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Greenpeace Magazin Ausgabe 5.15

Flaschenpost an die Zukunft

Text: Michael Marek

In einem Saatguttresor auf Spitzbergen lagern Samen aus der ganzen Welt – „Sicherheitskopien“ für den Fall, dass künftige Katastrophen
Kulturpflanzen vernichten. Doch die moderne Arche Noah ist umstritten Stille. Plötzlich beginnen die Ventilatoren der Kühlanlage zu toben. Der schmale Eingang scheint aus dem schneebedeckten Hang zu wachsen. Brian Lainoff öffnet die zweiflügelige Stahltür. Dahinter liegt in einem Vorraum Sicherheitskleidung bereit. Kühle, trockene Luft schlägt uns entgegen. Und hinter einer zweiten Tür führt eine 120 Meter lange Tunnelröhre sanft absteigend in den Platåberget hinein.

Lainoff ist extra aus Deutschland angereist, um den „Svalbard Global Seed Vault“ zu öffnen, den Saatguttresor Spitzbergen. Der groß gewachsene US-Amerikaner arbeitet für den „Global Crop Diversity Trust“, eine Stiftung mit Sitz in Bonn. Ihr Ziel ist es, die Vielfalt des Saatguts zu bewahren. Hier, im Inneren eines eisigen Berges auf der zu Norwegen zählenden Inselgruppe, lagern seit 2008 Samen vor allem von Weizen, Reis und Gerste, aber auch von tausenden anderen Nutzpflanzen – Amaranth aus Ecuador, Tomaten aus Deutschland, Kichererbsen aus Nigeria: 865.000 Proben von 5103 Pflanzenarten aus der ganzen Welt. Die arktische Kälte soll sie schützen. Hinter dem Projekt steckt Angst; es ist die Angst vor den Folgen einer abnehmenden Artenvielfalt für die Menschheit. Die Vernichtung von Nutzpflanzen, sei es durch Kriege, Schlammlawinen, Hochwasser, Dürre oder weil sich ihr Anbau wirtschaftlich nicht mehr lohnt, gefährdet die globale Ernährungssicherheit.

Spitzbergen sei ideal für den Tresor, erklärt Lainoff: Es ist der nördlichste Punkt der Erde, den man mit einem Linienflug erreichen kann. Norwegen führe keine Kriege, betreibe keine Atomkraftwerke und das Land genieße weltweit einen guten Ruf. „Dies ist wahrscheinlich der sicherste Ort auf unserem Planeten“, sagt Lainoff stolz. Außerdem sind die Inseln gemäß dem Spitzbergenvertrag von 1920 eine entmilitarisierte Zone.

Im kalten Herzen der Anlage, hinter einer von Eiskristallen überwucherten Tür, liegt eine konkav gewölbte Betonwand. „Um im Falle eines Bombenangriffs die Druckwelle abfangen zu können“, erklärt Lainoff und lächelt, aber der sei „unwahrscheinlich“. Hier befinden sich drei Lagerräume. Rund 4,5 Millionen Kulturpflanzenarten hätten hier Platz. Zwei der Kammern sind noch leer.

Das Thermometer zeigt minus 17,9 Grad Celsius. Ein Kühlsystem hält die Temperatur auf diesem für Genbanken international empfohlenen Wert. Schon nach einer Minute schmerzen die Hände. Kälte und Trockenheit sorgen für eine niedrige Stoffwechselaktivität, was die Samen über lange Zeit lebensfähig halten soll, aber nicht für die Ewigkeit. „Weizen lässt sich bis zu 1200, Rettich um die 80 Jahre lagern“, erklärt Lainoff. Der frostige Saatguttresor kann die traditionellen Genbanken, aus denen sie stammen, nicht ersetzen. Die Staaten werden ihre Muster regelmäßig zurückrufen, aussäen und frisch bestückt wieder einsenden müssen, um sie keimfähig zu halten.

