Fokus

Europa:
Kontinent Utopia

Wovor müssen wir uns fürchten?
Worauf dürfen wir hoffen?
Die Reporterin Lena Niethammer, 27, ist in die Zukunft gereist: zur Jugend, die Europa gestalten wird

Fokus
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Europa:
Kontinent Utopia

Text: Lena Niethammer

In den vergangenen Jahren hat Europa seine bisher schwerste Krise durchlebt. Abgrenzung war angesagt, die Idee eines friedlich vereinten Kontinents verblasste. Doch seit dem Brexit-Schock wandelt sich die Stimmung, wird das Bekenntnis zu einer starken Union wieder lauter. Nur: Gibt es auch eine gemeinsame Vision? Steht Europa wirklich für Solidarität, für gemeinsame Werte, für geteilte Verantwortung? Wir wagen einen Blick in die Zukunft - mit den Menschen, die Europa prägen werden: den jungen. Lena Niethammer, 27 Jahre alt, hat sie besucht. Und Künstler aus sieben Ländern haben ihre außergewöhnliche Reise illustriert.

Es war an einem Frühlingstag, da saß ich vor dem Fernseher und schaltete von hier nach dort. Und während ich so guckte, fiel mir plötzlich ein Begriff auf. Erst benutzte ihn ein Nachrichtensprecher, dann Angela Merkel, später jemand, von dem ich nicht mehr weiß, wer er war.
Sie sagten: Unsere Art zu leben.
Ich blieb daran hängen. Der Begriff war nicht neu für mich, ich erinnerte mich an den Terror von Paris, es sei ein Anschlag auf unsere Art zu leben, hieß es damals. Doch nun wurde er in allen möglichen Kontexten benutzt, war längst tief eingedrungen in das politische Vokabular.

Flüchtlinge werden unsere Art zu leben verändern.
Der Klimawandel bedroht unsere Art zu leben.
Wir müssen unsere Art zu leben verteidigen.

In Momenten der Krise, der Konfrontation holen sie jetzt diesen Begriff Unsere Art zu leben hervor. Es ist das Implizierte, was mich daran befremdete. Was macht denn unsere Art zu leben in Europa aus? Es ist ein Lebensstil auf einem gewissen Niveau gemeint, na klar, auch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, die Freiheit, selbst zu entscheiden, was wir gern machen, aber eben genauso Konsum, das Haus, das Auto, das Konzert, auf das wir gehen.
Es gab schon immer Begriffe, die Politiker wählen, um uns zu erklären, was an unserer Gesellschaft zu verteidigen sei. In der Nachkriegszeit war das unsere Identität, in der Zeit des Kalten Krieges war es der Westen, nach der Wende europäische Werte. Alles unkonkrete Begriffe, die Raum lassen für etwas Größeres, eine Sehnsucht, ein Ideal, nach dem es zu streben gilt. Unsere Art zu leben ist da insofern konkreter, als es ein Begriff ist, der nur die Gegenwart verkörpert. Unsere Art zu leben ist ein Status quo.
Macht Europa etwa nicht mehr der Wunsch nach Veränderung aus? Gibt es in der Zukunft keinen Raum für Träume? Für Erneuerung? Für Utopie?
Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Das wird nicht sein. Oder?
Ich entschied, mich auf eine Reise durch Europa zu begeben und genau danach zu suchen: nach den Hoffnungen, den Utopien, den Wünschen für die Zukunft. Und zwar bei denen, die sie einmal gestalten werden, denen, die mir am nächsten sind, denen, die von der Politik noch kaum beachtet werden. Bei der Jugend.
Alle Länder, die ich mir heraussuchte, sind Länder der Krise, der Konfrontation. Da sind die Geflüchteten, die über das Meer nach Italien kommen, da ist die Arbeitslosigkeit in Griechenland, die Angst vor Le Pen in Frankreich, da sind die Folgen des Brexits in Schottland, das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien, da ist der Nationalismus in Polen und der Protest gegen Korruption in Rumänien. Dabei kann es gar nicht um Vollständigkeit gehen, sondern nur um Eindrücke von dem, was uns bewegt. Es soll nicht um Zahlen gehen, sondern um Menschen.
Am 24. April 2017 um 13.10 Uhr sitze ich mit meinem Rucksack, meinem Ausweis und einem Block in der Hand an einem Gate des Flughafens Berlin-Schönefeld und warte auf das Boarding. Die ältere Dame neben mir fragt, wohin es denn gehe.
Ich sage: Nach Europa.

„Warum nehmen wir uns in unserer eurozentrischen Perspektive so ernst, während der Kontinent gleichzeitig seine politische, ökonomische und kulturelle Hegemonie verliert?“, fragt Matteo Morelli. Warum schottet sich das kriselnde Europa ab? Den Einfluss anderer Kulturräume empfindet der vielgereiste Illustrator als Inspiration, nicht als Bedrohung.
„Warum nehmen wir uns in unserer eurozentrischen Perspektive so ernst, während der Kontinent gleichzeitig seine politische, ökonomische und kulturelle Hegemonie verliert?“, fragt Matteo Morelli. Warum schottet sich das kriselnde Europa ab? Den Einfluss anderer Kulturräume empfindet der vielgereiste Illustrator als Inspiration, nicht als Bedrohung.
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Italien,
im April 2017

 

Diese Reise beginnt mit einem alten Mann und dem Meer.
Das Meer ist das vor Lampedusa. Der alte Mann Emanuele. Er hat mich am Flughafen von Lampedusa aufgegriffen, weil es keine Taxis gibt auf dieser Insel und auch keinen Bus. Ein alter Mann, der hier schon immer gelebt hat, der allein geblieben ist, ohne Frau und ohne Kind. Der sich meiner angenommen hat, wie er sich sonst der Touristen annimmt, aber die Italiener kommen erst im August und die anderen gar nicht mehr.
Im Auto habe ich ihm erzählt, was ich vorhabe: Dreißig Tage, sieben Länder, auf der Suche nach der Jugend Europas, die auch meine Generation ist. Von der ich trotzdem nicht weiß, was sie fühlt.
Emanuele hat gesagt: Wenn du durch ganz Europa reist, dann müssen wir dorthin gehen, wo Europa beginnt.
Und jetzt stehen wir hier auf den Klippen, an einem der südlichsten Punkte dieses Kontinentes, dem Anfang oder Ende, wie man es nimmt. Ein Sturm zieht auf, Europa sitzt uns im Nacken, und wir schauen Richtung Afrika.
Und was willst du von ihnen wissen, von den Jungen, wenn du sie triffst?, fragt Emanuele.

Die Menschen sagen viel über uns junge Menschen. Mal sind wir der Fortschritt, mal die, die nicht wissen, was das echte Leben
ist, gefangen in einer Blase. Wir seien die Hoffnung, sagen die einen, weil wir gegen den Brexit gestimmt hätten. Wir seien schuld am Brexit, sagen die anderen, weil nicht alle von uns zur Urne gegangen seien.
Und immerzu sagen sie, wir seien die Zukunft. Aber sie geben unseren Generationen die letzten drei Buchstaben des Alphabets, X, Y, Z, als wären wir das Ende von allem.
Glauben sie nicht an uns?
Glauben wir denn an uns?
Ich weiß nicht, was ich von ihnen wissen will, sage ich zu Emanuele. Vielleicht nur, ob sie Hoffnung haben.
Wir bleiben eine Weile auf dem Felsen stehen. Schauen auf die Wellen. Das Meer riecht, wie ein Meer riechen muss. Es gluckst, spritzt, tobt, wie ein Meer glucksen, spritzen und toben muss. Und doch ist es ein anderes Meer.
Emanuele holt sein Mobiltelefon heraus. Er hat eine Stelle entdeckt, links am Felsen, da bildet sich ein Strudel. Das Wasser ist so klar und türkis, dass der Boden zu sehen ist. Er macht ein Foto.
Man muss das Meer schätzen, wenn es sich so schön zeigt, sagt er. Zu oft ist es hier zum Ungeheuer geworden.
Er deutet mit der Hand nach links, dorthin, wo letztens der Leichnam trieb.

Wer mit dem Flugzeug nach Lampedusa kommt, sieht als Erstes die mächtigen Klippen, zehn, zwanzig Meter hoch. Eine Festung, an der alles abprallen muss.
Man schaut auf das Wasser. Da, ein Boot. Ist es eines von ihnen?
Dann kommt man an, und es ist so still. Nur ein Fischerstädtchen, ein kleiner Hafen, eine schmale Einkaufsstraße, kaum Menschen. Wäre da zwischen den Fischerbooten nicht der Kahn mit den arabischen Schriftzeichen auf dem Rumpf, der Kahn, mit dem 500 Menschen aufgebrochen waren, aber kaum einer ankam, nichts würde das Massensterben offenbaren.
Über das Wochenende kamen 1500 an. Sie bleiben nur ein paar Tage hier, dann werden sie wieder verladen, auf das nächste Schiff. Diesmal nach Sizilien.
Der Hotspot, wie man das Aufnahmelager hier nennt, versteckt sich in einer Mulde zwischen den Hügeln neben der Stadt. Ein Ort, der nicht gesehen werden soll, nicht von Touristen, nicht von Bewohnern, schon gar nicht von Journalisten, die seit Jahren nicht hineindürfen.
Doch wer sich auf den Hügel stellt, zwischen den blühenden Lavendel, sieht das L-förmige Gebäude. Er sieht, dass es in einem Zimmer gebrannt haben muss, überall noch der Ruß. Er sieht viele junge Männer und ein paar Frauen, darunter schwangere, vor dem Gebäude auf dem Boden sitzen. Er sieht das kleine Loch im Zaun auf der Mauer, durch das sie schlüpfen, um heimlich diesen Ort zu verlassen.
In kleinen Gruppen laufen sie Richtung Hafen. Sie reden nicht viel. Bleiben immer wieder stehen. Schauen aufs Wasser. Alle tragen die gleiche schwarze Daunenjacke. Was ist das Meer für sie?
Ein Mann geht auf eine Gruppe von Afrikanern zu, die sich auf eine Bank gesetzt haben. Er greift in seine Jacke und holt ein Mobiltelefon hervor. Ein Junge, vielleicht 16 Jahre alt, nimmt es. Er wählt, hält das Telefon ans Ohr, lange passiert nichts, dann sagt er auf Französisch: Mama, Mama, ich lebe! Ich bin in Italien!

Du merkst lange nicht, dass dir der Tod droht, sagt Sini, 17 Jahre alt, ein Junge aus Gambia. Du schaust auf die Wellen, du weißt, der Motor ist aus, und es gibt kein Benzin mehr, aber du denkst nicht darüber nach, was das bedeutet: dass du sterben könntest.
Du denkst, irgendein Schiff wird bald vorbeikommen. Du tröstest die schwangeren Frauen, die schreien, sagst ihnen, dass alles gut wird für sie und ihre Babys, sie sollen sich nicht sorgen. Und noch glaubst auch du dir.
Doch die Zeit vergeht, und plötzlich weißt du es. Die Panik trifft dich so hart, mit einem Mal, dass sich alles dreht. Du kotzt ins Meer. Du weinst. Du tröstest nicht mehr. Du betest. Dann machst du dich bereit.
Als Mariam, meine Schwester, und ich in Libyen von den Männern eingesperrt wurden, habe ich viel an Mama und Papa gedacht, sagt Kadija, 19, aus Gambia. Wir hatten ihnen nicht erzählt, dass wir gehen werden. Sie sollten uns nicht abhalten. Wir wollten ja auch für sie gehen, ihnen aus Europa Geld schicken. Die Männer in Libyen haben uns Burkas angezogen. Sie haben uns geschlagen. Sie haben viel mit uns gemacht.
Sie riefen unsere Eltern an und forderten Geld, damit sie uns wieder freilassen. 30.000 libysche Dinar. So viel haben meine Eltern
nicht. Wir saßen acht Monate in dieser Zelle, und ich erinnere mich genau an jenen Morgen. Wir hatten seit Tagen kein Essen bekommen. Mariam sah nicht gut aus. Ihr Kopf lag in meinem Schoß. Ich dachte, sie würde schlafen.
Du wünschst diese Reise nicht deinem größten Feind, sagt Sini, elf Monate unterwegs, acht davon in der Hölle: Libyen. Die Agents erzählen dir, dass das Leben in Deutschland besser ist. Du wirst dort viel Geld verdienen, sagen sie. Die warten nur auf dich. Aber die Agents wollen nur, dass du bis Libyen kommst, um dir dann alles zu nehmen. Wenn dich die Guardia di Costa dann aus dem Meer zieht, woher sollst du da noch Kraft nehmen, um dich zu freuen, am Leben zu sein?
Meine Eltern haben jetzt kein Haus mehr, sagt Kadija. Und ich keine Schwester. Wenn ich alleine bin, vermisse ich sie. Ich weine. Ich sehe dann diese Szene vor mir. Wie ich schreie, jemand müsse Mariam helfen, und dann kommt dieser Mann. Er zuckt mit den Schultern und sagt: Die ist verstummt. Ich merke, dass ich verrückt werde, wenn ich daran denke. Die anderen haben gesagt, ich soll versuchen, mich abzulenken. Ich will nicht verrückt werden.
Sini sitzt auf dem Bordstein. Er hat die Arme um den Bauch geschlungen. Liebevoll schaut er auf Kadija. Sie sitzt vor ihm auf dem Boden, den geschorenen Kopf an seine Knie gelehnt. Sie weicht keinem Blick aus, das Kinn trotzig nach vorn geschoben. Ein Gesicht, das vor Würde strotzt.
Kadija, Sini und 139 andere kamen zusammen auf einem Gummiboot. Sie sagen, sie wollen zusammenbleiben.

