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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.17

Fruchtkorb

Vielfalt auf dem Acker, Fairness beim Handel, Umsicht beim Ernten: Diese findigen Obst-und Gemüsefreunde zeigen, dass ein Umdenken möglich ist

Ackern im Vorgarten
Radieschen statt Rollrasen: Das ist die Vision der Organisation „Fleet Farming“ in den USA. Auf rund 160.000 Quadratkilometern wächst dort Rasen, in manchen Städten werden mehr als dreißig Prozent des Süßwassers zur Bewässerung der Grünflächen verbraucht. Gründer Chris Castro will diese Flächen zum Lebensmittelanbau nutzen – um Wasser zu sparen und das Klima zu schützen. „Derzeit transportieren wir unser Essen Tausende Meilen und verursachen mit der industriellen Landwirtschaft ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen.“ Der Gegenentwurf ist simpel: Wer seinen Rasen zum Gemüsebeet umwandeln möchte, meldet sich bei den urbanen Gärtnern, die daraufhin gegen Spende einen Acker anlegen und ihn bewirtschaften. Einen Teil der Ernte bekommt der Gartenbesitzer, der Rest wird auf lokalen Märkten verkauft. In Orlando machen schon fünfzig Raseninhaber mit, weitere 400 stehen auf der Warteliste – europäische Nachahmer dringend gesucht. fleetfarming.org

Saures gegen Ausgrenzung
Eingelegtes Gemüse hat in Osteuropa eine lange Tradition, beinahe jede Familie hat ihr eigenes Rezept samt Geheimzutaten. Der Verein „Direkthilfe Roma“ aus Wien nutzt dieses kulinarische Erbe, um Roma in der Südslowakei zu unterstützen: Unter dem Motto „Gib’ der Armut das Gurkerl!“ bauen in der strukturschwachen Region fünf Roma-Familien Gurken an und legen sie nach der Ernte süß-sauer ein. Die Einmachgläser stellt ein Dutzend Rentner aus Wien zu Verfügung, sie organisieren auch den Transport und den Vertrieb der Ware. Für die Produzenten ist das Gurkengeschäft oft die einzige Einnahmequelle: Die Arbeitslosigkeit unter Roma liegt in der Region bei rund neunzig Prozent. Die beteiligten Familien produzieren nun pro Jahr rund 15.000 Gläser, die gegen eine Mindestspende von 2,80 Euro pro Stück verschickt werden. Ein Euro geht direkt an die Gurkenbauern, der Rest wird in Kindergärten, Schulen und Sozialprojekte vor Ort investiert. direkthilferoma.at

Schatzkarte für Essen
Apfelbäume zwischen den Gebäuden der staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau, Zitronenbäumchen in einer Seitenstraße im Zentrum von Kapstadt in Südafrika, versteckte Brombeerhecken in einem Düsseldorfer Industriegebiet: Genaues Hinsehen lohnt sich auf der ganzen Welt. Zwischen Häuserzeilen und auf Brachen stehen vielerorts Bäume und Sträucher, deren Früchte ungenutzt verderben. Bisher sammelten Initiativen und Organisationen die Standorte vergessener Bäume in einzelnen Städten, Regionen oder Ländern. Nun führen eine Handvoll US-amerikanischer Aktivisten aus Colorado dieses Wissen auf ihrer Webseite zu einer weltumfassenden Karte zusammen. Mit der Unterstützung von Stadtgärtnern, Nahrungsmittelaktivisten und Baumfreunden auf der ganzen Welt verfolgt die Gruppe ein Ziel: die Menschen rund um den Globus aus den Supermärkten zu locken und sie auf kulinarische Schatzsuche zu schicken. fallingfruit.org

Wenn schon Kokosnuss, dann richtig
„Die Kokosnuss ist der Stein der Weisen“, ließ der Auswanderer August Engelhardt im beginnenden 20. Jahrhundert verlauten. 1902 brach er in die deutsche Kolonie im Osten Papua-Neuguineas auf, um dort den Kokovorismus auszurufen – Nudismus, gepaart mit Sonnenverehrung und einer strengen Diät: Außer Kokosnuss sollte nichts gegessen werden. Denn, so Engelhardt, „die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott“.

Die Spur des Sonnenordens verliert sich kurze Zeit später, doch der Glaube an die Kräfte der Kokosnuss findet bis heute viele Anhänger: Das Öl der haarigen Palmenfrucht wird als der Essenstrend 2017 gehandelt. Das Fett, das aus dem getrockneten Fruchtfleisch gepresst wird, soll angeblich Haut und Haare pflegen, leicht verdaulich sein, gesund machen und beim Abnehmen helfen. Ein Lebensmittel, das alles kann und auch noch nach Urlaub schmeckt – da verliert man schnell mal die teils problematischen Handelsbedingungen aus den Augen: Die meisten Kokosnussprodukte stammen aus Südostasien, die Plantagenarbeiter bekommen vom lukrativen Geschäft nur wenig ab.

Hans Peter Mankel ist angetreten, das zu ändern: „Es läuft viel falsch im globalen Handel“, sagt er, „ich glaube, dass kleine, wohldurchdachte Handelsstrukturen nachhaltige Alternativen sein können.“ Mit seiner Firma „Kokosnuss Kampagne“ vertreibt er darum nur ein Produkt: hochwertiges Bio-Kokosöl. Weil er auf Zwischenhändler verzichtet, kann er die Produzenten fair bezahlen und das Öl trotzdem günstig anbieten. Sein Vorbild ist die „Teekampagne“, die Günther Faltin 1985 ins Leben rief, um zu zeigen, dass ein für alle Beteiligten vorteilhafter Handel möglich ist. Was seit über dreißig Jahren mit Darjeeling funktioniert, soll nun auch mit Kokosnussöl gelingen.

Hans Peter Mankel bezieht sein Kokosöl von zwei Bio- und Fairtrade-zertifizierten Plantagen auf den Philippinen – und einem besonderen Projekt auf Papua-Neuguinea. Dort sammeln 200 Kleinbauernfamilien vom Volk der Tolai die wildwachsenden Früchte im Regenwald, statt eigene Kokosnuss-Plantagen zu betreiben. Die Kokosnüsse werden vor Ort verarbeitet. Durch langfristige Abnahmeverträge haben die Familien ein regelmäßiges Einkommen und können damit zum Beispiel die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren. Gleichzeitig gilt die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes als der beste Schutz vor dessen Zerstörung.

Tropische Waren wie das Kokosnussöl, Tee oder Kaffee wohlüberlegt zu verwenden und wertzuschätzen, dafür setzt sich Mankel mit seiner Arbeit ein. „Ich finde: Wenn wir diese weitgereisten Spezialitäten nutzen, dann doch so fair und nachhaltig wie möglich.“ kokosnuss-kampagne.de