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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.18

„Es kann nicht nur um Profit gehen“

Text: Karl Grünberg

Nadia Massi, 48, und Elke Dornbach, 41, betreiben seit sechs Jahren einen Bioladen in Berlin-Neukölln. Nun macht in ihrer Nachbarschaft der fünfte Biosupermarkt auf

Es wird gerade richtig eng für uns. Vor mehr als zwei Jahren hat ein Stück die Straße runter der erste Biosupermarkt aufgemacht, die Straße hoch dann der zweite und in den nächsten großen Parallelstraßen der dritte und vierte. Jetzt soll schräg gegenüber, kaum drei Minuten zu Fuß, die nächste Filiale eröffnen. Das macht uns schon Sorgen.

Doch wir haben uns vorgenommen, mutig zu bleiben, so wie 2012, als wir angefangen haben. Wir waren echte Pioniere: Zwei Frauen, die als Paar leben, die mit einem kleinen Bioladen auf der wilden Karl-Marx-Straße im multikulturellen, aber sozial abgehängten Szeneviertel Neukölln einen neuen Lebensabschnitt beginnen wollten. Links und rechts türkische Imbisse, arabische Friseure, Handyshops, Läden für billige Klamotten. Bio? Regional? Nachhaltigkeit? Das waren dort alles Fremdwörter.

Ein Bioladen sollte es sein, weil es bei uns beiden in der Kindheit immer einen direkten Bezug zur Nahrung gab. Unsere Familien haben direkt beim Bauern oder auf dem Markt eingekauft, wir wussten, wo unser Essen herkam. Das haben wir hier vermisst. Jetzt arbeiten wir mit Bauern aus der Region zusammen, von denen wir unsere Salate, die Rote Bete, die Möhren und die Eier bekommen. Gleichzeitig verkaufen wir keine Waren von Produzenten, die sich nicht an ethische Grundsätze halten.

Mit der Zeit sind wir ein richtiger Kiezladen geworden. Wir begrüßen viele unserer Kunden mit ihrem Namen und kennen ihre Vorlieben. In unserem Laden werden dank unserer Mitarbeiter sieben  Sprachen gesprochen, wir haben ein kleines Café, in dem es Suppe und Kuchen gibt und wo schon so mancher Liebeskummer geheilt wurde. Es ist ein Ort der Vernetzung, darauf sind wir stolz. Zu uns kommt auch eine alte Frau aus dem Hinterhaus. Sie ist 102 Jahre alt und kauft bei uns ihre paar Kartoffeln, Quark und zwei Champignons. Wir unterhalten uns, lachen, nehmen uns Zeit. Natürlich verdienen wir daran nicht viel, aber es kann nicht immer nur um Profit gehen.

Wir wollen anders sein als die großen Biomarktketten, aber das ist nicht leicht. Jedes Jahr verkaufen die Filialisten mehr Bioprodukte, inzwischen reden wir von einem Jahresumsatz von mehr als zehn Milliarden Euro. Auch die Verkaufsfläche steigt stetig, und gleichzeitig schließen immer mehr kleine Bioläden, weil sie dem Konkurrenz- und Preisdruck nicht standhalten. Die Gesetze des Marktes schlagen voll durch.

Wir haben hier 120 Quadratmeter. Das reicht uns. Wir wollen gar nicht vergrößern und noch mehr Produkte anbieten. Neulich erzählte uns eine Kundin, dass es im Biosupermarkt Litschis gebe. Ob wir die nicht auch hätten? Und warum wir nicht bis 21 Uhr aufhätten? Und den Sand im Salat, kriegt man den auch wirklich raus? Die Bioketten gewöhnen ihre Kunden daran, dass alles klinisch sauber und abgepackt ist, dass sie alles jederzeit haben können. Auch wir verkaufen Bananen und im Frühsommer Äpfel aus Argentinien. Das müssen wir, um zu überleben. Doch wir verkaufen nur Schiffsware, nie Flugware, das ist unser Kompromiss.  

Mehr wollen wir von unseren Idealen nicht opfern. Aber wir müssen uns verändern, das wissen wir. Deshalb haben wir ein Mitgliedschaftsmodell eingeführt, machen bei Apps mit, die regionale Geschäfte bewerben, gestalten unser Sortiment ausgewählter und bieten auch Gourmetsachen an.

Wenn wir eines Tages doch merken sollten, dass es trotz aller Mühe nicht reicht, mag das vielleicht erst mal traurig sein, aber dann machen wir eben etwas Neues. Unser Mut verlässt uns nicht.