Am nächsten Morgen um 8.30 Uhr fährt eine große Fähre im Hafen von Lampedusa ein. Wenige Minuten später steigen sechzig männliche Geflüchtete aus einem Bus. Sie müssen sich vor der Fähre aufreihen. Jeder hat eine blaue Ikea-Tasche und ein kleine weiße Plastiktüte in der Hand. Fünf Polizisten mit geschulterten Maschinengewehren bewachen sie.
Sini ist der Vierzehnte von links.
Als sie auf die Fähre eskortiert werden, stolpert ein Junge über seine Schnürsenkel. Er lässt die kleine weiße Plastiktüte fallen. Als er sich bückt, um sie aufzuheben, zuckt eines der Gewehre.
STOP! LEAVE IT! GO! GO!
Die Plastiktüte bleibt zurück. Darin zwei Fladenbrote und ein Trinkpäckchen.

Es gab da diesen Abend vor sieben oder acht Jahren. Ich war gerade fürs Studium nach Düsseldorf gezogen und saß mit einem Freund auf meiner Couch. Wir tranken zu viel Tavernello, und irgendwann, als es langsam wieder hell wurde, der Rausch am Höhepunkt, überlegten wir, was wir machen würden, wären wir Bundeskanzler und Bundeskanzlerin.
Wir holten ein Blatt Papier und schrieben auf, was uns noch fehlte für die Welt unserer Träume. Ehe für alle. Keine Massentierhaltung. Weniger Macht den Banken.
Wir füllten zwei Seiten, dann fiel uns nichts mehr ein.
Und jetzt?, fragte ich meinen Freund.
Er überlegte: Na ja, die Rettung der Menschheit hätten wir damit geschafft. Danach können wir uns dann in aller Ruhe darum kümmern, dass der Planet nicht kaputtgeht.
Sicher, es war eine naive Spielerei. Aber in uns steckte diese Illusion, dass über kurz oder lang alles immer offener, friedlicher, demokratischer werden würde. Und unser Modell das richtige wäre. Die Menschen würden es schon bald einsehen.
Und jetzt?

Ein Grabstein auf dem Friedhof von Lampedusa, darauf steht: Es scheint, als habe er Yassin geheißen. Es scheint, als sei Yassin aus Eritrea gekommen, als sei er grundlos verhaftet und in eines der vielen lybischen Lager gesperrt worden. Es scheint, als habe er einen Sohn und eine Frau in einem Flüchtlingsheim in der Schweiz gehabt und als habe er zu ihnen gewollt.
Einzig sicher ist, dass er am 7. September 2015 als Leiche nach Lampedusa kam.
Die Illusion hat Folgen. Wir haben uns zu lange auf sie verlassen, haben Fatales als kleine Ausrutscher der Geschichte gesehen. Und als wir irgendwann aufgewacht sind, war alles so anders, dass wir zu kaum etwas fähig waren außer zu Entsetzen und Empörung. Wie konnte es so weit kommen? Das ist eine Frage, die ich jeden meiner Freunde habe stellen hören im letzten Jahr. Die auch ich gestellt habe, unzählige Male.
Es ist die falsche Frage.
Evelyn Roll schrieb: Der Glaube an den vollautomatischen Fortschritt der Geschichte ist ein Aberglaube. Das Einzige, was fortschreitet, ist Zeit. (...) Vielleicht funktioniert Geschichte ja wie Wetter, das immer nur so tut, als wäre es berechenbar, oder, was sehr viel hoffnungsvoller wäre, so wie Camus die Sisyphos-Erzählung interpretiert hat. Dann wäre Geschichte kein gesetzmäßiges Annähern an einen Idealzustand, sondern eine immerwährende Aufgabe.
Die richtige Frage lautet: Was können wir tun?

Am 15. Dezember 2015 saßen in Rom Vertreter von Mediterranean Hope, einer Organisation der evangelischen Kirche in Italien, Vertreter der katholischen Laiengemeinschaft Sant’Egidio, der Waldenser sowie vom italienischen Innen- und Außenministerium an einem Tisch und unterschrieben das Protokoll zu Humanitären Korridoren. Darin wurde festgelegt, dass die Kirchen tausend Geflüchtete aus Lagern im Libanon einfliegen dürfen, nachdem die Behörden diese vor Ort überprüft und ihnen humanitäre Visa ausgestellt haben. Sind die Geflüchteten einmal in Italien, tragen die Kirchen die Kosten für ein Jahr. Am 14. Februar 2016 kam die erste syrische Familie am Flughafen Rom-Fiumicino an. Seitdem haben über 800 Geflüchtete Italien mit dem Flugzeug erreicht. Frankreichs Kirchen haben angekündigt, ebenfalls 500 aus dem Libanon einzufliegen. Italien wird 500 weitere aus Eritrea holen.

Alice, 29, schüttelt den Kopf. Sie sitzt in einem Sessel im Büro von Mediterranean Hope auf Lampedusa, es ist kurz nach zehn Uhr morgens, noch drei Stunden, bis sie die Türen für die Flüchtlingsberatung öffnen. Ihr Kollege Alberto, ebenfalls 29, sitzt ihr gegenüber, er hält einen Artikel über Angela Merkel in der Hand. Sie habe sich in Berlin mit einem Vertreter der Humanitären Korridore getroffen, steht da, und den symbolischen Wert des Projektes gelobt.
Alice: Hmm…  
Alberto: Das ist doch gut.
Alice: Ach. Es kommen auch ständig Politiker hierher und lassen sich fotografieren, prangern ein bisschen das Leid an und versprechen sonst was. Aber was ist denn hier von all dem Versprochenen angekommen? Nichts.
Alberto: Aber schau! Ich finde, es gibt auch ziemlich viel Gutes über Europa zu erzählen. Auch wenn es, politisch gesehen, gerade ein Europa der Mauern ist. Aber all die jungen Leute zeigen sich doch solidarisch. Die helfen überall.
Alice: Ja, aber trotzdem verlieren wir Zeit. Wenn Solidarität erst greift, wenn unsere Generation an der Macht ist, müssen wir von vorne anfangen. Die Entscheidungen, die heute getroffen werden, sind die, die unsere Zukunft bestimmen.
Alberto: Ich weiß. Ich sage auch nicht, dass das in Europa gerade gut läuft. Aber es muss einem auch Hoffnung machen, dass so viele Junge sich engagieren. Ich glaube, die Jungen können eine andere Realität neben der politischen erschaffen. Eine, die dann zum Vorbild wird.

Die andere Realität, von der Alberto spricht, sie existiert bereits. Man findet sie an manchen Orten, in manchen Momenten. Jetzt gerade, an diesem frühen Abend, ereignet sie sich in Palermo, in einem kleinen Bistro, dem Molti Volti. Es ist das erste Treffen von AMREF, einer Organisation, die sich für die Integration von Geflüchteten in der Stadt engagiert.
Alessio und Marco, beide 27, die gleich nebenan ein Jugendzentrum leiten, bestellen sich zwei Negroni. Alessio erzählt, dass er heute Morgen, als er aufgewacht sei, so wütend auf die Lega-Nord-Hetze gewesen sei, dass er Matteo Salvini, diesem rechten Idioten, einen wütenden Kommentar bei Facebook hinterlassen habe. Das mit dem marokkanischen Studenten sei einfach zu viel gewesen. Der, der vor ein paar Tagen in der Mensa plötzlich angefangen hatte, wirres Zeug zu schreien. Irgendwas mit Satan. Und dass Juden und Muslime jetzt bitte gehen sollten. Jetzt sitzt er in Abschiebehaft. Wegen Terrorgefahr. Dabei habe doch jeder gewusst, sagt Alessio, dass er einfach psychisch krank gewesen sei. Ich fasse es nicht!, ruft er. Es ist nur passiert, weil alle auf dieses Gerede reinfallen. Wenn meine Oma eine Frau mit Kopftuch sieht, sagt sie: Oh, eine Terroristin. Und jetzt reicht es schon, verrückt zu sein, um abgeschoben zu werden, oder was?
Man liest ja immer wieder, dass ach so viele junge Italiener ins europäische Ausland gehen, sagt Marco, aber es ist falsch zu denken, dass es hier eine Kultur des Aufbruchs gebe. Mehr eine der Verzweiflung. Wenn einer mit dreißig immer noch keine Arbeit gefunden und schon jahrelang nichts zu tun gehabt hat, dann geht er irgendwann ins europäische Ausland. Europa ist nur die allerletzte Hoffnung. Aber keiner sieht es als Chance, um sich selbst weiterzuentwickeln und dann hier etwas zu ändern. Mit Ende zwanzig oder dreißig bringt es dir doch nichts mehr, da bist du schon eine persona formata, eine geformte Persönlichkeit. Die müssen vorher gehen, damit es sie frei im Kopf macht und sie etwas verändern können.
Wie sollen die Menschen denn sehen, sagt Alessio, dass die Geflüchteten auch eine Chance für uns sind, wenn sie sie nur als das Fremde wahrnehmen können. Die Menschen müssen offener werden. Aber es ist das eine, immer gesagt zu bekommen, dass alle Menschen einfach nur Menschen seien, und etwas anderes, wenn man irgendwohin geht und es selbst erlebt. Es bringt nichts, den Menschen zu predigen, sie dürften keine Vorurteile haben, denn Vorurteile hat nun mal jeder. Es braucht diesen Moment, wenn du seit ein paar Wochen in einem anderen Land bist und auf einmal merkst, wie sich deine Stereotype auflösen. Wenn du denkst, krass, die haben dieselben Gedanken und Sorgen wie ich.

Kann das sein, dass die Jugend sich als Vorbild für die Politik begreift? Darf das sein?
Ich denke an Francesco. Früher saß er neben Alice und Alberto in diesem Büro auf Lampedusa. Jetzt ist er im Libanon, um auszuwählen, wem er das Meer erspart. Alberto sagt, letztens habe Francesco einfach ein ganzes Flüchtlingscamp auf die Liste gesetzt, wie soll man schon entscheiden?
Ich denke an Jugend Rettet. Zwei Tage bevor ich nach Lampedusa kam, waren sie fast gekentert mit ihrem Schiff. Es waren zu viele, die zu retten waren. Nicht alle haben es geschafft. Julian Pahlke, der auf dem Schiff war, sagte später in einem Interview: Eigentlich ist unsere Haltung: Die Menschen sind quasi schon tot, wenn sie auf diese Boote steigen und aufs Mittelmeer fahren. Alles, was wir tun können, ist, sie dem Leben wieder ein bisschen näherzubringen.
Ich denke an einen Bekannten von mir, der auch mal auf so einem Schiff war, der nicht möchte, dass ich seinen Namen nenne. Er sagte: Um es auszuhalten, hatten wir die Regel, dass man immer der Reihe nach rettet. Wer am nächsten am Schiff ist, wird als Erster aus dem Wasser geholt. Doch es kommt immer ein Moment, da sind auf einmal zwei Menschen gleich nah, du hast aber nur Platz für einen. Und auf einmal bist du Gott. Niemand sollte Gott sein.
Wer soll diese Verantwortung aushalten?

INOs hochpolitische Werke sind in den Straßen seiner Heimat an meterhohen Wänden verewigt. Dieses Mal hat der Grieche die Farbdose gegen den Stift getauscht. Wenn der Wahlzettel zum bedeutungslosen Stück Papier wird, verliert der Einzelne die Stimme. INOs eigene bleibt unüberhörbar – oder besser: unübersehbar.
INOs hochpolitische Werke sind in den Straßen seiner Heimat an meterhohen Wänden verewigt. Dieses Mal hat der Grieche die Farbdose gegen den Stift getauscht. Wenn der Wahlzettel zum bedeutungslosen Stück Papier wird, verliert der Einzelne die Stimme. INOs eigene bleibt unüberhörbar – oder besser: unübersehbar.
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Griechenland,
im April 2017

 

In einem Café am Rathausplatz von Athen sitzen zwei deutsche Studentinnen. Sie sind Mitte zwanzig, tragen Sonnenbrille, ihre Haut ist gebräunt. Das Leben hier ist toll, sagt die eine. Mir fällt hier alles leichter. Die Menschen wirken glücklicher als in Deutschland.
Sie sieht nicht die Frau, die, als der Kellner kurz den Blick abwendet, den Zucker von den Tischen stiehlt.
Sie sieht nicht den Jungen, der sich eine Chipstüte aus dem Müll gefischt hat.
Und auch nicht den jungen Mann im gelben Hemd, der so stattlich aussieht und sich am Springbrunnen die Zähne putzt.

