Greenpeace Magazin Ausgabe 3.00

Glänzende Geschäfte mit schmutzigen Folgen

Ganze Berge werden abgetragen, Flüsse vergiftet und Ureinwohner von ihrem Land vertrieben — das ist der wahre Preis des Goldes.

Vom Welt-Wasser-Tag haben die Gabadi auf Papua-Neuguinea noch nie etwas gehört. Und doch werden sie den 22. März 2000, einen Mittwoch, so schnell nicht vergessen. Wie jeden Tag waren Transporthelikopter im Tiefflug über ihr abgelegenes Siedlungsgebiet gedröhnt, mitten im bergigen Dschungel, rund 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt Port Moresby. Wie meist baumelten schwere Lasten unter dem Hubschrauber des australischen Minenkonzerns Dome Resources, der sich durch dichten Regen zur Tolukuma-Goldmine kämpfte: zwei Behälter mit je einer Tonne hochkonzentriertem Natriumzyanid. Als die Maschine die Mine erreichte, fehlte eine Tonne des tückischen Stoffs, der zuletzt bei der Minenkatastrophe im rumänischen Baia Mare traurige Bekanntheit erlangt hatte, als er in den Flüssen Theiß und Donau weithin jegliches Leben auslöschte.

„Die Manager der Tolukuma-Mine haben erst versucht das Unglück geheim zu halten und das Gebiet komplett abgesperrt“, beschwert sich Daniel Mona, ein Sprecher der kleinen Volksgruppe, die im Yaloge-Flusstal von Ackerbau und Jagd existiert, „dabei ist jetzt Gift im Wasser, und viele sind auf den Fluss als Trinkwasserquelle angewiesen.“ Ausgerechnet am Welt-Wasser-Tag, an dem eine internationale Konferenz in Rotterdam wolkig den Schutz der weltweiten Trinkwasserreserven anmahnte, ein unkalkulierbares Risiko.

Positive Erfahrungen haben die Ureinwohner mit der Mine bislang nicht gemacht. Mal fallen Ölfässer oder eine Bulldozer-Schaufel beim Hubschraubertransport in eines der Dörfer, erzählt Mona. Und täglich kippt die nur aus der Luft erreichbare Goldmine im Bergland Papuas ihren zyanid- und schwermetallhaltigen Müll, so genannten Abraum, in ein Flusstal, berichten übereinstimmend Gabadi und Umweltgruppen.

Der Goldabbau, wie ihn vor allem australische, britische, US-amerikanische und südafrikanische Minenkonzerne in aller Welt betreiben, macht Brunnenvergiftung gleichsam zur Geschäftsgrundlage. Unbehelligt von Umweltgesetzen vor allem in der Dritten Welt und ohne Rücksicht auf die Bevölkerung, jagen sie ganze Berge durch ihre Mühlen und laugen das in Spurenelementen enthaltene Gold mit einer Natriumzyanidlösung heraus.

Das lohnt sich schon bei einem Goldgehalt von nur einem Gramm pro Tonne. 99,9999 Prozent des Gesteins enden als hochgiftiger Abfall, der entweder direkt in Täler und Flüsse gekippt wird oder in Rückhaltebecken als ökologische Zeitbombe lauert – wie in Baia Mare, wo der Damm eines solchen Beckens brach (siehe auch Seite 52).

Mit Sieb und Waschpfanne, wie in den Jack-London-Romanen, wird kaum noch Gold gewonnen. Aus Bergwerken, vor allem in Südafrika, kommen knapp zehn Prozent. Gut 200 Tonnen Gold schürfen Millionen Desperados unter Einsatz des gefährlichen Quecksilbers aus Flüssen und der Erde – vor allem in Südamerika, Afrika und Südostasien, wo sich Zigtausende den äußerst giftigen Quecksilberdämpfen aussetzen und die meisten doch nur ein erbärmliches Leben fristen. Fast 80 Prozent der weltweit geförderten rund 2400 Tonnen Gold pro Jahr stammen aus der Zyanidlaugung.

Für Friedhelm Korte, emeritierter Professor für ökologische Chemie der Technischen Universität Weihenstephan, ist die Zyanidlaugung schlichtweg ein „unmögliches und unverantwortliches Verfahren“. Der anerkannte Fachmann beschäftigt sich bis heute mit deren Folgen und macht eine eindringliche Rechnung auf: Pro Jahr zermahlt eine durchschnittliche Mine rund 250.000 Tonnen Gestein, schichtet sie auf 1,5 Hektar Fläche in Haufen auf und sprüht 125 Tonnen Natriumzyanidlösung samt 365.000

Kubikmetern Prozesswasser, die in einem Auffangbecken landen. Ertrag: 750 Kilo Gold (bei drei Gramm Gold pro Tonne Erz). Plus: Zigtausende Tonnen Schlämme mit einem hochtoxischen Cocktail aus Schwermetallen wie Blei, Kadmium, Kupfer, Quecksilber und Giften wie Arsen. „Da werden hunderte von Substanzen herausgewaschen, die in unerforschter Weise miteinander reagieren“, sagt Korte, „niemand kann das verantwortlich handhaben.“

