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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.09

Elbfischer

Text: Kerstin Eitner

Auf dem Fluss und gegen den Strom

Ein Besuch bei dem streitbaren 
Fischer Heinz Oestmann auf der Hamburger Elbinsel Finkenwerder

Als die Fähre zum anderen Elbufer übersetzt, glitzert der Fluss in der Morgensonne. Vom Anleger ist es nicht weit zu „Oestmann’s 
Fischerhuus“ am Neßpriel. Das Restaurant ist noch geschlossen. Heinz Oestmann bittet in die geräumige, nüchtern eingerichtete Küche seines Hauses. Nur die Fotos an der Wand über der Eckbank künden von der langen Tradition der Fischersfamilie. So haben sich 1883 die Gebrüder Oestmann ablichten lassen. Sechs alte Herren schauen würdevoll in die Kamera. Eigentlich sind es nur fünf: Das Gesicht des just verstorbenen Sechsten wurde nach dem Ableben fotografiert 
und nachträglich ins Bild montiert.

„Ich bin ja auch schon ohlsdorfblond“, juxt Oestmann, auf den größten Hamburger Friedhof und sein mittlerweile ergrautes Haupthaar anspielend. 59 ist er, so alt wie sein Kutter „Nordstern“, den er als Zwanzigjähriger nach dem Tod des Vaters übernommen hat. Elbfischer sei er im Grunde gar nicht, sagt Oestmann. Zwar fischt er im Winter im Fluss – „auf Stint und Aale“ –, aber ab Mai geht es zusammen mit Sohn Thees auf See. Schollen, Butt und Krebse verkauft er samstags ab Kutter und sonntags auf dem Hamburger Fischmarkt.

Dass Elbfische heute getrost verzehrt werden können, ist auch Oestmanns Verdienst. Vor gut 30 Jahren war das mal anders. Die Chemiefabrik Boehringer, die Kupferhütte Norddeutsche Affinerie (heute Aurubis) und andere Firmen leiteten Giftbrühe, Kommunen ungeklärte Abwässer in den Fluss, und die allgemein praktizierte legale Entsorgungsmethode für Problemabfälle aller Art war die Verklappung auf See.

1978 beobachtete Oestmann mit Rechtsanwalt Michael Günther, den er bei einem Treffen des Förderkreises „Rettet die Elbe“ getroffen hatte, vor Helgoland ein Verklappungsschiff in Aktion: Dünnsäure – Rückstände aus der Produktion des Weißmachers Titandioxid – färbte die See gelb. Die beiden legten Widerspruch gegen 14 Anträge auf Verlängerung der Verklappungsgenehmigung ein, von denen auch zwölf zurückgezogen wurden. Bald darauf hielt Oestmann für das Fernsehmagazin „Monitor“ erstmals kranke Fische mit klaffenden Wunden und „Blumenkohlgeschwüren“ in die Kamera. Die Öffentlichkeit war alarmiert.

Der renitente Fischer piesackte fortan Bürgermeister, Senatoren und Staatsräte. Er verklagte das Deutsche Hydrographische Institut (DHI), das stellvertretend für die Bundesrepublik Deutschland die Verklappungsgenehmigungen erteilte, organisierte Kutterblockaden auf der Elbe, brachte, indem er die „Nordstern“ unter eine hochgezogene Hubbrücke manövrierte, Straßen- und Schiffsverkehr zum Erliegen, kippte tote Fische vor Werkstore und Behördeneingänge. Durch ihn kamen Harald Zindler und Monika Griefahn aus Hamburg mit dem Bielefelder „Verein zur Rettung von Walen und Robben“ in Kontakt und über diesen mit Greenpeace Holland. Daraus entstand das deutsche Greenpeace-Büro. 1985 saß Oestmann für die GAL, die Hamburger Grünen, in der Bürgerschaft. Wegen der Folgen eines schweren Arbeitsunfalls konnte er den Sitzungsmarathon aber nicht schmerzfrei durchstehen, und so endete der Ausflug 
in die Politik nach ein paar Monaten.

Auf der Elbinsel Altenwerder, Wohnsitz der Familie Oestmann seit 1740, verlief die zweite Front. Das Dorf sollte einem Containerterminal weichen, die Bewohner umgesiedelt werden. 1973 rückten die Bagger an und rissen ein Haus nach dem anderen ab. Oestmann und seine Frau Renate blieben. Bis 1997 hielten sie und ihre vier Kinder durch. Sie gehörten zu den Letzten, die Altenwerder verließen. Mit der Entschädigung und einem günstigen Kredit kauften sie das Grundstück auf Finkenwerder, bebauten es und eröffneten 1999 ihr Restaurant.

Der Elbe geht es besser, seit sich durch den Zusammenbruch der DDR und der CSSR der Schadstoffeintrag um bis zu 90 Prozent verringert hat und moderne Klärwerke gebaut wurden. Kranke Fische sind heute kaum noch zu finden. Alles hätte gut werden können, doch 2000 starb Renate Oestmann an Krebs. Der älteste Sohn zog sich aus dem Restaurantbetrieb zurück, 
die zweite Ehe scheiterte, die alte Verletzung durch den Arbeitsunfall bereitet bis heute Probleme.

Auch dem Fluss gönnt man keine Ruhe. Das Naturschutz- und Naherholungsgebiet Mühlenberger Loch wurde für die Werkserweiterung von Airbus teilweise zugeschüttet, in Brunsbüttel sind drei Kohlekraftwerke geplant, und die nächste Elbvertiefung droht: Die Fahrrinne wird ausgebaggert und verbreitert, Fangplätze werden verloren gehen, Fische an Sauerstoffmangel sterben. Nur damit die Containerriesen mit dem größten Tiefgang nicht ein paar Stunden auf die Flut warten müssen – die Elbe hat einen Tidenhub von 3,6 Metern.

Gegen die Elbvertiefung hat Oestmann mit seinen Kollegen protestiert und Widerspruch eingelegt, alles andere sei finanziell zu riskant: „Ich kann doch nicht nur für die Anwälte arbeiten.“ Die Fangquoten reichten kaum zum Überleben. An der Küste habe er zudem Anzeichen des Klimawandels beobachtet. „Nach 44 Jahren auf See sieht man jede Veränderung.“ Kaltwasserfische wie der Kabeljau zögen nordwärts, die Scholle zeige ein anderes Laichverhalten.

Vielleicht, sinniert der Fischer, verkaufe er einfach alles. „Dann zieh ich zu Udo Lindenberg ins Hotel Atlantic.“ Wer’s glaubt. Fotos an der Wand zeigen Oestmann in jüngeren Jahren auf dem Kutter, inmitten von Fischen, umkreist von Möwen. Ein Mann in seinem Element. „Meine Heimat ist das Meer“, sagt Oestmann. Klingt schwer nach Freddy Quinn, dürfte aber die reine Wahrheit sein.