Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Expedition zum Planeten Erde

Mit inzwischen mehr als 240 Globen versucht der deutsche Künstler Ingo Günther, unseren Blick auf die Welt zu schärfen.

Der Mann ist nicht zu fassen: Republik-Gründer und Weltbürger, Künstler und Journalist, Handwerker und Internet-Virtuose, ein auf drei Kontinenten aktiver 41 Jahre junger Altmeister der elektronischen Kunst, ein weithin unbekannter Star. Ein Paradox eben – mit Namen Ingo Günther.

Daß ein solcher Grenzüberschreiter gleich den „gesamten Globus als Arbeits- und Ideenfeld“ beackert, wie staunende Kritiker raunen, ist kaum mehr als konsequent. Mittlerweile 240 Globen helfen dem meist in New York lebenden deutschen Künstler und Kultur-Kommentator des japanischen Fernsehens dabei, sich sein Bild von der Welt zu machen. „Es ist ein Versuch, die globale Realität ständig neu zu überprüfen und zu verstehen“, sagt Günther, der seine seit zehn Jahren laufende Serie ‘World Processor’ jeden Monat um einen oder zwei neue Globen erweitert.

Als er 1988 die Serie startete, hatte der Dortmunder – an der Düsseldorfer Kunstakademie Assistent des Videokünstlers Nam June Paik – jahrelange Arbeit mit Satellitenfotos hinter sich. Bei der Auswertung der Satellitendaten muß ihm aufgefallen sein, wie wenig ein herkömmlicher Globus mit seinen politischen Grenzen die Komplexität des Planeten abbildet. Als Künstler, der sich an der Welt reibt, fragte er sich ständig: Welche Probleme hat die Erde, wie groß sind sie und wie wichtig? Und: Wie stelle ich sie dar?

Er sann auf Abhilfe, indem er für jede Antwort einen neuen Globus schuf. „Meine Globen“, findet Günther, „sind wie Lügen, die die Wahrheit sagen.“ Sie vereinfachen und verdichten, relativieren und spezifizieren, skizzieren und verfeinern Statistiken, Wirtschaftsdaten und politische Analysen zu neuen Bildern der Erde, die das Offensichtliche manchmal erst richtig erkennbar machen. Wie in seiner Arbeit „Company versus Country“: Der Vergleich von Konzernumsätzen mit dem Bruttosozialprodukt von Staaten zeigt auf verblüffende Weise die wahren Machtverhältnisse auf dem Planeten auf.

„Als ich anfing, habe ich alles möglichst plastisch gemacht“, erzählt Ingo Günther. Bei seinem ersten Globus – zum Thema Ozonloch – etwa schnitt er über dem Südpol das Ozonloch schlicht aus. Beim Thema Schuldenberge wuchsen, wen wundert’s, die Schulden von Staaten als Berge in die Höhe. Über solche fast schon mutig-naive Anfänge sind die Globen längst hinaus. Da findet sich für äußerst abstrakte „statistische Herausforderungen“ ebenso eine Form wie für geopolitische Machtphantasien, die er mit seinen „gewünschten Kontinentalverschiebungen“ ironisch kommentiert.

Mittlerweile kreisen seine virtuellen Welten auf einer Umlaufbahn durch Kunsthäuser und Museen, hat der Künstler mit anderen Worten: Erfolg. „Allerdings brauche ich für meine Globen auch den globalen Markt“, sagt Günther, „sonst würde ich glatt verhungern.“ Den Hunger-Künstler erspart ihm vor allem das Interesse aus Japan, wo seine Arbeiten regelmäßig gastieren. „Dort habe ich als Ausländer die Rolle, aus der Rolle zu fallen“, erklärt er die Nachfrage in Nippon, wo allmonatlich ein Globus den Titel des Wirtschaftsmagazins „Foresight“ ziert. Und die Rolle eines Außenseiters, der mit neuen Ansichten die alten Sichtweisen in Frage stellt, spielt der polyglotte Deutsche gern.

Zumal er darin einige Übung hat: Schon 1984 überschritt er die argwöhnisch bewachte Genre-Grenze zwischen Kunst und Journalismus, als er nach ersten Erfolgen als Videokünstler Deutschland hinter sich ließ und in New York die Agentur „Ocean Earth“ aus der Taufe hob. Ocean Earth erwarb die Daten ziviler Aufklärungs- und Überwachungssatelliten, bearbeitete und interpretierte sie und verkaufte sie an Presse und Fernsehen – mit dem erklärten Ziel, unter Verschluß gehaltene militärische und ökologische Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Und das gelang auf spektakuläre Weise: 1984 gingen Bilder der Agentur durch die Weltpresse, die einen 1,2 mal 30 Kilometer großen Wassergraben zeigten, mit denen der Irak im Krieg gegen Iran bei Basra ein Wüstengebiet unpassierbar machen wollte. 1985 entdeckte Ocean Earth in Libyen Luftabwehrraketen, die Revolutionsführer Gaddhafis Anspruch auf vergrößerte Hoheitsgewässer sichern sollten. 1986 gelang es dem Team, frühe Bilder des atomaren Super-Gaus von Tschernobyl in die Öffentlichkeit zu bringen.