Es sind nicht die Griechen, die ich in Griechenland finden möchte. Es sind die Bewohner eines anderen Staates. Ein Staat, den viele nicht sehen können. Ein Staat, der keinen Namen hat. Er ist eine Dystopie.
Jean-Claude Juncker benannte ihn 2014 zum ersten Mal. Es war der Tag, an dem er sich als EU-Kommissionspräsident bewarb. Er sprach im Europäischen Parlament, und irgendwann übermannte ihn das Pathos. Die EU habe gar nicht 28 Mitgliedsstaaten, sagte er. Es seien 29. Der 29. Staat sei der, in dem die Arbeitslosen wohnen.
Jeder dritte Jugendliche in Italien ist arbeitslos.
Jeder dritte in Spanien.
Jeder zweite in Griechenland.
Sie nennen sie die verlorene Generation.

An jeder Ecke in Athen hat diese Generation Symbole der Verzweiflung hinterlassen. Sei es die Attikabank, deren Fenster zugemauert sind, davor ein Obdachloser, keine dreißig Jahre alt. Sei es das Graffito auf den Rollläden eines geschlossenen Ladengeschäfts, das zeigt, wie fünf Gestalten, eine nach der anderen, im Maul eines Anzugträgers verschwinden. Sei es die Laterne, deren Lampe schwarz angemalt ist. Auf dem Mast unten ein kleiner Aufkleber: In Athen gibt es kein Licht.
Es ist doch so, sagt Stergios, 27: Die Leute denken, wir seien faul, dabei wollen wir arbeiten. Ich will nichts lieber als arbeiten. Ich bin knapp ein Jahr arbeitslos, und es ist nichts Schönes daran. Du denkst permanent, du bist nicht gut genug. Du wirst unsicher. Und fragst dich: Was habe ich nur falsch gemacht? Nur finde ich keine Antwort auf diese Frage. Ich habe einen guten Abschluss in Politikwissenschaften und Mittelmeerstudien gemacht und etliche Praktika absolviert. Reedereien und Tourismus sind die beiden größten Wirtschaftszweige Griechenlands. Und trotzdem gibt es keine Stelle für mich. Also sagt mir: Was habe ich falsch gemacht?
Es gab diese Zeit, da wollte keiner bleiben, sagt der 29-jährige Paris. Unsere Generation trug keine Schuld, warum sollten wir leiden? Jetzt gibt es diesen Trend, dass die Jungen zurückkommen. Man darf Heimweh nicht unterschätzen. Der Staat ist fragil, aber er ist nicht, was dieses Land ausmacht. Das ist das Klima, die Menschen, das Essen und all die kleinen Dinge.
Aber wenn du hier überhaupt Arbeit findest, verdienst du höchstens ein paar hundert Euro. Ich hatte vier Jobs in zwei Jahren und musste trotzdem bei meiner Mutter wohnen. Familie ist die letzte Sicherheit. Sonst kannst du dich auf nichts verlassen. Auf keine Institution, auf den Staat erst recht nicht. Aber zu Hause wohnen zu müssen, das vermittelt dir auch eine falsche Idee vom Leben. Wie soll sich denn so dein Charakter formen?
Ich bin in einen Tunnel aus Frust und Wut geraten und konnte nur noch das Schlechte sehen. Irgendwann war ich besessen von jeder Kleinigkeit, die schiefging. Und wenn es der Bus war, der zu spät kam. Ein Therapeut musste mir helfen.
Bevor ich zu dieser Europareise aufbrach, hatte ich ein kleines Ritual. Ich habe fünf Jahre meiner Kindheit in Florenz verbracht, und manchmal, wenn mich in Deutschland die Melancholie einholte, sah ich mir auf Facebook die Fotos meiner Freunde von damals an und träumte von dem Leben, das ich hätte haben können. Es ist noch derselbe Freundeskreis, sie wandern in den Bergen und fahren auf Vespas, machen Lagerfeuer, tanzen, trinken, lachen. Ich dachte oft, sie sehen so viel glücklicher aus. Doch dann kam der Tag, da postete jeder von ihnen Micheles Abschiedsbrief, eines Dreißigjährigen aus Norditalien, den die Zeitung veröffentlicht hatte. Ein gekürzter Auszug:
Ich habe dreißig Jahre lang schlecht gelebt, einige werden sagen, dass es ein zu kurzes Leben war. Diese Leute aber können nicht die Grenzen der Geduld und des Erträglichen bestimmen, denn diese Grenzen sind subjektiv, nicht objektiv.
An diese Realität darf man keine Ansprüche stellen. Man darf keinen Arbeitsplatz verlangen, man darf sich keine Liebe erhoffen, man darf keine Anerkennung erwarten, man darf nicht nach Sicherheit verlangen, und man darf auch kein stabiles Umfeld verlangen.
Ich fühle mich betrogen – von einer Zeit, die sich das Recht herausnimmt, mich auszusortieren anstatt mich aufzunehmen, so wie es ihre Pflicht gewesen wäre.

In den folgenden Tagen schaute ich immer wieder auf die Profile meiner Freunde. Jetzt fiel mir auf, dass die Mehrheit keine Arbeit hatte, dass sie so viel draußen waren, weil sie bei ihren Eltern lebten. Auf einmal sah ich die Statusmeldungen, die vor Sehnsucht strotzten, und hörte die Lieder voller Melancholie.

In einer Bar, die Moriarty heißt, sitzen zwei Männer Anfang dreißig und trinken Bier. Sie heißen Michelangelo und Costis, Architekt und Archäologe, beide arbeitslos. Sie sitzen hier jeden Tag, Abend für Abend bringen sie sich gegenseitig Bücher mit, mal nur ein Zitat, ein Lied, das Foto eines Gemäldes. Etwas, über das sie nachdenken können.
Noch geht es uns ja gut, sagt Costis. Wir können abends gemeinsam hier sitzen, können der Musik zuhören, können ein Bier trinken, und dann gehen wir nach Hause und haben bei unseren Eltern ein Bett. Noch ist es nicht existenziell. Die wahre Krise beginnt für die jungen Leute in dem Moment, wo das Geld ihrer Eltern aufgebraucht ist. Was ist dann?
Michelangelo erzählt, dass sie sich noch gar nicht so lange kennen, vielleicht acht Monate, davor war er in Italien, er ist Halbitaliener, hat dort Gelegenheitsjobs gehabt. Hier an der Theke hätten sie im Grunde wegen der Liebe zueinandergefunden.
Wir sind beide ziemlich verzweifelte Romantiker, sagt Costis.
Und wir verlieben uns in denselben Typ Frau, sagt Michelangelo. Stark, klug, unabhängig, etwas verrückt vielleicht. Und jedes Mal geht es eine gewisse Zeit gut, aber immer nur bis zum Rand der Verliebtheit, dann sind die Frauen weg und ziehen weiter.
Ich kenne fast niemanden mehr, der wirklich mit jemandem zusammen ist, sagt Costis. Alles nur Affären, offene Beziehungen, was weiß ich. Costis und Michelangelo beklagen sich nicht, sie stellen fest. Erst am Ende dieses Abends im Moriarty nach so viel Wein und Bier zeigt sich die Traurigkeit. Costis sitzt auf dem Bordstein vor der Kneipe, während Michelangelo seine Jacke sucht. Er beugt sich nach vorn, als wolle er ein Geheimnis verraten.
Darf ich dir etwas sagen?
Natürlich.
Ich bin so unfassbar unglücklich. Und ich kann mit niemandem darüber reden.
Warum nicht?
Weil es uns doch allen so geht. Was habe ich da für ein Recht, mich zu beklagen?

Die wohl bekannteste Studie über die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit erschien 1933. In Marienthal nahe Wien arbeitete der Großteil des Dorfes in einer der größten Textilfabriken Österreichs. Doch als die Wirtschaftskrise sie 1930 zur Schließung zwang, wurde das ganze Dorf arbeitslos. Die Soziologen Marie Jahoda und Paul Felix Lazarsfeld untersuchten über Wochen, wie Arbeitslosigkeit in die Persönlichkeit der Betroffenen dringt, und unterschieden am Ende zwischen vier Typen: Die Ungebrochenen (16 Prozent) fielen durch Tatkraft auf. Sie waren die einzigen, die hoffnungsvoll in die Zukunft schauten. Die Resignierten (48 Prozent) erwarteten nicht mehr viel, waren aber in der Lage, sich um den eigenen Haushalt zu kümmern. Die Verzweifelten (11 Prozent) verfielen der Trübsal und versuchten nicht mehr, ihre Situation zu verbessern. Die Apathischen (25 Prozent) rutschten noch weiter ab und waren außerstande, die Struktur des täglichen Lebens zu erhalten. Sie bettelten, tranken, stahlen. Ihre Kinder verwahrlosten.
Die meisten durchlebten diese Stadien der Reihe nach. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht, wie zuvor oft angenommen, zur Revolte, sondern in die Depression führe.

Costis und Michelangelo gaben mir am Ende des Abends die Kopie eines Buches über den Parthenon, dass Costis zurzeit ins Englische übersetzt. Darin eine Widmung:
Go on travelling
Go on meeting strangers
And do it for us
For those that stand still

Angesichts der drängenden Probleme des Landes sind viele junge Leute desillusioniert und wahlmüde – doch zugleich, so scheint es, wächst eine Wut, die zu etwas positivem Neuen führen könnte. Aus den Illustrationen des bekannten französischen Illustrators Severin Millet spricht auch die Hoffnung.
Angesichts der drängenden Probleme des Landes sind viele junge Leute desillusioniert und wahlmüde – doch zugleich, so scheint es, wächst eine Wut, die zu etwas positivem Neuen führen könnte. Aus den Illustrationen des bekannten französischen Illustrators Severin Millet spricht auch die Hoffnung.
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Frankreich,
im Mai 2017

 

In Deutschland sind die Europaflaggen ausverkauft. In Forbach, Ostfrankreich, will die Sonne nicht aufgehen.
In einem kleinen Café sitzen ein paar Gestalten. Schweigend hängen sie über den Kaffeetassen, manche über einer Flasche Bier. Unbeachtet flackert im Fernseher eine Politiksondersendung. Der Kellner nimmt die Fernbedienung, schaltet um auf Dirty Dancing.
Es ist der 7. Mai. Seit zwei Stunden sind die Wahllokale geöffnet.
Eine Frau, Pixieschnitt, verschmierter Lippenstift, zündet sich die zweite Zigarette des Morgens an. Sie sagt: So warten wir auch auf den Tod.

Vor dem Brexit sagte mein Freund, das wird schon nicht passieren, und es passierte. Vor Trump sagte er, das wird schon nicht passieren, und auch das passierte.
Wir stritten uns, der Optimist und die Pessimistin, wenn er das sagte, einmal laut am Bahnhof.
Es wird nicht passieren, weil es nicht passieren darf, schrie er da.
Vielleicht ist Europa für seine Freunde zweierlei.
Es ist die Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, die dieselben Werte teilt. Die Hoffnung auf unverbrüchliche Menschenrechte, Demokratie, Solidarität, Freiheit. Ein Idealzustand, der aber nicht erreicht ist, wie jede Krise uns wieder zeigt.
Es ist aber auch ein sich immer schneller ändernder Gefühlszustand. Als ich losfuhr, lag dank Erdoğan, Orbán, Johnson und wie die Gierigen auch heißen, Schwermut über Europa.
Dann kam der 15. März, an dem sich die Niederländer gegen Wilders entschieden, und plötzlich war da wieder so etwas wie Hoffnung.
Doch nur bis zu eben diesem 7. Mai. Jeder weiß, wenn Le Pen siegt, dann wird es fatal, dann gibt es vielleicht keine Chance mehr.
Und selbst den Optimisten hat die Angst gepackt. An diesem Morgen sagt er:
Es kann passieren, auch wenn es nicht passieren darf.

