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Frieden ist Papierkram

Greenpeace Magazin Ausgabe 5.17

Frieden ist Papierkram

Text: Andre Wilkens Foto: Marie-Françoise Plissart, Georges Meurant / Philippe SAMYN & PARTNERS

Das Wort Bürokratie hat einen schlechten Klang, besonders in Europa. Wieso eigentlich? Die Brüsseler Bürokratie ist viel kleiner und verwaltet viel weniger Geld als die Beamtenapparate seiner Mitgliedsstaaten, von deren Regierungschefs sie überdies in Schach gehalten wird. Trotzdem wird sie gefürchtet, verhöhnt, als Monster beschimpft. Dabei haben wir ihr eine Menge zu verdanken. Früher führten wir Kriege, wenn wir uns nicht einigen konnten, heute reden, rechnen, verhandeln Bürokraten und Politiker. Das ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die wir wertschätzen, gut hüten und gelegentlich feiern sollten

Brüssel ist ein auf seltsame Weise faszinierender Ort. Es ist schön, es ist hässlich. Es ist langweilig, es ist dekadent. Es ist provinziell. Es ist europäisch, es ist nationalistisch und separatistisch. Es gibt tolle Flohmärkte in Brüssel, wie den Jeu de Balle. Es gibt Marcolini-Schokolade, die glücklich macht. Es gibt die schönen Brüsseler Bürgerhäuser mit Gärtchen mitten in der Stadt, die jetzt ganz ähnlich auch anderswo als coole Townhäuser kopiert werden. Es gibt wunderbare Zeitschriften- und Buchläden, die sonntags geöffnet haben und in denen man sich verlieren kann, auch wenn man kein Französisch oder Flämisch kann. Und vor allem hat Brüssel das lässig Internationale, das wirklich nicht viele Städte so haben. Vielleicht noch London und New York. Ganz Europa ist vertreten. Wenn da nur nicht der drückend graue Himmel wäre, den es sogar als Farbe „ciel belge“ in Künstlerläden zu kaufen gibt. Die Brüsseler haben einen schrägen Humor. Und dann ist Brüssel noch die Hauptstadt von Europa, Politik und Bürokratie.

In Brüssel arbeiten ungefähr 33.000 der insgesamt 55.000 europäischen Beamten, auch Eurokraten genannt. Das klingt nach viel, ist aber auf 500 Millionen Europäer verteilt eine überschaubare Größe, wie der Blick auf eine Stadt wie beispielsweise Berlin zeigt, wo mehr als 250.000 Beamte oder Angestellte des öffentlichen Dienstes arbeiten, darunter 35.000 Bundesbeamte. Insgesamt sind in Deutschland 4,5 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst beschäftigt, bei achtzig Millionen Bundesbürgern ist das eine beeindruckend hohe Zahl. Sie illustriert, dass das oft zitierte Brüsseler Bürokratiemonster im Vergleich zur deutschen Bürokratie ganz schön mickrig und ungefährlich daherkommt.

Von den etwas mehr als eine Million Brüsselern kann man knapp zwanzig Prozent als professionelle Europäer beschreiben, also solche, die vor allem wegen Europa hier sind und ansonsten nur marginal etwas mit Brüssel zu tun haben. Dazu gehören neben EU-Beamten, Parlamentariern und Diplomaten aus den EU-Mitgliedsstaaten auch gute und weniger gute Lobbyisten, Journalisten und deren Familien. Versucht man den durchschnittlichen Bewohner der Brüsselmaschine herauszudestillieren, kommt vielleicht Folgendes heraus: Ein 47-jähriger Italiener im mittleren Dienst, der schon 22 Jahre auf dem europäischen Dienstbuckel hat und so viel verdient, dass er in Deutschland zu den zehn Prozent der wohlhabendsten Bürger zählen würde. Neben Italienisch spricht er passabel Englisch, Französisch und ein bisschen Deutsch. Seine Frau arbeitet in einer Umwelt-NGO, die beiden Kinder gehen auf die europäische Schule. Sie wohnen im Südosten Brüssels, mit Garten und Katze. Dieser durchschnittliche Eurokrat ist überdurchschnittlich gut gekleidet und fährt ein deutsches Auto, das er liebt und von Hand waschen lässt. Den Urlaub verbringt er zu Hause, wo er wirklich lebt. Brüssels Europäer sind sehr gut ausgebildet, sie sprechen mehrere Sprachen and they can easily switch between those languages, even mid-sentence. Sie sind so europäisch, dass sie kaum belgische Freunde oder Bekannte haben, es sei denn, diese arbeiten auch für Europa. Es sind kluge Köpfe, meist Verwaltungsfachleute, weil Verwalten nun mal der Hauptjob im Brüsseler Europa ist. (...)

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