Greenteams: Für die Wale unterwegs

Greenpeace Magazin Ausgabe 6.00

Greenteams: Für die Wale unterwegs

Sie reisten als B o t s c h a f t e r für den Greenpeace-Nachwuchs zur Walfangkonferenz nach Australien: Simone Lemmes und Matthias Henning, beide 15 Jahre alt. Mit 100.000 Unterschriften im Gepäck und vielen Aktionen versuchten sie, die Delegierten für ein Walfangschutzgebiet in der Arktis zu gewinnen.


Gemächlich geht es zu in Frankfurt an der Oder, man könnte auch sagen: provinziell. Schwäne dümpeln auf dem Fluss, auf der polnischen Seite säumen Angler das Ufer. Nicht einmal der Verkehr tobt. Ein einziges Hochhaus überragt die Stadt, dessen Name denn auch auf allen Wegweisern in Großbuchstaben prangt: DER ODERTURM.

Wenn man bloß alt genug wäre, hier wegzukommen. „Tote Hose", schimpft Matthias Henning, „nichts los, kaum Konzerte, und arbeitsmarktmäßig keine Zukunft." Auswandern, das wär’s. Am besten nach Australien.

Australien! Wo in den Städten Papageien herumschwirren, klein wie Spatzen, und in den Nationalparks Kakadus „mit so einer Flügelspannweite", wie Matthias mit halb ausgebreiteten Armen andeutet: „Genial!“ Wo morgens Pinguine am Strand eine Stippvisite einlegen und sich vor der Küste Delfine tummeln – und Wale.

Weil sie so riesig sind und trotzdem elegant aus dem Wasser springen können, faszinieren Wale den 15-jährigen Matthias. Seit Greenpeace im November letzten Jahres die Aktion „Kids for Whales“ ausrief, kämpft Matthias für den Schutz der Meeressäuger, denen trotz Walfangverbot norwegische und japanische Fischer nachstellen. Matthias und seine Mitstreiter vom Greenteam TNT – der explosive Name steht für The Next Today – luden zu Banner-Mitmalaktionen ein, beschallten gemeinsam mit anderen Frankfurter Greenteams eine 24-Stunden-Schwimmmeisterschaft mit Walgesängen und verteilten in der Ladenpassage des Oderturms rot gefärbten Tofu – Walfleisch sei das, erklärten sie den Passanten. „Das haben uns die meisten tatsächlich abgenommen", spottet Matthias, „sah aber auch echt aus.“ Wer angewidert abwinkte, durfte umgehend per Postkarte gegen das Abschlachten der Meeresriesen protestieren.

Am anderen Ende Deutschlands, in der von Schloten und Hochspannungsmasten umzingelten Stadt Dormagen, haben die ebenfalls 15-jährige Simone Lemmes und ihre Freundinnen ihr Greenteam gleich nach einer Walart benannt: Orca. Die Gruppe sammelte jede Menge Unterschriften an der Schule und bastelte bei einer großen Greenteam-Kundgebung vor dem Kölner Dom Wale aus Weidenruten. Bei aller Fantasie, bei aller Aufgeschlossenheit für schräge Aktionen, mit einem hätten jedoch weder Simone noch Matthias gerechnet: Dass eines Tages ein gewisser Dietmar Kress aus dem Hamburger Greenpeace-Büro anrufen würde und fragen: „Hast du Lust, nach Australien zu fahren?"

Na klar. Auch wenn Matthias sich zunächst beim Frankfurter Greenteam-Betreuer Harald Wiesner erkundigte, ob die Einladung ein Witz sei. Wiesner hatte Matthias als Botschafter für das Jahrestreffen der Internationalen Walfangkommission (IWC) in Adelaide vorgeschlagen, weil der Junge viel Einsatz zeigte und überdies gut Englisch spricht. Zwei deutsche Jugendliche sollten der IWC die insgesamt 100.000 gesammelten Protestpostkarten überreichen, gemeinsam mit je zwei Nachwuchs-Greenpeacern aus Luxemburg, Österreich, der Schweiz, Russland und einem aus der Slowakei. Als „special guests“ waren zwei junge Naturschützerinnen von der Südseeinsel Tonga angekündigt. Quote muss sein: Neben dem männlichen Ossi Matthias wählte Greenpeace Deutschland das Wessi-Mädchen Simone für die Australienreise aus. Unisono sagen beide: „Ich hab’s erst nicht geglaubt.“

