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Greenpeace Magazin Ausgabe 6.07

Giftige Puppen

Text: Gül Bennett

Weil immer mehr gefährliches Spielzeug aus China nach Europa kommt, droht die Europäische Kommission vor Beginn des Weihnachtsgeschäftes mit einem Einfuhrstopp.

Kühn ist sie, die neue bulgarische EU-Kommissarin für Verbraucherschutz. Erst seit Januar im Amt, preschte Meglena Kuneva in der Debatte um giftiges Spielzeug vor und drohte China mit einem Einfuhrstopp für Spielwaren. Die Juristin und Expertin für Umweltrecht forderte Peking auf, einen detaillierten Bericht zur Verbesserung der Sicherheitskontrollen von Spielzeug vorzulegen. China hatte die massive Kritik lange als bloße Übertreibung abgetan. „Wenn China bis Oktober keine ausreichende Antwort auf unsere Anfrage gibt, werden wir bestimmte Produkte sperren“, erklärte die Kommissarin, die als zäh gilt. Ähnlich forsch warf sie kurz darauf Bryan Stockton, Vizepräsident des weltweit größten Spielzeugherstellers Mattel, unentschuldbare Schludrigkeit vor. „Man kann nicht warten, bis etwas schief läuft. Mattel und die Spielzeugindustrie müssen wachsamer sein.“

Tatsächlich sind die meisten westlichen Markenkonzerne dazu übergegangen, ihre Produkte billig in Fernost anfertigen zu lassen. 80 Prozent des weltweit verkauften Spielzeugs werden inzwischen dort hergestellt. Ungeniert schieben die Hersteller aber alle Verantwortung von sich, wenn die Fabrikanten westliche Qualitätsansprüche, Sozialauflagen oder Umweltstandards verletzen. Dass Kuneva auf dem Kriegspfad ist, ist deshalb Ergebnis einer überfälligen Einsicht: Die Spielzeughersteller haben versagt und die Politik ist gefragt.

Mehrere große Rückrufaktionen für Barbie & Co. hat es in den vergangenen Wochen gegeben. Insgesamt rief Mattel weltweit 21 Millionen in China hergestellte Puppen, Autos und andere Spielsachen zurück. Diese waren mit bleihaltiger Farbe lackiert oder enthielten lose Magneten, die Kinder verschlucken könnten. Erst nach Wochen entschuldigte sich der US-Konzern zumindest wegen der Magneten beim „chinesischen Volk“: Es treffe keine Schuld, Mattel-Designer hätten den Fehler gemacht. Auch der US-Spielzeughändler Toys R‘Us musste 27.000 Malkästen aus China zurücknehmen – ebenfalls wegen Bleifarben. Keine Bagatelle: Das Schwermetall kann zu Hirnschäden führen. Blei ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Das Umweltbundesamt stellte jüngst eine Studie vor, für die Mediziner 1790 Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren untersuchten. Sie fanden in Blut und Urin neben Blei oder dem Insektengift DDT auch hohe Konzentrationen von schädlichen Weichmachern, die auch in Spielsachen stecken. „Wir würden strengere Vorschriften und systematische Kontrollen von Importprodukten begrüßen“, sagt Marike Kolossa-Gehring, Leiterin der UBA-Studie.

Bislang reicht für die Vermarktung von Spielwaren in der EU die sogenannte CE-Kennzeichnung. Sie wird allerdings von den Herstellern nach unternehmensinternen Tests in Eigenregie vergeben. Damit soll nun Schluss sein. Die EU-Kommission will jetzt – nicht zuletzt dank der aktuellen Aufregung – die Spielzeugrichtlinie überarbeiten, die aus dem Jahr 1988 datiert und damit dringend überholungsbedürftig ist. 900 gefährliche Chemikalien sollen im Rahmen der Reform weitgehend aus Spielsachen verbannt werden. „Ein Schritt in die richtige Richtung“, meinte die grüne EU-Parlamentarierin Hiltrud Breyer. Die Kommission packe das Problem gefährlicher Spielwaren endlich an der Wurzel. Die Neufassung soll noch vor Weihnachten wirksam werden. EU-Industriekommissar Günter Verheugen stellte zudem eine Art Spielzeug-TÜV in Aussicht, der alle Prototypen von Spielsachen für den EU-Markt überprüft und auch Produktionsstätten in China inspiziert. Denn wichtiger noch als strikte Auflagen sind wirksame Kontrollen – darin sind sich alle Experten einig. Angesichts der Flut von Spielzeug in Kinderzimmern, sollten sich Eltern überdies überlegen, ob nicht auch ein „Importstopp“ zu Hause eine gute Idee ist.

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