Greenpeace Magazin

Ausgabe 6.98

Es ist nicht gesagt,

daß es besser wird, wenn es anders wird. Wenn es aber besser werden soll, muß es anders werden“, schrieb Erich Kästner. Und dieses Motto, denke ich, muß zwingend auch für die neue Bundesregierung gelten. Willy Brandt trat an mit dem Motto „Mehr Demokratie wagen“; beim Automann Gerhard Schröder muß mehr herauskommen als „Mehr Volkswagen“.

Rot-Grün hat die Chance für eine Politik-Wende. Aber eben nur, wenn’s anders wird: Wenn der Einstieg in den Ausstieg aus der Atomenergie nicht bloß angekündigt, sondern angepackt wird. Wenn die Solarenergie gefördert und nicht ausgebremst wird. Wenn Nah- und Fernverkehr auf die Schiene statt auf die Straße gelenkt wird. Und wenn Schluß ist mit als irrsinnig entlarvten Subventionen — wie beim Transrapid oder dem Milliarden verschlingenden umweltschädlichen Brüsseler Agrarmarkt.

Schröder, Fischer & Co. haben nach jahrelangem Stillstand auf fast allen Politikfeldern (Wo ist ein schlüssiger nationaler Umweltplan, wo eine stringente deutsche Außen-und Friedenspolitik?) ein weites Feld zu beackern. Sie haben aber auch eine bequeme Mehrheit im neuen Bundestag und im Bundesrat. Es gibt also keine Ausreden! Die Wähler erwarten nach Jahren dumpfer Ideen-Flaute in Bonn, die nahezu demokratiegefährdend war, eine phantasievolle Wende zum Besseren, also — siehe Erich Kästner — zum anderen. Einen ersten Kommentar lesen Sie unter dem Titel „Mehr Ökologie wagen“ auf Seite 33. Und im nächsten Heft wird das Greenpeace Magazin eine Zwischenbilanz der Wende in Bonn ziehen.

Dann wird man auch sehen, wie die neue Bundesregierung zur Gentechnik steht. Was für Konservative und fortschrittstrunkene Sozialdemokraten eine Schlüsseltechnologie der Zukunft ist, birgt tatsächlich unkalkulierbare Risiken. Gen-Konzerne werfen, kaum kontrolliert, ihre Produkte auf den Markt, machen uns Verbraucher zu Versuchskaninchen und drängen Bauern weltweit in eine totale Abhängigkeit von ihrem Saatgut. Von den Risiken für die Artenvielfalt ganz zu schweigen.

Solche Argumente versucht der Schweizer Arzneimittelkonzern und Gentech-Weltmarktführer Novartis beharrlich zu ignonieren — oder zu unterdrücken. In unserer satirischen Rubrik „Keine Anzeige“ haben wir im letzten Heft den Einbau von Antibiotika-Resistenzen in den Genmais des Multis attackiert. Novartis drohte mit juristischen Schritten und verlangte eine Unterlassungserklärung. Wir lassen uns aber keinen Maulkorb umhängen und haben die Erklärung selbstverständlich nicht unterschrieben. Wir haben etwas anderes gemacht: eine weitere Anzeige von Novartis verfremdet und auf den Rücktitel dieser Ausgabe plaziert.

Jochen Schildt, Chefredakteur

Von JOCHEN SCHILDT