Matthias’ Eltern waren begeistert, vor allem, als die Lokalpresse über die Mission ihres Sohnes berichtete – mit Foto. Simones Vater machte sich Sorgen, ließ sich jedoch schnell überzeugen. Schwieriger zu vermitteln war die Sache in den Greenteams selbst: Eine Freundin von Simone sprach drei Tage lang nicht mehr mit ihr und verlor die Lust am gemeinsamen Engagement. Auch die Orca-Mitbegründerin Jeanette, Simones zwölfjährige Schwester, galt es zu trösten. Verhalten knisterte es in der Frankfurter Gruppe TNT, wenn auch Kameradschaftlichkeit den Neid überwog. „Ich fand das total ungerecht“, sagt die 15-jährige Anett Philipp, lacht aber dabei.

Wie alle sechs Mitglieder von TNT, ausgenommen die polnischstämmige Eva, besuchen Anett und Matthias die 10. Klasse an der Ersten Gesamtschule. Und aus der Schule nahmen sie vor zwei Jahren auch die Idee mit, ein Greenteam zu gründen. Weder Anett noch Matthias hatten mit Umweltschutz je viel im Sinn gehabt, nur ihr Klassenkamerad Christian Jacob war familiär vorbelastet: Zwei seiner älteren Geschwister engagierten sich bereits in einem Greenteam. „Ich wollte was Cooles machen“, sagt Christian, „normale Jugendgruppen waren mir zu langweilig.“ Also regte er an, den Gruppenbetreuer Harald Wiesner in den Ethik-Unterricht einzuladen. Wiesner kam, sprach und zeigte Videos mit blutigen Szenen von Walfang und Robbenschlachten. Das saß. „In der ganzen Klasse war es still“, erinnert sich Matthias. Aber Wiesner schockierte nicht bloß, sondern gab den Jugendlichen das Gefühl: Wir können etwas dagegen tun. Das Greenteam war beschlossene Sache, die ersten Aktionen galten der Robbenjagd.

Anders als bei den Frankfurtern dürfte Langeweile in Simones Leben ein unbekannter Zustand sein. Simone reitet, segelt, spielt Geige. Wenn sie nicht gerade die Algenplage in ihren Aquarien bekämpft, geht sie zum Bogenschießen, mit dem sie kürzlich begonnen hat, inspiriert durch einen Robin-Hood-Streifen. Filme, Tierdokumentationen, waren es wohl auch, die „schon in der Grundschule“ ihr Interesse an der Natur weckten. Mehrere Jahre lang gehörte sie einer Jugendgruppe des WWF an, reinigte Nistkästen und sorgte für Fledermausquartiere. Auf Dauer erschien ihr das zu weltabgewandt: „Ich wollte an die Öffentlichkeit gehen.“ In einer Zeitschrift las die damals 13-Jährige von den Greenteams, schrieb nach Hamburg, trommelte gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester acht Mädchen zusammen: „Ich bin schon eher ein Organisationstyp“, sagt sie, ein Energiebündel mit leuchtenden blauen Augen.

Energie brauchten sie, die frisch gekürten Walebotschafter auf dem Weg nach Australien. Keiner von beiden war je geflogen, nun, am 29. Juni 2000, zwei Monate nach dem Überraschungsanruf, mussten sie gleich 21 Stunden in der Luft absitzen: von Wien nach Kuala Lumpur, Sydney, schließlich Adelaide. Keine Frage, dass die Reise ein Erfolg sein würde, dass die Delegierten der WC-Konferenz für das von Greenpeace geforderte Walschutzgebiet im Südpazifik stimmen würden: „Klar schaffen wir das!“, dachte Simone.

