Greenpeace Magazin Ausgabe 6.97

GREENPEACE - zur Sache: Die faulen Versprechen der Genlobby

Die Segnungen der Gentechnik werden den Hunger auf der Welt nicht lindern – auf eine gerechtere Verteilung der Ressourcen kommt es an, meint Greenpeacer Benny Härlin.

Bleiben wir bei unseren bisherigen Verhaltensweisen, werden weiterhin 1200 Kinder stündlich an Hunger sterben, weiterhin 800 Millionen Menschen täglich hungern. Hungerbekämpfung ist nur möglich, wenn die Wohlstandsgesellschaft ihre Scheu und ihr Besitzstandsdenken über Bord wirft und bereit ist, neue Technologien, darunter die Gentechnik, zu akzeptieren.“

Mit diesen Worten wirbt die „American Soybean Association“ in Deutschland für die Einfuhr von Futtermitteln aus „Monsantos“ gentechnisch manipulierten Sojabohnen. Das ist unverfroren, denn mehr als ein Drittel der Weltgetreideproduktion wird heute an Rinder, Hühner und Schweine verfüttert – genug zu essen für gut zwei Milliarden Menschen.

Der US-Landwirtschaftsminister Dan Glickman steht solcher Polemik kaum nach: „Wir brauchen die Gentechnik, um die Hungrigen dieser Welt zu ernähren“, sagte er unlängst und klagte, daß die Europäische Union in Bezug auf die Gentechnik „extrem schwierig“ sei. Dabei hat ausgerechnet Glickmans eigenes Ministerium vor wenigen Wochen einen Bericht veröffentlicht, wonach derzeit im Wohlstandsland USA elf Millionen Menschen Hunger leiden, während dort gleichzeitig 27 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden: ein Pfund Essen pro Tag und Einwohner. Die Kosten der Müllabfuhr dafür betragen nach diesem Bericht jährlich rund eine Milliarde Dollar.

Niemand muß heute aus Mangel an Nahrungsmitteln hungern. Weltweit werden gigantische Überschüsse produziert und vernichtet. Millionen Menschen hungern vielmehr, weil sie sich die Lebensmittel, die es im Überfluß gibt, nicht leisten können und weil ihnen der Boden verweigert wird, auf dem sie ihr Essen selbst anbauen könnten. Keine Technologie der Welt wird diese Ungerechtigkeit beseitigen.

Die heutige industrielle Landwirtschaft mit ihren Monokulturen, ihrem chemischen und mechanischen Zerstörungspotential, ihrem gigantischen Energieverbrauch, ihrem Raubbau an den Wasserreserven und der Bodenfruchtbarkeit ist nicht in der Lage, die Ernährungsprobleme des kommenden Jahrhunderts zu lösen. Intensive Landwirtschaft und Agrarfabriken vertreiben die Bauern allmählich von ihrem Land, in Europa wie in den USA und – in weit dramatischerem Ausmaß – in Lateinamerika und Asien. Diese Entwicklung wird zu noch mehr Elend, sozialer Entwurzelung und ökologischen Katastrophen in den wachsenden Elendsvierteln der Megastädte führen.

Es gibt vielfältige Ansätze zur Entwicklung und Rückgewinnung nachhaltiger, den regionalen Gegebenheiten angepaßter Formen der Landwirtschaft und des Handels. Doch Patentrezepte gegen die dramatische Bodenerosion und die Vernichtung der Artenvielfalt, gegen die rasante Wasserverknappung und die Konsequenzen der globalen Erwärmung für die Welternährung gibt es nicht. Wer anderes verspricht, der lügt. Und wer, wie unlängst Helmut Maucher – Aufsichtsratsvorsitzender des weltgrößten Lebensmittelkonzerns Nestlé –, Kritik an der Gentechnik angesichts des Hungers auf der Welt für unmoralisch erklärt, verhält sich selbst in höchstem Maße unmoralisch. Immerhin spricht Maucher offen aus, was andere, etwa Bundeslandwirtschaftsminister Borchert oder ungezählte „Gentechnik-Experten“, nur unterschwellig andeuten.

Nicht diejenigen, die vor den ungeklärten und deshalb inakzeptablen Risiken bei der Freisetzung gentechnisch manipulierter Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen warnen, gefährden die Zukunft der Welternährung. Gefahr geht eher von jenen aus, die mit gentechnologischen Heilsversprechen den Blick für das Notwendige verstellen. Gefährlich sind Milliardeninvestitionen der Chemiegiganten, die eine „gentechnische Revolution“ in der Landwirtschaft wirtschaftlich und forschungspolitisch unumkehrbar zu machen drohen. Gefahr für die Demokratie und für die Moral provoziert schließlich jeder, der behauptet, politische Veränderungen ließen sich durch technische Maßnahmen ersetzen oder vermeiden.

In diesem Sinne sei der American Soybean Association, Nestlé, Monsanto und Minister Borchert dringend empfohlen, Scheu und Besitzstandsdenken über Bord zu werfen und den Tatsachen ins Auge zu blicken: Die Welt hungert nicht nach Gentechnik, sondern nach Gerechtigkeit und Anstand.