Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 3.12

Giftkrieg auf dem Acker

Text: Richard Rickelmann

Höhere Erträge, weniger Kosten und sogar die erfolgreiche Bekämpfung des Welthungers – all das hatte Monsanto versprochen. Nichts davon hat die Wunderwaffe Gentechnik eingelöst. 
Dennoch macht der US-Agrarmulti glänzende 
Geschäfte, denn mit der Gen-Saat liefert er das Spritzmittel Glyphosat gleich mit, das alles außer den genmanipulierten Pflanzen tötet. Die Folgen sind dramatisch: Immer mehr Unkräuter bilden Resistenzen, der Einsatz der Agrargifte hat sich verdoppelt, viele Bauern sind verschuldet, Kinder kommen mit Missbildungen zur Welt. Die Behörden schauen weg. Monsanto ist zu mächtig

Kaum ein Konzern hat so viel Unheil angerichtet wie Monsanto. Der Name steht für Skrupellosigkeit und Korruption, Skandale und Manipulationen, für globale Umweltvergiftung und Betrug. Ein Beispiel ist Glyphosat, das höchst umstrittene und weltweit gebräuchlichste Unkrautvernichtungsmittel. Dabei hätte es das Desaster mit Glyphosat und anderen Herbiziden laut der Versprechungen von Monsanto & Co. gar nicht geben dürfen. Denn die Konzerne hatten anfangs um die breite Zustimmung zur grünen Gentechnik mit dem Argument geworben, diese würde den Einsatz von Pestiziden nahezu überflüssig machen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Von Jahr zu Jahr müssen die Landwirte größere Herbizidmengen auf ihren Feldern ausbringen.

Glyphosat ist die Ursache dafür, dass eine wachsende Zahl von Unkräutern gegen das Breitbandherbizid teilweise oder vollständig resistent ist. Forscher sprechen inzwischen von Super-Unkräutern, die durch die Vernichtung anderer Unkrautarten noch üppiger wuchern können. Das Mittel der Industrie dagegen: noch mehr Herbizide.

Auf dem Acker tobt ein Krieg, ein Giftkrieg. Und der füllt den Pestizidherstellern immer üppiger die Kassen. Im Jahr 2007 stieg in den USA der Spritzmittelverbrauch um 20 Prozent und im Jahr 2008 um 27 Prozent. Inzwischen werden auf den Feldern mit genmanipulierten Pflanzen doppelt so viele Herbizide eingesetzt wie im herkömmlichen Landbau. Im Vergleich landeten nach einer US-Studie zwischen 1996 und 2008 rund 144 Millionen Kilogramm mehr Chemikalien auf Gen-Äckern. Das Herbicide Resistance Action Committee (HRAC) hat im Januar 2011 eine Liste mit 197 Arten von Kräutern und Pflanzen veröffentlicht, die gegen eines oder mehrere Herbizide resistent sind. Über 420.000 Felder, hauptsächlich in den USA, Kanada und Südamerika, sind laut HRAC davon betroffen.

Die gegenüber Spritzmitteln unempfindlichen Pflanzenarten werden zu einem immer größeren Problem. In den großen Gen-Soja-Anbaugebieten sind die Super-Unkräuter mittlerweile zu einer Plage geworden. In den USA haben sich beispielsweise einige resistente Fuchsschwanzgewächse, die bis zu zweieinhalb Meter hoch werden, auf rund 700.000 Hektar der Baumwoll- und Sojaflächen der Südstaaten Georgia, North Carolina und Arkansas so stark ausgebreitet, dass immer mehr Landwirte vor diesem Problem zu kapitulieren drohen. In Georgia sahen sich seit 2005 bereits etliche Farmer gezwungen, den Baumwollanbau aufzugeben. Sie kamen gegen das wuchernde Unkraut nicht mehr an.

Vor allem der Anbau von Gen-Soja führt dazu, dass immer stärkere Giftkonzentrationen zum Einsatz kommen. Vorsorglich ist der Grenzwert für Glyphosat-Rückstände in Soja auf den extrem hohen Wert von 20 Milligramm pro Kilogramm heraufgesetzt worden. Und das, obwohl der Anbau der gentechnisch veränderten Bohnen in Verbindung mit dem Einsatz von Glyphosat zu schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden bei Menschen und Tieren führen kann: Eine epidemiologische Studie in Paraguay ergab, dass Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft Herbiziden ausgesetzt waren, Geburtsfehler aufwiesen, insbesondere Mikrozephalie (kleiner Kopf), Anenzephalie (Fehlen von Teilen des Gehirns und des Kopfes) und Fehlbildungen des Schädels.

Eine weitere Studie an kanadischen Bauernfamilien in Ontario zeigte, dass die Verwendung von Glyphosat in den letzten drei Monaten vor der Empfängnis mit einem erhöhten Risiko späterer Fehlgeburten zusammenhing. Laut einer US-Studie kann dieses Totalherbizid bereits in einer Konzentration weit unterhalb der für den landwirtschaftlichen Gebrauch empfohlenen Mengen zu einer Schädigung von menschlichen Embryonalzellen führen.