Anstrengende Tage folgten: „Wir sind morgens um sieben aufgestanden und nie vor drei ins Bett gekommen“, erzählt Matthias, „das war hart.“ Die Gruppe stand bei einer Benefiz-Party auf der Bühne, besuchte eine australische Schule und überreichte dem IWC-Vorsitzenden Michael Canny die 100.000 Protestpostkarten und einen getöpferten Wal als Dreingabe. Etwas nervös seien sie schon vor diesem Auftritt gewesen, berichtet Simone, der IWC-Chef sei ihnen kein Stück entgegengekommen: „Das war so ein Mr.Wichtig, der hat immer nur in die Kameras geredet.“ Anders der Schweizer Thomas Althaus: Eigentlich hatte der Delegierte sich seiner Stimme enthalten wollen, ließ sich aber in einem einstündigen Gespräch vom Sinn eines Walschutzgebiets überzeugen. Immer näher rückte der entscheidende Tag: Am 4. Juli sollte die Konferenz über das Reservat abstimmen.

Trotz allen Trubels genossen Simone und Matthias die gemeinsamen Aktionen – und Australien. „Endlich war ich unter Gleichgesinnten, denen ich nicht hinterherlaufen musste und sagen: Mach dies, mach das“, sagt Simone. Und endlich erlebten die beiden eine Öffentlichkeit, die sie und ihr Anliegen interessiert, oft sogar begeistert aufnahm. „Wildfremde Leute winkten uns zu oder wollten Adressen austauschen“, erzählt Matthias. Einig sind sich beide: „Australier sind viel offener als Deutsche."

Daheim werden die beiden nicht gerade mit Aufmerksamkeit verwöhnt. Ob in Frankfurt an der Oder oder in Dormagen am Rhein – die meisten Menschen reagieren gleichgültig auf Aktionen der Greenteams. Ein paar Mitschüler machen sich lustig, „aber meist nur in der Gruppe“, sagt Matthias. Vielen, hat Simone beobachtet, seien Umweltprobleme einfach egal: „An Leute heranzukommen ist nicht so leicht, wie ich mir das früher einmal vorgestellt habe."

Dass es auch mit der Abstimmung über das Walschutzgebiet nicht so glatt gehen könnte, wie Simone geglaubt hatte, zeichnete sich allmählich ab. „Macht euch nicht zu viele Hoffnungen“, mahnte der mitgereiste Dietmar Kress. Am Tag der Abstimmung stand die Gruppe mit einem großen Transparent vor dem Kongresszentrum, in dem die Delegierten tagten. Es war der Greenpeace-Gründer David McTaggart, regelmäßiger Gast bei der IWC, der schließlich das Ergebnis verkündete: 18 Länder hatten für das Reservat gestimmt, 11 dagegen, 4 sich enthalten.

Aus. Es reichte nicht. Nötig wäre eine Zweidrittelmehrheit gewesen. „Einige von uns haben geweint", sagt Matthias, und Simone gibt zu: „Ich auch, ein bisschen.“ Aber nach einer Viertelstunde sei der Kampfgeist wieder erwacht, und die Greenteamer, angetan mit schwarzen Armbinden, verabschiedeten die Delegierten mit der Mahnung: „Wir geben nicht auf!“

Aber wie soll es weitergehen? Die Aktion „Kids for Whales“ endete vorerst mit der Postkartenübergabe in Adelaide. Simone möchte gern am Thema dranbleiben, fühlt sich aber ihrem Greenteam entwachsen. Sie hat den Stab an ihre Schwester Jeanette abgegeben und sich einer neu gegründeten Greenpeace-Jugendgruppe in Düsseldorf angeschlossen. Ende September wollte die Gruppe erstmals an die Öffentlichkeit gehen, am Jahrestag des Atomunglücks im japanischen Tokaimura.