Nach sechs bis acht Jahren ist ein Vorkommen in der Regel ausgebeutet. Zurück bleiben zehn bis 15 Hektar mit verseuchtem Abraum, hunderte Hektar verwüsteter Landfläche und Absetzbecken mit zwei bis drei Millionen Kubikmetern 0,05-prozentiger Natriumzyanidlösung. „Wenn Sie darin schwimmen, sind Sie tot“, urteilt der Professor. Zyanid ist hochgiftig: Schon ein bis drei Milligramm pro Kilo Körpergewicht sind für Menschen tödlich. Ein Drittel der Substanz gelangt als Blausäuregas in die Atmosphäre – weltweit rund 22.000 Tonnen pro Jahr, schätzt der Professor. Er zieht ein eindeutiges Fazit: „Dieser Prozess muss weg!“

Gold ist für Korte viel zu billig. Der Preis für eine Feinunze, die zur Zeit mit rund 290 US-Dollar gehandelt wird, enthält nicht die wahren Kosten: „Allein wenn man die Giftschlämme als Sondermüll entsorgen müsste, wie bei uns für jede andere Industrie üblich, wäre Gold viel teurer.“ In Deutschland oder Frankreich, wo es durchaus Goldvorkommen gibt, die sich mittels Zyanidlaugung ausbeuten ließen, wäre der Einsatz des Verfahrens aus ökologischen Gründen schlichtweg unvorstellbar und gegen die Bevölkerung nicht durchzusetzen. „Deshalb ziehen die Konzerne in verschuldete Dritte-Welt-Staaten oder politisch instabile Systeme, wo die Genehmigung ein paar Groschen kostet“, weiß Umweltchemiker Korte.

Vor allem die Schuldenkrise der Dritten Welt hat viele Staaten gezwungen, ihre Bergbaugesetze zu liberalisieren, um ausländische Minengesellschaften anzulocken – oder Weltbankkredite zu erhalten. „Mehr als 70 Staaten, darunter 31 afrikanische, haben seit den 80er Jahren ihre Gesetze gelockert“, sagt Joachim Rohr von der Organisation Fian, die seit Jahren gegen die sozialen und ökologischen Folgen des weltweiten Goldabbaus mobil macht. Spätestens in zehn Jahren, schätzt er, kommen 50 Prozent des Edelmetalls vom Land indigener Völker. In Staaten wie Papua-Neuguinea, dem südamerikanischen Guyana oder den Philippinen gilt fast die Hälfte der Landfläche als potentielles Schürfgebiet – meist Siedlungsgebiete von Ureinwohnern und entlegene, ohnehin kahlschlagbedrohte Waldgebiete.

Die Willfährigkeit dortiger Regierungen spottet jeder Beschreibung: So sichert das 1995 erlassene neue Bergbaugesetz der Philippinen Minenkonzernen das Recht zu, so viel Holz zu schlagen und Wasser zu nutzen, wie für eine erfolgreiche Operation nötig ist. Bei Widerstand der lokalen Bevölkerung gegen Goldprojekte werden schon mal Polizei und Militär in Marsch gesetzt.

Nach dem bislang schlimmsten Unglück, bei dem 1995 in der Omai-Goldmine des kanadischen Konzerns Cambior in Guyana ein Rückhaltebecken brach und drei Millionen Kubikmeter Zyanid- und Schwermetallschlamm den Fluss Essequibo total verseuchten, wollte das Parlament die Haftungsgesetze verschärfen. Ein Vertreter der Weltbank-Tocher MIGA (Multilaterale Investitions-Garantie-Agentur) flog eigens nach Georgetown, um dies zu verhindern. Mit „Erfolg“, wie die Weltbank-Kennerin Heffa Schücking von der Organisation Urgewald erfuhr: „Das Gesetz verschwand in der Schublade, weil die Weltbank Investitionsgarantien sonst in neue Schulden von Guyana umgewandelt hätte.“

Dabei haben die MIGA und ihre Schwesterorganisation IFC (International Finance Corporation), die Bergbau intensiv fördern, einen entwicklungspolitischen Auftrag. „Die Realität sieht aber so aus, dass der Profit bei den internationalen Konzernen und der Elite bleibt und die Bevölkerung mit über Generationen anhaltenden Umweltschäden alleine gelassen wird“, sagt Schücking.

Verantwortung trägt die Bundesregierung nicht nur als drittgrößter Anteilseigner der Weltbank: Die bundeseigene Deutsche Entwicklungs- und Investionsgesellschaft (DEG) hat alleine in die berüchtigte Gold- und Kupfermine Ok Tedi auf Papua-Neuguinea fast 80 Millionen Mark investiert. Noch 1996 lobte sie in einem Geschäftsbericht, „der Betrieb der Mine“ laufe „zufriedenstellend“. Dabei kippt die gigantische Grube, die federführend vom australischen Konzern Broken Hill Proprietary (BHP) betrieben wird, täglich 80.000 Tonnen giftigen Dreck in den Ok-Tedi-Fluss.

