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Greenpeace Magazin Ausgabe 3.04

Hightech auf unserer Haut

Text: Alexandra Rigos

Schon jede zweite Textilfaser ist ein Produkt der Petrochemie. Doch die Bilanz von Kunstfasern kann sich sehen lassen.

Was fällt Ihnen beim Stichwort Öko-Mode ein? Wollsocken? Das T-Shirt aus ungebleichter Baumwolle mit „Rettet die Wale“-Aufdruck? Oder das pastellfarbene Leinenkleid, dessen Formlosigkeit selbst einen Siebenmonatsbauch kaschiert?

Vertraute Klischees, die sich hartnäckig halten. Vor allem dem Irrglauben, dass umweltverträgliche Kleidung immer aus Naturfasern bestehen muss, will kaum jemand abschwören.

Zwar ist biologisch angebaute Baumwolle im Prinzip das ökologische Nonplusultra, doch werden weltweit gerade einmal 12.000 Tonnen dieses sauberen Rohstoffs geerntet. Da aber jährlich 61 Millionen Tonnen Fasern benötigt werden, kann Öko-Baumwolle diesen Bedarf niemals decken. Andere Naturfasern wie Wolle, Flachs oder Hanf fallen mengenmäßig ebenfalls kaum ins Gewicht. 40 Prozent steuert herkömmliche Baumwolle bei – gut die Hälfte aller Fasern für Kleidung, Heimtextilien und industrielle Zwecke aber stammen heute aus der Chemiefabrik.

Im Vergleich zu konventionell angebauter Baumwolle schneiden Synthetics in der Ökobilanz gar nicht so übel ab: „Sowohl aus Chemie- als auch aus Naturfasern kann man Bekleidung herstellen, die hohen ökologischen Ansprüchen genügt“, sagt Dirk Bunke vom Freiburger Öko-Institut. Bei beiden Materialien gebe es viel Spielraum, die Herstellung umweltverträglicher zu gestalten. Ein Verzicht auf Kunstfasern sei hingegen utopisch: „Manche Bedürfnisse lassen sich mit Baumwolle nicht befriedigen.“

Vor allem die Sportbekleidungsbranche kommt kaum noch ohne Synthetics aus. Kein vernünftiger Bergsteiger geht heute mehr mit Baumwollwäsche am Leib auf Tour, die spätestens bei der ersten Brotzeit auf der Haut klebt und die Nieren kühlt. Sogar die Zeitschrift Öko-Test gibt zu: „Was den Einsatz in Funktionstextilien betrifft, sind natürliche Fasern keine Alternative zu Polyester.“ Wobei ein Plus an Funktion häufig auch mit einem Mehr an problematischen Ausrüstungschemikalien erkauft wird. Dennoch: Prinzipiell lassen sich beide Rohstoffarten sauber verarbeiten.

Der wesentliche Unterschied liegt in der Gewinnung der Fasern. Konventionell angebaute Baumwolle wird meist ausgiebig mit Kunstdünger und Pestiziden traktiert; mehr und mehr Bauern in den wichtigsten Erzeugerländern USA und China setzen zudem auf gentechnisch veränderte Pflanzen. Das größte Umweltproblem ist jedoch der enorme Wasserdurst der Baumwollstauden: Durchschnittlich 8000 Liter sind nötig, um ein Kilo der flauschigen Samenfäden zu ernten. Regen allein reicht meist nicht – 60 Prozent aller Baumwollfelder werden künstlich bewässert. Verglichen damit erscheinen Synthetics nahezu umweltfreundlich, die Herstellung von einem Kilogramm Polyacryl beispielsweise erfordert gerade einmal 210 Liter Wasser. Das ökologische Manko der Chemiefasern ist jedoch der Energieverbrauch, der je nach Typ erheblich ausfallen kann.

