Greenpeace Magazin Ausgabe 6.98

Genhirnwäsche

Die PR-Strategen der Gentechnik-Industrie wählen die Zielgruppen ihrer Produkte mit Bedacht: Anfang 1998 brachte Nestlé als Test eine Sondennahrung mit genmanipulierter Soja in deutsche Krankenhäuser. Mit einer neuen Werbekampagne der Konzerne werden nun die Jugendlichen gezielt bearbeitet.

Mit den Fingerspitzen kitzelt das Mädchen zärtlich die Spitze des Maiskolbens, der Junge schaut verzückt in ihre Augen. Doch der Eindruck täuscht. In der Beilage zu „Bravo-Girl“ geht es nicht um Sex, sondern um künstliche Eingriffe ins Leben. Für die 10- bis 16jährigen wird auf acht Seiten in perfekter Bravo-Optik der Eingriff ins Erbgut propagiert: „Was du wissen mußt über Gen-Tech.“

Stephanie (17), Andrei (18) und Susann (18) besuchen einen Bonner Genforscher in seinem Labor. Originaltext: „Erster Eindruck seiner Gäste: ‘Hier sieht’s ja gar nicht aus wie bei Dr. Frankenstein. Und der Typ ist echt okay!‘“ Auch der Genexperte darf etwas sagen: „Mit meiner derzeitigen Forschung zum Thema Waldsterben möchte ich einen Beitrag zum Umweltschutz leisten.“ Und zur Landwirtschaft fällt ihm ein: „Umweltfreundliche Anbaumethoden liegen mir besonders am Herzen.“

Pünktlich zum ersten kommerziellem Anbau von Gentech-Pflanzen auf deutschen Feldern und zur Markteinführung des ersten gekennzeichneten Produkts mit gentechnisch veränderten Zutaten startet die Industrie einen Propagandafeldzug ohne Beispiel. Ziel des Angriffs sind die Köpfe der Jugendlichen.

Auch der „Butterfinger“, der Gentech-Knusperriegel von Nestlé, der in diesen Wochen in die Supermärkte und Tankstellen kommen soll, zielt auf die Jugendlichen. „Imported from the USA“ steht in großen Buchstaben auf der Packung, und winzig daneben: „Aus gentechnisch verändertem Mais hergestellt.“ Offenbar hofft Nestlé, daß Jugendliche den Knusperriegel hip finden oder der Genmanipulation wenigstens gleichgültig gegenüberstehen.

Die PR-Strategen der Gentech-Konzerne wählen die Zielgruppen ihrer Produkte stets mit Bedacht: Anfang 1998 brachte Nestlé zum Auftakt eine Sondennahrung im Infusionsbeutel mit gentechnisch veränderter Soja in die deutschen Krankenhäuser. Jetzt sind die Jugendlichen an der Reihe. Die bunten Beilagen von Monsanto und Novartis, die in „Bravo-Girl“ und in anderer Form auch im Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung „Jetzt“ erschienen, sehen dem jeweiligen redaktionellen Umfeld zum Verwechseln ähnlich. Die Glaubwürdigkeit der Redaktionen von „Bravo“ und „Jetzt“ soll auf die Gentechnik-Werbung abfärben. Der Hinweis, daß es sich nicht um Journalismus, sondern um Werbung handelt, wird klitzeklein in dem Wörtchen „Anzeige“ versteckt.

Genau so hatte es im vergangenen Jahr die weltweit operierende PR-Agentur Burson Marsteller in einem geheimen Strategiepapier für die Gentech-Riesen geplant. Das Image von Novartis, Monsanto, Pioneer, Hoechst-Agrevo und DuPont ist angeschlagen, also sollen sie nicht für sich selbst sprechen, sondern mit viel Geld die Glaubwürdigkeit von scheinbar neutralen Mittlern einkaufen. Und das passiert jetzt.