Forbach denkt da anders und ist dafür berühmt geworden. Vor drei Jahren hatte einer vom Front National die erste Runde der Bürgermeisterwahl gewonnen. Da kamen sie, die Journalisten aus aller Welt, mit Kamera, Block und Mikrofon. Ein paar Tage belagerten sie die Bürger und erklärten Forbach zur rechtsextremen Stadt schlechthin. Dass das die Forbacher empörte, dass viele in die Kameras sagten, sie stünden nicht für Hass, für Wut, änderte nichts. Dass am Ende doch ein Sozialist ins Rathaus zog, auch nicht. Das Image stand.
Die Bewohner sind alt hier. Viele fahren für ihr Geld über die Grenze, arbeiten in deutschen Firmen und sind doch gegen die EU. Viele Junge sind längst gegangen. Die Arbeitslosenquote ist hoch.
Früher florierte in Forbach die Wirtschaft. Kohleförderung war die große Monoindustrie. Doch mit der Schließung der letzten Mine 2004 verschwanden die Jobs. Tausende Bergarbeiter wurden abgefunden, sie bekommen noch achtzig Prozent ihres früheren Gehaltes, dürfen aber dafür nicht arbeiten. Sie sind verdammt zu Passivität, zurückgelassen in dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden.
Die Stadt versucht, Alternativen zu schaffen, es gibt jetzt viele Umwelttechnologie-Firmen in der Nähe. Aber wie soll das Angebot die ehemaligen Minenarbeiter erreichen? Sie dürfen diese Stellen ja doch nicht annehmen. Und so nährt sich die Sehnsucht nach den guten alten Zeiten. Es sind genau diese deindustrialisierten Gebiete, in denen der Front National immer mehr Wähler gewinnt.
Wieder lag Marine Le Pen im April im ersten Wahlgang vorn, acht Punkte vor Jean-Luc Mélenchon, zwölf vor Emmanuel Macron.
Doch dieses Mal, zu dieser Stichwahl, ist niemand gekommen. Keine Kameras, keine Blöcke, keine Mikrofone. Das Ergebnis ist nichts Besonderes mehr, Forbach nur eine frustrierte Stadt unter vielen.
So schien es.

Neben dem Rathaus, diesem plattenbauähnlichen Rechteck, ist ein kleiner Parkplatz. Nicolas, 31, ein junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren, Englischlehrer von Beruf, steht neben seinem Auto. Gerade hat er gewählt, jetzt sammelt er die vielen Broschüren und Flyer mit Macrons Gesicht auf, ein paar legt er in den Kofferraum. Erinnerungen an seine Überzeugungsarbeit.
Macron ist der, auf den Nicolas immer gewartet hat. Ein Mann, nicht links, nicht rechts. Der Pragmatiker mit Charisma.
Es war Zufall, vielleicht Schicksal, dass Nicolas, der sonst Unpolitische, in Straßburg war, als Macron dort sprach. Und während Macron redete, während er das Positive der Zukunft sah und damit alle von den Stühlen riss, da erreichte Nicolas die Selbsterkenntnis. Er begriff, dass er die letzten Jahre einer von diesen Jungen gewesen war, die nur meckerten, die im Selbstmitleid zerflossen wegen der ach so egoistischen Politiker und doch selbst nichts Konstruktives zu sagen hatte. Es beschämte ihn.
Seit Oktober ist er nun beim lokalen En Marche dabei. Doch das eine sei, selbst überzeugt zu sein, sagt er. Etwas anderes, Fremde zu überzeugen. Frustrierte Forbacher Front-National-Anhänger seien harte Arbeit.
Wenn er durch die Straßen zog und an ihren Türen klingelte, unterteilte er sie in zwei Gruppen. Da waren die Rassisten, die denken, sie seien jeder anderen Hautfarbe überlegen, die sogar noch rechter wählen würden, gäbe es da was. Nicolas ließ sie beiseite, ging lieber zur nächsten Tür. Und da waren die Wütenden. Bei den Wütenden hatte Nicolas eine Chance, es gab da diesen Moment. Er setzte sich zu ihnen in die Küche, ließ sie wüten, mal eine Stunde, mal zwei, ab und an noch viel länger. Und dann, in der Sekunde, wenn sie alles rausgelassen hatten, wenn sie das erste Mal wieder tief einatmeten und ihr Gesicht sich entspannte, dann beugte er sich vor und sagte: Du hast recht. Ich verstehe dich.
Du brauchst Augenhöhe, um sie zu überzeugen. Wenn sie denken, du schaust auf sie herab, zeigen sie keine Zweifel.
Er holte dann das Parteiprogramm von Le Pen hervor, ging es Punkt für Punkt mit ihnen durch, die meisten kannten es ja gar nicht. Und wenn er sah, wie es sie irgendwo irritierte, dann setzte er da mit Macron an.

Es ist 19.07 Uhr am Wahlabend. Immer mehr Forbacher laufen am Rathaus vorbei Richtung Turnhalle. Dort findet gerade die öffentliche Auszählung statt. Es gibt drei Tische, an jedem sitzen vier aus der Wahlkommission. Vor ihnen je ein Berg gelber Umschläge. Sie werden sie öffnen, laut vorlesen. Und die Forbacher schauen ihnen über die Schulter. Man sieht weder Angst noch Freude. Das ganze Dorf hat ein Pokerface aufgesetzt.
19.14 Uhr. Vor der Halle stehen zwei Männer. Es wird viel geraucht heute Abend. Beide schütteln den Kopf.
Sagt der eine: Ich höre die Wahlkommission nur Marine Le Pen rufen.
Sagt der andere: Echt? Ich höre nur Emmanuel Macron. Für wen hast du gestimmt?
Für Macron. Du?
Le Pen.
Nicolas ist auf der Autobahn. Er will um acht in Metz sein, der Macron-Hochburg. Nach all der Mühe, die er in den Wahlkampf gesteckt hat, würde er es nicht aushalten heute Abend in Forbach. Fünfzig-fünfzig, sagt er, das wäre schon ein Wunder hier.
19.32 Uhr. Immer öfter ertönt jetzt der Name Macron. Die Forbacher fangen an zu tuscheln.
19.43 Uhr. Ein junger Mann läuft auf ein Mädchen zu, das gerade die Halle betritt. Er sieht irritiert aus.
Wir liegen vorn, sagt er zu ihr. Deutlich vorn.
Sie zieht ihr Handy aus der Tasche, fängt an zu scrollen. Sie sagt: Ich dachte, es gäbe erst um 20 Uhr die ersten Hochrechnungen. Woher weißt du das?
Nein, ich meine nicht in Frankreich, in Forbach, sagt er, er sieht fast bestürzt aus.
Wie ist das möglich?, fragt sie.
20.01Uhr. Jemand schreit auf. Macron hat gewonnen. Auch in Forbach. Es wird laut in der Halle. Eine Sektflasche knallt. Eine Frau lacht hysterisch. Ein paar Männer fangen an zu hüpfen. Der Macron-Wähler, der draußen rauchte, steht in der Mitte des Raumes. Er schüttelt wieder den Kopf, doch dieses Mal lächelt er dabei. Er wird noch fünf Minuten so stehenbleiben. Dann bringt er dem Le-Pen-Wähler ein Glas Sekt.

Als ich zu meiner Reise aufbreche, gewinnt Macron knapp den ersten Wahlgang.
Während meiner Reise wird er Präsident.
Ein paar Tage nach meiner Rückkehr erringt En Marche bei der Parlamentswahl die absolute Mehrheit.
Die Geschichte hat sich überholt.
Und ist das nicht vielleicht die schönste Erkenntnis, wie schnell sich ein Land, das manche schon verloren glaubten, innerhalb weniger Monate mit überwältigender Mehrheit von einem jungen Mann überzeugen lässt, der für etwas Neues steht? Für Europa, für moderne Wirtschaft, für Zusammenarbeit und Versöhnung zwischen den Ländern? Der so viele Jugendliche mitnimmt? Und so viele von ihnen in die Parlamente trägt?
Muss uns nicht Hoffnung machen, wie schnell sich eine Situation, an der gerade noch alle verzweifelten, zum Aufbruch wandeln kann?
Sollte das nicht Griechenland ermutigen? Italien? Spanien?
Und ja, vielleicht ist Macron eine Illusion, vielleicht kommt sein Absturz so schnell wie sein Aufstieg, vielleicht werden sich die Franzosen abwenden. Ja vielleicht.
Aber noch können wir das einfach nicht wissen. Wir können nur staunen.

Der 23. Juni 2016 war für den Engländer Nate Kitch wie für viele junge Leute ein Schock. Wolken verdunkeln seit dem Votum seiner Landsleute für den EU-Austritt den Blick auf den Kontinent ebenso wie die Erwartungen der Jugend an der Zukunft. Die Zeichnung für das Greenpeace Magazin sei ihm besonders wichtig, sagt Kitch.
Der 23. Juni 2016 war für den Engländer Nate Kitch wie für viele junge Leute ein Schock. Wolken verdunkeln seit dem Votum seiner Landsleute für den EU-Austritt den Blick auf den Kontinent ebenso wie die Erwartungen der Jugend an der Zukunft. Die Zeichnung für das Greenpeace Magazin sei ihm besonders wichtig, sagt Kitch.
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Großbritannien,
im Mai 2017

 

Ich erinnere mich an den Morgen nach dem Brexit-Votum. Diesen Morgen, an dem der Optimismus sich eine Auszeit nahm.
Nachts hatte ich bis ein Uhr die Nachrichten geschaut, Phoenix war sich sicher. Ich hatte erleichtert gelächelt und meine Mutter angerufen, wie wir es immer machen, wenn etwas Wichtiges passiert.
Ich sagte: Noch mal gut gegangen.
Sie sagte: Ein Glück.
Dann wachte ich morgens auf, neben mir der Laptop. Ich zog ihn heran und öffnete Facebook.
Ich bin so unfassbar traurig, stand da.
Und: We will miss you.
Und: Wir haben Großbritannien verloren.

Als Connor, zwanzig Jahre alt, die Europäische Union verlor, saß er in der britischen Botschaft in Peking. Alle Fernseher waren an, auf den Computern flimmerten die Nachrichtenseiten. Er beobachtete, wie den Beamten langsam die Gesichter entglitten, wie sie die Köpfe schüttelten, einander in den Arm nahmen, er beobachtete, wie manche ganz still und andere zu laut wurden, er beobachtete eine Frau, die sich die Tränen fortwischte.
Und während all dem fühlte er, der kleine Praktikant, eine seltsame Ruhe in sich emporsteigen. Er lehnte sich zurück. Sie taten ihm leid, das schon, für sie würde es hart werden, aber ganz bei sich fühlte er, dass das nicht für ihn gilt. Er würde Europäer bleiben.
Man könnte denken, Europa sei an diesem Nachmittag noch einmal nach Edinburgh gereist, um Abschied zu nehmen. Die Straßen sind mit bunten Fähnchen geschmückt, die Stadt prall gefüllt mit Menschen, jung und alt. Auf Englisch, Italienisch, Spanisch beglückwünschen sie sich gegenseitig zu ihren Kostümen. Fremde halten Händchen. Ein Franzose kotzt.
Es ist Rugby-Europacup.
Inmitten der Massen auf der Princes Street stehen drei junge Männer an einem kleinen gelben Stand der Scottish Socialist Party und werfen mit Flyern. Wir halten die aus London nicht noch fünf Jahre aus, rufen sie. Unterschreibt hier für die Unabhängigkeit!
Ein Spanier bleibt stehen, seufzt, lächelt. Ich verstehe euch so gut, sagt er.

