Jetzt abonnieren Magazinarchiv durchsuchen

Greenpeace Magazin Ausgabe 2.18

Hallo Hirsch!

Text: Wolfgang Hassenstein

Rothirsch (Cervus elaphus) und Wolf (Canis lupus)

Im 20. Jahrhundert hatte die Glücksburger Heide in Sachsen-Anhalt schwere Zeiten zu überstehen: Erst probte die Nazi-Luftwaffe Bombenabwürfe, später die Sowjetarmee Panzerfahrten. Als nach der Wende der neu gegründete „Heimatverein Glücksburger Heide“ das Gebiet inspizierte, fand er es „abgeholzt, zerbombt und verwüstet, wie es hätte schlimmer nicht sein können“.

Heute leben in dem wild- und waldreichen Gebiet beim Städtchen Jessen alte Zeiten wieder auf. Nicht, dass sich hier Waidmänner bei der Jagd vergnügten wie ehedem die sächsischen Kurfürsten. Doch Granatsplitter und Blindgänger sind längst geräumt, und auf 2600 Hektar darf sich die Natur ausbreiten, nur durchschnitten von Rad- und Wanderwegen. Auf großen, infolge von Rodung und militärischer Nutzung offenen Flächen wachsen Besenheide und Silbergrasrasen, die ökologisch wertvoll sind und mithilfe von Schafen baumfrei gehalten werden sollen. Auch Rothirsche sind zahlreich vertreten, weshalb die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die das Naturerbe betreut, Forscher der Hochschule Eberswalde damit beauftragt hat, die Interaktionen zwischen Wild und Weidevieh zu untersuchen.

Zwanzig Hirsche wurden dazu mit einem Sender-Halsband versehen. Doch kurz nach Projektbeginn betrat ein weiterer Player die Bühne: Ein Wolfspaar siedelte sich in dem Revier an, dem 2016 mit neun Welpen ein besonders großer Wurf gelang. „Es war klar, dass dies das Rotwild beeinflusst“, sagt Wildbiologe Siegfried Rieger, der seine Forschung kurzerhand ausweitete: Seit Februar 2017 trägt nun auch die junge Wölfin „ID1“ ein Halsband. „Wir haben die Sender mit einem Proximity-Sensor ausgestattet“, erläutert er. „Sobald sich der Wolf einem Hirsch auf 150 Meter nähert, übermitteln die Geräte nicht mehr nur alle zwei Stunden, sondern alle zwei Minuten die Position.“

Die Innovation lieferte nun erste Ergebnisse, die angesichts unserer Vorstellung von Räuber-Beute-Beziehungen durchaus überraschen: Alles halb so wild! Denn die Bewegungsmuster zeigen, dass ein Hirsch, der einem Wolf begegnet, nicht automatisch panisch flüchtet, sondern oft erstaunlich gelassen bleibt. „Er merkt offenbar, ob der Wolf in Jagdlaune ist und ihm gefährlich werden kann.“ Das hatten zuvor bereits Aufnahmen aus Fotofallen nahegelegt: Manchmal suchen Wölfe und potenzielle Beutetiere eine Wasserstelle im Minutenabstand auf, ohne dass es zu Jagdszenen käme. Ein Hauch Serengeti in Deutschland.

So bringen die Daten aus der Glücksburger Heide wichtige Argumente in die lebhaft geführte Debatte um die Ausbreitung der Wölfe. „Es wurde viel diskutiert, ob wir nun große rotwildleere Räume bekommen“, sagt Rieger. „Aber zumindest in unserem Gebiet ist das nicht zu befürchten.“ Hirsch- und Wolfsreviere überlappen sich großräumig, und obwohl die Beutegreifer gern auch mal einen jungen Hirsch reißen, ist deren Bestand stabil.

Überhaupt verhalten sich die Wölfe in der Glücksburger Heide bisher wunschgemäß und lassen sogar die Schafe in Ruhe, die der Schäfer nachts einpfercht. Jungwölfin ID1 unternahm im Herbst eine 300 Kilometer weite Wanderung durch Sachsen, bei der sie erst über eine Wildbrücke, dann über eine Wirtschaftsbrücke die A13 kreuzte und alle dreißig Orte auf ihrem Weg mit Abstand umwanderte, anstatt die Bewohner zu erschrecken. Erst mal ist sie nun zu ihrem Rudel zurückgekehrt. Doch bald wird sie es wohl, wie bei Wölfen üblich, endgültig verlassen, um eine eigene Familie zu gründen. Dem darf man gelassen entgegensehen.

Zur Person:
Siegfried Rieger, 55, aus Wolfratshausen in Bayern stammend, leitet an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde das Fachgebiet Wildbiologie, Wildtiermanagement und Jagdbetriebskunde. Das Wolfsrudel in der Glücksburger Heide, das sich als Forschungsobjekt quasi aufdrängte, gilt nun als eines der bestdokumentierten in Deutschland. Rieger plant, insgesamt dreißig Hirsche und fünf Wölfe zu besendern und sucht noch Finanzierungsmöglichkeiten.