Auf jeden Fall solle die Gentech-Industrie die „killing fields“ vermeiden, Themen wie Umwelt- und Gesundheitsgefahren durch Genmanipulation, hieß es in dem Burson-Marsteller-Papier. Statt dessen sollten schöne, menschliche Geschichten vom Nutzen der Gentechnik erzählt werden. Das fällt den Broschürenmachern aber noch sichtlich schwer: Denn für die Verbraucher haben gentechnisch veränderte Lebensmittel derzeit keinen Nutzen. Die Impfung gegen Kinderlähmung, die in die Gene einer Banane eingebaut ist, existiert bisher nur in den Zukunftsträumen der PR-Strategen. Vorteile aus der Durchsetzung der Gentechnik haben bislang nur die Chemie- und Saatgutkonzerne.

Deshalb, und weil es an Geld nicht fehlt, laden die Unternehmen immer wieder Journalisten zu aufwendigen Reisen ein: Vier Tage mit Monsanto nach Amerika, drei Tage im Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich mit Novartis, da lassen sich vor allem wirtschaftlich nicht so gefestigte Journalisten gerne von den Segnungen der Gentechnik überzeugen. Zumal ja hin und wieder auch ein lukrativer Auftrag abfällt. So präsentierte der Journalist Udo Tschimmel aus Hennef im September auf einem internationalen Gentechnik-Kongreß seine „Da Vinci Media Group“, mit der er für die Industrie Multimedia-CDs, Websites und Filme produzieren möchte. Die Industrie wäre dumm, würde sie auf dieses Angebot nicht eingehen, denn gleichzeitig produziert Tschimmel den ZDF-Film „Saat der Hoffnung“ – einen Sechsteiler über Landwirtschaft und Welternährung mit dem Fokus auf Biotechnologie. Am 10. Januar 1999 beginnt um 16 Uhr die Ausstrahlung auf 3sat. Wieviel Kritik wird sich Tschimmel gegenüber seinen Auftraggebern aus der Industrie wohl erlauben?

Auch Hans-Günther Gassen, Professor an der Technischen Universität in Darmstadt, gibt sich den Anschein der Neutralität: Wenn er gefragt wird, betont er als Wissenschaftler meist die Nützlichkeit und Ungefährlichkeit der Gentechnik. Zugleich ist Gassen aber „senior consultant“ der „Genius Biotechnology GmbH“, die der Industrie „PR-Management“ und Kommunikationsstrategien anbietet: Kommt einer seiner Kunden in Bedrängnis, kann der bezahlte PR-Berater Gassen den neutralen Gentechnik-Experten Gassen zum Abwiegeln an die Front schicken. Und weil alles so gut paßt, mischt Gassens „Genius GmbH“ auch beim ZDF-Lieferanten „Da Vinci“ mit.

An Aufwand für die Überzeugungsarbeit läßt es die Industrie nicht fehlen: In Zusammenarbeit mit der bayerischen Staatsregierung läßt sie ein „Biotech Mobil“ täglich in bayerischen Schulen Werbung für die neue Technik machen. „Gentechnik ist die Summe aller Technologien, die einen sinnvollen Umgang mit dem Erbgut lebender Zellen erlauben“, heißt es in den Biotech-Mobil-Unterlagen. Heißt im Klartext: Gentechnik ist per se sinnvoll. In fünf großen deutschen Museen wurde die Ausstellung „Gen-Welten“ lanciert. Der finanzielle Aufwand für all diese Aktivitäten geht in den achtstelligen Bereich, allein die PR-Profis von Burson Marsteller hatten für ihre Beratungsleistung über zwei Millionen Dollar angesetzt.