Noch weiß Connor nicht, dass die Scottish National Party bei den Wahlen im Juni 21 ihrer 59 Sitze in Westminster verlieren wird und Regierungschefin Nicola Sturgeon das Referendum aussetzt, es ist Anfang Mai, als er sagt: Ich denke, der Brexit ist das Beste, was unserer Bewegung passieren konnte. Ich hab natürlich gegen ihn gestimmt, aber er hat uns endgültig legitimiert.
Die Kneipe, in der Connor sitzt, ist urig und dunkel, er hält einen Whisky, Glenfiddich, zwölf Jahre alt, in der einen Hand, mit der anderen fährt er sich durch die blonden Haare und den Bart. Er grinst.
Sein Engagement begann mit einem diffusen Gefühl. Er war Fechter, als er noch jünger war, sogar auf hohem Niveau, mal trat er für die englische Mannschaft an, mal für die schottische. Vielleicht sei es der Stolz gewesen, sagt er, den er bei Schottland so viel stärker fühlte, der ihn beim Referendum 2014 für die Unabhängigkeit stimmen ließ.
Politisch fundiert wurde seine Ansicht erst, als er sah, wie die Together-Seite danach alles brach, was sie versprochen hatte. Er trat in die Scottish National Party ein, obwohl er mehr mit den schottischen Grünen sympathisiert hatte. Die SNP schien ihm chancenreicher.
Er kramt in seiner Tasche, holt ein paar Zettel raus, Ausdrucke von Artikeln auf seinem Blog, sie sollen beweisen, dass die Meinung der Schotten nicht zählt. Da steht zum Beispiel: Atomwaffen auf der Faslane Naval Base.
Nach dem Brexit entschloss sich die Regierung, fünfzig Milliarden Euro für die Modernisierung der Atom-U-Boote auszugeben. Die Faslane Naval Base liegt neben Helensburgh, nahe Glasgow, in Schottlands am dichtesten bevölkerten Gebiet. 58 von 59 schottischen Abgeordneten stimmten gegen die Erneuerung, sie wollten, dass die Atomwaffen ganz aus Schottland abgezogen werden. Sie wurden nicht erhört.
Was seien die Atomwaffen nur für eine Geldverschwendung, sagt Connor, niemand werde Großbritannien je angreifen. Nun, da die Konjunktur auf der Kippe stehe und es Großbritannien an intellektuellem Vermögen fehle, um den Brexit zu stemmen, wären die Milliarden da nicht besser in Bildung investiert?
Atom-U-Boote! Connor schüttelt den Kopf. Sollte jemals die Zeit gekommen sein, sagt er, in der eine Atomwaffe abgefeuert wird, ist die Welt am Ende. Reiner Massenselbstmord. Und genau deshalb werden wir die Waffen niemals brauchen: Wir dürfen es ja gar nicht!
Für Connor ist dieser Beschluss die Bestätigung dafür, dass es London längst nicht mehr um die Menschen geht, die Regierung, sagt er, wolle die Rückkehr zum Empire. Aber da werde Schottland nicht mitziehen. Ein neues Unabhängigkeitsvotum werde das schon zeigen. Denn diesmal gehe es nicht mehr darum, ob man den Staat cool oder uncool finde. Sondern darum, welches Leben man führen wolle.
Ich weiß gar nicht, ob ich vor dem Brexit schon solch ein stolzer Europäer war, sagt er, zwinkert und geht.

Waren wir denn vor dem Brexit schon so stolze Europäer?
Am Morgen danach war das Internet übersät mit Europaflaggen. Selbst die Unpolitischen bekannten sich zu unserer Union, die Resignierten, auch die, die sonst nur beim Tod berühmter Musiker erwachen und das Internet mit RIP-Kommentaren fluten.
Es war mit Europa wie mit einer eingeschlafenen Beziehung: Erst als wir merkten, dass wir es verlieren, wussten wir wieder, was wir daran hatten.
Und als dann die Zahlen zeigten, dass Schottland die EU nie verlassen wollte, als die ersten Rufe nach Unabhängigkeit zu uns durchdrangen, da nahmen wir es als Liebeserklärung und riefen: Ja, bitte! Brauchten wir doch nach diesem Verlust der Selbstverständlichkeit nichts mehr als Bestätigung.
Nur ging zwischen all der Trauer, Wut und der Freude über Schottlands Votum eine Frage unter. Die Frage, ob wir angesichts unserer Geschichte, angesichts all des Leids, das der Nationalismus hervorgerufen hat, diesen nicht auch dort ächten sollten.

Edmon de Haro ist ein Grafikdesigner und Illustrator aus Spanien. Dort steht die Jugend als Opfer der Wirtschaftskrise vor existenziellen Fragen. Gehen oder bleiben? Verzagen oder für eine bessere Zukunft kämpfen? Auch ein Stift kann ein wirksames Mittel sein, um sich einzumischen – so erzählt de Haros Illustration auch viel über ihren Zeichner.
Edmon de Haro ist ein Grafikdesigner und Illustrator aus Spanien. Dort steht die Jugend als Opfer der Wirtschaftskrise vor existenziellen Fragen. Gehen oder bleiben? Verzagen oder für eine bessere Zukunft kämpfen? Auch ein Stift kann ein wirksames Mittel sein, um sich einzumischen – so erzählt de Haros Illustration auch viel über ihren Zeichner.
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Spanien,
im Juni 2017

 

Ein großer Mann im Trikot der spanischen Nationalmannschaft läuft über die Plaça de Catalunya in Barcelona, und vielleicht wäre das allein schon Affront genug. Doch er trägt das Trikot auch noch voller Stolz, führt es vor, als wollte er etwas beweisen. Sein Gang ist ruhig und selbstbewusst, der Blick entschieden nach vorn. Er ist einer, nachdem sich die Menschen umdrehen.
Ey, ruft ihm ein Junge mit dunklen Locken hinterher, sein Ton ist aggressiv. Doch der große Mann würdigt ihn keines Blickes, unbeirrt läuft er weiter.
Ey!
Der Junge holt den Großen ein, baut sich vor ihm auf. Der Große hält inne, er schließt die Augen, eine Sekunde verstreicht, erst dann senkt er seinen Blick, schaut dem Jungen tief in die Augen.
So bleiben sie stehen. Ohne ein Wort zu sagen. Starren einander an. Und die Menschen um sie herum, sie halten es kaum aus.

Julia Kristeva, die bulgarische Psychoanalytikerin und Poststrukturalistin, gab vor nicht allzu langer Zeit ein Interview, in dem sie überlegte, was sie Europa raten würde, läge es auf ihrer Therapeutencouch. Sie diagnostizierte einen Identitätsverlust, entstanden auch durch das Zurücklassen aller Nationalkulturen, durch die hastige Annahme universeller Werte. Bei aller berechtigten Skepsis, sagte sie, sei es an der Zeit, neben dem Destruktiven auch das Wertvolle und Erhaltenswerte in nationalen Kulturen zu untersuchen. Man müsse die Identität ernst nehmen, sie gar rehabilitieren. Denn nur wenn wir wüssten, woher wir kämen, könnten wir Brücken zu anderen nationalen Kulturen schaffen. Und erst dann wahre Europäer sein.

Wenn Maria, 22, Soziologiestudentin, gefragt wird, woher sie komme, dann sagt sie: aus Barcelona. Und hofft, dass das als Antwort reicht. Ich komme aus Spanien, das würde sie niemals über die Lippen bringen, die Befremdung sitzt zu tief, da würde sie lieber Katalonien sagen, damit es gleich klar ist, auch wenn sie längst weiß, was dann kommt.
Ist ihr Gegenüber auch Katalane, aber gegen die Unabhängigkeit, dann wird er sagen, sie dürfe nicht hassgetrieben denken, es sei an der Zeit, Grenzen abzubauen, nicht neue zu errichten. Sie solle rational sein, die Wirtschaft würde doch zerbrechen.
Ist ihr Gegenüber Spanier, wird er sagen, sie solle sich mal nicht für etwas Besseres halten, sie sei doch nur geizig und pseudo-intellektuell, vielleicht wird er sie ignorieren.
Ist ihr Gegenüber aus Deutschland und hat er nur ein bisschen Ahnung, wird er sie erst nach dem Grund fragen, eine Weile zuhören, aber dann erwidern, er hätte gehört, es sei nur wegen des Geldes, weil die Katalanen reicher seien als der Rest des Landes, aber nichts abgeben wollten. Er würde ihr das Wort unsolidarisch vielleicht nicht ins Gesicht sagen, aber es läge in der Luft.
Maria würde jedem von ihnen von ihrem Großvater erzählen, wie er und die anderen Katalanen unter Franco gelitten hätten, dass ihnen ihre Sprache verboten worden sei und die Tänze gleich mit. Sie würde erzählen, dass die spanische Regierung nun wieder versuche, das Katalanische an den Schulen zurückzudrängen. Sie würde erzählen, dass die Unabhängigkeit nur das letzte Mittel sei, nach dem sie griffen, weil mit Madrid ja über nichts zu sprechen sei. Dann noch akzeptieren zu müssen, dass ihnen das Geld genommen werde, das sei einfach zu viel.

Hinter einem riesigen Berg Papier und noch mehr Büchern, in einem kleinen Büro in der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona, sitzt der Politikwissenschaftler Klaus-Jürgen Nagel. Ein fröhlicher Mann mit weißen Haaren und dieser zurückgelehnten Ruhe, die sich gleich überträgt. Von hier aus hat er untersucht, warum wir Deutschen die katalanische Unabhängigkeit ablehnen, sie im Grunde nicht mal ernst nehmen. Er fand ein Missverständnis.
Die meisten Artikel, die in Deutschland verfasst werden, sagt Nagel, tun die Unabhängigkeitsbewegung mit dem Argument ab, sie sei Wohlstandschauvinismus. Die Autoren stellen die hiesige Lage mit dem deutschen Finanzausgleich gleich und wundern sich dann, dass auch die Linke so einen unsolidarischen Kurs fährt.
Katalonien ist zwar unter den drei Regionen, die am meisten zahlen, bei den Reinvestitionen des Staates liegt es hingegen irgendwo auf Platz 14 oder 15. Das Problem ist also nicht, dass die Katalanen mehr Gelder an die Zentralregierung abführen müssen als andere Regionen Spaniens, das Problem ist, dass die Katalanen am Ende schlechter dastehen als die Regionen, in die ihre Steuereinnahmen fließen. Stellen Sie sich mal vor, Bayern müsste mehr zahlen als die Saarländer, und die Saarländer hätten dann besser ausgestattete Schulen, die sich die Bayern nicht leisten können. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat so etwas verboten.
Der zweite Punkt, den die deutsche Öffentlichkeit verkennt, ist, dass der Finanzaspekt bereits seit Jahrzehnten besteht und historischer Nationalismus zwar immer ein Thema war, die Unabhängigkeit aber nicht. Noch 2003 lag der Anteil der Befürworter bei rund 15 Prozent. Erst seit 2010 sind es in Umfragen mal knapp über, mal knapp unter fünfzig Prozent. Sie sind auch nicht mehr alt, wie die Nationalisten, es sind die Jungen, die jetzt für die Unabhängigkeit Stimmung machen.
Da muss man sich doch fragen, sagt Klaus-Jürgen Nagel: Was ist dazwischen passiert?

2006 hatte das katalanische Parlament der spanischen Regierung eine neue Fassung seines Autonomiestatus vorgelegt, es sollte Katalonien zu einer Nation innerhalb Spaniens machen, die Autonomie wäre erweitert, die finanzielle Umverteilung begrenzt worden. Die spanische Regierung stutzte und verabschiedete es. Die katalanische Bevölkerung stimmte in einem Referendum zu. Selbst der König hatte schon unterschrieben.
Doch dann zog die konservative spanische Volkspartei vor das Verfassungsgericht und klagte.
Hin und wieder sickerte etwas durch, die Katalanen ahnten es schon, und doch war die Wut riesig, als im Jahr 2010 das Urteil ihr neues Statut vernichtete.
Was ist das für eine Demokratie, fragten sie, wenn die Entscheidung des Parlaments nicht zählt und auch nicht die des Volkes. Wenn ein Gericht, auf dessen Zusammensetzung wir keinen Einfluss haben, sich über alles hinwegsetzen darf?

Jedes Jahr am 11. September geht Maria mit ihrer Familie zum Unabhängigkeitsmarsch. Jedes Jahr ist sie eine von Hunderttausenden. Wenigstens das Recht, selbst zu entscheiden, fordern sie und träumen von diesem Staat, den sie selbst gestalten, nach ihren Vorstellungen, ohne erst die Geschichte der Alten abtragen zu müssen.
Nachdem Maria gegangen ist, bleibe ich noch eine Weile in dem kleinen Café sitzen und fange auch an zu träumen.
Haben Sie sich schon mal gefragt, wie Ihr idealer Staat aussähe? Wäre er sozialistisch? Hätte er eine liberale Wirtschaft? Wäre er in der EU? Wäre er es nicht?
Vielleicht ist das große Problem der Unabhängigkeit, dass doch jeder von etwas anderem träumt, die Realität aber all die vielen Tagträume kaum vereinen kann. Gäbe es Katalonien tatsächlich, wie schnell würden die Ideale zerbrechen? Würde am Ende wieder nur Enttäuschung bleiben? Und was wäre dann? Ist Hoffnung diese Unsicherheit wert?
Mein Telefon klingelt. Es ist mein Vater.
Papa, ist Hoffnung diese Unsicherheit wert?
Ich höre ihn kramen, nur mal als Denkanstoß, sagt er, und liest mir Immanuel Kant vor, der schrieb, Sezessionen seien...
...Versuche (zwar nicht in der Absicht der Menschen, aber doch in der Absicht der Natur), neue Verhältnisse der Staaten zustande zu bringen und durch Zerstörung, wenigstens Zerstückelung aller, neuer Körper zu bilden, die sich aber wieder, entweder in sich selbst oder nebeneinander, nicht erhalten können und daher neue ähnliche Revolutionen erleiden müssen; bis endlich einmal, teils durch die bestmögliche Anordnung der bürgerlichen Verfassung innerlich, teils durch eine gemeinschaftliche Verabredung und Gesetzgebung äußerlich, ein Zustand errichtet wird, der, einem bürgerlichen gemeinen Wesen ähnlich, so wie ein Automat sich selbst erhalten kann.
Am 1. Oktober 2017 wird Katalonien abstimmen. Die Regierung in Madrid hält das für verfassungswidrig und hat angekündigt, die Entscheidung nicht anzuerkennen. Ob ein unabhängiges Katalonien automatisch EU-Mitglied bleiben würde, ist ungewiss.