Im Sommer 1999 erklärte selbst BHP, dass „die Mine nicht im Einklang mit unseren ökologischen Zielen steht und sich das Unternehmen nie daran hätte beteiligen dürfen“. Das hätte die Firma schon 1984 wissen können, als die Mine in Betrieb ging. Doch in einem Vertrag mit der Regierung hatte BHP sich 1976 von den auf dem Papier scharfen Umweltgesetzen des Landes ausnehmen oder seine Anwälte Gesetzesentwürfe formulieren lassen, die Klagen gegen die Mine mit 100.000 Mark Strafe bedroht.

Die deutsche Degussa (seit 1999 Degussa-Hüls AG), die bis 1990 an der Mine beteiligt war, zog sich hingegen zurück, als der größte Teil des Goldes ausgebeutet war. Am Edelmetall verdient die „Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt“ gleich doppelt: an Verfeinerung und Weiterverkauf – und am Zyanid, das für die umweltzerstörerische Goldlaugung verwendet wird. Mit Produktionskapazitäten für 130.000 Tonnen Zyanid jährlich brüstet sich die Firma im Geschäftsbericht als weltweite „Nr. 1“, noch vor DuPont. Für die Folgen fühlt sich Degussa nicht verantwortlich: „Wir schauen uns unsere Kunden an“, sagt eine Sprecherin, „aber wir können nicht immer hinter denen stehen. Die setzen das Zyanid ein, nicht wir.“ Bei „Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen“ sei die Zyanidlaugung umweltverträglich. „Ich weiß nicht, wovon die Dame redet“, ärgert sich Umweltchemiker Korte, „ich kenne jedenfalls keine umweltfreundliche offene Giftmülldeponie.“

Doch wie die international operierenden Minenkonzerne globalisiert sich auch der Widerstand gegen den Goldabbau mit Zyanid. Ob auf den Philippinen oder in der Türkei, wo an fast 800 Orten nach Gold gesucht wird, ob auf der griechischen Chalkidiki-Halbinsel, wo die kanadische Firma TVX, finanziert von der Deutschen Bank, das Edelmetall fördern will, oder auf Papua-Neuguinea – Umweltschützer und Menschenrechtler halten dagegen.

Auf einem „Gold-Gipfel“ in Kalifornien forderten im Sommer letzten Jahres Vertreter von Ureinwohnern aus 21 Staaten ein Ende des großindustriellen Goldabbaus mit giftigen Chemikalien. Er sei unnötig, angesichts von rund 100.000 Tonnen Gold, die in Zentral- und Privatbanken lagern. Da Gold praktisch unzerstörbar ist, lässt es sich hervorragend recyceln. 85 Prozent werden ohnehin für reinen Luxus – vor allem für Schmuck – verwendet.

Zwar stecken erste Projekte noch in den Kinderschuhen, doch die Fian-Vorsitzende Petra Sauerland hofft, dass bald „fair gehandeltes Gold“ auf dem Markt sein wird, das sozial- und umweltverträglich gewonnen wurde – von Kleinschürfern im geschlossenen Verfahren. „Wir dürfen die wahren Kosten des Goldes nicht länger auf die Entwicklungsländer abwälzen“, sagt Sauerland. „Wenn in Ihrem Garten jemand ein zwei mal zwei Meter großes und vier Meter tiefes Loch buddelte, um Gold für ein Paar Ringe auszugraben, und verseuchtes Land zurückließe, würden Sie sich das mit den Ringen sicher noch mal überlegen.“

Für 1 Gramm Gold werden im Durchschnitt 166 Gramm Zyanid eingesetzt und fast 500 Liter Wasser vergiftet.

1 Tonne Abraum fällt an - je 1 Gramm Gold. Der Minen-Müll 1 Jahres ergibt eine LKW-Kette um den Äquator.

80 Prozent des Goldes werden unter Einsatz von Zyanid gewonnen. Pro Jahr werden weltweit 500.000 Tonnen des Ultra-Giftes eingesetzt.

Von MICHAEL FRIEDRICH
Fotos: HANS HANSEN

Baia Mare und die Folgen

Der Dammbruch in der rumänischen Goldmine von Baia Mare, als sich in der Nacht des 30. Januar 100.000 Kubikmeter zyanid- und schwermetallhaltiger Schlämme und Abwässer in die Flüsse Lapus, Somes und Theiß ergossen, gilt als eines der schlimmsten Umweltdesaster in Europa. Nach offiziellen ungarischen Angaben von Ende März fielen der Giftflut 1240 Tonnen Fisch allein in der Theiß sowie alles Leben in Lapus und Somes zum Opfer. Mindestens fünf Jahre wird es dauern, bis sich die Ökosysteme regenerieren. Die Aurul-Goldmine, von der rumänischen Remin und dem australischen Konzern Esmeralda betrieben, arbeitete nach Dritte-Welt-Standards. Esmeralda ließ sich unter Zwangsverwaltung setzen — ein in der Branche beliebtes Mittel, um für die Umweltfolgen nicht haften zu müssen.