Noch sagen 84 Prozent der Bundesbürger in einer Spiegel-Umfrage, daß sie den Gentech-Riegel „Butterfinger“ nicht kaufen werden. Doch es ist nicht ausgeschlossen, daß der Millionenaufwand die Konsumentenstandpunkte verschiebt. Im Juni diesen Jahres gewann die Gentechnik-Industrie in der Schweiz eine Volksabstimmung, nachdem das Meinungsklima lange gegen sie gestanden hatte. Dem Werbeetat von etwa 42 Millionen Mark hatten Schweizer Umwelt- und Verbraucherverbände nichts entgegen zu setzen.

An mangelnder Public-Relations-Arbeit wird der „Butterfinger“ also nicht scheitern. Trotzdem sieht die „Wirtschaftswoche“ die Marktaussichten der Knusperriegel skeptisch: „Die sind saumäßig zäh und hart – da beißt man sich die Zähne aus“, zitiert das Blatt einen Tankstellenbesitzer aus dem schwäbischen Rottenburg.

Von TIMM KRÄGENOW

WIDERSTAND IST MÖGLICH

Noch können sich die Verbraucher gegen Gentech-Produkte wehren, meint Greenpeace-Experte Jan van Aken.

GPM: Welche Strategien lassen sich bei den Befürwortern von Gentechnik in Lebensmittel beobachten?

VAN AKEN: Ein ganz klares Ziel von Nestlé und Co ist es, bei den Verbrauchern ein Ohnmachtsgefühl zu erzeugen. Es soll der Eindruck erweckt werden, daß ohnehin schon überall Gentechnik drinsteckt und jeglicher Widerstand dagegen zwecklos ist. Tatsache ist aber, daß auf dem deutschen Markt noch kein einziges gekennzeichnetes Produkt auf breiter Basis in den Supermarkt gebracht wurde. Der Butterfinger, für dieEinführung der Gentechnik das Vorreiter-Produkt von Nestlé, kommt übrigens nur äußerst schleppend in die Regale.

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks behauptet, in einigen Jahren werde es in deutschen Bäckereien Brot nur noch aus gentechnisch verändertem Getreide geben.

Das ist auch Teil dieser Ohnmachts-Kampagne. Mich würde interessieren, wer dem Verband diese Mischung aus Halbwahrheiten und Falschinformationen eingeflüstert hat. Wir haben in den letzten Monaten Brote in ganz Deutschland auf gentechnisch veränderte Soja untersucht und kein einziges gefunden. Die deutschen Bäcker sind schließlich besser als ihr Ruf. Der Zweck solcher Statements ist ziemlich durchsichtig.

Nestlé sagt, Gen-Mais und gentechnikfreier Mais ließen sich nicht mehr trennen.

Es gibt andere Hersteller, die beziehen zehnmal mehr Mais, auch aus den USA, und können garantieren, daß ihr Mais gentechnik-frei ist. Die Trennung ist möglich und wird auch in den USA praktiziert. Nestlé will den Bann brechen, daß sich bisher niemand traut, in Deutschland ein genmanipuliertes Produkt einzuführen.

Jetzt soll der Butterfinger ja kommen.

Mal sehen. Das ist eine schleichende Markteinführung, ohne großen Knall, ohne große Werbekampagne. Vielleicht hat Nestlé die Hoffnung, daß beim dritten oder vierten Produkt der Widerstand nachläßt, weil ein Gewöhnungeffekt eingetreten ist.

Ist denn die Markteinführung von Gentech-Lebensmitteln überhaupt noch zu stoppen?

Das werden die Verbraucherinnen und Verbraucher entscheiden. Aber dafür müssen die Menschen erstmal richtig darüber informiert werden, was sie kaufen und essen. Und daran hapert es sehr. Die Kennzeichnung, soweit überhaupt vorgeschrieben, geht in der Zutatenliste vollkommen unter.

Ein weiteres Konfliktfeld, im Wortsinne, ist die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen.