Die Collagen von Kacper H. Kiec zitieren Dada und Grafik des frühen 20. Jahrhunderts. In Polen schien die Demokratie gefestigt, bis 2015 die PiS-Partei des stockkonservativen Jaroslaw Kaczynski an die Macht kam, die Medien und Justiz auf Linie bringen will. Dagegen regt sich Protest. „Kaczor“ heißt auf Polnisch Enterich – jeder weiß, wer gemeint ist.
Die Collagen von Kacper H. Kiec zitieren Dada und Grafik des frühen 20. Jahrhunderts. In Polen schien die Demokratie gefestigt, bis 2015 die PiS-Partei des stockkonservativen Jaroslaw Kaczynski an die Macht kam, die Medien und Justiz auf Linie bringen will. Dagegen regt sich Protest. „Kaczor“ heißt auf Polnisch Enterich – jeder weiß, wer gemeint ist.
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Polen,
im Mai 2017

 

Ein lauer Frühsommerabend in Warschau. Vor dem Powszechny-Theater hat sich eine Menschenmenge gebildet, vielleicht 400 Personen, umringt von Polizisten. Die Demonstrierenden tragen Banner, Plakate, es gibt zwei kleine Podeste. Aus einem Lautsprecher dringt das italienische Partisanenlied Bella Ciao.
Auf der anderen Straßenseite stehen Michalina und Nicolai, er groß, sie klein, beide Mitte zwanzig, Journalisten. Sie warten darauf, dass die Demo eskaliert.
Ein deutscher Tourist, der sich durch Zufall hierhin verirrt hat, klopft Nicolai auf die Schulter, fragt, was da drüben passiere.
Also, sagt Nicolai. Im Grunde geht es darum, dass heute Abend ein Theaterstück uraufgeführt wird, in dem Papst Johannes Paul II. einen Blowjob bekommt. Die da... Er zeigt auf die Gruppe ganz links, es ist die kleinste Gruppe, viele alte Leute unter ihnen, sie sind bunt angezogen, haben Luftballons dabei. Das sind die sogenannten Aufrechterhalter der Kunstfreiheit. Vor allem Linke und Theaterleute. Gerade rufen sie, dass die Katholiken Schwule ins Konzentrationslager schicken wollen. Als Nächstes ist da die Polizei, die die Linken beschützt. Danach hast du Katholiken, wie du unschwer erkennen kannst. Er zeigt auf eine Gruppe weiter rechts, es ist die größte Gruppe. Einige Frauen in roten Mänteln halten Madonnen hoch, ein Mann ein riesiges Jesusplakat, ein Bischof beweihräuchert sie alle. Die Katholiken wollen nicht, dass ihre Steuern für Blasphemie ausgegeben werden. Sie werden gleich ihre Rosenkränze rausholen und ganz viel beten. Oh, und sieh einer an, es kommen noch mehr …
Ein Partytruck fährt vor, begleitet von Hunderten Männern, fast alle jung, viele kahlgeschoren. Ein paar Frauen sind dabei. Sie tragen grüne Fahnen, auf denen ONR steht, die Abkürzung für Nationalradikales Lager, sie bleiben neben den Katholiken stehen.
Jetzt wird es spannend, Michalina, ich glaub, wir müssen bleiben, die Rechtsextremisten sind da, sagt Nicolai. Dann wendet er sich wieder dem Touristen zu: Die wissen nicht mal, was Meinungsfreiheit ist. Die Kirche benutzt sie als ihre Schläger. Die Linken nennen sie Nazis, was auch keinen Sinn macht, weil sie die Deutschen hassen, aber gut. Die Rechtsextremen nennen die Linken auch Kommunisten, obwohl die es gar nicht sind, na ja, vielleicht ein paar.
Nach der Demonstration erscheint auf einer polnischen Nachrichtenseite ein Artikel von Michalina. Während des Theaterstückes hätten Rechtsextreme Zuschauer im Saal mit Säure angegriffen, steht darin.

Am nächsten Tag in Ursynow, einer Plattenbausiedlung im Süden Warschaus. Magdalena Budziszewska sitzt vor ihrem Computer und scrollt durch Facebook, bei den Fotos von Białowieża, dem letzten Urwald Europas, bleibt sie stehen. Dieses Jahr haben sie mit der Rodung angefangen, sagt sie und schüttelt so heftig den Kopf, dass die kurzen blonden Haare fliegen. Magdalena ist Ende dreißig und Assistenzprofessorin für Psychologie an der Warschauer Universität. Typisch, sagt sie und zeigt auf die Fotos einiger Aktivisten, die sich an die Bäume gekettet haben. Es sind nur wenige, keiner von ihnen unter dreißig. Da müssten die jungen Leute hin, sagt Magdalena, aber es interessiere sie ja nicht, Umwelt, das sei einfach zu links für die Jungen, die doch alle konservativ und katholisch seien. Sie runzelt die Stirn.

Am Morgen lief ich durch Warschaus Straßen, und hätte mich meine Gastgeberin nicht vorbereitet, ich hätte nichts bemerkt. Doch weil wir am Abend zusammen vor dem Laptop saßen, sie mir zeigte, wie ich den Nationalismus erkenne, kam es mir vor, als liefe ich durch eine Stadt voller patriotischer Gespenster. Da der Typ mit dem roten T-Shirt, darauf der Schriftzug red is bad, eine Schmähung der Linken, dort das Mädchen mit den sechs Polska-Aufnähern auf ihrem Rucksack.
Ich stand eine Weile vor einem Waffenladen, sah zu, wie Väter mit ihren Söhnen hineingingen, mit Tüten wieder herauskamen, vielleicht war ich schon längst viel zu fixiert, aber ich kam nicht umhin, mich zu fragen: Liebes Polen, was ist nur mit dir geschehen?
Und was mit deiner Jugend?

Nach der letzten Parlamentswahl, bei der 66 Prozent der Schüler und Studenten für die nationalkonservative PiS gestimmt hatten, hat Magdalena die Jugend untersucht. Sie sagt, es zeige sich eine klassische Geschlechterverteilung, es sei schon fast klischeehaft: Jungs wählen vor allem rechts, weil sie auf die populistischen Parolen anspringen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist zwar nicht besonders hoch, aber es gibt vor allem Jahresverträge, sie müssen lange arbeiten, werden schlecht bezahlt. Ihr Selbstbewusstsein, sagt sie, ziehen die Jungs vor allem aus dem Patriotismus. Die Polen als die großen Opfer des letzten Jahrhunderts, die Helden der Geschichte, endlich erstarkt und nun wieder bedroht von Europa, von den sogenannten Flüchtlingen. Deshalb bieten die Linken auch keine Alternative für sie, zu sehr sind sie geprägt von der Vorstellung, alle Linken seien Kommunisten.
Mädchen hingegen sind nicht so anfällig dafür. Fragt man junge Frauen nach einzelnen Punkten der Politik, vertreten sie oft sehr linke Standpunkte. Trotzdem wählen sie rechts, wegen der katholischen Kirche. Religion spielt eine sehr große Rolle bei dieser Generation, weil sie für viele das einzig Intakte ist. Moderne Familienkonzepte sind noch immer etwas Fremdartiges, viele junge Leute wurden von ihren Eltern geschlagen, Alkoholismus von Vätern spielt eine große Rolle. Auch Schule war meist kein Ort, der Orientierung gegeben hat. Lehrer sind in Polen schlecht angesehen, sie werden unterirdisch bezahlt und sind deshalb oft frustriert. Religion ist etwas, bei dem sich die Jugendlichen stolz fühlen können. Man kann ihr nicht mehr entkommen, sagt Magdalena, es gibt wieder länger Religionsunterricht an der Schule als früher, Ethikunterricht hingegen ist meist nicht wählbar.

Die Macht der polnischen Kirche endet in Brandenburg. Im Wartezimmer des Kreiskrankenhauses Prenzlau sitzt ein junger Pole. Nervös wippt er mit seinem Stuhl, schaut immer wieder auf die Uhr. Schon seit anderthalb Stunden wartet er auf sein Mädchen. Hatte der Arzt nicht gesagt, es dauert nur wenige Minuten?
Schritte nähern sich, sein Blick richtet sich zur Tür. Es ist nur die Krankenschwester.
Es dauert noch eine halbe Stunde, dann wird der Arzt im grünen Kittel in der Tür stehen, ihm zunicken und dadurch erlösen. Die beiden Männer werden ein paar Worte auf Polnisch wechseln, sich die Hand geben, dann darf der junge Pole sein Mädchen endlich wiedersehen, und der Arzt im grünen Kittel lässt sich auf den Stuhl in seinem Büro fallen.
Erst mal durchatmen.
Es war die fünfzehnte Abtreibung, die Janusz Rudzinski heute durchgeführt hat. Allesamt bei Frauen, die aus Polen über die Grenze kamen, weil Schwangerschaftsabbrüche dort verboten sind.
Er mache das nicht gern, sagt Rudzinski, aber die Frauen seien oft so entschlossen; wenn er es nicht mache, was passiere dann?
Es gab da diese eine Frau, die kann er nicht vergessen. Sie rief ihn vor ein paar Monaten an, und er hörte gleich an ihrer Stimme, dass es ernst war. Sie sagte, sie habe kein Geld gehabt, um zu ihm zu kommen, es habe einfach nicht gereicht, da habe sie sich einen Draht eingeführt. Jetzt habe sie Bauchkrämpfe und Fieber. Es seien schon über vierzig Grad.
Sie fragte ihn, was sie denn nun tun solle, und als er sagte, sie müsse schleunigst in ein Krankenhaus, sie habe eine Sepsis und werde sterben, da weinte sie. Das gehe doch nicht, sagte sie, dann fänden es alle heraus. Dann legte sie auf.
Hilfsorganisationen schätzen, dass in Polen jährlich 100.000 Frauen illegal abtreiben, sie nehmen Tabletten, führen sich irgendetwas ein, schlagen sich auf den Bauch. In Deutschland treiben jährlich etwas weniger Frauen legal ab, doch Deutschland hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie Polen.
Wenn nur nicht die Regierung wäre, sagt Rudzinski, dann könnte man ja anhand dieser Zahlen sachlich argumentieren, dass es nichts bringt, die Frauen zu kriminalisieren. Aber die PiS hört ja keine Argumente. Sie hört nur die Kirche.
Die Frauen fragen ihn oft, ob es sein könnte, dass auf dem Parkplatz Fotos von ihrem Auto gemacht wurden, die an die Regierung gelangen, oder ob ihr Priester von der Abtreibung erfahren könnte. Rudzinski fragt zurück, ob sie keine Angst vor Gott haben, und sie antworten: Gott ist weit weg, aber Regierung und Priester sind nah.

Es war Anfang des Jahres, da saß ich in meiner Stammkneipe neben einem alten Polen. Auf einem Fernseher sollte Fußball gezeigt werden, aber noch liefen die Nachrichten. Polens Ministerpräsidentin Beata Szydło wurde gezeigt.
Der alte Pole war schon betrunken, vielleicht auch etwas bekifft, er schlug sein Glas auf den Tresen und polterte, es sei ihm immer ein Rätsel gewesen, wie die Nazis es geschafft hätten, 1933 so schnell das ganze System auszusetzen. Doch wenn er sich so anschaue, wie schnell die polnische Regierung ihre Machtbefugnisse erweitere und das Verfassungsgericht einfach so entmachtet habe, wie sie jetzt schon die Medien kontrollierten, da wundere es ihn schon weniger.
Kurz darauf schlief er ein.