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Kunstfasern unterscheiden: Zellulosefasern gewinnt man zwar aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz, da sie jedoch in einem industriellen Prozess unter ausgiebigem Einsatz von Schwefelverbindungen und Natronlauge herausgekocht werden, gelten sie dennoch als Chemiefasern. Die bekanntesten von ihnen sind Viskose, Modal und Acetat; sie ergeben meist dünne, seidige Stoffe, die sich auf der Haut angenehmer anfühlen, aber nicht so robust und pflegeleicht sind wie reine Synthetikfasern.

Letztere bestehen aus dem nicht erneuerbaren Rohstoff Erdöl. In ihre Ökobilanz fließen daher nicht nur die Umweltschäden der Rohölproduktion ein – etwa die Verseuchung von Regenwald und arktischer Tundra oder Tankerhavarien wie die der Exxon Valdez. Auch der Energiegehalt der Ausgangsstoffe muss berücksichtigt werden. So ergibt sich für Polyester ein doppelt so hoher Energieverbrauch wie bei der Baumwollerzeugung, für Polyacryl sogar ein mehr als dreimal so großer. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die Herstellung der Fasern – ihre Weiterverarbeitung zu Stoffen, also das Spinnen, Weben, Färben und Veredeln, erfordert bei Baumwolle und Synthetikware annähernd gleich viel Ressourcen.

Die mit Abstand wirtschaftlich wichtigste Kunstfaser ist Polyester, das dem Verbraucher unter Markennamen wie Trevira, Diolen oder Polartec begegnet. Etwa zwei Drittel der weltweiten Chemiefaserproduktion entfallen auf diese Verbindung, bei der es sich chemisch gesehen um lange Ketten des Moleküls Polyethylenterephtalat handelt, das übrigens auch in PET-Colaflaschen steckt. In Fasern verwandelt sich das Plastik, indem es geschmolzen und durch haarfeine Düsen gepresst wird. Andere kommerziell bedeutende Synthetics sind Polyamid (Nylon, Perlon), Polyacrylnitril oder kurz Polyacryl (Orlon, Dralon) und Elasthan (Lycra), das größtenteils aus dem Kunststoff Polyurethan besteht.

Polyesterstoffe ökologisch zu optimieren war Ziel des „EcoMTex“-Projekts, an dem die Oldenburger Universität zusammen mit dem Öko-Institut Freiburg und der Modefirma Klaus Steilmann in den Jahren 1999 bis 2002 gearbeitet hat. Als zentrales Problem stellte sich sehr bald der Katalysator heraus, der bewirkt, dass sich die einzelnen Moleküle zu den gewünschten langen Ketten zusammenlagern. Bei herkömmlichen Verfahren enthält der Katalysator Krebs erregendes Antimon, das sich in Spuren im fertigen Stoff wiederfindet, doch es gibt unbedenkliche Alternativen. Steilmann verwendet bereits antimonfreie Futterstoffe aus Polyester; bei den aufwendiger und in kleineren Mengen hergestellten Oberstoffen hapert es mit der Umstellung hingegen noch. „Mit den neuen Fasern ist es noch nicht möglich, bestimmte Stoffqualitäten hinzubekommen“, sagt Eva Schadowski aus der Marketingabteilung von Steilmann, „aber unsere Lieferanten arbeiten daran.“

Die Herstellung von Synthetik-Textilien sauberer zu gestalten, ist auch das Schweizer Unternehmen „bluesign technologies“ angetreten. Die kleine Beratungsfirma wurde im Jahr 2000 auf Initiative des Stofffabrikanten Schoeller gegründet und operiert heute weitgehend unabhängig. Bluesign hilft Textilfirmen, ihre Produkte möglichst umweltverträglich herzustellen. „Der ganze Prozess soll nach bester verfügbarer Technik ablaufen“, erklärt Geschäftsführer Peter Waeber.

