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Grenzenloses Grenzenwissen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Grenzenloses Grenzenwissen

Text: Fabian Federl

Die Grenze ist das Gegenbild der Globalisierung. Der Wunsch nach ihr wächst, wenn sich Menschen verunsichert fühlen: durch zu viel Bewegung, zu viel Veränderung. Und immer wieder heißt es, das Bedürfnis nach Abgrenzung sei nur natürlich. Der Geograf Rüdiger Glaser erforscht Grenzen – und ist sich da nicht so sicher

Ein Mensch steht an einer Grenze. Eine, die derzeit von niemandem umkämpft, umdefiniert, neu gedacht werden will, sagen wir: zwischen Deutschland und den Niederlanden. Zwischen Meppen und Emmen. Woran erkennt der Mensch, dass er an einer Grenze steht, zumal hier, mitten im Schengen-Raum? An den Schildern, klar, menschengemachte Zeichen gibt es. Aber in der Natur, der Vegetation, der Geografie? Der Mensch denkt nach: Eine natürliche Grenze, was ist das eigentlich? Was macht sie aus? Und wieso ist die Grenze, wenn sie politisch wird, dauernd umstritten, war es selbst hier mal, wo heute friedlicher Transitraum ist?

Wenn der Mensch, der an der Grenze steht, die Froschperspektive hat, kann Rüdiger Glaser, Direktor des Instituts für Physische Geographie in Freiburg im Breisgau, die Perspektive von ganz weit oben einnehmen – als, wie er es nennt, „Raumwissenschaftler“. Glaser hat den Rhein vor der Haustür, ein natürlicher Schnitt in der Landschaft, dessen Bedeutung als territoriale Grenze aber über die Jahrhunderte immer wieder neu verhandelt oder blutig ausgefochten wurde.

Was also, Herr Glaser, ist das überhaupt: eine Grenze?
Ein Raum wird erst dann zu einem Raum, wenn er sich von einem anderen unterscheidet. Einige geoökologische oder erdhistorische Grenzen sind offensichtlich, die Küstenlinie oder Höhenstufen wie die Baumgrenze, auch wenn deren genaue Festlegung nicht immer leichtfällt und man oft von Übergangsräumen spricht. Zudem ändert der Mensch derzeit diese scheinbar festen Grenzen, indem es beispielsweise durch den Klimawandel just zu einem Meeresspiegelanstieg und zu einer Verschiebung von Höhengrenzen kommt.

Kann man da überhaupt irgendwo auf der Welt mit voller Berechtigung von rein natürlichen Grenzen reden?
Es stimmt, selbst über die Bedeutung natürlicher Grenzen entscheiden wir heute mit: Wo endet unsere Zivilisation und wo beginnt die unbewohnte Wüste? Wo schaffen wir Anbaufläche und wo lassen wir den Wald einfach machen? Und auch, indem wir den geografischen Begriff „Grenze“ im übertragenen Sinne nutzen, prägen wir ihn gesellschaftlich und kulturell stetig um und neu – etwa, wenn wir von Grenzen des Wachstums sprechen, den Belastungsgrenzen des Erdsystems oder im Rahmen der Klimadebatte von der Zwei-Grad-Grenze.

Was wir als Grenze wahrnehmen, wird also immer auch von uns konstruiert. Wann hat das angefangen?
Begonnen hat diese Entwicklung mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Die Anlage von Anbauflächen, die zumindest in unseren Breitengraden in der Regel die Rodung des natürlichen Waldes voraussetzte, die Anlage von permanenten Siedlungen, die Domestizierung von Haustieren, die Züchtung von Nutzpflanzen – das war auf dem Gebiet des heutigen Europa vor achttausend Jahren die Phase, in der es mit der Aushandlung von Grenzen so richtig losging.

Diese ersten Grenzziehungen ließen Menschen das eigene Land von der Umgebung unterscheiden – und damit das Bedürfnis entwickeln, es gegen Eindringlinge zu verteidigen oder am besten noch zu erweitern. Der Mensch wurde zum Eroberer. Kann man sagen, dass sich der Drang, Grenzen zu verschieben, seitdem stetig vergrößert – nächstes Ziel: bemannter Marsflug?
Es gab zumindest immer wieder auffällige Sprünge. (...)

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