Guten Abend,

das waren noch Zeiten:

„Im Märzen der Bauer die Rösslein einspannt.
Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.
Er pflüget den Boden, er egget und sät
und rührt seine Hände früh morgens und spät.“

So unbeschwert und idyllisch wie in dem über hundert Jahre alten Bauernlied war das Landleben allerdings nie, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Abgesehen von der harten Arbeit machen den Landleuten schwierige Gegner zu schaffen: unzuverlässiges Wetter, unverständige Politik, undankbare Kundschaft. Wenn es zu viel wird, verleihen sie ihren Anliegen gern mit Treckerdemos Nachdruck, manchmal unter Einsatz landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die je nach Bedarf als Wurfgeschosse verwendet (Eier, Obst), vor Ministerien oder Behördeneingängen abgekippt (Schweinehälften, Milch, Gülle) oder als lebendiges Anschauungsmaterial mitgeführt werden können (Schweine, Schafe, Kühe).

Diese Woche war es mal wieder so weit. Es ging es um oder besser gegen das „Agrarpaket“ der Bundesregierung für etwas mehr Tierwohl, Insekten- und Naturschutz. Seine Ziele sind unter anderem die Reduzierung der Nitratbelastung des Grundwassers infolge Überdüngung, Einschränkungen beim Einsatz von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln (mit Glyphosat soll ab 2023 Schluss sein) und bessere Bedingungen bei der Tierhaltung.

Zum Teil sind es längst überfällige Maßnahmen, die schon allein deshalb umgesetzt werden müssen, um drastische Strafzahlungen der EU zu vermeiden. Das Programm sieht sogar eine zaghafte Korrektur bei der Verteilung der Subventionen an deutsche Landwirte vor, von denen wegen der auch sozial ungerechten Flächenprämien derzeit vor allem Großbetriebe profitieren: Sechs statt bislang 4,5 Prozent sollen ab 2020 für Umweltschutz zur Verfügung stehen. Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied hält selbst das schon für „toxisch“.

Der Bauernverband hat sich, logisch, mit den Demonstrationen solidarisch erklärt, ebenso wie Teile der CDU und die AfD, die sich als einzige Partei voll und ganz hinter den Protest gestellt hat. Andere sehen die Aufmärsche dagegen eher kritisch, etwa Nabu-Präsident Olaf Tschimpke, der konkrete Lösungsvorschläge vermisst. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament, Mitglied des Umweltausschusses und selbst Landwirt, findet es „beklemmend, mit anzusehen, wie sich Kollegen derart außerhalb der Gesellschaft und jeder Vernunft platzieren“.

Die Gesellschaft legt ihrerseits ein widersprüchliches Verhalten an den Tag: Einerseits will sie eine nachhaltige, giftfreie und tierfreundliche Landidylle, andererseits kann sie im Supermarkt den sensationellen Billigangeboten nicht widerstehen und trägt durch ihr Kaufverhalten ganz wesentlich zur Misere bei. Gerade haben Spiegel und Report Mainz mal wieder verstörende Bilder (Vorsicht, nichts für schwache Nerven) von Zuständen in Schweinemastbetrieben bei Schwerin und Cottbus veröffentlicht, die mit versteckter Kamera gefilmt und der Tierrechtsorganisation Ariwa zugespielt wurden. Ein Einzelfall? Mitnichten. So lange Fleisch und andere Lebensmittel kaum etwas kosten dürfen, wird ein freiwilliges Tierwohllabel da wenig ausrichten. Und so lange wir Fleisch weiterhin in rauen Mengen verzehren, wird die Landwirtschaft auch künftig für ein Drittel des weltweiten Ausstoßes an Treibhausgasen verantwortlich sein und der brasilianische Regenwald uns schwer im Magen liegen.

Mit der anstehenden Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) hätte die EU die Chance, die Subventionen ab 2021 wesentlich klima- und umweltfreundlicher zu gestalten. Danach sieht es bislang leider nicht aus. Ein 17-köpfiges internationales Forschungsteam stellte den Plänen Anfang August in der Zeitschrift Science ein vernichtendes Zeugnis aus: Bleibe es dabei, werde es eher schlimmer als besser. Hier böte sich also für Landwirtschaftsministerin Klöckner ein schönes Handlungsfeld, wenn sie es denn ernst meint. Beliebt machen würde sie sich damit auch, denn einer Forsa-Umfrage zufolge sind nicht nur Umweltverbände, sondern auch Landwirte mit großer Mehrheit für ein Umsteuern. Ganz zu schweigen von unsereinem. Wäre es nicht wunderbar, auch ohne großen Rechercheaufwand mal ohne Gewissensbisse einkaufen zu gehen?

Mit diesem mehr oder weniger frommen Wunsch verabschiede ich mich ins Wochenende und eine kleine Pause: Wegen der zwei Feiertage der kommenden Woche (Donnerstag in Nord-, Freitag in Süddeutschland) lesen wir uns erst in 14 Tagen wieder.

Fern jeder Landlust

Kerstin Eitner
Redakteurin

PS: Auch sie waren mal Teil des Landlebens: Die seltenen Haustierrassen, die unseren Bilderblock zieren, recycelt aus Kalendern der vergangenen Jahre. Jetzt eine Woche lang 20 Prozent reduziert.

image description
Greenpeace Warenhaus Button
Unser Saatgut
14,90 €
Unser Saatgut
Staudenspaten mit Gravur Staudenspaten mit Gravur
72,00 €
Staudenspaten mit Gravur
7,80 € 6,24 €

Klappkarten-Set "Magische Insektenwelt"

Filigrane Illustrationen von faszinierenden Insekten wie Blauschillernder Feuerfalter und Schönbär zieren diese hochwertigen Klappkarten. Auf der Rückseite findet sich jeweils ein kurzes Porträt der nützlichen Tiere.