Danzig. Wie ein überdimensionales Segel ragt das Museum des Zweiten Weltkrieges in die Luft. Drei Schulklassen stehen davor und warten auf ihre Eintrittskarten. Der Wind zerzaust ihnen die Haare.
Als die Lehrerin fragt, wie die Lage sei, sagt die Frau an der Kasse, es sehe alles aus wie am ersten Tag. Dann zieht sie die Augenbrauen hoch und verzieht ihr Gesicht, als wollte sie sagen: Wer weiß, wie lange noch?
Das Museum ist erst seit März eröffnet und längst zum Symbol der Geschichtsumschreibung der Regierung geworden. Historiker aus aller Welt hatten es für seine Darstellung des Zweiten Weltkrieges gelobt, die die polnische Geschichte in einen internationalen Kontext stellt und in all ihren Schattierungen zeigt, inklusive durch Polen verübter Pogrome und der Vertreibung der Deutschen, eine Darstellung, die so bisher nicht in polnischen Museen stattfand. Die Regierung hat es verflucht. Der internationale Ansatz marginalisiere die polnische Geschichte, hieß es.
Die Ausstellung endet mit einer Videoinstallation, zu sehen sind Trump, der Krieg in Syrien, die Army in Afghanistan… Die Stimme des Audioguides fragt: Haben wir denn nichts gelernt?
Schon vor der Eröffnung forderte die Regierung mehr Militärgeschichte, denn dadurch, dass das Leiden der Zivilbevölkerung im Mittelpunkt stehe, dadurch, dass das Museum einen pazifistischen Ansatz verfolge, werde die heldenhafte Rolle des polnischen Militärs vernachlässigt. Krieg sei doch nicht per se etwas Schlechtes, hieß es, Krieg könne doch auch den Charakter formen. Als Paweł Machcewicz, der Gründungsdirektor, sich nicht fügen wollte, wurde er von der Regierung entlassen und durch einen Nationalkonservativen ersetzt.
Seitdem strömen Tausende hierher, in der Hoffnung, noch rechtzeitig zu kommen.
Am Ausgang versucht eine andere Lehrerin, ihre Schüler zu bündeln. Sie ist mit ihrer Klasse spontan aus Lublin angereist. Mit einem Augenzwinkern sagt sie, ihre Schüler seien so jung, dass sie den Zweiten Weltkrieg noch nicht im Unterricht hatten, und man wisse ja nie, an was für Lehrer sie später geraten würden, sie wolle ein bisschen prägende Vorarbeit leisten.
Ich tue das für die Zukunft, sagt sie und lacht.

Sorina Vazelina illustriert, was junge Menschen in Rumänien zurzeit umtreibt. Groß ist die Sehnsucht nach stabilen Verhältnissen und einem Ende von Amtsmissbrauch und Korruption, die vor allem Liviu Dragnea und seiner Sozialdemokratischen Partei PSD angelastet werden. Zu Jahresbeginn gingen eine halbe Million Menschen auf die Straße.
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Rumänien,
im Juni 2017

 

Acht Uhr morgens in der Innenstadt von Bukarest. Während die Kellner den Exzess des Abends wegkehren und die Ersten schlaftrunken zur Arbeit schlendern, mit Aktentasche und einem Kaffee to go, liegen sich die Pioniere der Nacht noch in den Armen. Mit großen Pupillen schauen sie einander an. Ein flüchtiger Kuss. Die Sonne kündigt sich an. Doch noch ist das Licht ganz sanft, die Wärme angenehm. Es ist die Unschuld der frühen Stunden.
Hätte nur nicht jemand dieses Buch in den Mülleimer geworfen. Ganz oben liegt es da neben den Plastikbechern, gebettet auf verwelkten Rosen, als ginge es hier um enttäuschte Liebe. Der Titel: It’s about us. 20 answers to the question: What do you want to be when you grow up?

In den Tagen in Polen erinnerte ich mich an ein Telefonat. Es war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, als für einen Moment die Grenzen offen waren. Ich wollte gern ein Bier trinken und rief diesen Freund an. Er aber war mit seinem Freund in Budapest, sie wollten Geflüchteten helfen, sie mit dem Auto nach Wien bringen. Ein Ungar hatte ihm ins Gesicht gespuckt, mein Freund wusste nicht genau, ob wegen seiner Homosexualität oder seiner Hilfsaktion, aber ich erinnere mich, wie er empört ins Telefon schnaubte: Kann mir mal jemand erklären, warum diese ganzen Osteuropa-Staaten überhaupt in die EU gehören? Jetzt mal im Ernst, was haben wir denn mit denen gemeinsam?

Es ist noch nicht lange her, da hat Bukarest gebebt, vor Wut und auch vor Hoffnung. 600.000 waren sie in diesem Frühling auf den Straßen. Die meisten jung. Über Wochen hissten sie die Europafahnen und schrien gegen Dekret Nr.13/2017an, das Korruption bis zur Schadenshöhe von 44.000 Euro legalisieren sollte. Denn selbst wenn es hieß, man müsse wegen der überfüllten Gefängnisse handeln, so wusste doch jeder, dass es am Ende nur um Liviu Dragnea ging, den korrupten Parteichef der Sozialdemokraten, dem baldige Haft drohte. Sie schrien so laut, dass es nur sechs Tage dauerte, da zog die Regierung den Erlass zurück. Doch die Demonstrationen setzten sich fort. Es ging längst um mehr.

Monate später erinnern auf dem Victoria-Platz nur eine meterlange rumänische Flagge und ein Hochsitz an die, die hier kämpften. Ein junger Mann in braunem Shirt und kurzer Hose klettert die Leiter hinauf und baut sich oben auf dem Hochsitz auf. Dann hebt er den Finger Richtung Regierungspalast. Die Anklage beginnt.
Zehn Minuten steht er dort oben, er schimpft, dass die Spucke fliegt, er stampft und brüllt. Denn auch wenn die Massen fort sind, sein Hass ist noch da.
Ein Mann und seine kleine Tochter bleiben stehen. Er übersetzt für mich: Der Premierminister sei des Volkes Feind, ein Gieriger, ein Korrupter. Nie mehr gewesen als Dragneas Marionette. Bald werde er was erleben, die Demokratie werde rufen, und dann würden sie alle wieder hier sein und ihn stürzen. Hier auf diesem Platz.
Der junge Mann auf dem Hochsitz hält die Nato-Flagge empor, auch die der EU. Ganz starr blickt er zum Palast, als hoffte er, dem Premier direkt in die Augen sehen zu können. Dann zieht er sich zurück.
Doch nach zwei Minuten ist er plötzlich wieder da, richtet sich noch einmal auf und sagt den Satz, den er vorher vergessen hatte: Du hättest mit uns rechnen müssen.

Es war die Erinnerung an den Kommunismus, der die Alten auf die Straße trieb. Die Willkür dieser Regierung, die autokratischen Richtungen, die die Nachbarländer einschlugen, all das rief die Angst hervor, ihre Freunde könnten umsonst gestorben sein, damals 1989, als sie den Diktator Nicolae Ceaușescu stürzten.
Und die Jungen? Sie haben den Kommunismus nicht oder nur als Kinder erlebt. Im postkommunistischen Rumänien blieben Demonstrationen unüblich, Korruption hingegen seit Jahrzehnten Alltag. Noch 2012 dachten acht Prozent der 18- bis 29-Jährigen, Protestieren bringe nichts. Und jetzt plötzlich stehen sie ein für die Werte der Europäischen Union, ohne dass es sich dem Westen angekündigt hätte.
Was haben wir nur übersehen, während wir ganz Osteuropa verdammten?

Es gibt dieses Lied der jungen rumänischen Metalband Goodbye to Gravity. Sie haben es nur ein einziges Mal öffentlich gespielt, in einem Club in der Strada Tăbăcarilor 7, im Süden von Bukarest. Es war der 30. Oktober 2015, kurz nach 22 Uhr, der Laden bebte. Achten Sie auf den Text!
Let go and beg for freedom
Another row jumping into the flame
Loose lips are shifting leaders
From here on out everyone is to blame (...)
We’re not numbers we’re free, we’re so alive
Cause the day we give in is the day we die

Ein paar Bauarbeiter stehen heute vor dem Eingang in der Strada Tăbăcarilor 7. Sie passen auf, dass niemand durch das Tor kommt. Doch auch von Weitem sieht man im Hinterhof das weiße Schild an der Wand, darauf in schwarzen Buchstaben der Name des Clubs, ein Name, der zum Inbegriff der Wut wurde: Colectiv. Damals, als die Korruption ihnen das Leben nahm.
Eine alte und eine junge Frau nähern sich. Sie halten neben dem Tor an der Gedenkstätte inne, die für die errichtet wurde, die dem Feuer am 30.Oktober 2015 nicht entkamen. 64 Fotos. 64 Namen. 64 Gesichter.
Die Junge zeigt auf das Bild eines Jugendlichen, sagt etwas zu der Alten, das ich nicht verstehe, die Alte nickt, legt den Arm um die Schulter der Jungen.
Es war die Pyrotechnik neben der Bühne, die das Feuer entzündete, auch vier Mitglieder von Goodbye to Gravity starben in den Flammen. Ihr Lied war ein Menetekel.
Schnell fanden Journalisten heraus, dass zwei Brandschutzbeauftragte die Sicherheitsmängel des Clubs vorher kannten, aber nicht in den Akten erwähnten. Sie waren korrupt. Die Jugend beschuldigte die Regierung, sie habe sich durch die Duldung von Korruption zur Mittäterin gemacht. Die trat zurück, und die Jugend lernte etwas Entscheidendes: Protest hat Erfolg. Damit wuchs die Masse. Und auf der Straße sangen sie: Fuck all your
wicked corruption!

Der Guru der Protestbewegungen, Srđa Popović, der vor Jahren den serbischen Präsidenten stürzte und heute mit seiner Nichtregierungsorganisation Aktivisten auf der ganzen Welt berät, sagte einmal bei einer Konferenz: Es stimmt nicht, dass es eine erfolgreiche und spontane gewaltlose Revolution gibt. Das gibt es auf dieser Welt nicht. Wann immer Sie junge Menschen in erster Reihe sehen bei dem Versuch, sich mit Polizei oder Militär zu verbrüdern, hat jemand vorher darüber nachgedacht.
Es gibt also eine politische Jugend, die von Protest zu Protest wächst, die nur einen Anlass braucht, wie den Brand, das Dekret, um aufzustehen und ihre Ideale zu verteidigen. Aber wo wurde vorher darüber nachgedacht?

Es ist der Morgen, nachdem Trump das Pariser Klimaabkommen aufgekündigt hat, und während die Welt den Schock verdaut, strahlt die Natur der Siebenbürger Westkarpaten im Westen des Landes mit all ihrer Kraft, als müsste sie beweisen, dass sie es wert ist, gerettet zu werden. Und wenn man gerade denkt, hier käme keine Zivilisation mehr, nur noch Berge und unendliches Grün, dann ist man schon fast in Roșia Montană, einem Dorf wie aus einer anderen Zeit.
Es könnte die perfekte Idylle sein, wäre nicht das Gold im Boden.