Beispielsweise stehen bei den Schweizern rund 200 Textilchemikalien auf der „schwarzen Liste“ – sie dürfen grundsätzlich nicht eingesetzt werden. „Graue“ Substanzen darf der Hersteller nur dann verwenden, wenn kein Ersatz möglich ist und er nachweislich die Probleme bewältigt hat, die solche Stoffe für Umwelt, Arbeitsschutz oder die Gesundheit des Verbrauchers mit sich bringen. „Blaue“ Chemikalien hingegen gelten als unbedenklich.

Wer die Bluesign-Kriterien erfüllt, darf seine Ware mit dem gleichnamigen Gütezeichen schmücken. Das macht im Gegensatz zu anderen Siegeln, etwa dem verbreiteten „Ökotex 100“-Zeichen, nicht bloß eine Aussage über den Schadstoffgehalt im fertigen Kleidungsstück, sondern bezieht den gesamten Produktionsprozess ein. Bislang dient das Label vor allem Einkäufern von Bekleidungsfirmen als Orientierung; so hat die britische Kaufhauskette Marks & Spencer jüngst ihre Lieferanten ersucht, nach Bluesign-Standards zu produzieren. Allerdings scheuen viele dieser Firmen bislang die Kosten einer Umstellung ihrer Anlagen, obwohl sich durch den sparsameren Umgang mit Rohstoffen, so Waeber, „richtig Geld sparen“ ließe.

Der Verbraucher hingegen bekommt das Label der Schweizer Firma kaum je zu Gesicht, denn selbst umweltbewusste Modefirmen werben nur ungern mit solchen Gütezeichen – sie fürchten das hausbackene Image von Öko-Klamotten. Einzige Ausnahme ist der deutsche Outdoor-Ausrüster Vaude, der zum Beispiel Bluesign-Sportunterwäsche anbietet.

Vaude gibt sich auch als Vorreiter beim Recycling von Synthetikkleidung. Wegen des hohen Energieeinsatzes ist deren Wiederverwertung aus ökologischer Sicht dringend geboten; möglich ist sie jedoch nur, wenn die Fasern sortenrein vorliegen. Für Outdoor-Kleidung aus reinem Polyester brachte Vaude 1994 deshalb das „Ecolog“-Recyclingsystem auf den Weg. Kunden sollen abgetragene Anoraks mit diesem Zeichen beim Händler abgeben; der Hersteller nimmt sie zurück und sorgt für die Wiederverwertung. Nach Angaben von Ecolog lassen sich alte Polyesterjacken zu neuen Kleidungsstücken verarbeiten – anders als beim Plastikmüll aus dem Haushalt handle es sich nicht um ein „Downcycling“ zu minderwertigen Produkten. „Das Konzept ist überzeugend“, urteilt Dirk Bunke vom Öko-Institut, „fraglich ist nur, wie hoch die Rücklaufquoten in der Praxis sind.“ Angaben dazu waren von Vaude nicht zu bekommen; möglicherweise ist Verbrauchern der Gedanke immer noch zu fremd, Altkleider in die Läden zurückzutragen.

Vielleicht aber trennen sich die Kunden auch einfach nicht so schnell von ihrer Outdoor-Kluft. Und damit wäre das wichtigste Kriterium für ökologische Bekleidung erfüllt: Langlebigkeit. Der Trend geht derzeit allerdings in eine andere Richtung. Fashion-Giganten wie H&M werfen in immer kürzeren Abständen neue Kollektionen auf den Markt. Die Kunden gewöhnen sich an modische „Ex und Hopp“-Klamotten, die man nach wenigen Monaten ohne Bedauern wegwirft, da sie ja ohnehin kaum etwas gekostet haben. „Wir können bei der Textilherstellung viel verbessern“, seufzt Bunke, „aber bei sechs bis sieben Modezyklen im Jahr wird es schwierig, die Umwelt zu entlasten.“

So gesehen sind wahrhaft ökologisch die zeitlosen, robusten und pflegeleichten Lieblingsteile – ganz gleich, ob es sich dabei nun um altgediente Baumwollblazer, Wollpullover oder Polyesterjacken handelt.