Greenpeace Magazin Ausgabe 1.96

Emscher: Kaschieren statt renaturieren

Die „Internationale Bauausstellung Emscherpark“ war angetreten, Industriebrachen zu sanieren. Tatsächlich entstehen im Revier potemkinsche Biotope.

Dortmund-Huckarde: Was unter der Straßenbrücke hindurchfließt, begradigt, in Beton gefaßt und ziemlich stinkig, heißt Emscher. Der kleine Fluß, der das Ruhrgebiet von Ost nach West durchquert, wird seit Jahrzehnten als Abwasserkanal mißbraucht. Bis zum Jahr 1999 soll das nördliche Ruhrgebiet indes ein grünes, zukunftsträchtiges Antlitz bekommen – im Rahmen der „Internationalen Bauausstellung“ (IBA), die nach eben dieser heruntergekommenen Emscher benannt wurde.

Am Anfang des Großprojektes stand eine Vision: Der gepeinigte Fluß sollte in seinen natürlichen Zustand zurückversetzt werden, damit wieder Kinder darin baden können. Zumindest für die Besucher des Dortmunder Westfalenparks ist der 1989 ersonnene Traum scheinbar Realität geworden. In diesem Bereich, knapp unterhalb ihres Quellgebiets, der zur Bundesgartenschau 1992 aufwendig saniert wurde, schlängelt sich die Emscher wieder als unschuldiger Bach durch grünes Gestrüpp. Gespeist wird das plätschernde Parkidyll von zwei Zuflüssen, die man mit großem Erfolg renaturiert habe, wie IBA-Mitarbeiter Thomas Grohé versichert.

Was die Besucher nicht sehen: Der Dreck, den der Wasserlauf hier früher mit sich führte, wurde für eine kurze Strecke in unterirdische Rohrsysteme umgeleitet. Nur wenige Kilometer flußab allerdings, in Dortmund-Huckarde, führt die Emscher wieder ihre gewohnte Fracht mit sich: Abwässer in solchen Mengen, daß es sich empfiehlt, zur Besichtigung eine Wäscheklammer auf die Nase zu setzen. „Die Emscher“, stellt Thomas Grohé resigniert fest, „könn’se erstmal vergessen.“ Obwohl entlang ihrer Ufer fünf Kläranlagen gebaut wurden und zwei weitere geplant sind, wird die Wasserqualität zukünftig höchstens die Stufe 2 oder 3 erreichen – so viel, besser: so wenig wie ein mittelmäßig belasteter Kanal. Und ihre Betonwanne wird die Emscher auch behalten. Die Manager der IBA Emscherpark lassen sich trotzdem feiern. In den Medien und auf Kongressen heimsen ihre Vorhaben zur Umgestaltung verbrauchter Industrielandschaften viel Lob ein.

Als Beweise für die angeblich so vorbildliche Arbeit werden immergleiche Highlights wie der „Erlebnispark Duisburg-Nord“, ein ehemaliges Stahlwerk, angeführt. Dagegen stehen reichlich negative Erfahrungen aus anderen der insgesamt 83 IBA-Projekte.

Als Renaturierungs-Flop erweist sich etwa die „Landesgartenausstellung 1996“ in Lünen-Horstmar. Dabei hätte das Gelände nicht besser passen können: Im Osten die als Abwasserkanal mißbrauchte Sesecke; im Süden eine Abraumhalde, in deren Tiefe ein Schwelbrand glüht; im Westen der nicht mehr genutzte Preußenhafen mit einer großen Kohlenstaubhalde; im Norden Klärschlammteiche und eine ehemalige Mülldeponie.

Alle vier Problembereiche harren einer Sanierung, wie sie überwiegend im Konzept der Landesgartenschau festgeschrieben wurde. Doch jetzt steht fest: Ausschließlich der relativ unbelastete Raum zwischen den ökologischen Hot-spots wird grün aufgepeppt. Die Abfallhalde wurde mit einer dünnen Erdschicht ummantelt und zum Aussichtshügel umfunktioniert – keiner weiß, was sich in ihrem Inneren zusammenbraut.

Der Sprecher der Landesgartenausstellung, Bernd Wiesner, verteidigt das Konzept: „Unser vorrangiges Ziel war es, ein Naherholungsgebiet zu schaffen, das der Bürger auch annimmt.“ Daher wurden allein 13 von insgesamt 32 Millionen Mark Landesmitteln investiert, um ein großes Loch zu graben. Keine 100 Meter vom Lippe-Seitenkanal entsteht nun ein Feuchtbiotop mit Badestrand und Surfbereich. „Früher hat hier die ganze Gegend im Kanal gebadet. Aber seit die Ufer mit den hohen Bohlen eingefaßt sind, geht das nicht mehr. Der See soll das ausgleichen“, erklärt Wiesner. Auf den Widerspruch zur IBA-Konzeption angesprochen, gibt er zu: „Natürlich kaschieren wir mehr als wir renaturieren.“

Von WOLFGANG KORN