Ein junger Mann mit blonden Haaren und einer roten Kappe fährt auf einem Rennrad ins Zentrum von Roșia Montană. Freundlich grüßt er jeden, der ihm entgegenkommt. Die einen grüßen zurück. Die anderen drehen sich weg.
Er stellt sein Fahrrad vor den Einkaufsladen, wischt sich die Hände an der Hose ab, und dann steht er vor mir: Tica, 24, mit den weichen Augen und diesem frechen Grinsen, das einen sofort kriegt. Ticas Geschichte ist auch die der rumänischen Politisierung.
Roșia Montană ist sein Lebensprojekt. Und es ist nicht untertrieben zu sagen, dass es durch Zufall dazu wurde, damals, 2012, als er in Kopenhagen Visual Arts studierte und ihm die Idee kam, in den Semesterferien mit dem Fahrrad zurück nach Rumänien zu fahren. Ihm fehlte nur ein Grund. Ein Grund, um ihn den Leuten zu erzählen, wenn sie ihn fragen, warum er das mache. Vielleicht auch, um ihn sich selbst zu erzählen, sollte er irgendwann vergessen, warum er sich quält.
Da sah er im Internet ein Video über Roșia Montană und erinnerte sich an die Zeit, als er das erste Mal diesen Ort sah. Er war vierzehn, trampte mit einem Freund durch Rumänien, und an einer Bushaltestelle klebte das Poster des Fan Festivals, eines Musik- und Filmfestivals, das eine kleine Gruppe von Umweltaktivisten jedes Jahr in und für Roșia Montană organisierte. Tica ging hin und erlebte Tage der ausgelassenen Jugend. Er lernte Altersgenossen aus dem ganzen Land kennen, tanzte zu den besten Bands, trank sein erstes Bier und schaute Dokumentarfilme. Es war auch das erste Mal, dass er von der Mine hörte.
Seit Ende der Neunziger will das Unternehmen Roșia Montană Gold Corporation (RMGC), ein Zusammenschluss des kanadischen Konzerns Gabriel Resources und der staatlichen Bergbaufirma Minvest, hier eine Goldmine errichten, die größte Europas, um über sechzehn Jahre 300 Tonnen Gold und 1500 Tonnen Silber aus dem Boden zu holen. Tausende Arbeitsplätze würden entstehen, mehr als eine Milliarde Steuergelder in die Staatskasse fließen.
Doch Roșia Montană müsste weichen, 2000 Menschen umsiedeln. Vier Berge würden gesprengt und ein Tal von der Größe von 500 Fußballfeldern zum Auffangbecken der giftigen Zyanidlauge werden, die bei der Goldgewinnung als Abwasser anfiele.
Tica entschied: Roșia Montană sollte der Grund seiner Fahrradtour sein. Dreißig Tage treten und schwitzen. Dreißig Tage Asphalt. Dreißig Tage, an denen er jeden Tag den Menschen, die er traf, von Roșia Montană erzählte und langsam merkte, wie es auch ihm immer wichtiger wurde. Als er am ersten Tag des Fan Festivals 2012 sein Ziel erreichte, warteten sie schon auf dem kleinen Platz des Dorfes auf ihn. Sie hatten Ballons dabei und T-Shirts mit seinem Namen. Ihm fehlten die Worte.
Obwohl RMGC eine Tagebaulizenz erhielt, bereits Grundstücke kaufte und Leute einstellte, verweigerten rumänische Behörden immer wieder die Betriebsgenehmigungen. Zu frisch war die Erinnerung an die Umweltkatastrophe in Baia Mare im Jahr 2000, als nach einem Dammbruch in der dortigen Goldmine 100.000 Tonnen Zyanidabwasser den Boden verseuchten. Bis im August 2013 Ministerpräsident Victor Ponta sein Wahlversprechen brach und einen Gesetzesentwurf annahm, der RMGC endgültig grünes Licht gab.
In Roșia Montană kündigte sich Anfang September 2013 die Unesco-Kulturerbe-Kommission an, um das Zerstörungswerk vielleicht noch zu verhindern. Und Tica entschloss sich, hinzufahren und den Tag zu filmen.
Das ganze Dorf war voller Reisebusse, die Massen von Menschen herankarrten. Sie hatten Plakate dabei und skandierten: Wir wollen die Minen! Als Tica filmte, wie ein Herangekarrter zum anderen sagte, die Firma habe Sandwiches und etwas zu trinken versprochen, wenn sie heute hier so täten als ob, jagten sie ihn durch die Stadt.
Am Abend schnitt er ein zweiminütiges Video zusammen und stellte es online.
Am nächsten Morgen, Tica saß gerade im Auto, da hörte er im Radio die Stimmen aus seinem Video. Es war über Nacht durchs Internet gezogen, alle Fernsehsender, die vorher auf der Seite von RMGC gestanden hatten, zeigten es tagelang rauf und runter. Auf Youtube hatte es bald acht Millionen Klicks. Am nächsten Tag gingen die Jungen in Bukarest auf die Straße. 25.000 waren es.
Es war die erste Massendemonstration der Jugend seit dem Ende des Kommunismus. Und Roșia Montană das größte Politikum in einem zuvor politisch resignierten Land.
Wir sind zusammen ganz oben auf den Berg über Roșia Montană geklettert. Hätten die Proteste das Parlament nicht zur Kehrtwende gezwungen, stünden wir am Rande eines Riesenkraters.
Weißt du, Tica, sage ich, es ist seltsam. In all diesen Ländern, in denen ich war, ist die Umwelt kein Thema, das die Jugend mobilisiert. Es hieß, sie hätten andere, akutere Probleme. Aber hier, im ärmsten Land, das ich besuche, sehe ich zum ersten Mal, wie die Jugend sich für die Umwelt einsetzt. Ich verstehe das nicht.
Tica sagt: Damals, als ich da in der Menge in Bukarest stand, dachte ich, es funktioniert, weil Roșia Montană so viele unterschiedliche Motivationen anspricht. Umweltbewusstsein, klar, wegen des Zyanidverfahrens und der Sprengung der Berge. Geschichte, weil es eines der ältesten Dörfer Rumäniens ist. Bürgerrechte, weil auch die, die ihre Häuser nicht verkaufen wollten, dazu gezwungen worden wären. Wirtschaft, wegen der Korruption, derer sich die Firma bediente, um die Bürger auf ihre Seite zu bekommen. Nicht jeder Mensch hat in jedem dieser Bereiche dasselbe Gerechtigkeitsbewusstsein, deshalb war ich damals überzeugt, dass es an der Vielzahl liegt, dass wir plötzlich aufstehen. Aber das war es nicht. An was es tatsächlich lag, habe ich erst später verstanden, als ich längst in Roșia Montană lebte.

Ein paar Tage nachdem die Proteste das Minenprojekt 2013 gekippt hatten, stand Tica, mit Rucksack und neuer Kamera, vor dem Einkaufsladen im Zentrum von Roșia Montană und erklärte, er wohne jetzt hier. Der Besitzer zuckte nur mit den Schultern.

Achtzig Prozent der Leute aus Roșia Montană haben ihre Häuser längst an die Firma verkauft und sind weg. Von den zwanzig Prozent, die noch da sind, haben wiederum achtzig Prozent nur mit dem Verkauf gezögert, weil sie dachten, später ließe sich mehr Geld rausschlagen. Tica zog also in ein Dorf, in dem nicht mehr als dreißig Personen leben, weil sie hier leben wollen. Das wäre schon so nicht leicht gewesen, aber in Tica sahen sie auch noch den Grund ihres Unglücks. Wegen des Videos.
Ein Jahr lang wurde er jeden Tag bedroht, beleidigt, manchmal gejagt. Irgendwann musste ihn ein Polizist begleiten.
Manchmal lag er nächtelang wach, weil er dachte, jetzt
kommen sie. Neben das Bett hatte er einen Knüppel gelegt und schon mal geprobt, wie schnell er durch das Fenster entkommt. Aber auch wenn er sich manchmal fragte, was er verdammt noch mal in diesem Geisterdorf tue, so blieb er doch da, weil er sich vorgenommen hatte, den Leuten eben nicht nur zu sagen, dass sie Alternativen zur Mine hätten, sondern mit ihnen diese Alternativen zu leben.
Nur wie?
Er gründete einen Onlineshop: Roșia-Montană-Alpaka-Socken, durch deren Herstellung die Frauen im Dorf etwas verdienen konnten. Aber für die meisten blieb er der, der ihnen das Geld nahm.
Da freute er sich, als auf einmal zwei 24-Jährige zu ihm kamen und mit ihm etwas für Roșia Montană tun wollten. Er zeigte ihnen die Visit-Roșia-Montană-Seite, die er gerade plante, um den Tourismus etwas anzukurbeln. Die beiden waren begeistert, doch als sie sich trafen, um daran weiterzuarbeiten, wollten sie lieber reden und trinken und rauchen.
Tica sagt: Ich konnte es ihnen noch nicht einmal übelnehmen, weil ich an dem Punkt endlich etwas begriffen habe: Es war einfach nicht ihr Traum. Und ich kann meinen Traum niemandem aufdrängen. Deshalb lag es auch nicht an den unterschiedlichen Aspekten von Roșia Montană, dass auf einmal alle auf der Straße waren, die haben es vielleicht gefördert, aber der Grund war das Festival.
Das Festival hat zwei ganz wichtige Dinge bewirkt. Erstens hat es die Leute hergeholt, das Festival gibt es ja seit 2004, und jedes Jahr waren es wieder Tausende, die am Ende eine persönliche Verbindung zu diesem Ort hatten, Erinnerungen an Spaß und Freiheit. Wer engagiert sich schon für den Erhalt eines Ortes, den er gar nicht kennt, den selbst die Bewohner nicht mehr wollen?
Zweitens hat uns auf dem Festival niemand vorgegeben, was wir für Roșia Montană machen sollen. In den Workshops, in den Filmen ging es immer darum, Aufgaben zu stellen, an denen wir uns ausprobieren konnten. Sie haben uns dieses Thema wie Samen in den Kopf gesät, aber uns trotzdem die Freiheit gelassen, die Form des Engagements zu unserem Traum zu machen. Roșia Montană ist eine Utopie. Eine Aufgabe. Ein Grund, unsere Träume zu verwirklichen. Ich wollte damals nur eine Fahrradtour machen, und als ich mein Ziel erreicht hatte und sie mir zujubelten, war ich plötzlich Umweltaktivist.
Und was mein Leben hier angeht, bin ich zwar Idealist, aber auch Realist. Die Alten werden irgendwann sterben, und ich kann nicht beeinflussen, ob Menschen hierherziehen werden. Wenn ich also nicht dasselbe mache wie die Festivalleute und in die Jungen investiere, dann gehen die weg, und ich will hier nicht mit fünfzig allein sitzen. Und ganz ehrlich, was hätte ich davon, wenn jetzt alle meinen Ideen folgen würden? Ich bin doch kein Anführer. Ich brauche Menschen mit eigenen Ideen.
Guck dir das da an!, ruft er plötzlich.
Wir sind wieder im Zentrum von Roșia Montană angekommen. Tica zeigt auf eines der alten Häuser zwischen all den leeren Häusern von RMGC. Ein historisches Gebäude, zwei Stockwerke, große Holztüren, eine Veranda zur Sonne hin. Es ist jetzt sein Haus, und es soll das der Jugend werden.
Jetzt, sagt Tica, bin ich genau da, wo ich hinwollte: in der Mitte. Und in zehn, fünfzehn Jahren, da werden wir dann sehen, ob es sich gelohnt hat. Ob ich dann mit einer Generation hier sitze, die anders denkt als die Alten.
Und dann steht er da, Tica, 24, mit den weichen Augen und diesem frechen Grinsen, das einen sofort kriegt.

 

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Unsere Reporterin ist aus der Zukunft zurückgekehrt. Die größte Zuversicht hat sie gefunden, wo sie es am wenigsten erwartet hatte

Es ist kurz vor Mitternacht an einem Mittwoch im Juni, 29 Tage Europa liegen hinter mir, 19 Hotels, Tausende Kilometer mit dem Auto, mehr als ein Dutzend verschiedene Fahrten.
Ich schaffe es gerade noch, die Treppe hinaufzugehen, trinke einen Schluck Rotwein, dann falle ich in mein Bett und schlafe ein.
Doch mitten in der Nacht weckt mich eine Erinnerung auf. Es war nur ein flüchtiger Moment, ich hatte ihn längst vergessen, und nun spukt er in meinen Träumen herum.
Es war an einem der ersten Tage in Italien, ich lief mit meinem Rucksack zum Bus, musste mich beeilen, um den Flug nach Athen nicht zu verpassen. Und plötzlich stand er vor mir, ein junger Typ, 21 Jahre alt, braune Haare, dunkle Augen, er war ganz rot im Gesicht, strahlte so verlegen. Giuseppe.
Er fragte, ob er mich ein Stück begleiten dürfe, und als er darauf bestand, gingen wir gemeinsam Richtung Haltestelle. Er erzählte, dass er bei seinem Onkel als Imker arbeite, dass er das nicht für immer machen wolle, dass er sich vorgenommen habe, sich endlich mehr zu trauen.
An der Bushaltestelle angekommen, bat er mich, ihm meine Hand zu zeigen. Sie war voller Tinte.
Du schreibst?
Ja.
Ich schreibe auch.
Er kramte in seiner Jackentasche, holte eine Handvoll gestempelter Bustickets hervor. Alle voller Wörter. Eines streifte er glatt und hielt es mir hin. Ich las:
Ich halte es nicht aus. Ich will nicht leiden. Als ich nichts fühlte, habe ich die Gefühle vermisst. Jetzt sind sie zurück. Aber es ist nur Angst.
Wovor hast du Angst?, fragte ich.
Er schaute auf seine Schuhe. Ich glaube, er hatte nicht geahnt, dass ich Italienisch verstehe.
Vor allem, was kommt, sagt er. Vor allem, was ich gerne machen würde. Wird denn je alles gut sein?
Es traf mich. Ich hatte keine Antwort. Der Bus kam, ich umarmte ihn, dann stieg ich ein und sah ihn noch eine Weile dort stehen.
Und nun, in der Nacht meiner Rückkehr, war er plötzlich wieder vor meinen Augen, Giuseppe, auf einmal wusste ich, was ich hätte sagen sollen: Es wird vielleicht nie alles gut sein. Aber es wird immer einen anderen Ort geben, der wieder Zuversicht schafft.
Das hat Europa gezeigt.
Ich sollte sie mir packen, denke ich in dieser Nacht, die Traurigen, die ich auf meiner Reise traf, die Resignierten, die Verzweifelten.

Ich sollte Costis und Michelangelo nach Frankreich bringen, ihnen zeigen, wie schnell sich alles ändern, wie schnell Jugend die Macht erlangen kann, auch wenn es niemand kommen sieht.
Ich sollte Magdalena mit nach Roșia Montană nehmen, ihr sagen, was es braucht, damit ein Land plötzlich für die Umwelt kämpft.
Ich sollte Connor nach Katalonien schicken, denn nur weil das schottische Referendum nun nicht kommt, heißt es nicht, dass die Möglichkeit zu entscheiden nie kommen wird.
Und Alberto nach Bukarest, damit er sehen kann, dass die andere Realität, die Realität der Jugend, für die Politik anderswo längst ein Vorbild ist.
Ja, das sollte ich machen, denke ich. Unbedingt.
Dann schlafe ich wieder ein.