Im Hauptlagerraum stehen Regale Marke Billigbaumarkt. Kein Schrein, kein Wachmann. An seiner heiligsten Stelle ist der Tresor nüchtern und banal. Dabei ist dieser Ort längst zum Mythos geworden. Die Medien preisen ihn in religiöser Metaphorik als Zufluchtsstätte biologischer Vielfalt, als Ort der Entscheidungsschlacht und letzten Rettung, wenn dereinst über die Verfehlungen der Menschheit geurteilt wird.

Acht Regale in fünf Reihen – hier lagert das Saatgut in luftdicht versiegelten Aluminiumverpackungen. Diese wiederum liegen in Boxen, die sich durch nationale Besonderheiten unterscheiden: Nordkorea schickt rote Holzkisten, Nigeria und Mexiko graue Kunststoffboxen, Deutschland bevorzugt grüne Kisten. Sie kommen aus Gatersleben vom „Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung“. Die Ukraine und die USA schicken ihre Samen im Papppaket per Post. Genauso wie Syrien. Das in Aleppo beheimatete „International Center for Agricultural Research in the Dry Areas“ ist durch den Krieg zwar völlig zerstört, aber fast alle Proben, insbesondere die von Gerste und Weizen, werden hier verwahrt – und warten auf einen funktionierenden Staat ohne Bürgerkrieg.

Für Betrieb und Verwaltung des Global Seed Vault ist das Nördliche Zentrum für Genetische Ressourcen Nordgen verantwortlich („Northern Genetic Resource Center“), ein Zusammenschluss von Genbanken der skandinavischen Länder und Islands. Eine Hälfte der jährlichen Betriebskos-ten von mindestens 100.000 Euro trägt Lainoffs Arbeitgeber, die Bonner Stiftung. Norwegen zahlt den anderen Teil. Die Baukosten von 6,3 Millionen Euro hat Oslo ebenfalls getragen, weil, wie Umweltministerin Tine Sundtoft sagt, der Klimawandel voranschreitet. „Deshalb ist es wichtig, ein Backup-System zu haben.“ Norwegen übernehme Verantwortung, „um die Artenvielfalt zu gewährleisten“.

Jeder Staat kann sein Saatgut kostenlos auf Spitzbergen archivieren, nur für den Versand müssen die Länder selbst aufkommen. 217 zum Teil nicht mehr existierende Länder und 63 internationale Institutionen haben hier Genmuster gesichert. Die Vereinten Nationen bringen es derzeit gerade einmal auf 193 Mitglieder, selbst die Fifa hat nur 209. In Spitzbergen überdauert zum Beispiel auch Saatgut aus den besetzten palästinensischen Gebieten.

Weltweit gibt es mehr als 1700 Genbanken, in denen die Samen von Kulturpflanzen verwahrt werden. Manche sind aufgrund von Naturkatastrophen und Kriegen gefährdet, andere weil Geld fehlt. Etwas so Alltägliches wie ein defekter Gefrierschrank kann eine ganze Saatgutsammlung zerstören. „Der Verlust einer Kulturpflanzengattung ist ebenso unumkehrbar wie das Ende der Dinosaurier“, sagt Lainoff und verweist auf die Beispiele Afghanistan und Irak. Dort wurden die Saatgutbanken im Krieg zerstört. Auf den Philippinen vernichtete ein Taifun die dortige Samenbank mit ihrer wertvollen Reissammlung.

Der Platåberget liegt dagegen in glasklarer ruhiger Luft, umgeben von baumlosen Hügelkuppen in einer Welt mit rund 3000 Eisbären und fast ohne Menschen. Er ist geomorphologisch stabil. Zudem befindet sich das Saatgut 130 Meter über dem Meeresspiegel. Selbst Überschwemmungen oder eine globale Gletscherschmelze könnten ihm nichts anhaben. Der Permafrost sorgt für natürliche Kühlung, wenn die Technik einmal ausfallen sollte. Ab und zu kommt ein Mitarbeiter vorbei. Ansonsten wird alles per Video aus dem nahen Hauptstädtchen Longyearbyen überwacht. Gleichwohl hat der Tresor Tücken. Durch die Bau-arbeiten wurde das Berginnere künstlich erwärmt und die Kälte zurückgedrängt. Sie muss sich erst wieder ausbreiten, und sie tut das langsamer als erwartet. Die Betonrisse überall im Boden aber, entstanden durch Tauwasser, seien unbedeutend, versichert Lainoff.