Seit zwölf Jahren gibt es Freisetzungsversuche, aber in diesem Jahr erleben wir zum ersten Mal den kommerziellen Anbau von gentechnisch verändertem Mais in Deutschland. Der Schweizer Konzern Novartis hat auf einer relativ kleinen Fläche, auf 350 Hektar, Mais anbauen lassen, der von selbst ein Eiweiß aus dem Bodenbakterium Bacillus thuringiensis bildet, das gegen den Schädling Maiszünsler wirkt. Besonders problematisch ist daran, daß dieser Mais wegen der verwandten Gentechnik-Methoden ein Resistenz-Gen gegen das wichtige Antibiotikum Ampicillin enthält. Es ist nicht auszuschließen, daß diese Resistenz auf Bakterien bei Tieren und Menschen übertragen wird. Dabei ist die Medizin darauf angewiesen, daß dieses Antibiotikum auch weiter gegen Infektionskrankheiten wirksam bleibt.

Wie hat Novartis den ersten kommerziellen Anbau für die Öffentlichkeit dargestellt?

Es gibt zwar eine breite allgemeine Werbekampagne von Novartis, aber der kommerzielle Anbau wurde zunächst geheimgehalten. Im Sommer, also schon ein oder zwei Monate nachdem der Mais gepflanzt worden war, stand ein kleiner Hinweis auf der Novartis-Homepage im Internet. Auch hier läßt sich die Strategie der schleichenden Einführung beobachten. Die große Debatte will auch Novartis vermeiden, denn die würden sie verlieren. Für die Bauern haben sie dagegen sehr viele Informationsveranstaltungen gemacht, um Landwirte zu finden, die bereit waren, den Gen-Mais auf ihre Felder zu lassen. Die Bauern wissen aber genau, wie groß die Ablehnung der Verbraucher ist. Deshalb konnte Novartis nur einen Teil seines Saatguts verkaufen.

Wie geht es mit dem kommerziellen Anbau weiter?

Im nächsten Jahr wird es keinen Genmais-Anbau geben, wenn wir so erfolgreich weitermachen wie bisher. Ende September hat der französische Staatsrat in Frankreich per einstweiliger Verfügung entschieden, daß die Zulassung von gentechnisch verändertem Mais nicht rechtens ist. Das könnte der schnellste Weg sein, den Gen-Mais in Europa wieder vom Acker zu kriegen. Die Begründung des Gerichts war, daß die Risiken der Antibiotika-Resistenz nicht ausreichend geklärt waren, und deshalb hätte die Zulassung nicht erfolgen dürfen. Dieses Argument gilt sowohl in Deutschland wie in Frankreich.

Was haben wir in Deutschland zu erwarten?

Auch das Umweltbundesamt sagt, daß Antibiotika-Resistenzen gefährlich sind. Wir werden abwarten, ob sich die neue Bundesregierung zu einem Verbot solcher Resistenzen entschließen kann. Sowohl die SPD als auch die Grünen haben sich im Wahlkampf dafür stark gemacht.

JUGENDLICHE ALS VERSUCHSKANINCHEN

Das erste Genfood-Produkt für den deutschen Markt, der Schokoriegel „Butterfinger“ von Nestlé, zielt auf die jugendlichen Verbraucher, denn dort erhofft sich die Industrie den geringsten Widerstand gegen gentechnisch manipulierte Produkte. Dabei lehnen 71 Prozent der 16- bis 29jährigen die Entwicklung und Einführung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ab, so eine Umfrage der „GfK Marktforschung“ vom September 1996. „Daß sich Nestlé ausgerechnet die Jugendlichen als Versuchskaninchen für ihre Gentech-Experimente nimmt, ist unverantwortlich und unanständig“, sagt Dietmar Kress vom Greenpeace-Jugendprojekt. Komme der Butterfinger tatsächlich auf den Markt, würden sich Greenpeace und die Jugendlichen etwas einfallen lassen. Mehr will Kress noch nicht verraten: „Auch Nestlé soll sich mal auf eine Überraschung freuen dürfen.“

Infos gibt es bei Greenpeace e.V., Gentechnik-Kampagne, 22745 Hamburg