Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.07

Gehört ein echter Korken in die Weinflasche?

Kolumne von Tanja Busse
In unserer Plastikwelt gibt es einen merkwürdigen Hang zum Authentischen. Je mehr industriell hergestellte Imitate produziert und gekauft werden, desto gefragter ist „das Authentische“. Zu Recht steht das Wort im Wörterbuch für Dummdeutsch, weil es nichts anderes heißt als echt – in wichtigtuerisch.
 
Doch wie steht es mit dem Echten? Als ökologisch denkender Mensch möchte ich auf das Echte natürlich nicht gerne verzichten, und schon gar nicht auf den genussvollen Spott über Leute, die Kleidung aus Leopardenfellimitat tragen oder die sich Fototeppiche auf den Boden legen, Laminat genannt, oder die Weinflaschen mit Plastikkorken kaufen.

In eine Weinflasche, finde ich, gehört ein echter Korken, aus dem Kork einer portugiesischen Korkeiche, schon allein deshalb, weil das symbolisch so stimmig ist. Ein uralter knorriger Rebstock, ein Keller mit alten Eichenholzfässern (Barrique, auch sehr authentisch) und klassisch-schlichte Flaschen, die mit dem Korken eines hundert Jahre alten Baumes verschlossen und Jahre später mit einem sinnlichen Plopp geöffnet werden. Das ist slow food, very slow food. Ein Genuss der Langsamkeit in einer immer schnelleren Welt.

Die Korkeiche könnte zum Symbol der Globalisierungsgegner werden, so ein wunderbar widerständiger Baum ist sie. Unbeeindruckt von hektisch ausgerufenen Gewinnerwartungen verweigert sie sich der Beschleunigung. Ein Vierteljahrhundert lässt die Korkeiche ihren Besitzer auf die erste Ernte warten. Danach darf die abgestorbene Rinde frühestens nach neun Jahren wieder abgeschält werden. Die Ausbeute pro Baum: etwa 4000 Korken in einem Jahrzehnt – das ist totale Effizienzverweigerung. Trotzdem verdienen damit mehr als 100.000 Menschen ihren Lebensunterhalt.

Die Korkeichenwälder rund ums westliche Mittelmeer gehören zu den artenreichsten Waldformen der ganzen Welt. Bis zu 135 verschiedene Pflanzen wachsen auf einem
Quadratmeter, schwärmt der WWF, Zugvögel rasten zwischen den alten Eichen, in denen sich Wildkatzen, Geier und Geckos verstecken.

Der Korken aus Kork wäre also perfekt – wenn er nicht gelegentlich 2,4,6-Trichloranisol enthielte. Das ist gesundheitlich unbedenklich, doch es verdirbt den Geschmack des Weins. Selbst bei teuren Korken kommt es vor. „Da muss man durch“, sagt meine Freundin Corinna, die ein Weinlokal mit Bioweinen führt. „Kork ist eben ein Naturprodukt.“

Wenn das Echte gleichzeitig auch das Schöne und das ökologisch Gute ist, dann darf es sich ruhig der technischen Fehlerfreiheit verweigern, denke ich und stimme Corinna zu – bis ich mit Timo Dienhart tele-foniere. Er ist ein Ökowinzer und holt auf meine kurze Frage nach dem Korken zu einer längeren Betrachtung aus, an dessen Ende der Naturkorken nicht mehr so unangefochten die Nummer Eins ist. Dienhart sagt den schlichten Satz: „Wenn ich die Aus-fälle durch Korkschmecker einrechne – und das sind immerhin ein bis fünf Prozent – ist der Naturkorken nicht das Beste.“ Von dessen positiver Ökobilanz – vom Freiburger Öko-Institut wissenschaftlich bestätigt – müsse man den Schaden abrechnen, den der Winzer durch Korkschmecker hat. „Ich würde gerne mit dem traditionsreichen und so romantisch zu öffnenden Naturkorken weiterarbeiten. Doch ist es eben sehr ärgerlich, wenn das dem Weintrinker und dem Winzer den Genuss versaut!“, sagt er. Fachleute schätzen den Schaden
auf 2,5 Milliarden Euro weltweit jedes Jahr. Vor allem in den 80ern, als die Weinproduktion boomte und Kork knapp wurde, wurde der Korkschmecker zum Problem.
 
Trotzdem schwärmt Timo Dienhart von Naturkorken in Flaschen aus gesunkenen Schiffen, die den Wein über hundert Jahre unter Wasser gut erhalten hätten. Vor Plastikkorken, sagt er, ekele er sich, und bei den noch nicht ausreichend erforschten Glaskorken mit Silikondichtung ist er skeptisch. Doch gegen den Kronkorken aus Edelstahl, den stainless cap, sei nichts einzuwenden. Auch nicht gegen den Stelvin-Schraubverschluss aus Aluminum.

Doch Weinkäufer seien nostalgisch und hegten Vorurteile gegenüber diesen Verschlüssen. Was erstaunlich ist, denn der Absatz der Naturkorken ist in den letzten acht Jahren auf ein Drittel gesunken. Und das bringt die Korkeichenwälder in Gefahr. Zwar wird Kork auch in vielen anderen Branchen verarbeitet, in Schuhen, als Material zum Dämmen von Häusern und als Fußbodenbelag – doch dazu braucht man nur die Reste. Der Flaschenkorken bleibt das Premiumprodukt, das bis zu einem Euro kosten kann. Wenn man nun einen echten Korken kaufen will, darf man sich nicht täuschen lassen. Es gibt Korken aus Granulat und welche, die mit Kork-mehl bestäubt sind. Nur wenn man sie durchschneidet und Jahresringe erkennt, hat man einen echten Korken vor sich. Einen authentischen sozusagen. Machen Sie das mal! Dann sehen Sie, wie schön ein Korken ist und wie viele Sommer da drin stecken. Dagegen kommt kein Stahldingens an.

ZUR PERSON: TANJA BUSSE
Die Journalistin und Buchautorin (37) recherchiert mit Leidenschaft Lebensmittelskandale. Zuletzt erschien ihr Buch „Die Einkaufsrevolution“, Blessing Verlag, 2006.