Auch grundsätzliche Einwände gegen die Saatgutbank gibt es: Wäre es nicht sinnvoller, die Ressourcen dafür einzusetzen, dass Nutzpflanzen gar nicht erst aussterben? „Wir müssen beides tun“, rät Kim Holmén. Der Direktor des Norwegischen Polarinstituts forscht in Longyearbyen zum Klimawandel. „Denken Sie nur an Syrien. Dort hat nicht der Klimawandel zu all den Zerstörungen einschließlich der Genbank geführt.“ Das Fazit des Wissenschaftlers: „Wir müssen die Samen vor uns selber schützen.“

Für Matthias Meißner, Agrarexperte beim WWF in Berlin, ist der Saatguttresor eine Möglichkeit, Saatgut aufzuheben, „aber viel wichtiger ist es, die Pflanzen direkt bei den Landwirten zu bewahren. Nur so geben wir ihnen die Möglichkeit, sich an Klimaveränderungen anzupassen.“ Die Fähigkeit, Hitze, Trockenheit und Versalzung zu bewältigen, könne nicht entstehen, indem man die Samen in ein „Kühlfach sperrt“. Auch das Wissen indigener Völker über Aussaat und Ernte gehe verloren, „wenn wir es nicht schaffen, im wirklichen Leben Orte zu erhalten, wo diese Pflanzen wachsen“.

Rund 360 Millionen Euro haben Geldgeber in die Stiftung eingezahlt. Zu den Unterstützern gehören Einzelstaaten wie Ägypten, Australien, Brasilien, Deutschland, Kolumbien und die USA, aber auch umstrittene Firmen wie DuPont Pioneer und Syngenta. Schon jetzt kontrollieren einige wenige Konzerne mehr als die Hälfte des Saatgutmarktes. Fernab von Spitzbergen streiten sie mit Bauern und unabhängigen Pflanzenzüchtern darüber, wer das Recht hat, Saatgut zu vermehren und befugt ist, es in den Handel zu bringen. Meißner vermutet „viel monetäres Eigeninteresse und wenig humanistisches Gedankengut“ bei den Unternehmen. Und selbst wenn sie nicht beteiligt wären, bliebe doch eine andere Tatsache bestehen: dass der Global Seed Vault der Nachwelt nur einen Abglanz unserer Agrarkultur überliefern kann. Die Überlebenden einer etwaigen Katastrophe wüssten nicht, ob das Saatgut bei veränderten Klimabedingungen gedeihen würde.

Und überhaupt: Wofür wird man den unterirdischen Samenbunker fern der Zivilisation in tausend Jahren halten? Nirgendwo findet sich eine Gebrauchsanleitung. Wer weiß den geheimen Schatzhort noch zu nennen, wenn die Herkunftsländer einmal von der Landkarte verschwunden sein sollten? Und wer soll die Eingangstür zum Svalbard Global Seed Vault öffnen – nach der Katastrophe?

Er sei „eine Flaschenpost an die Zukunft“, sagt Aleida Assmann, Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Fragen des kulturellen Gedächtnisses. Der Tresor erinnert sie an Satellitenbotschaften für Außerirdische, „eine Kommunikation in eine Nachwelt hinein, von der wir gar nicht wissen können, wie sie aussieht.“ Also sinnlos?

Agrarexperte Meißner sagt, das Projekt tue „niemandem weh“. Andererseits helfe es auch keinem einzigen Kleinbauern, an Saatgut zu kommen. „Ich hoffe, dass die Bevölkerung in tausend Jahren den Bunker aufmacht und erkennt: Das war ein Horrorszenario des 21. Jahrhunderts. Wir haben es geschafft, die Welt so zu verändern, dass es nicht eingetreten ist.“