Auch seine virtuelle Flüchtlingsrepublik im Internet (www.refugee.net) operiert im Grenzbereich zwischen Journalismus, Politik und Kunst. Auf seinen Reisen durch Asien war Ingo Günther staatenlosen Menschen begegnet, die auf der Flucht vor Krieg und Bürgerkrieg im Nirgendwo gestrandet waren. Die Refugee Republic ist nun der Vorschlag, den 25 bis 50 Millionen Flüchtlingen weltweit eine neue Identität zu verschaffen, ihnen ein Kommunikationsnetz für den Erfahrungsaustausch zu knüpfen. Politik und Gesellschaft will er mit seinen Mitteln vom passiven Beobachten des Dramas zum Handeln bewegen.

„Mein Arbeit ist immer sehr auf das Jetzt ausgerichtet“, sagt Günther, „und dabei betrüge ich die Kunst mit dem Journalismus und umgekehrt.“ Bei der „tageszeitung“, für die er eine Weile als Korrespondent bei der UNO akkreditiert war, hatte man von ihm nichts Politisches mehr lesen wollen, als man erfuhr, daß er auch als Künstler sein Geld verdient. „Schreib’ doch über Kunst in New York“, schlug man ihm vor. Ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß ihn andere Künstler weniger interessieren könnten als internationale Politik. Doch solche Kategorisierungen haben Ingo Günther selbst nie interessiert. Ihm ist der Kunstbetrieb einfach „zu lahmarschig“, er will immer aktuell reagieren – und da ist ihm fast jedes Medium recht: „Meine Globen sollen die Welt zeigen – was die Menschen daraus gemacht haben und machen.“

Und das hat fast immer eine ökologische Komponente. Dies in eine neue Weltkugel zu fassen, gelingt Günther zwar meistens. Doch einen Haken hat die Sache bis heute: „Meine Globen sehen eigentlich immer nett aus, egal wie brutal das Thema ist.“

Nächste Ausstellungen in Deutschland: 13.5.–13.9.1999: Kokerei Zollverein, Essen 2.5.–11.7.1999: Neues Museum Weserburg, Bremen

Von MICHAEL FRIEDRICH

Die Globen

Klimawandel, No. 158, 1997
In diese Arbeit (hier mit Blick auf den Atlantik) flossen die Daten von Klimaforschern aus 1996 ein. Gebiete, die sich den Berechnungen von Computern zufolge um bis zu 0,5 Grad Celsius erwärmen werden, erscheinen weiß, von 0,6 bis 1 in rosa, von 1,1 bis 1,5 in dunkelrosa, über 1,5 Grad Celsius in rot. Zonen, die sich abkühlen werden, sind in den gleichen Schritten in blau dargestellt.

Bodenverschmutzung, No. 31, 1989
Der für Günthers erste „World Processor“-Ausstellung in Hamburg entworfene Globus zeigt die Belastung der Böden und Meere durch Dünger und Pestizide in grau. Je dunkler, desto höher — bezogen jeweils auf Staaten, nicht Regionen, so daß etwa Alaska als Teil der USA trotz geringer eigener Belastung grau eingefärbt ist. Rote Flecken zeigen Ort und Ausmaß von Ölkatastrophen.

Kriegsfrei seit 1945, No. 138, 1997
Erschreckend viel weiß zeigt dieser Globus, auf dem nur Staaten sichtbar sind, die seit 1945 nicht in (Kolonial-) Kriege verwickelt waren. In Europa nur Island, Skandinavien, Deutschland, Österreich, die Schweiz und Bulgarien. In Afrika Sierra Leone, Togo, Niger, Lesotho und Swasiland (was heute schon nicht mehr den aktuellen Stand wiedergibt). Am rechten Rand sind Bhutan und die Mongolei zu erkennen.

Tschernobyl, no. 53, 1990
Wie wechselnde Winde den radioaktiven Fallout des Super-Gaus von Tschernobyl in der Ukraine über die Erde verteilten, hat das renommierte „Jet Propulsion Laboratory“ in Pasadena/Kalifornien mit Hilfe von Super-Computern rekonstruiert. Deren Daten hat Ingo Günther auf diesen Globus übertragen: Je tiefer das Rot, desto höher ist die radioaktive Belastung eines Gebietes.

„Erde“ in 80 Sprachen, No. 66, 1991
Um welche Sprache es sich bei den Schriftzeichen — die alle „Erde“ bedeuten — handelt, läßt sich durch die jeweilige Position auf dem Globus ablesen. Die Größe der Schriftzeichen spiegelt proportional die Zahl der Menschen wider, die die Sprache sprechen. Daß nur 80 von 6000 Sprachen weltweit zu sehen sind, liegt nicht etwa an Darstellungsproblemen, sondern daran, daß Günther selbst in New York nicht mehr (Schrift-) Sprachkundige fand.