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Greenpeace Magazin Ausgabe 4.10

„Ich klage an!“

Text: Eckehard Niemann

Agrarkonzerne stampfen derzeit im ganzen Land Hühner- und Schweinemastanlagen aus dem Boden. Vor Ort stemmen sich zahlreiche Bürgerinitiativen gegen den Boom der Tierfabriken. Ein Aufruf zum Widerstand 

Jeder Supermarkt führt heute Bio- oder Freiland-Eier. Selbst Käfig-Legehennen, die inzwischen in der Minderheit sind, bewohnen statt winziger Legebatterien nicht mehr ganz so winzige „Kleinvolieren“. Ist Deutschland nach Jahren des Protests zum Land der glücklichen Hühner geworden? Mitnichten.

Derzeit ist die Erzeugung von Geflügelfleisch – sofern nicht bio – die hässlichste Form der Tierhaltung. Zigtausende, teilweise sogar bis zu 400.000 Masthühner drängeln sich in einer Stallanlage, pro Quadratmeter bis zu 25 Tiere. Sie leben während der ganzen, nur fünf Wochen dauernden Intensivmast in ihrem eigenem Kot und leiden oft unter schmerzhaften Fußballen-Entzündungen. Die einseitige Turbozucht auf Brustfleisch vernachlässigt Skelett und Kreislauforgane: Viele Tiere können sich kaum bewegen, sind krank und sterben oft schon vor der Schlachtreife. Das Verabreichen von Antibiotika ist in vielen Betrieben an der Tagesordnung. Die noch stärker qual-gezüchteten Puten ertragen die letzten Wochen der Mast oft nur noch durch Zufütterung von Schmerzmitteln. Verkauft werden die so erzeugten Produkte unter wohlklingenden Markennamen wie „Wiesenhof“, „Gutsgold“, „Astenhof“, „Heidemark“ oder „Gutstetten“. Das ist zynisch.

Schuld an den grausamen Zuständen sind vor allem die großen Schlachtkonzerne, deren Namen kaum jemand kennt. Großunternehmen wie Wesjohann, Rothkötter, Stolle, Sprehe, Doux oder Plukon zwingen ihren abhängigen Vertragsmästern diese Haltungsbedingungen geradezu auf. Sie liefern ihnen zu diktierten Preisen Futter, Küken und häufig auch Medikamente. Die Vertragslandwirte haben kaum Spielraum, sie tragen die Risiken des Stallbaus und der Produktion.

Die industrielle Erzeugung von Billiglebensmitteln hat mit „Landwirtschaft“ nichts mehr zu tun: Sie basiert auf extremer Arbeitsteilung und Rationalisierung und ist abhängig von Importfutter aus Übersee – auf den Höfen selbst erzeugtes Futter spielt keine Rolle mehr. Sie konzentriert riesige Tiermengen auf engstem Raum und setzt Nachbarn und Umwelt schädlichen Emissionen aus. Sie exportiert Überschüsse mithilfe staatlicher Subventionen nach Afrika, was die dortigen Geflügelhalter ruiniert und die Länder abhängig von Importen macht. Die Branche orientiert sich allein an kurzfristigen Kapitalrenditen – Rücksicht auf Lebewesen hat in dieser Logik keinen Platz.

Nicht viel besser ist die Situation in der Schweine-„Produktion“. Zwar stehen die meisten Tiere noch in Ställen relativ unabhängiger Landwirte – aber auch dort auf Beton-Spaltenböden, direkt über Gülle-Sammelgruben, ohne Stroh und ohne Auslauf, mit weniger als einem Quadratmeter pro Tier. Eine Qual für intelligente, geruchsempfindliche, spiel- und bewegungsaktive Tiere wie Schweine. Bei solchem Stress beißen sie sich gegenseitig die Ringelschwänze ab – deshalb schneidet man sie ihnen vorsorglich ab.

Und die Übernahme der Schweinemastbranche durch Konzerne, die mit Landwirtschaft nichts zu tun haben, ist schon im Gang – unterstützt durch eine Agrarindustrielobby aus Futtermittel- und Zuchtfirmen, Bauernverband und willfährigen Politikern. Ein Megastall nach dem anderen wird aus dem Boden gestampft, mit tausenden bis zehntausenden Mastschweinen und tausenden Zuchtsauen. Jede dieser Agrarfabriken kostet viele Bauernhöfe die Existenz.

Doch gegen diesen Wahnsinn regt sich Widerstand. „Bauernhöfe statt Agrarfabriken!“ – mit diesem Motto und unter dem gemeinsamen Ringelschwanz-Logo kämpft ein bundesweites Netzwerk von hundert Bürgerinitiativen gegen diese agrarindustrielle Entwicklung. Verbände wie der BUND, die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), ProVieh, der Deutsche Tierschutzbund und der Evangelische Entwicklungsdienst unterstützen die Bewegung.

Ihre Forderungen: Neue Großställe dürfen nicht mehr gebaut werden. Tierhaltungs-Verordnungen müssen verschärft und ein Tierschutz-Klagerecht geschaffen werden. Exportsubventionen sind zu verbieten. Investitionsförderungen darf es nur für artgerechte Ställe sowie für handwerkliche Verarbeitungsbetriebe geben, auch der Anbau heimischer Eiweiß-Futterpflanzen sollte gefördert werden. Notwendig sind außerdem bessere Vermarktungswege und faire Erzeugerpreise für artgerecht erzeugte Produkte. Und schließlich müssen die Haltungsbedingungen auf den Fleischverpackungen deklariert werden. Denn am Ende entscheiden auch wir Verbraucher über das Wohl der Tiere: Wir alle müssen unser Einkaufs- und Ernährungsverhalten ändern – nicht irgendwann, sondern gleich heute!

Eckehard Niemann, Diplom-Agraringenieur, ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) und einer der Koordinatoren des bundesweiten Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“
www.bauernhoefe-statt-agrarfabriken.de