Auch die Frankfurter haben sich vorerst vom Walschutz ab- und einer ganz anderen Aufgabe zugewandt: Sie wollen einen Solarkühlschrank konstruieren. „Aus Wärme Kälte machen, das ist was Besonderes“, erklärt Matthias, „endlich mal was Technisches.“ Ihn, der später „Informatiker, Koch oder Kfz-Mechaniker“ werden will, fasziniert Technik sichtlich. Vor allem der SolarBuggy, den das Schwester-Greenteam „Umwelt-TÜF ’98“ gebaut hat. Das Gefährt trägt ein Photovoltaikmodul als Dach und sieht aus wie eine Kreuzung aus Golfcaddy und Rollstuhl – kein Wunder, besteht es doch aus „Medizinschrott“, wie Harald Wiesner erklärt. Sechs Greenteams mit insgesamt 49 Mitgliedern betreut der rührige Bio- und Chemielehrer: „Die spornen sich gegenseitig an.“ Einige ihrer Basteleien, darunter das Vorläufermodell des Solarmobils, haben Preise bei „Jugend forscht“-Wettbewerben gewonnen. „Den Buggy zu toppen, das schaffen wir nicht“, seufzt Matthias, während er sich in dem Fahrzeug rekelt, lässig wie ein Rennfahrer an der Motorhaube seines Ferrari. Ganz so schnell fährt das Wägelchen nicht, doch nachdem Anett das Solardach abgestaubt hat, dreht es bereitwillig seine Runden.

Während weder Anett noch Matthias daran denken, den Umweltschutz später zum Beruf zu machen, träumt Simone, infiziert von der Australienreise, insgeheim davon, hauptamtliche Greenpeace-Aktivistin zu werden. Oder zumindest ihrer Liebe zum Ozean zu folgen und Meeresbiologie zu studieren. Ihr größter Wunsch: „Ich möchte noch einmal Wale sehen, am liebsten Buckelwale."

Denn trotz ihrer Niederlage bei der IWC war für Simone und Matthias die Tour letztlich doch ein Erfolg: Sie haben zum ersten Mal in ihrem Leben Wale beobachtet. Südkaper waren es, eine ganze Familie, die einen halben Kilometer vor der Küste spielten und mit ihren Fluken auf das Wasser klatschten. Eines der Tiere sprang sogar in die Höhe. „Das sah krass aus“, schwärmt Matthias. Er schweigt, wendet sich dann Anett zu: „Komm, wir gehen noch eine Runde Solar-Buggy fahren."
 
Mehr als 1500 Greenteams mit 8000 Mädchen und Jungen zwischen zehn und 15 Jahren gibt es in Deutschland. Wer ein Greenteam gründen möchte, melde sich in Deutschland unter Tel. 040 / 306180, in Österreich Tel. 01 / 545 45 80 und in der Schweiz Tel. 01 / 447 41 41.

Von ALEXANDRA RIGOS
Fotos: THORSTEN FUTH und VOLKO LIENHARD



Im Hühnerkostüm gegen Käfighaltung

„Mit dem Greenteam angefangen hat es, als ich neun war. Bei uns liegt das wohl in der Familie, wir haben schon immer Sachen aus dem Bioladen gekauft. Damals also habe ich einen Greenpeace-Stand auf dem Marktplatz gesehen und ein paar Broschüren mitgenommen. Ich hätte am liebsten noch am selben Tag ein Greenteam gegründet. Richtig los ging es erst letztes Jahr. Wir sind jetzt fünf Leute, und bei unserer Aktion gegen Käfighaltung von Legehennen sogar zehn. Wir haben einen Bollerwagen gebaut mit einem Käfig aus Maschendraht darauf. Wir wollen durch die Stadt ziehen, Flugblätter verteilen und dabei Hühnerkostüme tragen und Gegacker vom Band abspielen. Außerdem machen wir einen Infostand und eine Tombola. Eier aus Freilandhaltung verkaufen wir auch. Und dann haben wir Rote, Gelbe und Grüne Karten gebastelt. Da ist jeweils ein Foto aus Käfig-, Boden- oder Freilandhaltung drauf, und daneben steht, wieviel Platz das Huhn dabei hat. Die Karten bekommen die Bauern von uns ausgehändigt. Bis jetzt haben wir drei Bauern für die Grünen Karten und zwei für die Roten. Die Roten Karten haben wir noch nicht verteilt, aber die Bauern mit den Grünen finden das natürlich toll und wundern sich, dass wir so gut Bescheid wissen.“

Julian Hebenstreit, 13 Jahre, vom Olsberger Greenteam „Greenfriends“