Guten Abend,

tut mir leid, es geht nicht. Der 9. November lässt sich schlechterdings nicht ignorieren, schon gar nicht in diesem Jahr. So viele historisch bedeutsame Ereignisse für unser Land fanden an diesem Tag statt: Der Mauerfall 1989 wird vielen Zeitzeugen noch in lebhafter Erinnerung sein, die Pogromnacht von 1938 nur noch einigen wenigen, die damals als Kinder oder Jugendliche das Wüten von SA und SS gegen deutsche Juden und die Zerstörung ihrer Geschäfte oder Wohnungen miterleben mussten.

Der fehlgeschlagene Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923 ist hingegen ein Fall für die Geschichtsbücher, ebenso die Ausrufung der Republik durch Philipp Scheidemann vor genau hundert Jahren. Der Erste Weltkrieg war de facto beendet, eben hatte der Reichskanzler Max von Baden die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. verkündet. Wobei dieser gar nicht daran dachte, sondern beleidigt im Exil in Spa saß und überzeugt war, bald auf den Thron zurückkehren zu können. Selbst nach seiner offiziellen Abdankung am 28. November träumte er weiter davon bis zu seinem Tod 1941.

Aber wir wollen nicht bei Wilhelm Zwo verweilen, sondern in die Zukunft schauen. Kurzer Zwischenstopp am 12. November 1918: Da wurde unter anderem allen Deutschen ab 20, also auch Frauen, das Wahlrecht garantiert, das wenig später in der Weimarer Verfassung gesetzlich verankert wurde. Dafür hatten Frauenrechtlerinnen wie Hedwig Dohm, Minna Cauer, Anita Augspurg, Clara Zetkin und viele andere lange Zeit gekämpft. Am 19. Januar 1919 nahmen über vier Fünftel aller wahlberechtigten Frauen ihr neues Recht in Anspruch, 300 kandidierten für den Reichstag und 37 wurden gewählt.

Hundert Jahre Frauenwahlrecht? Nicht ganz, denn die Nazis schafften nach der Machtergreifung 1933 das passive Wahlrecht für Frauen wieder ab. Sie sollten sich auf Heim, Herd und Mutterrolle konzentrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es dann vor allem die hartnäckige Juristin Dr. Elisabeth Selbert, die sich als eine von vier Frauen des 65-köpfigen Parlamentarischen Rates für die Aufnahme eines schlichten Satzes ins Grundgesetz stark machte: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Welch schöner Satz, und damit willkommen in der Gegenwart. Bedauerlicherweise hat es der Deutsche Bundestag nie auf mehr als 37 Prozent weibliche Abgeordnete gebracht, momentan sind es gerade mal 30,7 Prozent. Zum Vergleich: Ruanda ist mit einem rund doppelt so hohen Frauenanteil im Parlament weltweit Spitzenreiter, Deutschland liegt auf einem blamablen 45. Platz. Auch sonst ist nicht alles in bester Butter: immer noch kein gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Frauen in Führungspositionen haben Seltenheitswert, sind nach wie vor häuslicher Gewalt, Sexismus, körperlichen Übergriffen ausgesetzt. Was tun? Hashtags, gut und schön; aber letztlich ist entschlossenes politisches Handeln gefragt. Mehr Frauen in der Politik – das könnte helfen. Es darf nur keine weiteren hundert Jahre dauern.

Nehmen wir jetzt ein sehr großes Fernglas zur Hand und lassen den Blick über den Atlantik schweifen. Denn in den USA wird die Misogynie, die Verachtung und Geringschätzung von Frauen bis hin zum offenen Hass, offenbar zunehmend gesellschaftsfähig. 273 Frauen hatten genug davon und kandidierten bei den US-Parlamentswahlen; nun ziehen über 100 von ihnen ins Repräsentantenhaus ein, mehr als je zuvor. Darunter die jüngste Abgeordnete aller Zeiten, die 29-jährige Alexandria Ocasio-Cortez, ferner erstmals zwei Musliminnen, zwei Vertreterinnen der Native Americans, eine davon offen lesbisch, und die erste schwarze Abgeordnete des US-Bundesstaates Massachusetts. Auch eine Ex-CIA-Agentin und eine ehemalige Hubschrauberpilotin sind unter den Gewählten. 

Das Parlament wird also bunter, jünger und weiblicher. Nicht alle alten weißen Männer werden das mögen, aber, old boys, Ihr müsst Euch wohl oder übel daran gewöhnen. Denn der Trend dürfte sich durch die Änderung in der Bevölkerungsstruktur in Zukunft noch verstärken.

Zur Feier des Tages, des Frauenwahlrechts sowie zur allgemeinen Erfrischung und Aufmunterung empfehle ich Ihnen, der großartigen und leider dieses Jahr verstorbenen US-Sängerin Aretha Franklin zu lauschen. Was sie vor über fünfzig Jahren forderte, wollen wir auch heute und morgen: Respect!

Hundert Jahre Frauenwahlrecht: Respekt bitte! // Unsere Leseempfehlungen zum Wochenende

Kerstin Eitner
Redakteurin

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