Als besonders giftig gelten Glyphosat-Mischungen mit POE-Tallowaminen (polythoxylierte Alkylamine), ein Stoff, der das Eindringen von Glyphosat bis in die Wurzelspitzen fördern soll. Mehrere Glyphosat-Produkte aus dem Hause Monsanto enthalten POE-Tallowamine, aber auch andere Hersteller haben mittlerweile die brisante Mischung im Programm.
Diese Mischungen sind so giftig, dass sich deutsche Behörden Mitte 2010 gezwungen sahen, den Einsatz von Glyphosat-
Mischungen zu beschränken. Am 1. Juni 2010 verschickte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit eine eindringliche Warnung: „In den vergangenen zwei Jahren häuften sich Berichte über toxikologische Effekte bei glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln. Dabei erhärtete sich schnell der Verdacht, dass diese Effekte ... auf den Beistoff, die POE-Tallowamine (polyethoxylierte Alkylamine) zurückzuführen sind.“

POE-Tallowamine können über Futtermittel in tierische Produkte gelangen und die Gesundheit der Verbraucher gefährden. Dieser Stoff, schrieb die Biologin Martha Mertens in einer Studie für den Naturschutzbund Deutschland, schädige, wie auch Glyphosat, „menschliche Zellen und führe zu deren raschem Absterben, selbst bei Konzentrationen, wie sie in der agronomischen Praxis auftreten können.“ POE gelte als besonders toxisch. Dennoch wurden bisher in Deutschland lediglich Auflagen für die Landwirte erlassen. Ungewiss aber ist, ob diese auch befolgt werden. „In den USA“, stellte der Gentech-Experte Christoph Then fest, „werden die Landwirte darüber informiert, nur spezielle Glyphosat-Mischungen zu bestimmten Zeiten zu verwenden. Ob die Ratschläge beim Anbau von Soja in Nord- und Südamerika eingehalten werden und in welchem Umfang Rückstände von Glyphosat und POE-Tallowaminen in den von Deutschland importierten Futtermitteln auftreten, ließe sich nur durch umfangreiche Rückstandskontrollen überprüfen.“

Die dafür zuständigen Behörden aber schauen weg. Nicht anders verhalten sich auch die Regierungen. Der über Jahrzehnte praktizierte Schulterschluss mit der Industrie macht sie tatenlos. Weder in den USA noch in der EU wurden bislang ausreichende Kontrollen über die Auswirkungen dieser exzessiven Giftanwendungen und die genaue Höhe der Rückstände in Futter- und Lebensmitteln veranlasst, auch in Deutschland nicht. Eine riskante Fahrlässigkeit, schließlich können über die importierten Eiweißfuttermittel Gifte auch in tierische Produkte wie Eier, Milch und Fleisch gelangt sein. Mit möglicherweise fatalen Auswirkungen für den Verbraucher.

Vorgeschoben werden Kosten, weil die Nachweisverfahren teurer als bei anderen Spritzmitteln sind. Tatsächlich aber sind andere Faktoren für diese ignorante Haltung verantwortlich: Monsanto ist vor allem in den USA, zunehmend aber auch in Europa, eine politische Macht. Seit Jahrzehnten weiß das Management seinen Einfluss in der Politik für seine Interessen zu nutzen. Der Konzern hat in beiden US-Parteien sowie den staatlichen Kontrollbehörden wichtige Helfer positioniert und auch in Europa ein Heer von Lobbyisten im Einsatz. Für sein rücksichtsloses Vorgehen musste sich Monsanto selten verantworten. Und wenn sich doch mal ein Gericht mit den angerichteten Schäden befasste, ging es für den Konzern stets glimpflich aus.

­Dieser Text ist ein Auszug 
aus dem soeben im Econ Verlag erschienenen Buch 
„Tödliche Ernte – Wie uns das Agrar- und Lebens­­mittel­kartell vergiftet“ von Richard Rickelmann (320 Seiten, 18 Euro). Der Journalist rechnet in seinem neuesten Werk 
mit den Machenschaften von Monsanto & Co. ab

Totgespritzt
Greenpeace-Gentechnikexperte Dirk Zimmermann

über den Einsatz von Glyphosat in Deutschland

In Deutschland wachsen keine Gentech-Pflanzen. Wird Glyphosat hierzulande dennoch eingesetzt? Und ob. Glyphosat ist auch bei uns das populärste Unkrautvernichtungsmittel. Auf jedem dritten Acker landen glyphosat­haltige Her­bizide, mehr als 15.000 Tonnen pro Jahr. Hierzulande 
werden sie vor der Aussaat eingesetzt, um das Feld 
keimfrei zu machen. Und kurz vor der Ernte. Üblich ist das zum Beispiel bei Getreide und Raps. Durch das 
Tot­spritzen soll ein gleichmäßiger Reifeprozess erreicht und aufwendiges 
Nachtrocknen vermieden werden.

Welche Gesundheitsrisiken bestehen für den Verbraucher? Das ist schwer zu 
sagen. Es gibt so gut wie keine Rückstandskontrollen, da diese sehr aufwendig und teuer sind. Bei Glyphosat ist nicht die akute Giftigkeit das Gefährliche, sondern die Chemikalie kann – wie viele Studien nachgewiesen haben – 
das Erbgut schädigen und den Hormonhaushalt beeinträchtigen. Außerdem 
reichert sich der Stoff im Boden an. Richtig gefährlich wird es, wenn das 
Totalherbizid mit Tallowaminen versetzt ist. Einige dieser hochtoxischen 
Zusätze sind bereits verboten.


Aber Glyphosat bleibt weiterhin für jeden in jedem Baumarkt erhältlich? Bis 2015 auf jeden Fall. Dann steht die Neuzulassung auf EU-Ebene an, die eigentlich schon dieses Jahr fällig gewesen wäre. Wir fordern eine Neubewertung des Ackergifts, das seit den 70er-Jahren auf dem Markt ist. Bislang wurde einfach der Grenzwert hochgesetzt, wenn zu hohe Werte gefunden wurden. Bei 
Linsen geschieht das gerade – die Europäische Lebensmittelbehörde plant, den Grenzwert um mehr als das Hundertfache zu erhöhen. Das ist unglaublich.

Linktipp: Video „Gentech Landwirtschaft“ auf www.youtube.de