Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

Freu, grins, grüß

Der Computer-Boom ergreift vor allem auch Kinder, dabei ist es fraglich, ob die virtuelle Welt für die Kleinen taugt.

Angestrengt starren Sarah, Jörg und Benny auf die Internetseiten mit den Infos über die Urmenschen. „Welche Werkzeuge machten die Neandertaler aus Feuersteinen?“, lautet die Frage der Moderatoren im WDR-Mausclub für Kinder. Doch wenn das Rateteam „Neandertal“ in die Suchmaschine „Altavista“ eintippt, findet es seitenweise Schrott. Erst das Stichwort „Steinzeit“ führt die Kids zur richtigen Lösung: „Pfeilspitzen und Bohrer“. Jubel im Publikum. Ein Punkt. Wer heute beim Kinderfernsehen etwas gewinnen will, muss fit sein in der Web-Recherche.

Um die Kinder für die virtuelle Welt des Cyberspace zu schulen, steckte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn am liebsten in jeden Ranzen einen Laptop. Immerhin standen Anfang 2000 rund 16 Millionen PCs in deutschen Haushalten. Bereits 53 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren nennen die Beschäftigung mit dem Computer als ihr häufigstes Freizeitvergnügen. Etwa jedes vierte 12- bis 14-jährige Kind war schon mal im Internet. Und der Umsatz auf dem Spielesoftware-Markt stieg 1999 auf 1,5 Milliarden Mark – dreimal so viel wie 1993. Auch die Lehrer rüsten auf: Etwa die Hälfte aller 44.000 Schulen verfügen über Internet-Anschluss.

Doch bisher ist unklar, welche Auswirkungen der Computer und vor allem das Internet auf die Entwicklung der Kinder haben. Während der Freizeitforscher Horst Opaschowski „Kurzzeit-Konzentrations-Kinder“ fürchtet, die zwischen Wortfetzen und Bildsplittern hin- und hergerissen seien, versuchen amerikanische NASA-Wissenschaftler gar, zappelige Kinder mit Computerspielen zu beruhigen.

Auch die Frage, ob der Siegeszug des Computers zu kleinen Superhirnen führe, ist unbeantwortet. „Die bildliche Wahrnehmung wird schärfer“, sagt die US-Forscherin Patricia Greenfield. Bei sprachlichen Tests schneiden die Computer-Kids dagegen schlechter ab. Offenbar sind Kinder in Folge der Flut von visuellen Reizen mit Figuren, Mustern und Bildern besser vertraut als mit Buchstaben.

Sicher ist, dass die jüngeren Kinder sich rasch zwischen Info-Schnippseln aus Tönen, Fotos, Filmen und Texten verheddern und nach dem Spielen am Rechner kaum mehr erinnern, wo sie waren. „Die Orientierung im virtuellen Raum ist für Sechs- bis Achtjährige schwierig“, erklärt der Hamburger Medienpädagoge Stefan Aufenanger, der eine Studie zu Kindersoftware durchführte (Interview rechts). Aufenanger plädiert dafür, „Landkarten“ einzurichten – Übersichten, die den Kindern helfen, sich in ihren Programmen nicht zu verlaufen.

Nüchtern betrachtet, wächst eine Online-Generation heran, die sich zwar flott, aber nicht sicher im Netz bewegt. Denn das Internet gleicht einem wirren Warenlager, wo Brauchbares und Überflüssiges direkt nebeneinander liegen. Gerade das Einordnen, Werten und Zusammenfügen von Informationen lernen die Jüngsten aber vermutlich eher durch das Lesen von Büchern. „Die alten Medien haben also nicht ausgedient“, bilanziert Stefan Aufenanger. Erst wenn die analytischen und argumentativen Fähigkeiten entwickelt sind, können die Kids Nützliches ins Netz eingeben. Wie die Tausende von Schülern, die für den internationalen Wettbewerb „ThinkQuest“ Websites für ihre Altersgenossen entwerfen – über Milben, Mosaike und Malerei genauso wie über das Wattenmeer oder die Schlacht von Waterloo. Sogar Erstklässler sind beim deutschen Ableger „Enterpreis“ aktiv, deren Gewinner Preisgelder von insgesamt mehr als 150.000 Mark einheimsen (Porträt Seite 66). Digitales Lehrmaterial zu erstellen bleibt aber das Hobby einer Avantgarde, die Jüngsten sind eher scharf auf menschliche Kontakte beim Chatten und Mailen. Ob Cyber-Romanzen mit Botschaften wie „freu“, „grins“, „küss“ das Liebesleben der Jugendlichen anheizen, bleibt zu erforschen. Einsam macht das Surfen aber offenbar nicht.

Von KIRSTEN BRODDE
Illustrationen: JUDITH ZAUGG

Literatur (siehe auch www.greenpeace-magazin.de/service)

Computerspiele. Hinweise und Empfehlungen. Stand Frühjahr 2000. Gratis vom Bundesfamilienministerium. Postfach 201551, 53145 Bonn. Tel. 0180/5329329

Thomas Feibel, Kindersoftware-Ratgeber 2000, Heyne 1999, 19,95 Mark H. Lerchenmüller-Hilse/J. Hilse, Kids, Bits& Bytes. Ein Elternratgeber zum Thema Computer und Internet, Humboldt Tb 1998, 16,90 Mark

Wolfgang Bergmann, Die Welt der neuen Kinder. Erziehen im Informationszeitalter, Walter Verlag 2000, 29,80 Mark