„In einer Welt ohne Regeln siegt der Starke immer über den Schwachen“

Text: Vito Avantario und Kurt Stukenberg Foto: Stefan Ruiz

Seit Jahrzehnten mahnt Joseph E. Stiglitz, Nobelpreisträger und einstiger Chefökonom der Weltbank, die globalen Märkte fairer zu gestalten. Nun ist Donald Trump angetreten, das ganze System über den Haufen zu werfen. Kein Grund zur Freude für Stiglitz: Der möchte ganz andere Globalisierungskritiker stärken

Treffpunkt: Columbia University, Economy School. Zweiter Stock, Zimmer 216, 14 Uhr. Vor zwei Tagen ist ein „Bomb Cyclone“ über New York gezogen und hat den Campus der Universität mit einer dreißig Zentimeter dicken Schneedecke überzogen. Der eisige Wind hat heute die Wolken aus der Stadt gejagt. Räumfahrzeuge der Universität haben die Wege vom Restschnee befreit und ihn zu akkuraten Haufen auf dem Campusgelände getürmt. Die Konturen der Uris Hall erscheinen im klaren Sonnenlicht rasiermesserscharf. Drinnen können wir Joseph Stiglitz schon vom Flur aus beim Lunch mit einem Gast in seinem verglasten Konferenzraum sehen. Im Regal hinter ihm stehen die Übersetzungen seiner Bücher, chinesische, japanische, spanische, portugiesische Titel, Lebenswerk eines Weltstars der Ökonomie. Der Nobelpreisträger, inzwischen 75 Jahre alt, wirkt kleiner, auch zerbrechlicher, als wir ihn aus dem Fernsehen kennen. Er schiebt noch einen letzten Happen Salat in seinen Mund, verabschiedet den Gast, dann werden wir hineingebeten. Ein sanfter Händedruck.

Mr. Stiglitz, halten Sie den Präsidenten der USA, Donald Trump, für einen Zerstörer?
Warum?

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, er habe, nachdem er Präsident geworden sei, eine Handgranate in die Weltwirtschaftsordnung geworfen. Welche Schäden hat er angerichtet?
Donald Trump hat von vornherein angekündigt, ihn würden die Regeln der globalen Zusammenarbeit nicht kümmern. Wenn es zu seinem Vorteil ist, spielt er nach diesen Regeln, sind sie zu seinem Nachteil, dann nicht. Wir haben ein auf Regeln basierendes Weltwirtschaftssystem, das zwar nicht perfekt ist, aber funktioniert. Wenn nun ein amerikanischer Präsident sagt, für ihn gelten keine Regeln mehr, schürt er Chaos. Er wolle höhere Importzölle für Waren aus China; er wolle eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen; er wolle sich nicht an die Klimaschutzvereinbarungen halten – mit solchen Aussagen hat er eine Situation der Unsicherheit herbeigeredet, die für die Weltwirtschaft explosive Folgen haben kann. Er will die alte Ordnung zerstören, so verstehe ich ihn. Aber er gibt keine Antworten darauf, was danach kommt. Was er tut, vergleiche ich mit dem Werfen einer Handgranate: Trump zieht den Stift, wirft sie weg, weiß aber nicht, wohin die Schrapnelle fliegen.

Sie beschreiben die Unzufriedenheit vieler Menschen über die Globalisierung. Was ist dann falsch daran, die Regeln, die zu dieser Unzufriedenheit geführt haben, zu zerstören?
Was ich jetzt sage, ist mir wirklich wichtig: Die Globalisierung ist nur ein Grund unter vielen, die zu Unzufriedenheit führen, auch in Industrieländern. Die Menschen müssen aber verstehen: Hätten wir den internationalen Handel von Beginn an perfekt gestaltet, wären wir mit einer ähnlichen Unzufriedenheit der Menschen konfrontiert. Warum? Weil die Art und Weise, wie wir internationalen Handel abwickeln, allein nicht genügt. Um Ungerechtigkeit, Armut und soziale Verwerfungen zu lindern, benötigen wir einen neuen sozialen Gesellschaftsvertrag. Deswegen halte ich auch nichts davon, ein bestehendes Haus niederzubrennen, um ein neues zu bauen.

Sie bevorzugen eine Evolution, keine Revolution.
Ja. Ich kritisiere die gegenwärtigen Spielregeln scharf, bin aber ein unbedingter Anhänger von Regeln und halte Reformen existierender Systeme für die bessere Wahl. Auch dieser Weg kann zu radikalen Veränderungen führen. Trump hingegen bevorzugt den Weg der Zerstörung. In seiner Welt ohne Regeln siegt aber immer der Starke über den Schwachen.

Einst galt die Globalisierung als großes Versprechen, als die Lösung aller wirtschaftlichen Probleme und beinahe unaufhaltsame Kraft. Der Journalist George Packer schrieb vor zwei Jahren in einem Beitrag für den New Yorker: „Die Globalisierung abzulehnen, war, wie den Sonnenaufgang abzulehnen.“ War es so?
Ganz so extrem hätte ich es nicht formuliert. Richtig war und ist aber, dass alle Staaten stark voneinander abhängig sind. Natürlich könnten wir entscheiden, in einen primitiven Urzustand der Autarkie zurückzukehren. Aber ich bin mir sicher, dass wir das nicht wollen.

Wir haben uns vom internationalen Handel viel erhofft. Ist die Unzufriedenheit vieler Menschen weltweit deswegen so hoch, weil die wirtschaftlichen Erwartungen an die Globalisierung früher übertrieben waren?
Ja, auf jeden Fall. Die Globalisierung wurde über viele Jahre hinweg dramatisch überbewertet. (...)

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